Katrin Rönicke
31.10.2011 | 15:47 6

Rendezvous in der Mitte

Genderkolumne Unsere Kolumnistin möchte die Gesellschaft nicht in männlich oder weiblich unterteilen. Beide Sphären sollen sich auf Augenhöhe begegnen und gegenseitig beeinflussen

Zunächst möchte ich nachholen, diese und meine vorangegangene Kolumne in einen Zusammenhang zu stellen: Meine Kolumne  "Wo sind die Heldinnen" entstand inspiriert durch einen Blogbeitrag von Antje Schrupp, der meine Gedanken anregte, dem ich so nicht zustimmen mochte. Da ihr Beitrag am Sonntag und meiner am Montag erschien, war klar, dass meine Überlegungen noch nicht ganz gar sind, was auch in den Kommentaren angemerkt wurde. Doch das Andenken und das Einholen von Diskursinput rechtfertigt nach meiner Meinung auch mal einen ungaren Text. Zumal Antje in meinem Blog tatsächlich antwortete, was abermals den Anstoß zu weiteren Gedanken gab – die ich hiermit teile.

In ihrem Kommentar sagt Antje, dass das Handeln von Frauen schon immer die Basis unserer Zivilisation gewesen sei. Es werde eben trivialisiert und marginalisiert. Im ersten Punkt wird mein Widerspruch ansetzen. Beim zweiten gehen wir völlig d’accord. Was Antje schlussfolgernd und angelehnt an Ina Praetorius fordert ist eine Trivialisierung des Männlichen. Sie schließt damit an die Intention ihres ursprünglichen Textes an: „Viele Frauen (mehr Frauen als Männer) stehen einfach einer Repräsentationslogik […]  skeptisch gegenüber, diesem Prinzip von „Einer übernimmt ein Amt und spricht dann im Namen der Vielen“. Das […] ist ein Einfallstor für Macht und Hierarchien, also für Un-Politik. Die Politik der Frauen basiert auf anderen Regeln; auf dem Sprechen in erster Person, dem Von sich selbst ausgehen.“ Das ist, was sie bevorzugt. Um die Bauchschmerzen, die ich mit solchen Forderungen habe, zu erläutern, möchte ich einen kurzen Abstecher in die allgemeine Pädagogik machen.

Feministische Dialektik

Warum? Weil ich glaube, dass, wenn wir alle schwurbeligen Fachbegriffe destillisieren und die Kernfrage in den Mund nehmen, übrig bleibt: Was ist mehr wert? Das „Männliche“, oder das „Weibliche“ – und wer sollte sich eigentlich wem anpassen und unterordnen? Es geht also um eine Hierarchie. Selbst die Position, die von sich behauptet, sie wende sich gegen Hierarchien, und sich als „das Weibliche“ kennzeichnet, kämpft darum, in der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen.

Das ist das Paradoxon herrschaftskritischer Feministinnen. Statt der Hierarchisierung der hier dichotom (also in genau zwei Welten eingeteilten) Handlungsweisen, möchte ich gerne eine Wechselwirkung zu denken beginnen. Das ist der Kernpunkt meiner Herangehensweise – und damit ist sie pädagogisch. Denn eine Wechselwirkung menschlichen Handelns mit etwas anderem hat nahezu immer mit Bildung zu tun.

Dietrich Benner, Allgemeinpädagoge an der Humboldt-Universität zu Berlin, zieht mit folgenden zwei Paradigmen die Orientierungslinie einer von ihm  – und auch von mir – favorisierten Bildungstheorie: Sie muss die verschiedenen gesellschaftlichen Praxen in einem nicht-hierarchischen Verhältnis denken. Dabei geht es im Kern darum, anzuerkennen, dass wir eine Vielzahl gesellschaftlicher Praxen haben, Politik, Wirtschaft, Religion und Pädagogik..., die alle gleichermaßen notwendig sind, diese Gesellschaft am Laufen zu halten und die in ihr lebenden Individuen voranzubringen. Bedeutsam dabei ist, dass keine all dieser Praxen „mehr wert“ ist als alle anderen. Oder dass die eine – zum Beispiel die Bildung und Erziehung – nur existiert, um die andere – zum Beispiel die Wirtschaft – zu bedienen. Was wir aber momentan vorfinden, und wie wir momentan leben, ist eine Hierarchisierung, die dadurch entstanden ist, dass Männer über die Jahrtausende bestimmt haben, was „wertvoll“ ist. Indem sie Kultur gestaltet und geprägt haben. Worum es daher gehen muss: Diese Hierarchie zwischen den „weiblichen“ und den „männlichen“ Praxen muss aufgebrochen werden.

Der Mann in der Kita

Dass dieses Aufbrechen zwangsläufig mit einer Trivialisierung, also Abwertung, des sogenannten „Männlichen“ einhergehen muss, ist in meinen Augen ein Denkfehler. Wie kann ich zwei Konzepte auf Augenhöhe stellen, wenn ich das eine von beiden erst einmal abwerte? Es ist vielmehr notwendig, die gesellschaftlichen Praxen, die sich in vielen Bereichen noch immer in „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ unterteilen und damit eher auf- oder eher abgewertet sind, zu „queeren“. Damit meine ich weniger die im Deutschen gebräuchliche Verwendung von „queer“ als Synonym für schwul oder lesbisch, sondern vielmehr die politische Dimension, wie sie im angloamerikanischem Raum immer verbreiteter ist: Das Aufbrechen von Geschlechternormen in Gänze; das Infragestellen dessen, was – bestimmt über die Kategorie Geschlecht – „normal“ und was nicht „normal“ ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und hoffe, man verzeiht es mir: Anstatt nur die Körperlichkeit in den Focus zu nehmen, finde ich, dass man auch Handeln queeren muss. Ein Mann in einer Kita, ein Vater, der den Haushalt schmeißt – „normal“ ist das in unserer Gesellschaft längst noch nicht. Mit den alten Stereotypen muss gebrochen werden: Politik und Wirtschaft sind weiterhin „männlich“ konnotiert, Erziehung und Soziales „weiblich“. Warum?

Meine naiv-optimistische Hoffnung ist, dass sich dabei die verschiedenen gesellschaftlichen Praxen verändern. Durch eine geschlechtliche Durchmischung derselben ziehen ganz neue Kulturen in bislang streng geregelte Bereiche ein. Ich stelle mir das immer wie einen interessanten und unvorhersagbaren Domino-Effekt vor – der in manchen Studien über das Potential von Diversity langsam Berücksichtung findet. Er ist auch notwendig, denn die Gesellschaft verändert sich rasant - wir hinken hinterher mit unserer alten Denke.

Weiblicher Spaß an Machtkämpfen

Hier kommt das zweite Bennersche Paradigma ins Spiel: Die unbestimmte Bildsamkeit des Menschen, die Humboldt sehr treffend beschreibt: „Daher entspringt sein [des Menschen] Streben, den Kreis seiner Erkenntnis und seiner Wirksamkeit zu erweitern, und ohne dass er sich selbst deutlich dessen bewusst ist, liegt es ihm nicht eigentlich an dem, was er von jeher erwirbt, […]. Rein und in seiner Endabsicht betrachtet, ist […] seine ganze äussre Geschäftigkeit überhaupt aber nur ein Streben, nicht in sich müssig zu bleiben.“ Es ist also ganz natürlich, wenn viele Frauen und viele Männer sich eigentlich für all jene „Welten“ interessieren, die eher außerhalb dessen liegen, was ihnen gesellschaftlich als „normal“ angeboten wird. Auf meinem Weg habe ich sehr viele Frauen getroffen, die Spaß an Machtkämpfen, an Politik und an Maschinenbau oder Informatik hatten. Und einige Männer, die ihre Erfüllung im sozialen Bereich suchen, oder auch in der Grundschule (die ja stark dahin tendiert, ein weiblicher Raum zu werden). Überall, wo die Menschen sich um ein dichotomes, stereotypes Geschlechterdenken einen feuchten Kehricht scherten, wo sie einfach mitmachten und mit der ihnen eher nicht zugeschriebenen Fähigkeit, in Bereichen, die eigentlich dem anderen Geschlecht „gehörten“, Verantwortung übernahmen, um an ihren Aufgaben zu wachsen, traf ich die bei weitem interessantesten Menschen – und erlebte die hoffnungsvollsten Debatten.

Es kann nicht darum gehen, jene Frauen, die ins Militär gehen oder Bock drauf haben, sich in der Wirtschaft mit den Platzhirschen zu messen, die Wettkampf lieben gelernt haben und die sich selbstbewusst und laut zu Wort melden, zu diffamieren, indem man solche Praxen abwertet. Ich möchte stattdessen die Chance der Umgestaltung, der Veränderung durch Partizipation in den Mittelpunkt der Debatte rücken. Soll heißen: Eine feministische Reaktion auf Sexismus gegen Frauen kann nicht Sexismus gegen Männer sein.

Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne über Gender- und Bildungsthemen, zuletzt über eine überfällige Quote in der Piratenpartei. Sie kolumniert immer montags im Wechsel mit Verena Reygers, die sich mit Genderthemen in der Musikbranche befasst.

Kommentare (6)

Antje Schrupp 31.10.2011 | 18:20

Hallo Katrin,
es freut mich sehr, dass du unseren Diskurs hier nochmal aufnimmst und weiter zur Debatte stellt.
In vielen Punkten gebe ich dir völlig recht, ich finde es auch gut, wenn Frauen, die Lust dazu haben, Sachen zu machen und an Orte zu gehen, die traditionell "männlich" konnotiert sind, das tun, und ich finde, sie sollten jede feministische Unterstützung dafür kriegen. Allerdings beobachte ich gerade einen Trend dazu, dass Frauen zunehmend die Lust daran verlieren - und das finde ich bedenklich, weil es nicht reicht, sich "Frauennischen" einzurichten (dazu habe ich hier kürzlich einen Vortrag geschrieben - www.antjeschrupp.de/das-heimliche-fest)

Der Weg dazu geht aber mmn nur darüber, dass das Unbehagen, das (viele) Frauen an diesen Orten empfinden, zu einem politischen Konflikt machen. Nicht, um Geschlechterklischees zu reproduzieren, sondern gerade um sie aufzubrechen - weil auch manche Männer ähnliches Unbehagen fühlen, sie könnten ja von der Kritik der Frauen inspiriert sein.

Trivialisierung ist im Übrigen nicht dasselbe wie Abwerten. Sondern es bedeutet, die Wichtigkeit von bestimmten institutionellen Ritualen zu hinterfragen. Um Abwertung geht es dabei ganz und gar nicht, sondern eher darum, die Sachen an einen angemessenen Ort zu rücken.

Also: Ich will ganz und gar nicht Frauen, die dieses oder jenes tun, diffamieren, denn ich bin ganz entschieden dafür, dass jede Frau tun sollte, was sie will und für richtig hält. Worum es mir geht, das ist, den politischen Konflikt zu thematisieren, der sich darin zeigt, dass mehr Frauen als Männer bestimmten politischen Organisationsformen skeptisch gegenüberstehen. Also um eine kritische Bilanz der bisherigen Gleichstellungspolitik und der "Frauen-rein-in-die-Männerinstitutionen"-Bewegung, mit denen wir ja nun schon ein paar Jahrzehnte Erfahrung haben.

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Ehemaliger Nutzer 01.11.2011 | 02:07

@j-ap
»Unsere Kolumnistin möchte die Gesellschaft nicht in männlich oder weiblich unterteilen.« — Warum tut sie es dann?

Je nun, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind halt nicht zu übersehen. Das hier
http://www.monstersandcritics.de/downloads/downloads/articles4/167509/article_images/image6_1262381019.jpg
ist offensichtlich ein Mann, leicht erkennbar an den sekundären Geschlechtsmerkmalen.

Ciao
Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 01.11.2011 | 13:38

Weil ich glaube, dass, wenn wir alle schwurbeligen Fachbegriffe destillisieren und die Kernfrage in den Mund nehmen, übrig bleibt: Was ist mehr wert? Das „Männliche“, oder das „Weibliche“ – und wer sollte sich eigentlich wem anpassen und unterordnen? Es geht also um eine Hierarchie. Selbst die Position, die von sich behauptet, sie wende sich gegen Hierarchien, und sich als „das Weibliche“ kennzeichnet, kämpft darum, in der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen.

In Ihrem Glauben, Frau Rönnicke, schwurbelige Fachbegriffe destillieren zu können, entdeckt sich dem aufmerksamen Leser eine Transzendenz, nämlich die, im Destillationssumpf jenes erkennen zu können, was männlich und was weiblich ist, um sofort die Frage nach dem Wert zu stellen. Hier schleicht sich in Ihrem – im weitesten Sinne idealistischen – Ansatz der Versuch materialistischer Bewertung ein. Dies halte ich für falsch, denn entsprechend der Replik von Emma in Uniform schrieb am 24.10.2011 um 02:50 im Blog
www.freitag.de/alltag/1141-wo-sind-die-heldinnen?searchterm=wo+sind+die+heldinnen
Die besonderen Bedingungen, der körperliche Größen- und Kraftunterschied, die hormonelle Ausstattung, Fortpflanzung - die im Alltag zwischen Mann und Frau "herrschen", seit jeher, sind Ihnen nicht bewußt? Nein?
Doch. Aber es bedürfte eines vielfach komplexeren Gedankengebäudes, als jenes dass Sie hier zur Schau stellen.
verbleibt im Destillationssumpf nicht die Erkenntnis was männlich und/oder weiblich ist; dies ist definiert durch die stammesgeschichtliche Entwicklung des Menschengeschlechts. Vielmehr blubbert um die Siedeperlen die unbedingte Forderung nach materieller Gleichstellung in flachen Hierarchien mit dem nicht weniger unbedingten Anspruch, dass Platz zu schaffen ist für die aus der Dichotomie feministischer Logik sich herleitende Hierarchiegleichstellung:
Statt der Hierarchisierung der hier dichotom (also in genau zwei Welten eingeteilten) Handlungsweisen, möchte ich gerne eine Wechselwirkung zu denken beginnen.
Eine Wechselwirkung beginnen zu bedenken? Liebe Frau Rönnicke, das ist nicht genug und nach meinem Dafürhalten auch schon viel zu spät … es sei denn, Sie versuchen Ihren gesamten existenztheoretischen Ansatz nach dieser Maxime neu zu überdenken. Denn mit einer Dichotomie ist es beileibe nicht getan. In einem anderen Zusammenhang
www.freitag.de/community/blogs/kunibert-hurtig/was-kann-occupy-bewirken
habe ich auf eine mathematische Kuriosität verwiesen, nämlich dem Feigenbaumdiagramm (siehe daselbst), das nicht nur für die im Link angeführten Prozesse eine angemessene Beschreibung liefert, sondern im Grunde jeden Prozess beschreibt, der bei hinreichender Komplexität an irgendeinem Prozessschritt unweigerlich ins Chaos abgleitet. Will für das hier thematisierte Themenfeld sagen, dass die Elemente der Diskussion ununterscheidbar, vor allen Dingen jedoch unvorhersagbar werden. Das Interessante daran liegt im Grunde darin, dass dies dem Prozess immanent ist, die Agenten, also die Diskutanten, deren Argumente sich aus der Umgebung ihrer jeweiligen Position speisen, das Argument des anderen nicht verstehen, weil ihnen das Werden des anderen Argumentes nicht transparent ist. Wenn das Subjekt des Argumentes, nämlich der Diskutant, gleichzeitig in der Entgegnung des anderen Subjektes nicht eine Ergänzung oder Hinterfragung des Argumentes erkennt, sondern eine Abwehr seiner selbst, können beide die gemeinsame Schnittmenge, nämlich die Anwesenheit auf der menschlichen Ebene eben nicht mehr erkennen und begreifen den Anderen als etwas Fremdes, nämlich Feindliches.
Gruß Kuni

Red Bavarian 01.11.2011 | 16:41

Im obigen Artikel finde ich einige Gedanken und Ansichten, die mit meinen korrelieren. Meine Grundhaltung zu Frauen und Männern ist: zusammenarbeiten und gegenseitig aufeinander zugehen.

"Mit den alten Stereotypen muss gebrochen werden: Politik und Wirtschaft sind weiterhin „männlich“ konnotiert, Erziehung und Soziales „weiblich“."

Ich nenne als Schlüsselwörter für einen beidseitgen geschlechtermäßigen Ausgleich: Bildung, Wertschätzung, Gute Bezahlung. Zu diesem Themenfeld siehe auch meine Blog-Artikel 'Nicht die Arbeit geht uns aus, sondern das Geld' und Arbeit, Zeit, Geld und BGE", wo ich unter anderem linksfeministische Perspektiven einfließen habe lassen.

"Es kann nicht darum gehen, jene Frauen, die ins Militär gehen oder Bock drauf haben, sich in der Wirtschaft mit den Platzhirschen zu messen, die Wettkampf lieben gelernt haben und die sich selbstbewusst und laut zu Wort melden, zu diffamieren, indem man solche Praxen abwertet."

Es gibt schon zu viel Militär und Platzhirschentum auf der Welt. Ich sehe den Feminismus immer auch im ethischen Rahmen. Darum wünsche ich mir, dass nicht nur die Männer dergestalt gescheiter werden, sondern auch, dass die Frauen dergestalt nicht ungescheiter werden. Siehe dazu auch meinen Blog-Artikel 'Militarismus und Feminismus'.