Die Erklärbären

Genderkolumne Feminismus leicht verständlich zu erklären, ist nicht so einfach. Nun stellen sich auch ein paar Männer dieser Aufgabe. Gut so!
Die Erklärbären
Noch Fragen? Männliche Erklärbären erklären jetzt auch den Feminismus
Foto: audinou

Feminismus ist überaus kompliziert. Das kommt nicht nur daher, dass es unzählige feministische Strömungen und Ansichten gibt (die einander teilweise ergänzen, teilweise widersprechen). Sondern bereits der gemeinsame Nenner dieser Strömungen wird ausufernd. Denn was FeministInnen antreibt, umfasst nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche.

Manchmal ist das schwer zu vermitteln. Denn der gemeine Mensch sehnt sich nach Komplexitätsreduktion. Das Gehirn ist so konstruiert, dass es in einer überkomplexen Welt nicht permanent reizüberflutet und überfordert ist: Es schafft sich Schubladen und reduziert die Komplexität damit so, dass das Leben möglichst einfach und die Dinge möglichst schnell erfasst sind. Schubladendenken hat also einen Sinn. Es bring aber auch einen Nachteil mit sich: stereotypes Denken. Und davon können FeministInnen wahrlich ein Lied singen.

Die Vorurteile gegen Feminismus kennen keine Grenzen. Manche finden das so mühsam, dass sie nach jahrelanger aufreibender Arbeit aufgeben und den Begriff fallen lassen. Sie finden es einfacher so. Die meisten aber glauben: Feminismus ist ein international bekannter und damit verbindender Begriff mit einer langen Tradition und Geschichte. Diesen Begriff aufzugeben, wäre ein zu schmerzhafter Verlust. Daher machen sie die Erklärbären. In Deutschland taten dies zum Beispiel die Autorinnen Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl, die im Jahr 2008 das Buch Wir Alphamädchen – Warum Feminismus das Leben schöner macht herausgaben. Es war locker geschrieben, in der Wir-Form – aber: Es sprach vor allem junge (heterosexuelle) Frauen an.

Für Männer erklärt

Michael Kimmel, Michael Kaufmann und ein Blogger namens „Leptos“ legen jetzt nach: Feminismus für Männer erklärt – von Grund auf. Bislang leider nur auf Englisch, aber schauen wir es uns einmal an:

Da gibt es zum einen den Guys Guide to Feminism. Die beiden Autoren Michael Kimmel und Michael Kaufman haben sichtlich Spaß daran, die Erklärbären zu machen. Sie sagen klar: Egal, was andere unter dem Label verstehen, Feminismus ist relevant und zwar für Männer. Es sei ein Mythos, dass FeministInnen in Männern ihre Feinde sähen, nein: FeministInnen mögen Männer! Denn, so Kaufman/Kimmel: "Frauen, die vom Feminismus angesteckt sind, erwarten nicht nur von Männern, dass sie sich anständig benehmen, sie haben gleichzeitig ein tiefes Vertrauen in unsere Fähigkeit, dies zu tun."

Das klingt nett, aber das Buch ist nicht nur nett und heititei. Einerseits ist es berührend, wenn sie darlegen: "Feminismus ermuntert Frauen, durchsetzungsfähiger und selbstbewusster zu sein. Und Feminismus ermuntert Männer, mehr Gefühle zuzulassen und auszudrücken. Und je selbstsicherer Frauen werden, und je mehr Männer ihre Gefühle ausdrücken, tja – umso gleicher werden Männer und Frauen werden. Und umso fähiger werden sie, echte Freunde zu sein." Doch sie schweben nicht auf rosa Wölkchen durch den Feminismus, nein, sie beziehen zum Beispiel klar Stellung zu häuslicher Gewalt: "In Studien sehen wir: Wenn man breit auslegbar nach Gewalt fragt – wurden sie jemals von einem Partner geschlagen geschubst etc. – dann sind die Zahlen etwa gleich hoch bei beiden Geschlechtern. Aber wenn man fragt, ob die Gewalt dazu führte, dass die Person zu einem Arzt musste, auf Arbeit fehlte oder physischen Schaden nahm, dann gibt es in überwältigender Weise viel mehr Gewalt von Männern gegen Frauen.“

Sie thematisieren Rassismus, Intersektionalität, Pornografie, Sex, Biologismen. Sie entzaubern auch das Testosteron: "Nehmen wir zwei Typen mit unterschiedlichen T-Levels [Testosteron] (alle anderen Merkmale sind gleich). Der mit dem höheren T-Level wird den anderen im Wettkampf schlagen. Aber nimm’ zwei Kerle, die gleiche T-Prüfmaße haben und dann einen Wettkampf führen: Der T-Level des Siegers wird hoch gehen und der des Verlierers runter." Kaufman und Kimmel bestätigen die Vermutung, dass bei den Hormonen der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bislang von den meisten Biologen nicht wirklich genau untersucht wurde.

Bei den beiden Erklärbären mit den gleichen Initialen (die sich im Buch deswegen häufig MK² nennen) ist Respekt der Rote Faden. "Hört respektvoll zu, aber erwartet auch Respekt für eure eigene Integrität und eure Ideen." Mit dem Guy's Guide to Feminism haben sie einen kleinen Meilenstein gelegt: Liebevoll, rücksichtsvoll und humorvoll machen die Beiden die Erklärbären.

Nicht konsequent respektvoll

Der Blogbeitrag Feminism for Dudes (from a dude) von „Leptos“ in seinem Blog Player vs. Frustration begeisterte viele FeministInnen auf Anhieb und fand recht große Verbreitung zum Beispiel auf Twitter. Sinngemäß geht der Text in etwa so: "Jeder Junge, der sich für Feminismus interessiert, geht ungefähr durch den gleichen Prozess der Erkenntnis und stellt auf jeder Stufe dabei Fragen, die FeministInnen nerven. Und weil wirklich JEDER nette Junge, der sich für Feminismus interessiert, diese Stufen durchmacht, habe ich sie mal hier aufgeschrieben und bitte euch, vorher nachzudenken, bevor ihr fragt.“

Dann zählt Leptos die Stufen auf: Erstens lerne jeder dieser Jungs, dass es Privilegien gäbe und dann dächten sie: Privilegien sind doch nicht wirklich der Punkt. Frauen haben doch auch Vorteile. Seine Antwort: Privilegien spielen eine große Rolle und das muss man akzeptieren. Zweitens würden Jungs dann irgendwann akzeptieren, dass es zwar Privilegien gibt und sie eine Rolle spielen, würden dann aber ihre Wirkungskraft herunterspielen. Oder relativieren. Dazu sagt er klar: Akzeptiert, dass es weiterhin ein sehr großes Problem ist und noch viel daran gearbeitet werden muss.

Die dritte Stufe sei dann, die Frage nach den Männern zu stellen und ob der Feminismus diese nicht benachteiligen wolle. Oder unter Generalverdacht stelle. Dazu sagt er: Wenn Frauen kritisieren, was viele Männer tun – dann bitte sag dir immer wieder: ES GEHT HIER NICHT UM DICH. Viertens sei der Feminismus nicht dazu da, Männer happy zu machen. Sich nicht immer wohlzufühlen, wenn FeministInnen Sexismen ansprächen, sei normal. Das müsse man akzeptieren. Zum Schluss spricht er das „Ton-Argument“ an. Also das Kritisieren eines rauen oder angreifenden Tons von FeministInnen. Wieder erklärt er: „ES GEHT NICHT UM DICH“ und besteht darauf, dass zwar manchmal ein diplomatischer Ton besser sei, doch dass es nicht den Jungs zustünde für die FeministInnen zu entscheiden, wann diese Zeit sei.

Je weiter er schreibt, desto weniger respektvoll bleibt er gegenüber den Jungs, die gerade in das Verständnis des Feminismus einsteigen wollen. Problematisch ist zum Beispiel die Aussage: "Wenn deine Wut dazu führt, dass du dich unwohl fühlst, frag dich selbst: Fühlst du dich unwohl, weil du denkst: worüber sie redet, das gibt es gar nicht. Oder weil du denkst: sie spricht über dich und ärgert sich über dich? Wenn es das erste ist, liegst du vermutlich falsch. Wenn es das zweite ist, dann hör auf, das zu tun, was du getan hast und was sie kritisiert!"

Potentiell wird damit Kritik unmöglich. Außerdem ist es so verallgemeinernd formuliert, dass es FeminstInnen wirklich auf ein Podest der Weisheit stellt, das kaum zulässt, kritisiert oder hinterfragt zu werden. Das kann schlimmstenfalls eher abschreckend als einladend wirken. Schade eigentlich, denn die Idee ist ja prima. Kaufman und Kimmel sind mit ihrem Respekt konsequenter, das ist der große Gewinn am Guy's Guide. Als Einstieg oder Weiterbildung für Männer daher ohne Abstriche zu empfehlen.

Oder Moment: Ein kleines Manko hat es vielleicht: Man(n) erfährt hier überhaupt nichts über innerfeministische Spaltungen und Differenzen. Es geht um das große Ganze und die gemeinsame Basis von allen. Aber mal ehrlich: Das ist eigentlich kein Manko – sondern nur ein weiteres großes Plus an diesem Buch.

16:52 08.08.2012
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

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