Rendezvous in der Mitte

Genderkolumne Unsere Kolumnistin möchte die Gesellschaft nicht in männlich oder weiblich unterteilen. Beide Sphären sollen sich auf Augenhöhe begegnen und gegenseitig beeinflussen

Zunächst möchte ich nachholen, diese und meine vorangegangene Kolumne in einen Zusammenhang zu stellen: Meine Kolumne  "Wo sind die Heldinnen" entstand inspiriert durch einen Blogbeitrag von Antje Schrupp, der meine Gedanken anregte, dem ich so nicht zustimmen mochte. Da ihr Beitrag am Sonntag und meiner am Montag erschien, war klar, dass meine Überlegungen noch nicht ganz gar sind, was auch in den Kommentaren angemerkt wurde. Doch das Andenken und das Einholen von Diskursinput rechtfertigt nach meiner Meinung auch mal einen ungaren Text. Zumal Antje in meinem Blog tatsächlich antwortete, was abermals den Anstoß zu weiteren Gedanken gab – die ich hiermit teile.

In ihrem Kommentar sagt Antje, dass das Handeln von Frauen schon immer die Basis unserer Zivilisation gewesen sei. Es werde eben trivialisiert und marginalisiert. Im ersten Punkt wird mein Widerspruch ansetzen. Beim zweiten gehen wir völlig d’accord. Was Antje schlussfolgernd und angelehnt an Ina Praetorius fordert ist eine Trivialisierung des Männlichen. Sie schließt damit an die Intention ihres ursprünglichen Textes an: „Viele Frauen (mehr Frauen als Männer) stehen einfach einer Repräsentationslogik […]  skeptisch gegenüber, diesem Prinzip von „Einer übernimmt ein Amt und spricht dann im Namen der Vielen“. Das […] ist ein Einfallstor für Macht und Hierarchien, also für Un-Politik. Die Politik der Frauen basiert auf anderen Regeln; auf dem Sprechen in erster Person, dem Von sich selbst ausgehen.“ Das ist, was sie bevorzugt. Um die Bauchschmerzen, die ich mit solchen Forderungen habe, zu erläutern, möchte ich einen kurzen Abstecher in die allgemeine Pädagogik machen.

Feministische Dialektik

Warum? Weil ich glaube, dass, wenn wir alle schwurbeligen Fachbegriffe destillisieren und die Kernfrage in den Mund nehmen, übrig bleibt: Was ist mehr wert? Das „Männliche“, oder das „Weibliche“ – und wer sollte sich eigentlich wem anpassen und unterordnen? Es geht also um eine Hierarchie. Selbst die Position, die von sich behauptet, sie wende sich gegen Hierarchien, und sich als „das Weibliche“ kennzeichnet, kämpft darum, in der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen.

Das ist das Paradoxon herrschaftskritischer Feministinnen. Statt der Hierarchisierung der hier dichotom (also in genau zwei Welten eingeteilten) Handlungsweisen, möchte ich gerne eine Wechselwirkung zu denken beginnen. Das ist der Kernpunkt meiner Herangehensweise – und damit ist sie pädagogisch. Denn eine Wechselwirkung menschlichen Handelns mit etwas anderem hat nahezu immer mit Bildung zu tun.

Dietrich Benner, Allgemeinpädagoge an der Humboldt-Universität zu Berlin, zieht mit folgenden zwei Paradigmen die Orientierungslinie einer von ihm  – und auch von mir – favorisierten Bildungstheorie: Sie muss die verschiedenen gesellschaftlichen Praxen in einem nicht-hierarchischen Verhältnis denken. Dabei geht es im Kern darum, anzuerkennen, dass wir eine Vielzahl gesellschaftlicher Praxen haben, Politik, Wirtschaft, Religion und Pädagogik..., die alle gleichermaßen notwendig sind, diese Gesellschaft am Laufen zu halten und die in ihr lebenden Individuen voranzubringen. Bedeutsam dabei ist, dass keine all dieser Praxen „mehr wert“ ist als alle anderen. Oder dass die eine – zum Beispiel die Bildung und Erziehung – nur existiert, um die andere – zum Beispiel die Wirtschaft – zu bedienen. Was wir aber momentan vorfinden, und wie wir momentan leben, ist eine Hierarchisierung, die dadurch entstanden ist, dass Männer über die Jahrtausende bestimmt haben, was „wertvoll“ ist. Indem sie Kultur gestaltet und geprägt haben. Worum es daher gehen muss: Diese Hierarchie zwischen den „weiblichen“ und den „männlichen“ Praxen muss aufgebrochen werden.

Der Mann in der Kita

Dass dieses Aufbrechen zwangsläufig mit einer Trivialisierung, also Abwertung, des sogenannten „Männlichen“ einhergehen muss, ist in meinen Augen ein Denkfehler. Wie kann ich zwei Konzepte auf Augenhöhe stellen, wenn ich das eine von beiden erst einmal abwerte? Es ist vielmehr notwendig, die gesellschaftlichen Praxen, die sich in vielen Bereichen noch immer in „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ unterteilen und damit eher auf- oder eher abgewertet sind, zu „queeren“. Damit meine ich weniger die im Deutschen gebräuchliche Verwendung von „queer“ als Synonym für schwul oder lesbisch, sondern vielmehr die politische Dimension, wie sie im angloamerikanischem Raum immer verbreiteter ist: Das Aufbrechen von Geschlechternormen in Gänze; das Infragestellen dessen, was – bestimmt über die Kategorie Geschlecht – „normal“ und was nicht „normal“ ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter und hoffe, man verzeiht es mir: Anstatt nur die Körperlichkeit in den Focus zu nehmen, finde ich, dass man auch Handeln queeren muss. Ein Mann in einer Kita, ein Vater, der den Haushalt schmeißt – „normal“ ist das in unserer Gesellschaft längst noch nicht. Mit den alten Stereotypen muss gebrochen werden: Politik und Wirtschaft sind weiterhin „männlich“ konnotiert, Erziehung und Soziales „weiblich“. Warum?

Meine naiv-optimistische Hoffnung ist, dass sich dabei die verschiedenen gesellschaftlichen Praxen verändern. Durch eine geschlechtliche Durchmischung derselben ziehen ganz neue Kulturen in bislang streng geregelte Bereiche ein. Ich stelle mir das immer wie einen interessanten und unvorhersagbaren Domino-Effekt vor – der in manchen Studien über das Potential von Diversity langsam Berücksichtung findet. Er ist auch notwendig, denn die Gesellschaft verändert sich rasant - wir hinken hinterher mit unserer alten Denke.

Weiblicher Spaß an Machtkämpfen

Hier kommt das zweite Bennersche Paradigma ins Spiel: Die unbestimmte Bildsamkeit des Menschen, die Humboldt sehr treffend beschreibt: „Daher entspringt sein [des Menschen] Streben, den Kreis seiner Erkenntnis und seiner Wirksamkeit zu erweitern, und ohne dass er sich selbst deutlich dessen bewusst ist, liegt es ihm nicht eigentlich an dem, was er von jeher erwirbt, […]. Rein und in seiner Endabsicht betrachtet, ist […] seine ganze äussre Geschäftigkeit überhaupt aber nur ein Streben, nicht in sich müssig zu bleiben.“ Es ist also ganz natürlich, wenn viele Frauen und viele Männer sich eigentlich für all jene „Welten“ interessieren, die eher außerhalb dessen liegen, was ihnen gesellschaftlich als „normal“ angeboten wird. Auf meinem Weg habe ich sehr viele Frauen getroffen, die Spaß an Machtkämpfen, an Politik und an Maschinenbau oder Informatik hatten. Und einige Männer, die ihre Erfüllung im sozialen Bereich suchen, oder auch in der Grundschule (die ja stark dahin tendiert, ein weiblicher Raum zu werden). Überall, wo die Menschen sich um ein dichotomes, stereotypes Geschlechterdenken einen feuchten Kehricht scherten, wo sie einfach mitmachten und mit der ihnen eher nicht zugeschriebenen Fähigkeit, in Bereichen, die eigentlich dem anderen Geschlecht „gehörten“, Verantwortung übernahmen, um an ihren Aufgaben zu wachsen, traf ich die bei weitem interessantesten Menschen – und erlebte die hoffnungsvollsten Debatten.

Es kann nicht darum gehen, jene Frauen, die ins Militär gehen oder Bock drauf haben, sich in der Wirtschaft mit den Platzhirschen zu messen, die Wettkampf lieben gelernt haben und die sich selbstbewusst und laut zu Wort melden, zu diffamieren, indem man solche Praxen abwertet. Ich möchte stattdessen die Chance der Umgestaltung, der Veränderung durch Partizipation in den Mittelpunkt der Debatte rücken. Soll heißen: Eine feministische Reaktion auf Sexismus gegen Frauen kann nicht Sexismus gegen Männer sein.

Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne über Gender- und Bildungsthemen, zuletzt über eine überfällige Quote in der Piratenpartei. Sie kolumniert immer montags im Wechsel mit Verena Reygers, die sich mit Genderthemen in der Musikbranche befasst.

15:47 31.10.2011
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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