Katrin Rönicke
22.02.2012 | 14:16 23

Geld oder Kind

Genderkolumne Hinter der Idee einer "Kinderlosenmaut" steht für unsere Autorin ein strikt konservatives Denken. Eher sollten gutverdienende Eltern mehr Steuern zahlen

Die sogenannte "Kinderlosenmaut" ist zwar vom Tisch. Doch man kann von der Idee sehr viel über die Paradigmen und Denkfehler konservativ-bürgerlicher Bildungs- und Sozialpolitik lernen.

Es klang wie ein Witz: Junge Unions-Fraktionäre wollten, dass Menschen ohne Kinder die Sozialsysteme und Bildung in diesem Land stärker finanzieren. Weil sie sonst ja quasi parasitär von jenen Menschen lebten, die sich in Familien und mit kleinen Kindern abrackerten. Dafür soll eine Kinderlosen-Steuer erhoben werden. Während Mitglieder der FDP diese Idee als "sozialistisch" anprangerten, hat inzwischen Kanzlerin Merkel ein Machtwort gesprochen und erklärt, dass es keinen Sinn mache, die Bevölkerung in Kinderlose und Menschen mit Kindern einzuteilen.

Dabei macht es aus Sicht einer politischen Klasse, die immer alle in verschiedene Schubladen sortiert, eigentlich sehr viel Sinn. Es entspricht sozusagen der Denke von Konservativen. Das geht mit dem Elterngeld los. Da unterscheiden wir nun zwischen Menschen mit Arbeit und Menschen, die von Hartz IV leben müssen. Weiter geht das mit den Unterscheiden zwischen Haupt-, Real- und Gymnasial-SchülerInnen – die Guten ins Kröpfchen – oder wie war das? Wir unterscheiden zwischen Verheirateten und Unverheirateten; zwischen Menschen mit und Menschen ohne Staatsangehörigkeit; es gibt die Rechten – die wurden traditionell nicht groß problematisiert; es gibt die Linken – die stehen für Extremismus; – die Liste ist sehr lang.

Schnelle Schubladen

Fehlen darf bei allem natürlich nicht, dass wir sehr regide zwischen Männern und Frauen unterscheiden.
Angela Merkel allerdings war wohl einfach so weise zu erkennen, dass die konservative Praxis der Einteilung der Gesellschaft in verschiedene Klassen, Stände und Schichten schon sehr weit ausgeufert ist. Ihr war klar, dass man dieses Spielchen nicht auf die Spitze treiben darf, weil sonst die Klassifizierung, die Segregation, die Schubladisierung am Ende in Frage stehen könnte. Man muss ja maßvoll bleiben, nicht wahr?

In Deutschland klafft ein Loch in den sozialen Sicherungssystemen und vielleicht fliegt uns das gesamte Ding irgendwann um die Ohren. Aber vielleicht würde es zum Beispiel dem Gesundheitssystem viel mehr helfen, wenn die Einflussmacht der Pharmalobby begrenzt würde? Doch solche Vorschläge werden dank der CDU schnell “schubladisiert”.


Desweiteren sieht es – das hören wir seit Jahren – mit "unserer Rente" wirklich nicht gut aus. Klarer Fall, denkt sich der Herr Wanderwitz – Schuld sind die ganzen Kinderlosen. Die bringen alles zum Wackeln. Keine Kinder, keine Rente.
War es nicht die CDU, die vor gut zehn Jahren auf den verdammten Niedriglohnsektor setzte, um die Arbeits-Statistiken zu schönen? Doch. Aber der massive Anstieg der Beschäftigten im Niedriglohnsektor und das massive Problem in den Rentenkassen hängen miteinander zusammen. Dass Menschen, die arbeiten, heute zu einem nicht unerheblichen Teil auch noch mit Hartz IV aufstocken müssen, das verdanken wir auch der CDU. Weil diese gedacht hat, das sei dann ja ein super Anreiz, zu arbeiten. Denn: HAUPTSACHE ARBEIT!

Das, was die CDU/FDP als “Bildung” titulieren, ist a) Aufrechterhaltung des Mythos der Leistungs-Eliten; b) übelste Klientelpolitik überall dort, wo die segragotorischen Elemente des Schulsystems einmal aufgebrochen werden sollen und c) Ökonomisierung ohne Ansehen dessen, was Kinder für das Lernen wirklich brauchen. Es wohl auch kein Zufall, dass aus dem “Bürgerlichen Lager” auch in Zusammenhang mit skandinavisch-orientierten Werten in der Bildung das Wort “sozialistisch” genauso empört benutzt wird. Man muss also entsprechend kritisch beäugen, was ein CDU-Wanderwitz eigentlich für eine “Bildung” meint, in die er da das Geld von Leuten stecken will, die er für Schmarotzer hält.



Doch damit sei die ganze Debatte nicht beendet. Der größte Witz ist eigentlich, dass die CDU mit ihrer konservativen Politik gut 16 Jahre lang dieses Land so “bewirtschaftet” hat, dass junge aufstrebende Menschen nur zu dem Schluss kommen *konnten*, dass es wohl besser sei, in diesem Land keine Kinder zu kriegen. Muttermythos, 50-er-Jahre Normalarbeitermodell – mit Kohl erlebte all das nichts, außer einer steten Fortführung. Was ab 1998 dann durch rot-grün angeleiert wurde war ebenfalls großer Bockmist – siehe Hartz IV, und auch die Familienpolitik aka “Gedöns” war unterentwickelt. Und nun, nach einer Runde von der Leyen’scher Weg-vom-Muttermythos-Politik, führt Kristina Schröder eine Herdprämie ein. Da versteht man alle Kinderlosen, wenn sie angesichts der deutschen Infrastruktur in der Vorschul- und Schulbildung keine große Lust auf Kinder verspüren. Schwangerschaft gilt deshalb bis heute "hinter vorgehaltener Hand" als Emanzipationskiller.

Kinderfeindlich sind in Wahrheit vor allem die Konservativen mit ihrer Politik. Als wäre es ein Versagen der BürgerInnen, wenn die Politik es nicht gebacken bekommt, die Prioritäten in der Haushaltsplanung so zu legen, dass mehr als nur 4 Prozent des BIP für Bildung ausgegeben wird (im Vergleich zu 6-7 % in den skandinavischen Ländern)! Als hinderte irgendetwas die sogenannte "bürgerliche" Regierung daran, die starken Schultern in diesem Land steuerlich mehr zu belasten, als die schwachen – die ohnehin keine Steuern zahlen. Damit könnte man die sozialen Sicherungssysteme aufpeppeln. Steuervergünstigungen für Eltern gibt es außerdem längst. Dass davon nur Eltern ab einem hohen Haushaltseinkommen profitieren, das wird ja auch in der ganzen Debatte unter den Tisch gekehrt. Nein, wahrlich: In diesem Land sind nicht "die Kinderlosen" der Sand im Getriebe einer zukunftsorientierten Bildungs- und Sozialpolitik.

Es sind Parteien, die auch angesichts noch so klammer Haushaltskassen, angesichts noch so maroder Schulgebäude deutschlandweit nichts anderes in Wahlkämpfen zu versprechen in der Lage sind als: Runter mit den Steuern.

Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne über Gender- und Bildungsthemen, über schmutzige Worte. Sie kolumniert immer mittwochs im Wechsel mit Verena Reygers, die sich mit in der Musikbranche befasst.zuletztGenderthemen

Kommentare (23)

Gustlik 22.02.2012 | 15:56

Klingt eher wie eine politische Erklärung, keine Kinder haben zu müssen. Eigentlich zu einfach, Kinderlosigkeit (warum auch immer...) nur immer mit konservativen Umweltbedingungen zu begründen.

Unsere Großeltern kannten keine "Genderdebatte", hatten Kinder, trotz Krieg, Flucht und Angst. Können wir ja froh sein, dass sie trotz schlechter Zeiten immer Kinder wollten, sonst könnten wir uns heute nicht die Bequemlichkeit leisten, darüber "offen" zu diskutieren.

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Ehemaliger Nutzer 22.02.2012 | 18:56

Ihre Großeltern verfügten a nicht über die Pille und b nicht über die sog. dynamische Rente, die erst 1957 unter Adenauer (die Kinder kommen immer...) eingeführt wurde.

Da gibt es auch einen netten Passus aus wikipedia zu, wo auch die Kinderlosen erwähnt werden...

"Das System der Kapitaldeckung wurde 1957 in der Rentenreform 1957 unter Konrad Adenauer zu einem Umlageverfahren umgebaut. Das zugrundeliegende Konzept von Wilfrid Schreiber – auch bekannt als „Schreiber-Plan“ – verwendete zunächst den Begriff des "Solidar-Vertrag zwischen den Generationen".[10]

Der "Schreiber-Plan" wurde nur teilweise umgesetzt. Nach diesem Plan sollten sowohl Kinder und Jugendliche (vor Erreichung des 20. Lebensjahrs) wie den Alten (nach Vollendung des 65. Lebensjahrs) ein Anteil aus der Gesamtheit der Arbeitseinkommen zugesichert werden[10]. Die mittlere Generation sollte, neben der Unterstützung der Alten, zugleich mit Rentenbeiträgen aus dem Erwerbseinkommen für die nachwachsende Generation sorgen. Dementsprechend war neben der Altersrente eine Kindheits- und Jugendrente vorgesehen. Unverheiratete Kinderlose sollten dabei den doppelten Beitrag zahlen (verheiratete Kinderlose den 1,5-fachen Beitrag) wie Verheiratete mit zwei Kindern."

Im Grunde ist der Vorschlag der wanderwitzigen CDU-Youngster
also nix Neues...

I.

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 01:11

Hallo Katrin, schön das Du Dich mal empört hast. Als Polemik ist das aber ein bisschen mau und als Argumentation zu wenig schlüssig. Vor allem ist die Stoßrichtung nicht ganz die richtige. Vor zehn Jahren war nicht die CDU an der Macht sondern die "Sozen" und deren Schmuddelkinder, die sich mittlerweile ordentlich gewaschen hatten. Rumgurken tut Schwarz-Gelb gerade mal zweieinhalb Jahre.

So lässt Du Dir die beste Pointe entgehen: in einem Land in dem Kinder als Armutsrisiko angesehen werden, sollen auch noch die zur Kasse gebeten werden, die vielleicht gerne Kinder hätten, diese aber nicht alleine unterhalten könnten.

Katrin Rönicke 23.02.2012 | 10:45

hallo ich,
ja - das ist in der Tat eine Pointe.
Die Forderung ist einfach auf so vielen Ebenen krass daneben.

Zu der Sache mit den Sozen: Das schrieb ich doch oben bereits. Und vergessen wird gerne, dass bei all den Hartz-IV-Gesetzgebungsverfahren es die Union war, die über den Bundesrat die ganz krassen Verschärfungen noch mit reingestimmt hat.
Außerdem haben wir bereits seit 2005 eine Kanzlerin Merkel - und um die Konservativen geht es ja hier: die Idee kam ja von den Jungen Christdemokraten...

Also: Geschichtlich betrachtet hatten wir 16 Jahre Kohl, dann sieben Jahre rot-grün (was in Sachen Sozial- und Familienpolitik eine schlimme Enttäuschung war) und nun schon sieben Jahre Merkel.

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 12:35

Also 16 Jahre Kohl hatten wir beide bestimmt nicht! Davor hatten wir auf jeden Fall noch ein paar Jahre Honecker (und jene die dazwischen noch 'mal kurz ran durften).

Der Gedanke "Kinderlosenmaut" ist insofern auch absurd, als es mehr Sinn macht Anreize zu setzen als zu "strafen". Da hätte der Kohl noch was vom Honecker lernen können. Im Westen gab's Begrüssungsgeld für Ostrentner im Osten gab's Begrüssungsgeld für neue Staatsbürger. Obwohl man mit solchen Summen heute wohl niemanden mehr hinter Ofen, geschweige denn ins Kindbett lockt.

Katrin Rönicke 23.02.2012 | 13:07

ertappt! - WIR beide wohl nicht ;p - bei mir waren es neun. An meinem 16. Geburtstag war er dann weg - was ein kleiner Trost für das Nicht-Wählen-Dürfen war.

Ja: Im Osten gab es sehr viele Anreize und Subventionen für Eltern. Und Betreuung. Und irgendwie - zumindest kenne ich das noch so - ein etwas anderes Miteinander, es kümmerten sich nicht nur die eigenen Eltern um ein Kind... aber das ist ja auch alles: sozialistisch!

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 14:13

Ganz unideologisch bleibt dennoch die Tatsache bestehen, dass es nach der Wende einen starken Geburtenrückgang gab. Da haben sich offensichtlich die Strukturen so verändert, das es weniger reizvoll/erstrebenswert war Kinder zu bekommen.

Vielleicht ist auch der Hauptfehler in der Rentendebatte, diese mit den Geburtenraten zu verbinden. Dahinter steckt die gleiche wahnwitzige Logik des Wachstums als Grundlage erfolgreicher Wirtschaftspolitik. Kein Wunder das die größte Angst eines ehemaligen Bundesbankers ist, dass die Deutschen aussterben könnten, womit wir schon wieder bei der CDU - ach nein - bei der SPD wären.

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 17:26

Hallo luzieh.fair

Nein, ich finde es nicht verwerflich kinderlos zu sein, warum auch?

Gemeint war nur das Themenspektrum in der community, z.T. auch bei der Redaktion - wo Kinder bzw. Elternschaft mir der Genderdebatte nach - oder untergeordnet erscheint. Aber das ist nur eine gefühlte Ebene, klar.

Allerdings kann man feststellen, daß einige Kinderlose, ob nun gewollt oder nicht, bei dem Thema empfindlich (oder auch gar nicht) reagieren, ohne daß man erfährt warum usw.
Erst wenn´s um´s Geld geht, geht offenbar auf kinderloser Seite die Debatte los - auf ZeitOnline hat ein Artikel dazu binnen 2 Tagen die 300er Kommentarmarke geknackt...
;-)

Ich halte jedenfalls nichts davon, die eine gegen die andere "Seite" auszuspielen - Kinder zu haben ist eine sehr persönliche Entscheidung und neben gesundheitlichen Aspekten auch vom Einkommen und der Lebenssituation abhängig - das ist viel zu komplex, um da allg. statements abzuliefern.

Was ich allerdings kritisch betrachte, das ist die Divergenz der Lebensstile. Als Eltern haben wir mit kinderlosen Menschen praktisch nur noch im Berufsleben zu tun, darin aber auch wenig Bezug. Im sozialen und familiären Rahmen ist der nähere Kontakt mit kinderlosen Personen und Paaren nahezu eingeschlafen - auch wenn ähnliche Freizeitinteressen vormals verbunden haben.
Das finde ich bedauerlich, denn die o.g. Distanzierung geht i.d.R. nicht von den Eltern aus.

Besonders krass habe ich das im Studium mit Kind erlebt, stud. Kontakte gleich Null. Gut, als Vater ist das sowieso ne Sondernummer und noch´n bisschen extremer als für Mütter - aber signifikant für die weitere Drifts, gerade im akad. Milieu, ist es m.A.n. durchaus.

Da wundert es nicht, wenn Eltern kurz nach Ankunft des ersten Kindes den Übergang wie von einer in eine völlig andere Welt erleben und u.U. aus den Belastungen auch Spannungen entstehen, die die Partnerschaft kurzfristig zerstören können.

Oft genug, oft auch selbstverschuldet, bleiben danach die Kinder bei der Mutter und dem Vater geht der Bezug verloren - auch eine Art Kinderlosigkeit diese "Entkinderung" - die Väter zahlen dann Unterhalt (hoffentlich) und müssten wohl auch die Kinderlosenstrafsteuer bezahlen, ginge es nach der CDU...

Schon an dieser Stelle geht ein tiefer Riss durch die Gesellschaft, das hält sicher nicht wenige ab eine Familie zu gründen - die Risiken bestehen ja nicht nur für Mütter, viele Männer (2/3 inzwischen) winken von vorneherein ab, gerade die abiturierten studierten Typen übrigens...

Tja, derzeit schmilzt die Partner-Auswahl für akad. Frauen mit familiären Ambitionen wie Schnee in der Sonne, fürchte ich.

Soviel zu den Nebeneffekten konservativer und neoliberaler (inkl. Spd-Modernisierungsfraktion)Familienpolitik im Lande.

Die dF-community bildet das zumindest ausschnittweise ab, ist mein unmaßgeblicher Eindruck.

Grüße vom
Ideefix

Ismene 23.02.2012 | 18:04

Geld oder Kind?

Da hatte ich ja zuerst einen anderen Inhalt hinter vermutet. Nun ja, ich jedenfalls bin sehr froh darüber in gesellschaftlichen Verhältnissen leben zu können, in denen ich die Wahl hatte, zu entscheiden, ob ich Kinder wollte oder nicht.

Die Geburtenrate mit der Rente zu verknüpfen hat - das man schon zugeben - Tradition. Eigentlich immer haben die Jungen die Alten versorgt (nicht immer gern, okay). Dieser Gedanke steckt ja nun auch hinter dem Generationenvertrag. Deshalb ist ja auch die Rentenversicherung keine Kapitalanlage. Wenn man aber die Rente finanziell nur an die Erwerbsarbeit hängt und dann noch alle besserverdienenden Gruppen ausnimmt, dann wird's eng, wenn die Geburten zurückgehen. Man könnte die Renten auch anders - solidarischer - finanzieren, aber das wäre dann wieder "sozialistisch" und würde die Freiheitsgrade besonders der Frauen erhöhen. Wer will das schon?

Danke!

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 18:18

Ganz unideologisch glaube ich, daß Mann und Frau zunehmend irgenwelchen lebensfremden Idealen hinterherlaufen, statt sich einfach gemeinsam eine eigene Realität zu erschaffen.
Die Entfremdung wird zur Normalität, wir sind alle gleichgeschaltete Konsumenten, außer denen die aus den servierten Schablonen ausbrechen.

luzieh.fair 23.02.2012 | 18:57

Ja, jetzt verstehe ich den Einwurf.

Eine Freundin meines Partners hat ihm jüngst von ihrer Erfahrung erzählt, dass sie, seit sie Mutter wurde, irgendwie keinen Besuch mehr bekommt. Sie wohnt mit ihrem Partner zusammen und beide haben eigentlich ein intaktes soziales Umfeld. Nur dass sie (das Kind ist etwa neun Monate alt) plötzlich kein wirklicher Teil dieser Welt mehr zu sein scheint. Sie findet das meistens nicht schlimm und genießt es, sich zurückziehen zu können (würde sie noch in einer Wg wohnen, wäre da nicht so ohne Weiteres möglich). Aber ich glaube, sie hofft, dass sich das mit der Zeit wieder einpendelt. Ich hoffe das im Übrigen auch.
Zum Einpendeln: das ist natürlich schon so, dass die ersten, die in einem Kreis von Menschen Kinder bekommen, irgendwie raus sind. Die Prioritäten ändern sich. Und vermutlich kann man nicht erwarten, dass alle da mitmachen.

"viele Männer (2/3 inzwischen) winken von vorneherein ab, gerade die abiturierten studierten Typen übrigens... "

Mir wird grad bewusst, was für ein Glück ich habe...:-)

Was ich nicht ganz verstehe, ist dann doch die Kritik an der Divergenz der Lebensstile. Wen betrachtest Du dabei kritisch?
Ich denke, dass wenn Leute in einem Freundeskreis Eltern werden und einige der Freundschaften dabei auf der Strecke bleiben, kann man das nicht wirklich (hängt natürlich vom konkreten Fall ab) jemandem anlasten. Auf der einen Seite sind die Eltern, deren Prioritäten, deren ganzes Leben sich von jetzt auf gleich verändert. Und auf der anderen Seite ist einE FreundIn, der/die sein/ihr Leben gerne so wieter führen möchte, wie bisher. Das passt dann oft nicht, was sehr schade ist. Aber für wirkliche Freundschaften lassen sich Wege finden, das zu vereinbaren.
Daran glaube ich ganz fest. Es wär sehr schade drum.

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 22:10

Hallo liebe Sarah,

dein gegenteiliger Eindruck mag damit zu tun haben, daß du Frau und Mutter bist...

Mir als Mann und Vater wird in den Kommentaren nicht deutlich gemacht welcher Familienstand dahinter steht, ich werde auch nie als Vater - von wem auch immer - angesprochen, sondern durchweg als Mann - d.h. als latent kinderloses Wesen, auch wenn ich mich zu meinen Kindern bekenne -es wird ignoriert. Ich denke, das unterscheidet uns in der Elternposition funktion erheblich.

DAzu eine kleine Studiums-Anekdote:
ich studierte vor 13 Jahren via 2tem Bildungsweg und erlangte durch die Prüfungskommission und professoralem Mentorentum vom Start weg ein eigenes Projekt bzw. Lehrauftrag.
In dieser komfortablen Position übernahm ich parallel die Fürsorge für unseren gerade geborenen Jüngsten, der folglich mitgenommen werden musste in die Pflichtseminare wie in o.g. Lehrauftrag.

Glücklicherweise war das Säuglings-Kind am Uni-Betrieb ausgesprochen
interessiert und hielt sich, da i.d.R. auf meinem Arm mit mir kommunizierend, das Fläschchen schlürfend oder schlafend, mit Meinungsäußerungen und störenden Lautierungsversuchen zurück.

Soweit, so easy.

Allerdings kam es vor, daß er seinen Drang seine Exkremente abzusondern während einer Vorlesung oder eines Seminars unwillkürlich nachgab. Wenn dies unangenehm abgekühlt war, machte er sich natürlich deutlichst bemerkbar - somit war die Wiederherstellung des Wohlbefindens - ohne störendes Kindergeschrei - durch Windelwechseln unabdingbar.

Nun, liebe Sarah, such dir mal in einer beliebigen westdeutschen Uni auf einer Herrentoilette eine Wickelkommode...

Im ersten Versuch wickelte ich das Kind im Sprechzimmer meiner verständnisvollen Professorin.

Im zweiten Versuch im Kinderwagen während ihrer Vorlesung.

Im dritten Versuch schrieb ich an den Dekan, daß ich unseren Sohn immer und überall im laufenden Betrieb wickeln werde.

Daraufhin wurden in meinen Fachbereichen auf allen Herrentoiletten Wickelkommoden installiert.

Kein Witz, sondern Legende das. Dies geschah anno 1998 / 99 zu Hannover.

Gute Besserung für eures/dein Kind und gutes Gelingen beim Studieren heute Abend, sagt der

Ideefix

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Ehemaliger Nutzer 23.02.2012 | 22:23

Liebe luzieh.fair

der schönste Satz war:

"Mir wird grad bewusst, was für ein Glück ich habe...:-)"

dann, ja dann findet doch heraus ob und wie sich der Wunsch nach einem Kinde sich - gemeinsam - darstellen könnte.

Vielleicht hat dein Partner ja einen - i.d.R. tief verborgenen - Kinderwunsch, der noch seine Reifezeit braucht.

Schau ihn dir einfach mal an. Vater zu sein braucht es einen wahrlich großen Mut in unserer Zeit. Und noch viel mehr an Liebe.

Dies sei dir und euch gewünscht, vom
Ideefix.

Sarah Rudolph 24.02.2012 | 00:42

Lieber Ideefix,

ich hab doch noch gar nicht geschrieben, welche Erfahrungen ich meine, also widersprich mir doch nicht schon vorher an Stellen, an denen ich ohnehin deiner Meinung bin ;),
Ich kann deinen Unmut sehr verstehen, darum geht es gar nicht. Das "interessant" war genau so gemeint: neugierig, ein bisschen überrascht. Ich werde mich dazu auf jeden Fall nochmal detaillierter äußern.

Was ich dir aber gleich sagen kann: ich habe an unserer Hochschule noch nirgends Wickelkommoden gesehen. Ich weiß nicht wie es in den anderen Gebäuden aussieht, aber bei uns: kein Plan. Mein Kind mit in Lehrveranstaltungen nehmen? Völlig absurd. In den drei Jahren meines Studiums habe ich ihn genau einmal mitgenommen, und das war ein Notfall. Ganz so einfach ist das für mich also auch nicht.
Leider.

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Ehemaliger Nutzer 24.02.2012 | 14:31

Hallo Sarah,

das glaube ich durchaus, daß studieren mit Kind in Zeiten von Bachelor/Masterstudiengängen nicht einfach ist.
Allein wegen dieser Strukturveränderung an den Unis kann man die Wickelkommoden abschaffen, Teilzeitstudium kannst du ganz abhaken usw. - das war zu meiner Magister/Diplom-Zeit noch anders.

Unser Jüngster hat ne andere Uni noch in meinem 2ten Studium als Grundschüler kennengelernt, anders ließ sich die Ferienzeit auch kaum brücken. Ansonsten nach der Schule mit dem Bus zur Uni-Mensa, Essen, dann Hausaufgaben in Seminar/Vorlesung/Bibliothek machen usw.
Das geht heute garnicht mehr, fürchte ich - das Klima a.d. Unis hat sich verändert. Ohne Campus-KiTa und Elternnetzwerke biste aufgeschmissen.

Tja, einer meiner Soziologen-Profs macht seit über 20 Jahren in jedem 1.Semester ne Umfrage bei den Studentinnen bzgl. Kinderwunsch - von ehemals 75% Ende der 90er sind es heute weniger als 50%, realisiert werden davon später aber nur die Hälfte...

Kinderlosigkeit ist unter Akademikern weiter verbreitet als unter Nicht-Akademikern - vor allem bei Männern.

Der Trend weitet sich aus, fürchte ich.

I.