Troll oder Sexismus?

Genderkolumne Im Netz können alle (un)möglichen Menschen ihren Senf zu allem beisteuern. Das kann tierisch nerven, vor allem, wenn man nicht weiß, wes Geistes Kind die Urheber sind

Sascha Lobo machte es sich IMHO etwas zu einfach in seinem diesjährigen Vortrag auf der re:publica. Dort redete er über Trollologie, was ein bisschen wie spontan zusammengeschustert wirkte und zwar entertainerisch Spaß machte, aber inhaltlich – naja. Der zentrale Punkt in seinem Vortrag lautete: Trollerei ist Störkommunikation. Und: JedeR von uns könne ein Troll sein – je nach Kontext, Set und Setting. Als ein Jahr zuvor User, die sich alle Bernd nannten, den re:publica-Livestream des Panels über „Sexismus im Netz“ zuschütteten mit ihrem sexistischen Müll, weshalb für mich, die daheim geblieben war, der Stream irgendwann komplett kollabierte, begann die Diskussion: Was ist Sexismus, und was ist ein Troll? Die Bernds aus dem Livestream-Chat seien Trolle, hieß es da schnell. Und wer sich über Trolle aufrege, sei doof.

Die Wikipedia erklärt mir: „Nach Judith Donath ist das Trollen für den Autor ein Spiel, in welchem das einzige Ziel das Erregen von möglichst erbosten und unsachlichen Antworten ist.“ Das klingt durchaus logisch. Ein ähnliches Spiel kenne ich aus der Schule: Während des Erdkunde-Unterrichts gab es einen Wettbewerb, wer innerhalb einer Schulstunde die meisten Umrundungen des Klassenzimmers schaffte. Diese Spielanalogie hilft: Denn die meiste Empörung und Unsachlichkeit werde ich da erregen, wo sensible Themen angesprochen werden. Rassismus, Feminismus und vielleicht in einer digitalen jüdischen Community.

Sexismus ist normal

„Das Netz“ ist in meinen Augen ein Ort, an dem Sexismus an der Tagesordnung ist. Immer wenn ich das sage, wird mir unterstellt, diese Sichtweise könne ich bloß deshalb haben, weil ich mich in feministischen Kreisen herumtreibe – anderswo sei das alles nicht so schlimm. Abgesehen davon, dass die schlimmsten Frauenhasser sich im Heise-Forum herumtreiben – einem explizit nicht mit Feminismus befassten Ort – ist das Netz jenseits von feministischen Diskussionen sexistisch, wie ein einfacher Blick in seine meistgenutzte Suchmaschine zeigt, die quasi den Mainstream offenbart. Gebe ich dort den Suchbegriff Frauen ein, sind die ersten beiden Treffer „Private Erotik-Kontakte – Sie sucht ihn zum Fremdgehen“ und „Frauen auf Partnersuche | Frauen.Partnersuche.de“. Die Bilder, die mir als nächstes zu Frauen angeboten werden, sind sich lasziv auf einem Auto räkelnde halbangezogene Frauen und ähnliche Playboy-hafte Fotos. Und wenn ich den Link „Frau – Stupipedia“ anklicke (trigger-Warnung!), immerhin das sechste Suchergebnis, wird mir schlecht.

Dass Antje Schrupp und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf meiner ersten Trefferseite auftauchen – beide eingebettet zwischen Frauen aus Polen, Russland und der Frau, die 70 Orgasmen am Tag hat – dürfte der Personalisierung zu verdanken sein, die meine Suchmaschine mir mittlerweile in kleinen Dosen angedeihen lässt, wenn ich etwas suche. Das Ganze mit dem Suchbegriff Männer durchzuspielen überlasse ich Euch und Ihnen – es ist anders (der Wikipedia-Eintrag steht an der ersten Stelle und nicht hinter zwei Sex- und Partnerbörsen erst an dritter), aber nicht unbedingt besser. Kurz: Sexismus ist irgendwie normal. In dieser Gesellschaft. Und damit in diesem Netz.

Hass organisiert sich

So wundert es also auch nicht, dass sich Menschen mit Sexismus auch in der direkten Kommunikation herumschlagen müssen. Ich verlinke mit Sicherheit nicht auf eines der bekannteren Maskulisten-Foren, aber ein Blick dahin zeigt: Auch der Hass, die Misogynie und der Sexismus haben sich Orte im Netz geschaffen, wo sie sich austauschen, vernetzen und gegenseitig befeuern können. Dort werden dann Gespräche geführt, die nicht selten nach dem folgenden Schema ablaufen: Eine irgendwie emanzipatorische Person wurde im Netz gefunden (Text, Bild oder Video) – wird zur Schau gestellt (eine Art Pranger) – alle finden etwas Ekelhaftes dazu zu sagen und wünschen der Person die Pest an den Hals – abschließend wird die Person für unfickbar erklärt. Oder untervögelt. Oder beides.

Den Grund dafür habe ich bereits vor einem guten Jahr im Radio erklärt bekommen: „Männer, die sich in irgend einer Weise in ihrer Männlichkeit herabgesetzt fühlen, reagieren darauf in einer sexualisierten Weise.“ Sagte damals Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke. Doch das ist auch schon alles, was einen ob der geballten Ladung Hass schmunzeln lässt, wie sie seit diesem Jahr auf hatr.org dokumentiert ist. Diese Leute beginnen mittlerweile gezielt, Kommentar-Diskussionen bei den etablierten Medien zu besetzen. Somit tauchen Kommentare wie „Als die Unterwerfung der Frau (unter den Mann) noch als normal galt, war der Fortbestand 'der Gesellschaft' – richtiger: des Volkes – gesichert“ nun überall auf. Auch im englischsprachigen Raum setzen sich Frauen zunehmend mit der Problematik der direkten Misogynie auseinander. Bloggerinnen rufen laut Guardian zum Stopp des Hass-Trollens auf. Eine breite Debatte um die Anonymität wird damit wieder aufgemacht – wie sie auch hiesige Konservative führen, vermeintlich um Opfer von Mobbing und Stalking zu schützen.

Dabei wird verkannt: Sexismus ist kein Trollen. Und Trollen ist selten wirklich misogyn. Und nicht jeder Kommentar, der mir nicht passt, ist automatisch ein Troll. Nur: Die Unterschiede zu erkennen ist manchmal sehr schwer. Da hilft dann oftmals nur noch: Rechner aus und meditieren gehen. Am nächsten Tag sieht man manchmal klarer.

Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne über Gender- und Bildungsthemen, zuletzt über die Erfindung des Vibrators. Sie kolumniert immer montags im Wechsel mit Verena Reygers, die sich mit Genderthemen in der Musikbranche befasst

15:24 28.11.2011
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
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Katrin Rönicke

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