Katrin Rönicke
25.01.2012 | 14:53 44

Zusammenerziehend!

Kolumne Warum denken bei dem Wort "alleinerziehend" alle nur an Frauen? Unsere Kolumnistin plädiert für ein weitergefasstes Verständnis von Erziehung – gerade bei Trennungen

Wenn eine Frau, die zusammen mit einem Mann ein oder mehrere Kinder hat, sich von diesem Mann trennt oder gar nie fest mit ihm zusammen war, dann nennt man sie "alleinerziehend" – egal, wer die Kinder erzieht. Zwar ist es in der deutschen Muttermythos-Gesellschaft nach wie vor typisch, dass eine Mutter in dieser Situation mehr oder weniger (mutterseelen-)allein erzieht. Trotzdem ist es gleichzeitig symptomatisch, wenn es für andere Konzepte gar kein Wort gibt. Wenn also zwei oder mehrere Menschen an der Erziehung von Kindern teilhaben, ohne eine Paarbeziehung zwischen sich, wie nennt man das dann eigentlich? Da reden viele von "Patchwork" – aber niemand bezeichnet sich selbst als "patchworkend". Oder wenn Kinder zwischen zwei Orten "pendeln", zwei Zuhause haben – von denen keines mehr oder weniger wichtig für sie ist? All diese Lebenskonzepte werden unter "alleinerziehend" subsummiert. Das Wort "zusammenerziehend" ergibt keine relevanten Suchmaschinen-Treffer. Geschweige denn, dass es für dieses Wort eine statistische Kategorie gäbe!

Unheilvolle Assoziationskette

Das Interessante ist, was nun passiert, wenn eine Frau sich "alleinerziehend" nennt oder von anderen so genannt wird – was sich dann für eine Assoziationskette in den Köpfen abgespielt! Da ist das vaterlose Kind, das größere Armutsrisiko, die Vielfachbelastung und das alles generiert Mitleid, Bedauern und letztendlich: Schwäche. Diese Frau hat es schwer. Alleinerziehende Väter sind rar, werden aber mehr. Nur: Sie stellt man sich bei der statistischen Zusammenfassung "Alleinerziehende in Deutschland" gar nicht erst vor. Sie fallen einfach raus. Wenn sie an der Erziehung der Kinder genauso teil haben, wie deren Mütter, dann steht man ihnen zwar bewundernd, aber ohne Begriffe für das, was sie da leisten, gegenüber.

Das Fehlen eines Wortes, so behaupte ich, konstruiert hier eine ganz ungute Dynamik: Es macht Frauen nicht nur Angst, sich in diesen mit lauter negativen Attributen belegten "Zustand" zu begeben (und damit in ein Armutsrisiko und eine ganz allgemeine Opferrolle) – womit die Vater-Mutter-Kind-Familieals normatives Deutungsmuster wieder einmal gestärkt wäre. Es reproduziert gleichzeitig viele Rollen-Stereotype rund am den ganzen Themenkomplex "Familie". Trotz aller progressiven Diskussion rund um den Begriff "Familie", der sich in den vergangenen Jahrzehnten vielerorts entwickeln konnte, werden wir auf diese Weise von hinten durch die Brust ins Auge getroffen: Als "Alleinerziehende" reproduziert eine Frau den Muttermythos.

Da stellt sich doch die Frage: Warum gibt es eigentlich keine Kultur des Zusammenerziehens?


In erster Linie, wird man mit Blick auf die Familienstatistik sagen können, liegt das daran, dass es immer noch keine Kultur des präsenten Vaters gibt. Zumindest nicht in der breiten Masse. Projekte wie der Väterblog brechen diese Lücke auf, werden aktiv, motivieren. Und viele kleine Projekte aka Gleichberechtigte Elternschaft brechen im Kleinen mit der Tradition (wie etwa Susanne Klingner). Der zweite Knackpunkt ist, dass es in Deutschland keine "Trennungskultur" gibt – wie Mathias Voelchert beklagt. Das bedeutet, dass viele Paare sich heute noch auf die schlechtmöglichste Art und Weise trennen, egal, ob da gemeinsame Kinder sind oder nicht. Sie schlagen in ihrer Wut, Trauer und Enttäuschung alles so kaputt, dass hinter ihnen nur noch ein Scherbenhaufen bleibt, der es dann nicht mehr wirklich ermöglicht, zusammen an einem Strang zu ziehen. Erst langsam setzt sich in dieser Gesellschaft die Idee durch, dass eine Trennung auf der "Paarebene" noch lange keine Trennung auf der "Elternebene" bedeuten muss. Letztendlich zeigt es auch, dass eine Beschäftigung mit dem Thema "Trennung mit Kindern" viel stärker als bislang in die Hände der Väter gehört.

Natürlich sind viel zu viele Frauen alleinerziehend – und können es sich auch nicht wirklich anders aussuchen. Es steckt noch sehr tief in unserer Kultur, dass Frauen sich um die Kinder kümmern (dazu wird demnächst das spannende Buch Mamaland von Sabine Scholl erscheinen; eine erste Impression gibt es in Lettre International). Aber wieso fangen wir nicht endlich an und schaffen mit neuen Wörtern die Startbahn für neue Realitäten? "Zusammenerziehend" kann dabei vieles bedeuten: Dass zwei Personen, in der Regel die leiblichen Eltern, trotz Trennung auf der "Paarebene" gemeinsam Verantwortung übernehmen, gleich präsent sind. Oder dass sogar 2+x Personen daran teilhaben.

Familie ist eine Verantwortungsgemeinschaft – das geht weit über Vater, Mutter und Kind(er) hinaus. Der Soziologe Hans Bertram spricht zum Beispiel von einer "multilokalen Mehrgenerationenfamilie" – ein modernes Konzept, bei dem die Großeltern, wenngleich sie oft weit weg wohnen, sehr aktiv an der Erziehung teilhaben. "Multilokal" – das kann ja auch auf die Situation der leiblichen Eltern zutreffen. Und dann kommen noch die – wie Jesper Juul sie nennt – "Bonuseltern" ins Spiel. Schlussendlich sollten wir uns vielmehr die Frage stellen: Wer trägt in einer Gesellschaft die Verantwortung für die Kinder? Und warum ist es für uns so selbstverständlich geworden, diese Verantwortung ins Private, zur Mutter abzuschieben – anstatt dass sich wie in einem afrikanischen Sprichwort "ein ganzes Dorf" dafür mitverantwortlich fühlt?

Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne über Gender- und Bildungsthemen, zuletzt über spielzeugfreie Kindergärten. Sie kolumniert immer mittwochs im Wechsel mit Verena Reygers, die sich mit Genderthemen in der Musikbranche befasst.

Kommentare (44)

Meyko 25.01.2012 | 16:33

"Und warum ist es für uns so selbstverständlich geworden, diese Verantwortung ins Private, zur Mutter abzuschieben...?"

Diese, ihre letzte Frage, weshalb nämlich Kinder gängiger Weise bei den Müttern landen, habe ich an anderer Stelle versucht, etwas ausführlicher zu beantworten.

meykosoft.jimdo.com/fremdgeschrieben/

(der Beitrag existiert auch hier, im Freitag, der ist jedoch leider noch sehr langsam in der Ladezeit)

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Ehemaliger Nutzer 27.01.2012 | 21:19

ein hochinteressanter Beitrag, Danke Frau Rönicke.

Insbesondere die Erwähnung von Bertrams multilokaler Mehrgenerationenfamilie fand ich wichtig, denn der führt die Mär von der Alleinerziehung durch sein gerade nicht haushaltszentriertes (!) Forschungsdesign ad adsurdum und zeigt die realen sozialen Verflechtungen familiärer Erziehung entgegen der auf dem Haushalt fokussierenden bürgerlichen Ordnungs=Rollenvorstellungen auf.

Dennoch eine Kritik:

der Status Alleinerziehende generiert nicht nur einen defensiven Opferrollenstatus, sondern auch einen gleichartigen Mitleids-Bonus.
Inhärent ist dem, dass der Vater die gemeinsamen Kinder bei ihr "geparkt" hat und folglich zum Zahlvater verdammbar ist - was ja auch sehr häufig zur Anwendung kommt.

Das hat eine Gesetzesunterlage, die die Hauptbezugsperson und den Lebensmittelpunkt eines Kindes prädeterminierend bei der Mutter als dem i.d.R. formal häuslich präsenteren Elternteil verortet bzw. voraussetzt und die Kinder danach zuordnet.

Selbst erlebt habe ich, dass meine für meinen Ältesten weit bedeutsameren Erziehungsanteile und die Qualität unserer Beziehung in der Frage des Aufenthaltsbestimmungsrechts nach der Trennung überhaupt keine Rolle spielte und die Mutter danach die Bezugs - und Umgangsebene nach Belieben für sich instrumentalisieren konnte, da das Kind allein ihrem Haushalt zugerechnet und sie somit in der Vorgabeposition war. (Solange bis der Junge alt genug war und dem ziemlich willkürlichen Treiben ein Ende setzte)

Ich denke, an solchen weit verbreiteten Herangehens - und Sichtweisen scheitert ein Zusammenerziehen oftmals, denn diese laufen auf Schieflagen in der Wahrnehmung der Bedeutung beider Elternteile für´s Kind hinaus, die i.d. Folge nicht wenig zum besagten Scherbenhaufen beitragen.

Meine Konsequenz daraus war übrigens, die Hauptverantwortung in der Erziehung zu übernehmen, aber nicht nur als häuslich präsenterer Elternteil, sondern als Realvater - auch für unseren Jüngsten (andere Mutter).
Glauben Sie meine Ex hat sich ab dem Moment auch nur eine Sekunde auf Zusammenerziehung eingelassen? Nene. Sie wollte weiter die Leitlinien machen, in Vorgaben gehen und die Ziele bestimmen - da sie als Frau meinte sie habe Anrecht auf die Anerkennung eines ihr durch die Mutterschaft zukommenden Definitions - und Deutungshoheitsanspruchs, der einem Führungsanspruch in Fragen der Erziehung gleichkommt.

Damit hängt zusammen, dass es auch eine nicht unbeträchtliche Beschämung darstellen kann, wenn eine Mutter in Fragen der Aufzucht und Erziehung nicht die gewohnte Hauptrolle spielt und sich die Aberkennung des o.g. mütterlichen Anspruchs dann z.B. in Denunziationen des Vaters auslebt.

Zusammenerziehung wäre eine schöne Vision, leider bricht sie sich zu oft an inkorporierten und internalisierten Übermütterlichkeiten, welche mir synonym zu weiblichen Hamsterrädern erscheinen.

I.

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Ehemaliger Nutzer 27.01.2012 | 22:23

Nachtrag:

außerdem muss man/n sich bei Zusammenerziehung klarmachen, dass die Mutter in der Regel nicht nur geburts - sondern sozialisationsbedingt, sozial, lokal und multilokal "näher dran ist" am Kind.

In Industriegesellschaften bzw. urbanen Kontexten erzieht eben nicht ein "ganzes Dorf" ein Kind, sondern informelle Mädchen/Töchter/Frauen/Mütter-Assoziationen, denen eine ganze Reihe überwiegend weiblich besetzter familiennaher Dienstleistungen - inkl. Beschulung Tagesbetreuung - an die Seite gestellt, d.h.:
die Zusammenerziehung im Privaten bzw. in rein elterlichen Bezügen wäre in Abstraktion davon denkbar, wird aber von diesen gesellschaftlich wirksamen Sozialstrukturen väterlicherseits verunmöglicht.

Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass es sich dabei nicht nur um eine funktional wirksame Arbeitsteilung der Geschlechter handelt, sondern um eine Geschlechtsstereotypen und Geschlechtertrennungen reproduzierende Tiefenstruktur, aus der die Dauerhaftigkeit des sog. Muttermythos (auch als Käfig für weibliche Identitäten) sich speist.
Im Klartext handelt es sich für mich als erziehender Vater dabei um geschlossene "Weiber"gesellschaften, die sich um Kinder und Erziehung sammeln und ganz eigene, für Söhne, Männer und Väter unzugängliche, Codes entwickelt haben und null Akzeptanz noch Anerkennung für erziehende Väter signalisieren.
Im Gegenteil:
Ich beobachte bzw. erlebe tagtäglich, dass meine weibliche Umgebung mir ihre Miterziehungsansprüche und Ratschläge anträgt, dabei aber meine führende Rolle in der Erziehung vollständig mißachtet und in allen kind - und familienbezogenen nicht mich, sondern meine Frau anzusprechen pflegt.
Was diese zurück - und auf mich als Zuständigen verweist - das wird im Alltag fast durchweg einfach mütterlicherseits ignoriert!
Es kann ja nicht sein, dass ein Vater in diesem Fach kompetent oder gar kompetenter als Muttern ist...

Auch aus den Irritationen in der KiTa/Schule wäre zu berichten, aber dann würde ich wohl die ganze Frauen/Mütterfraktion hier gegen mich aufbringen.

Typischerweise sind zwei Frauen beim Freitag mit Geschlechter - und Bildungsfragen befasst.
Haben die Männer Schiss oder werden sie nur fortgesetzt von diesen Fragen abgehalten oder sind gar zu eingeschüchtert von den i.d. Disziplinen in offensiver Selbstadressierung von Themen geübten Fraktionen?

Offenbar werden auch beim Freitag Frauen / Mütter in diesen Fragen für kompetenter gehalten? Oder gab es darauf keine männl. Bewerber bzw. haben sich diese u.U. vor der Aussortierung selbst aussortiert? Sowas kommt vor. Ich würde als Mann selbst mit nachweisbaren Fähigkeiten auf diesen Gebieten mit einiger Sicherheit nicht den Hauch einer Chance haben, da Frauen auch und gerade in diesen Themenspektren und Metiers gern unter sich bleiben.

Von daher müsste dem Zusammenerziehen erstmal das Einander-Respektieren und Zuhören vorausgehen.

I.

AllesimReinen 28.01.2012 | 21:22

Als 'Betroffene' oder mit mehr agency als 'Praktizierende' kann ich rückmelden, dass ich mit dem Begriff 'geteilte Erziehung' hantiere und der wenig Missverständlichkeiten hervorruft. In 'zusammen erziehen' würde ich mich persönlich nicht gut beschrieben fühlen, denn auch für das Kind ist es etwas anderes, ob es seine Eltern viel gemeinsam hat oder sich immer zwischen beiden hin und her bewegt. Meine Tochter schmerzt es jedes mal, dass sie mich nicht haben kann, wenn sie beim Papa ist und umgekehrt, aber ich lege Wert darauf, dass wir als Eltern uns die Zeit mit ihr (auf)'teilen'. Das Konzept des Teilens ist selbst dem Kleinkind relativ früh vertraut und bedeutet nicht zuletzt, dass man auch mal auf etwas verzichten muss, weil man es mit jemandem teilt, aber man genau das tut, weil man sich etwas Gutes davon erhofft. Gegenüber der institutionalisierten Erziehung muss ich dass immer wieder deutlich machen: wenn die Windeln alle sind, ist er genau so Ansprechpartner wie ich. Geteilt erziehen heißt abgeben können. Das ist immer wieder ein Grenzgang, der gelernt sein will: den/die andere(n) in die Verantwortung einbeziehen, aber auch ihm oder ihr diese Verantwortung zutrauen und zumuten. Meine Tochter ist fast drei und ich lerne immer noch.... aber die Richtung stimmt schon mal!

Ismene 28.01.2012 | 21:47

Hallo ideefix,

aus der Mutterperspektive gebe ich Ihnen völlig Recht. Männer als die kompetenten Erziehenden sind so selten, dass sie - wenn sie vorkommen - häufig wirklich ignoriert werden.

Das lässt sich - aber nicht vollständig - damit erklären, dass Mütter untereinander scheinbar wirklich einen "Code" haben und teilweise unsicher sind im Umgang mit erziehungswilligen und kompetenten Vätern. Da ich in eine Gegend gezogen bin, in der stark Dialekt gesprochen wird, komme ich da auch nicht gut rein.

Trotzdem ist das völlig unakzeptabel. Nicht nur weil es Männern den Zugang zur Erziehung ihrer Kinder blockiert, sondern auch Frauen die damit verbunden Entlastung.

Trennung ist immer schmerzhaft, aber es muss nicht immer mit Respektlosigkeit und Hass enden. Ein zusammenerziehend ist durchaus möglich, aber es setzt auf beiden Seiten den Willen dazu voraus und ist ohne Mühe und - auch mal - über den eigenen Schatten springen, nicht zu haben.

Gruß
Ismene

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hotel-ostoria 29.01.2012 | 12:17

"Männer als die kompetenten Erziehenden sind so selten, dass sie - wenn sie vorkommen - häufig wirklich ignoriert werden"

Diese unzutreffende Äußerung bestätigt eindrücklich die von ideefix beschriebene Null-Akzeptanz.
Wie kompetente Erziehung auszusehen hat, bestimmt Mutter. Hier bricht in emotionaler Substruktur immer wieder die Biologie in Form mein Bauch - mein Kind durch. Natur- und erfahrungsgemäß kommt also ein rationales Herangehen von mütterlicher Seite aus hormonellen Gründen nur selten vor – so selten vor, dass es - wenn es vorkommt - häufig wirklich ignoriert wird.

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Ehemaliger Nutzer 29.01.2012 | 19:49

Hallo Ismene,

ich schrieb ja, dass ich in Konsequenz des Außen-vor-gehalten-werdens nach der Trennung auf meine Erziehungsanteile - und initiativen ablehnende Mütterfraktionen stieß, was viel mit meinem Status als derjenige, der die Trennung vollzog zu tun hat - also mit der Bewertung von mir als Mann und als Vater in weibl. Optiken.
Im Übrigen sehe ich meine Hauptfunktion als erziehender Vater nicht in der Entlastung der Mutter bzw. Partnerin - ich sehe darin zuallererst eine Beziehungs - und Bezugshandlung im Sinne des aktiven Lebens mit Kind/ern. Das folgt bei einem Vater anderen Gesetzmäßigkeiten, da er sich die dazu nötige Kompetenz und vor allem Zeit erstmal aneignen muss.

Im Weiteren habe ich, mit der Ankunft des 2ten Sohnes, die Erziehung beider Söhne hauptamtlich übernommen und meine eigenen Väternetzwerke aufgebaut - was viel mit der Verabrederei zu tun hat, denn Mütter verabreden ihre Kinder mit Kindern anderer Mütter, aber so gut wie nie mit erziehenden Vätern, es sei denn diese sind - wie sie - alleinerziehend, so meine Erfahrung.

Insoweit habe ich die Erziehung der beiden weit entfernt von den durch Mütter und weibl. Professionelle im sozialen Nahraum, Schule, familiennahen Dienstleistungen usw. situiert und den Kontakt zu Müttern Co. schon aufgrund der penetranten Einrede dem gutmeinenden Ratschlagwesen auf den Unvermeidlichen beschränkt.

Ich brauchte eben mit anderen Vätern meine Entwicklungsmöglichkeiten und Freiräume, die ansonsten von Müttern u.a. Deutungshoheiten besetzt sind, was eben auf eine lange Tradition mütterl. Zuständigkeiten und der familiären und gesellschaftlich verankerten Arbeitsteilung der Geschlechter zurück zu führen ist. Da leben Frauen Mütter nach meinem Eindruck in einem Hamsterrad mit hoher sozialer Kontrolle und Anpassungs/Mithaltedruck.

Da nicht einzusehen ist, warum ich mich als Vater in solchen engführenden Sphären bewegen und als nicht vollwertige Ersatzmutter betrachten lassen sollte, habe ich eben diese weibl.-mütterl. Sphären gemieden und bin mit anderen Vätern eigene Wege gegangen.

Meine Söhne haben dadurch keine Defizite, im Gegenteil sie haben durch diese Distanzierung zum "Müttermilieu" - nicht nur ggü Jungs, sondern auch und gerade ggü den Mädchen - einen Reifevorsprung im Sinne eines sehr entspannten und toleranten Umgangs.
Geschlechtsstereotypes Verhalten ist beiden fremd, damit bleibt die Kluft zu denen die in sog. "normalen" Familien - und Sozialisationsmodellen mit der Mutter als häuslich, familiärer und sozialer Hauptbezugsperson aufwuchsen grundsätzlich erhalten.

Zusammenerziehen ist aus meiner Warte im Müttermilieu schon aufgrund der Vereinnahmung meiner Frau als Mutter oder deren Abstoßung als "Rabenmutter" kaum möglich - es sei denn am Rande oder im Abseits als den besseren Orten für geschlechtergerechtere Erziehung...

Insoweit kann ich auch auf die Anerkennung von Müttern in Bezug auf meine Erziehungskompetenz gut verzichten bzw. bin darauf nicht angewiesen - mein Ansatz ist mit denen die in mütterlichen Kontexten entstanden sind nicht vergleichbar, noch nachvollziehbar oder sonstwie anschlußfähig.

vermutlich werden Väter wie ich nur deswegen ignoriert, weil sie im mütterlichen Horizont gar nicht vorkommen oder wenn als nicht vollwertig betrachtet werden.

So selten sind sie nämlich nicht, ich hatte keine Schwierigkeiten ein halbes Dutzend binnen 6 Monaten zu kontaktieren und mit diesen ein tragfähiges und dauerhaftes Netzwerk zu flechten - ok, darin spielen Mütter zwar keine Neben, aber eben nicht die Hauptrolle. Und?

Ist nur anders, wird meistens übersehen weil so befremdlich wirkend das.

;-)

m.

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Ehemaliger Nutzer 29.01.2012 | 19:56

An die Männerrechtler und Maskulisten hier:

alle meine Aussagen und Positionen dienen nicht der Untermauerung irgendwelcher antifeministischen Thesen und statements.

Ich bitte in Zukunft von Einvernahmen dieser Art und ideologischer Ausschlachtung meiner Erfahrungen abzusehen. Diese sind im männerrechtlichen - noch maskulistischen Sinne durchaus nicht beispielhaft, daher verbitte ich mir Einwürfe dieser Art als Beifall von der falschen Seite.

Danke für die Beachtung.

I.

crumar 29.01.2012 | 20:54

ACHTUNG! Beifall von der falschen Seite! ;)

War spannend deine Erfahrungen zu lesen und ging in Richtung einiger meiner Mutmaßungen.

Ich denke, der Fehler gängiger feministischer Theorie ist, die Konstruktion von Geschlechterstereotypen in (weitgehend) geschlechtshomogenen Gruppen während der Sozialisation auszublenden.
Und es gibt eben zwei Gruppen nach den Geschlechtern.
Die Schnittmenge an gemeinsamen Aktivitäten ist bis zur Pubertät nicht eben groß.

Gruß, C.

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Ehemaliger Nutzer 29.01.2012 | 21:23

völlig richtig Crumar. Danke für den verhaltenen Beifall... ;)
:
Es sind diese Ausblendungen des eigenen geschlechtsexklusiven Töchter/Frauen/Mütter/Großmütter-Milieus, die in vielen - nicht allen - (vulgär)feministischen Theorien, wenn nicht eine Lebenslüge, so doch einen blinden Fleck darstellen.
Konkret:
Ich bin seit 23/13 Jahren, dank privilegierter Arbeitszeiten inkl. häusl. Arbeitsplatz, hauptamtlich erziehender Vater (was für ein Privileg!) und habe in diesem Verlauf ganze drei - mich in meiner Funktion überhaupt wahrnehmende - Mütter kennengelernt. Dem stehen gut 2 Dutzend aktiv erziehende Väter gegenüber mit denen mich teilweise noch heute eine intensive Freundschaft verbindet.
Wir treffen uns i.d. Nachbarschaft seit Jahren 1-2x im Monat zum lockeren kulturellen Austausch, mit Kindern und unseren Partnerinnen versteht sich.

Folglich sind auch die Schnittmengen der Töchter und Söhne dieser besonderen Gruppierung erheblich und selbst die derzeit mal wieder laufende Pubertätsphase ist unterhaltsam: unser Jüngster hat sich kürzlich mit der Tochter eines der besagten Väter spontan zum Abtanzball verabredet und nun ist er und meine Frau in der Pflicht...
;-)

Die andere Seite formuliert meine Frau so:
"dadurch kann ich nicht nur mehr Frau, sondern auch viel freier Mutter sein."

Der Bezug meiner Frau zu ihrem Sohn und umgekehrt verdient a.m.S. das Prädikat einzigartig.

Kuhaugen umstehender Mütter inkl.
;-)

(Näheres in 2012 in Buchform, Interesse?)

I.

crumar 29.01.2012 | 22:56

Das ist schön von dir zu hören und vor allem von den anderen Männern, die ihre "hauptamtliche" Vaternschaft anscheinend individuell und solidarisch bewältigen.
Macht Mut!
Bin schließlich mit Fernbeziehung und Kinderwunsch unterwegs, was sich mehr oder weniger ausschließt. :(
Und mit Horrorgeschichten aus Freundeskreis und Verwandtschaft versehen, was für Trennungsfolgen es geben kann für Männer.
OMG, was für Katastrophen! (aber was heißt a.m.s.? Accelerator mass spectrometry eher nicht, oder?

Es würde mich daher freuen, wenn du ein Buch veröffentlichst und ich werde definitiv zu seinen Lesern gehören.

Die geschlechtsexklusiven Milieus, "Töchter/Frauen/Mütter/Großmütter-Milieus" finde ich spannend.
Behandelst du das auch aus deiner Perspektive?

Das Problem am "Vulgärfeminismus" ist, kein anderer hat sich fast notwendig medial so durchgesetzt und durchsetzen können.
Denn die von diesem vermittelten blinden Flecken und (Lebens-) Lügen sind für das (Selbst-) Bild der Frau und von Frauen vor allem ideologisch und politisch nützlich.
Von daher ist m.E. seine Durchsetzung nicht zufällig erfolgt und seine soziale Trägerschaft nicht zufällig die weiße und akademisch gebildete Mittelschichtfrau.

Schönen Gruß, C.

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Ehemaliger Nutzer 29.01.2012 | 23:34

Lieber Crumar,

unser Jüngster ist auch aus einer ehemaligen Fernbeziehung mit ultimativen Kinderwunsch entstanden.
Nur Mut!

Mittlerweile sind wir 16 Jahre zusammen und ich habe neben der Hauptverantwortung für die leibl. Kinder auch die für 2 Stiefkinder übernommen, inzwischen sind von von den 4 drei Kinder flügge...

Lass´ dich bitte in diesen Fragen nicht von Horrorgeschichten oder anderen Negativ-Lightshows entmutigen oder blenden.

Es ist EURE Entscheidung und die Wege dahin sind ebenso eure, niemand sonst hat ein Recht da mitzusprechen. Soweit zu den Einredungen derer die glauben dazu berechtigt zu sein...

Ansonsten hast du durchaus recht mit deiner Schichtzuordnung und den Anmerkungen des vor allem marktgängigen Vulgärfeminismus.

Aber wen bitte ficht das an, wenn Liebe im Spiel ist?

Mein Reservoir an Geschichten und denkwürdigen dazu ist schier unerschöpflich, von daher ist das mit dem Buch kein Problem.
Die Kolumne hier könnte ich problemlos Woche für Woche mit meiner - durchaus humorvollen - Sicht der Gender-Komplexe auf beiden Seiten füllen.

Nur die KollegInnen wären u.U. nicht so begeistert davon, obwohl - wer weiß?
;)

Übrigens gibt es hier einmal im Jahr ein inoffizielles Männer / Väter (und solche die es werden wollen) "Symposium".
Das musst du dir als generationenübergreifenden lockeren Austausch bei gutem Essen und Trinken - (jeder bringt was mit) in naturnaher norddeutscher Umgebung vorstellen.
Wer was zu sagen hat, spricht. Mann lernt einander im je eigenen Tempo kennen. Wer zuhören will, hört zu. Wer sich bewegen möchte, wer was ausprobieren möchte, macht das.
Einfach Ess, Vortrags, Gesprächs - und ggf. ins-Feuer-starrende-Nachdenk Manchmal auch Musik Lieder, Geschichten zum Versacken.
Jeder hat seine Zeit und kann ankommen wie und wann er will.
Nicht jedermanns Sache, aber ein einmalig offener Rahmen für Männer und Väter, denke ich.

Das finden auch unsere Frauen, daher unterstützen sie dies im Hintergrund.

Kuhaugen deiner Partnerin davor und danach garantiert...
;)

wenn du Lust und Interesse hast, melde dich.

I.

crumar 30.01.2012 | 02:05

Zunächst einmal zwei Dinge:

1. Ich unterstütze hiermit deinen Antrag, aus Frau Rönickes "Sex-Kolumne" eine wirkliche "Gender-Kolumne" zu machen!
Nämlich im Wechsel aus weiblicher und männlicher Perspektive Themen zu beleuchten.

2. Ich danke dir für die Einladung und werde mich gerne beteiligen, wenn ich in der neuen Stadt weniger fremd bin und einige berufliche Dinge geklärt sind, für die ich tingeln muss.
Und leider ist tingeln bei mir die Zeitzonen und ich spare mir Kommentare vom Munde ab.

Dann zu meinem Wunsch und der Realisierungschance in Sachen Kinderwunsch.
Ich mache das einen Scheißdreck von irgendwem abhängig, außer von mir und von ihr.
Der Ball ist allerdings in ihrem Spielfeld, insofern sie sich zu entscheiden hat, wie es weitergehen soll.
Und manchmal ist "Liebe" nicht die Antwort, sondern ein Fragezeichen.
You know?

Sie stammt aus einem proletarischen Milieu und ist Punk - mit den (westdeutschen) Mittelschichtfrauen habe ich so meine Erfahrungen und es endete (regelmäßig) im Desaster.

Meine Rolle in diesen (siehe Schicht) Konstellationen war die des Liebhabers und zwar egal, was die sexuelle Orientierung ursprünglich war (hetero, bi, lesbisch) und egal welcher Kontinent. Und völlig egal, wie ich mich von Anfang an positioniert habe.
Ich sage mal so: Die Fähigkeit zum Selbstbetrug und zur Begradigung des Gefälles zwischen theoretischem Anspruch und gelebter Wirklichkeit fand und finde ich enorm.

Ich fände das weniger berichtenswert, würde ich hier (Freitag) nicht genau den selben Typus Frau am Werk sehen - ohne Namen nennen zu wollen.
Saaaaagenhaft.

Schönen Gruß, C.

luzieh.fair 30.01.2012 | 10:28

Halli-Hallo!

Zunächst: ich stimme vollkommen zu - ein erster Schritt, den Muttermythos zu durchbrechen, wäre auf sprachlicher Ebene eine Voraussetzung für Mehr zu schaffen.

"Warum gibt es eigentlich keine Kultur des Zusammenerziehens?"

Vor ein paar Tagen habe ich zufällig, und auch irgendwie nicht, ein Interview in einer dieser merkwürdigen "Eltern-Zeitschriften" gelesen, an das ich gerade denken musste: Da ging es um den Zusammenhang von schreienden Kindern und gestresten Eltern (respektive: Müttern). Frau Donner von der Uni Göttingen kam darin zu dem Schluss, dass Eltern nicht so gestresst wären, wenn sich (wie wohl in einigen anderen Kulturen üblich) mehr Menschen um die Kinder kümmern würden, als der Elternteil, der zu Hause bleibt.

Ich glaube, dass es sehr wichtig ist (auch für eine etwaige Beziehung der Eltern), mehr als zwei Menschen in den Prozess der Betreuung und Erziehung einzubinden. Das müssen nicht unbedingt die Großeltern sein, das können auch Freunde sein, die Lust darauf haben. Familienwohnprojekte zum Beisspeil entzerren das zu zweit, oder alleine Eltern sein. Wenn sich mehrer Menschen absprechen können, wer am Abend auf die Kinder aufpasst, damit andere twas anderes machen können, wenn sie wollen, gewinnen sonst so eingebundene Eltern ein Stück Freiheit.

Leider wird ja politisch noch immer das Konzept der klassischen (verheiraten) Kleinfamilie gefördert und alternative Lebensmodelle sind nicht besonders -naja- lukrativ. Das klingt banal, aber für (junge) Eltern, die mitunter jeden cent umdrehen müssen, spielt es eine Rolle, dass sie mehr finanzielle Förderung bekommen, wenn sie sich für die "klassische" Variante entscheiden.
Das ist ein ziemlich enges Korsett.

Aber, wie gesagt, Sprache konstruiert udn strukturiert Realität. Und die politischen Mühlen mahlen bekanntlich langsamer, als die Wirklichkeit sich entwickelt. Also machen wir doch den Anfang und benennen all die alternativen Lebenskonzepte als "zusammenerziehend", auf das dieses noch holprig anmutende Wort mit der Zeit leicht über die Lippen geht.

Ismene 30.01.2012 | 11:05

Hallo ideefix,

der letzte Satz ist aus meiner Sicht so richtig wie bedauerlich.

Was das Hamsterrad angeht, das kann ich durchaus bestätigen, umso wichtiger finde ich es, dass auch die Väter hier Raum haben. Und zwar vor allem mit Blick auf die Kinder. Ich jedenfalls erlebe die Ansichten von Vätern (die ich aber auch ausdrücklich erbitten muss) bisher immer als hilfreich - sowohl für mein Verhalten als auch für das Verhältnis zum Kind.

"Das folgt bei einem Vater anderen Gesetzmäßigkeiten, da er sich die dazu nötige Kompetenz und vor allem Zeit erstmal aneignen muss."

Frauen müssen sich diese Kompetenz allerdings auch erst einmal aneignen. Wobei die Netzwerke - auf Grund gesellschaftlicher Gegebenheiten (wie oben beschrieben) - oft schon vor der Geburt angelegt sind. Allerdings ist diese Kompetenz manchmal auch wieder sehr einseitig.

Ich hoffe, dass dieses Anderssein mit der Zeit weniger befremdlich wird. Und ich kann überhaupt keinen Nachteil darin sehen, dass Väternetzwerke entstehen. Ganz im Gegenteil.

Ich erlebe ein zusammenerziehend, das gut funktioniert, aber - das soll nicht verschwiegen werden - das auch in diesem Umfeld einzigartig ist und auch noch nach Jahren misstrauisch beäugt wird.

Gruß
Ismene

Katrin Rönicke 30.01.2012 | 11:46

Lieber ideefix,

vielen Dank für Ihre Eindrücke. Ich beziehe mich auf Ihren ersten Beitrag.
Wenn ich den Voelchert in meiner Kolumne anführte, dann vor allem, weil es in seinem Trennungsbuch ("Trennung in Liebe") vor allem darum geht, dass der Respekt unbedingte Voraussetzung ist. Von daher sind wir vollkommen auf einer Wellenlänge.

Auf der anderen Seite beobachte auch ich, was Sie anführen: Dass manche Eltern ihre Kinder und die Verantwortung für diese benutzen, um Macht zu erlangen. Ich glaube, das führt Jesper Juul in den "Bonuseltern" näher aus. Und das wird dann vor allem in Trennungssituationen zum Problem. Ich zitiere: "Einst haben wir geglaubt, dasses vor allem die alleinerziehenden Mütter wären, die sich an die Verantwortung - und damit an die Macht - klammern, aber die Entwicklung hat gelehrt, dass dies ebenso für alleinerziehende Väter gilt. Daran ist nichts gefährliches, solange derjenige, der die Verantwortung trägt, dem anderen kein verantwortungsloses Verhalten vorwirft und sich damit zum Opfer einer Bürde macht, die er sich selbst aufgehalst hat."

Ich glaube, hier kommt das alles sehr schön auf den Punkt. (das mag ich an Jesper Juul, dass er unschöne Tatsachen immer sehr knapp und ohne großes Tamtam auf einen Punkt bringt).

Natürlich ist das alles noch sehr mit Geschlechternormen verwoben und mit meinem obigen Text ging es mir um nichts anderes, als genau darauf hinzuweisen um einen Anfang zu machen, diese zu reflektieren und bestenfalls aufzubrechen.

Was dazu immer gehört sind jene Geschichten, die tatsächlich schon *gelebt* werden. Deswegen danke ich für alle Ihre Erfahrungen, die Sie hier mit uns geteilt haben.
ich selbst kenne einen weiteren Vater, der so aktiv geteilt erzieht. (Er ist daneben auch Sozialpädagoge und hat sehr viele Kompetenzen im bereich Bildung; eine Kolumne würde er aber dennoch eher nicht schreiben; warum man mich nahm, können Sie ja einmal meinen Arbeitgeber fragen - aber ich bin eigentlich sehr froh - da ich meine Gedanken für lesenswert halte)

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Ehemaliger Nutzer 30.01.2012 | 12:02

Danke für Ihren Hinweis, aber über das Vorhandensein der Männer/Frauen-Kolumne wusste ich bereits - ich habe da auch kommentiert. Ich meinte diese hier:
"Katrin Rönicke schreibt in dieser Kolumne über Gender- und Bildungsthemen, zuletzt über [..] im Wechsel mit Verena Reygers, die sich mit Genderthemen in der Musikbranche befasst"
In dieser Kolumnenbesetzung der Genderthemen Bildung/Familie/Erziehung und Musik/Kultur ist kein männl. Autor.

Nun bin ich als Mann und Vater auch im Bereich Bildung/Erziehung und Kultur/Kunst tätig, daher die Anmerkung auf die Schieflagen bei der Erörterung dieser Themen aus Gendersicht beim Freitag.
Allerdings sehe ich durchaus, dass bspw in diesem Artikel von der Autorin versucht wird Männer/Väter inhaltlich/thematisch einzubeziehen, sonst hätte ich hier ja nicht so viel geschrieben.
Da dürften in der Gegenüberstellung doch einige Unterschiede in der Betrachtung des Gegenstands, der Fragestellung, der Begriffshandhabung und des Deutungsansatzes deutlich geworden sein.
Bspw habe ich hinsichtlich der Anführung von Bertrams "multilokaler Mehrgenerationenfamilie" (den Volltext u.a. Beiträge dazu habe ich u.a. im Studium referiert) eine andere Auffassung davon als die Autorin, die daraus eine um z.B. die Großeltern erweiterte zweigeschlechtliche Verantwortungsgemeinschaft macht, was nicht meiner - noch der Bertramschen - Lesart entspricht.
Die lebens/alltagspraktische Dominanz von Frauen, die sich wie bei Bertram richtig dargestellt multilokal und eben nicht nur haushaltszentriert darstellt, sehe ich als tendenziell Jungen/Männer/Väter - exkludierende Sozialisations - und Reproduktions (von Stereotypen und Ordnungsvorstellungen) instanz
sehr viel kritischer.

Insoweit nimmt Autorin in ihrer abstrakt bzw. eher geschlechtsneutralen Verwendung des Begriffs "multilokale Mehrgenerationenfamilie" eine Art >Entgenderung des von B. freigelegten Familienkonzepts vor, wo er lediglich den Nachweis führt, daß die Kleinfamilie als gedachte kleinste familiale Einheit lediglich eine Ordnungsvorstellung und Konstruktion der Statistik und der anhängigen Systemtheorie ist.

Eine genderbezogene Betrachtung dessen nimmt die Autorin nicht ansatzweise vor, im Gegenteil.

Das erscheint mir "verdächtig" bzw. mindestens ein - oder blauäugig.
Mithin werden auch durch begriffliche Neutralisierungen Gender - zu Frauenthemen, der Einbezug von Männern/Vätern wird durch deren Exkommunizierung durch die Hintertür des Neutralen ein scheinbarer.
Letztlich bleiben so Frauen in Theorie und Praxis auf dem Feld der Erziehung und Bildung unter sich.
Woran das liegt, dürfte sich aus dem von mir hier Geschriebenen bzw. der Textanalyse des Artikels geradezu exemplarisch erschließen.

Ich denke schon, daß diese Thesen doch ein fruchtbares Thema in der Redaktion sein könnten, was meinen Sie bzw. die Autorin Kolumnenkollegin dazu?

Danke für Ihre Rückmeldung.

I.

Katrin Rönicke 30.01.2012 | 12:28

Ich mache es kurz, denn ich bin gerade in Eile:

Meine Kolumne, ja die da oben, liegt dieses Mal mit 5.700 Zeichen schon über dem "Budget". Hätte ich Bertrams Ansatz in einer Art und Weise ausgeleuchtet, wie Sie es in Ihrem Studium getan haben, hätte ich mindestens 2.000 Zeichen mehr gebraucht.

Das ist nun einmal die Realität: ich bin Kolumnistin. Ich muss mich kurz fassen. Und ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit - im Gegenteil! Ich schreibe aus einer komplett persönlichen Perspektive - die oft auch wissenschaftlich, aber das liegt dann daran, dass ich selbst studiere und mich viel mit Wissenschaft beschäftige.
Wenn überhaupt, so kann es mein Anspruch sein, interessante Diskussion *anzuschubsen* - verschiedene Brocken in "den Ring" zu werfen, aus denen sich bestenfalls eine breitere Diskussion entwickelt.

Und auch nochmal - und auch an Sie: Ich schreibe diese Kolumne jetzt seit drei Jahren. Sie darf und soll gerne als "Gesamtwerk" gesehen werden. Genderanalysen finden sich darin zuhauf.

MfG
Katrin

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Ehemaliger Nutzer 30.01.2012 | 13:02

Liebe Frau Rönicke, ich fasse Ihre Kolumne genau so auf wie es Ihre Vorstellung einer dem Format angemessenen Rezeption ist.

Artikel und Kommentare/Diskussion betrachte auch ich als "Gesamtwerk" und die Genderanalysen inkl. Wissenschaftsbezug darin habe ich weiter oben bereits gewürdigt.

An der FH/Uni haben allerdings Frauen in der Bildungs/Erziehungswissenschaft - wie in den GS/HS/RS-Lehrämtern eine klare Mehrheit und dies wirkt sich mit zunehmender Professionalisierung des Gesamtsektors notwendig auf die "multilokale Mehrgenerationenfamilie" als informelle Assoziation sog. Erziehungspartner der institutionellen Erziehungs - und Bildungseinrichtungen aus.

Wie sie sehen, kenne ich mich nicht nur im häuslich-familiären Bereich und in lokalen sozialen Kontexten durch meine väterlichen Präsenzen in diesem Gelände aus, sondern bewege mich auch in professionellen und wissenschaftlichen Gefilden.

Da wie dort sehe ich in vielen Genderanalysen einen Männer/Väter formal/theoretisch einbeziehenden Sprachgebrauch, der im z.T. krassen Gegensatz zu den Alltags/Sozial - und Kommunikationsstrukturen der E steht.

Diese Schieflage kann m.M.n. nicht allein "den" Frauen / Müttern vorgeworfen werden, die da weitgehend sehend in den Handlungsfeldern agieren, auf die sie in ihrer multilokalen und eben nicht kleinfamilialen Sozialisation adressiert wurden.
Es wäre aber an der Zeit die Kontraste emanzipierter Lebensentwürfe zur jeweils individuellen Bewältigungsstrategie vieler Frauen zu reflektieren und die strukturellen Zwänge die durch o.g. Majoritäten und Institutionalisierung der Gender-Schieflagen zusammen mit darin bereits engagierten Männern (bspw. www.maennerinkitas.de) anzugehen und das Gender-Forum auch vor Ort und im Ausbildungs/Wissenschaftsbetrieb für dahingehend offene/aufgeschlossene Männer / Väter zu öffnen.
Es gibt davon mehr als Frau/Mutter häufig denkt, man sehe sich die wachsende Nachfrage bspw. nach Vätermonaten, familienfreundlichen Arbeitszeiten, Väterinitiativen u.a.m. an. Dies wird leider oft von den hardlinern der anti-feminist. Fraktion kontraproduktiv vereinnahmt, deren Lautstärkte sollte aber den Blick nicht auf eine erweiterte Genderperspektive verstellen.

Wenn dies für Sie nun anschlussfähiger ist, freue ich mich auch weiterhin über Ihre lesenswerten und streckenweise bemerkenswerten Beiträge.

I.d.S. ebenso freundliche Grüße

I.

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Ehemaliger Nutzer 30.01.2012 | 15:08

@Crumar
ersteinmal gutes Gelingen in den Liebes u.a. Dingen...
;-)

wenn du hier weißen, gebildeten Mittelschichtsfrauen eine Absage erteilst, dann nehme ich an, geht das auf schlechte Erfahrungen u/o Kritik am besagten Vulgärfeminismus zurück.

Ich würde das differenzierter betrachten, denn es ist ja hierzulande normal, dass die weibliche Bildungsexpansion in eine Verbreiterung der Mittelschichten mündete und die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen vornehmlich in diesem Milieu zu suchen ist.

Im Verlauf hat sich daraus eine Meinungsführerschaft und in Familien, Bildungs, Erziehungsfragen auch eine Deutungshoheit bzw. der Anspruch darauf entwickelt, was heute für nachhaltige Blockaden sorgt, insoweit dies zu einem womens-only Diskurs mit zahllosen gatekeeperinnen geworden ist, die zum Feindbild der Männerrechtler erkoren die Polarisierungen der 70/80er Jahre in die Gegenwart fortschreiben.
Dabei fallen die Frauen und Mütter hinten runter, die dem ggü auch selbstkritisch eingestellt sind und sich eine gewisse Offenheit für Männer/Väterfragen bewahrt haben bzw. diese in ihrer Partnerschaft und Familie praktisch entwickeln.
Das Kernproblem von Mittelschichtsfrauen in dieser Frage ist das weitverbreitete Streben nach einer möglichst egalitären DIWKy (double income with kids) Existenz, das i.d. Praxis oft an den berufl. Perspektiven und Einkommenschancen in den von diesen Frauen gewählten Berufen und Branchen scheitert und sich als zuweilen aggressives Frustpotential meldet.

Dabei wird die Option die Rolle der Familienernährerin im Lebensverlauf bspw nach der sog. Familienphase zu übernehmen weitgehend ausgeblendet bzw. erfolgt zu ca. 99% unfreiwillig bei den ca. 15-20 % Betroffenen - siehe
www.familienernaehrerinnen.de

Das bedeutet, dass die Gruppierung die die besten Chancen hat ein Familieneinkommen an seiner Stelle zu erzielen und damit eine im Verlauf (!) von Partnerschaft und Familie gleichberechtigte und geschlechtergerechte Ebene herzustellen, davon nichts wissen will und diesen Aspekt - da mit unangenehmen langfristigen Verpflichtungen oder subjektiv allzuhohen Risiken verbunden - ausblendet bzw. gar nicht erst zur Sprache kommen lässt.

Für Männer die aktive Väter werden wollen ist das Dilemma dahingehend nahezu unlösbar, da die schon aus materiellen Gründen infrage kommenden Partnerinnen genau aus der Bevölkerungsgruppe stammen die ggü der Übernahme der Haupteinkommensverantwortung die größten Beharrungskräfte aufweist und zugleich eine in der familiären Praxis kaum machbare diwky-Lebensform anstrebt, in der allerdings der päd. Führungsanspruch der Frau als Mutter gewahrt werden, d.h. auf gar keinen Fall von ihm beansprucht werden soll.
Wo käme die moderne Frau denn da hin, würde sie ihm ungeachtet seiner evtl. überlegenen Kompetenz in diesen Fragen für etliche Jahre die führende Rolle in der Familie überlassen und dieses Arrangement auch noch finanzieren?

Nene, diese "Rabenmutter"Spezies ist rar und geht in den Genderdiskursen regelmäßig unter, genau so wie ihre männl. Entsprechung.

Macht aber nix, gelebt wird das Modell dennoch und es ist sicher weniger verkrampft als die diwky-Modelle und hat den Vorteil der Realitätstüchtigkeit.

Meine Empfehlung
;-)

I.

crumar 30.01.2012 | 17:48

@ideefix
Die Liebe - Seufz - die Liebe.... ;)
Vielen Dank für deine Wünsche!

1. Ich schildere mal Erfahrungen mit besagten Frauen beispielhaft exemplarisch live und in Farbe:

Ich schrieb:
"Ich unterstütze hiermit deinen Antrag, aus Frau Rönickes "Sex-Kolumne" eine wirkliche "Gender-Kolumne" zu machen!
Nämlich im Wechsel aus weiblicher und männlicher Perspektive Themen zu beleuchten."

Eine gewisse Frau schließt daraus:
"Sie fordern weiter unten, meine Kolumne abzuschaffen."

Sagen wir mal so.
Ich sach ma so.
Es ist sozusagen genau diese sehr kreative Leseleistung ein Bestandteil meiner Erfahrung, deren Konsequenz und Verdichtung die Verdrängung des von mir gesagten zugunsten eines subjektiv Empfundenen ist. Welches wiederum in eine Anklage gegen mich gewendet wird.

Wobei die subjektive Empfindung eine objektive Realität konstruiert. Denn die subjektive Empfindung der Frau ist die objektive Realität!
Wer anderes behauptet, wird mit einer problemorientierten Beziehungsdiskussion (POB) zwischen 0.00-03.30 Uhr abgestraft (auch problemorientierte Mitternachtsdiskussion POM genannt).
Und natürlich ist das ein Legitimationsmarathon für genau ein Geschlecht. ;)

Ich hatte irgendwann keine Lust mehr auf die Verschwendung meiner Lebenszeit.

2. Ich denke, die Arbeitsteilung nach Geschlecht ist eben wesentlich älter als es sich in Erwerbsbiographien der letzten 40 Jahre ausdrückt.
Und ebenso normsetzend wie Männer am "workplace" waren qua alleiniger Zuständigkeit waren dies Frauen "in Familien, Bildungs, Erziehungsfragen".
Das ist nicht böse gemeint gewesen, sondern Ausdruck simpler und kulturell tradierter Mehrheitsverhältnisse.
Von daher ist die Integration des jeweils anderen Geschlechts natürlich schwierig.

Die Meinungsführerschaft in Reproduktionsfragen ist demnach wesentlich älter als der Feminismus.
Was der biologistisch-essentialistische Feminismus (u.a.) jedoch macht, ist die erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Frauen, die sich diese gemäß ihrer Zuständigkeit im Reproduktionsbereich (Erziehung, soziale Arbeit, Pflege usw.) erwerben konnten gegen den Produktionsbereich und dessen Anforderungen auszuspielen.

Dieser Bereich gilt ihnen als das schlechthin andere, menschlichere - um den Preis, den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang auszublenden, in dem sie jedoch leben.
Doppelbotschaft: Sich an genau dieser unmenschlichen Erwerbsarbeit zu beteiligen, die zeitgleich durchgängig negativ als patriarchal durchseucht etikettiert wird.

Wie wenig eine Propaganda ernst zu nehmen ist, die Frauen wären wirklich darauf aus, ökonomisches burden sharing durch die Verantwortungsübernahme eines 50% Anteils am Familieneinkommen zu ermöglichen, zeigt ein einziger Link:

www.studieren-im-netz.org/vor-dem-studium/orientieren/beliebte-studiengaenge

D.h. das Streben nach einer egalitären DIWK (double income with kids) Existenz scheitert einfach an den ökonomischen Möglichkeiten seiner Realisierung.
Deshalb wirst du auch propagandistisch die Abschlussnoten der Studentinnen verwertet finden - bei gleichzeitiger Aussparung der interessanten Frage, in welchem FACH diese erzielt worden sind.

Es sind genau die Fächer, vor denen das Arbeitsamt schon immer gewarnt hat.
Wie sagenhaft erfolgreich diese Vermeidung von Verantwortung für das eigene Leben ist beschrieb ich in einem Blogbeitrag zum Bewusstsein heutiger Studentinnen an Hand eines SPON-Artikels:

"Viele von ihnen haben sich vorher (Anm.: vor dem Abschluss des Studiums) noch nie mit dem Thema Gehalt beschäftigt."

Wir schreiben das Jahr 2011 - schrieb ich.

Dies beeinflusst sogar das Verhalten in der Vorbereitung von Bewerbungsgesprächen im Vergleich zu Männern:

„Männer dagegen legen sich mehr Argumente fürs Bewerbungsgespräch zurecht, ersinnen Antworten auf Einwände, erwägen verschiedene Gesprächsverläufe.“

Was dafür spricht, dies nicht ernsthaft zu betreiben und das wiederum spricht für die Tiefenexistenz eines Plan B im weiblichen Bewusstseins für den eigenen Lebensentwurf, den es für Männer noch immer nicht gibt.
So gesehen ist die Behauptung der Meinungsführerschaft für diesen Plan B doch halbwegs logisch, oder?
Da spricht das Kollektivunterbewußtsein des weiblichen Kollektivsubjekts...

Ich denke es wird sich ändern, wenn mehr Männer das burden sharing und die Teilhabe an Aufzucht, Hege und Pflege der Familie einfordern.
Bzw. eben in einem Tausch traditioneller Rollen leben.
Und Frauen meiden, die dies - ungeachtet der Ideologie und Propaganda - nicht mittragen wollen oder können.

Lieben Gruß, C.

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Ehemaliger Nutzer 30.01.2012 | 20:46

Hallo Crumar,

hm, wie´s aussieht hast du dein Abo auf problemorientierte Beziehungsdiskussion bzw. problemorientierte Mitternachtsdiskussion POM genannt gekündigt, zumal es auf einen "Legitimationsmarathon für genau ein Geschlecht" hinauslief.

Asymetrische Kommunikation könnte man dies auch nennen.
Mir sind solche letztlich defizitorientierten "Beziehungs"Problematisierungs-Ansätze auch bekannt, es handelt sich aus meiner Sicht um ein Ablenkungsmanöver.
Zu solch einseitigen Veranstaltungen kann es jedoch nur unter der Prämisse kommen, daß beide davon überzeugt sind, daß Frauen auf irgendeine nicht näher beschreibbare Weise die besseren Menschen sind.

Es gibt selbstredend sehr viele Frauen die davon ausgehen bzw. diesen Allgemeinplatz ausspielen, aber ich fürchte noch viel mehr Männer. Das ist das eigentlich Tragische an diesem Aneinandervorbeireden, daß sich besonders mit der Ankunft gemeinsamer Kinder zu verdichten droht, weshalb viele Paare von dieser Idee Abstand nehmen, zumal damit über einen längeren Zeitraum gewisse Einschränkungen auf sexuellem Gebiet verbunden sind, das bis dahin oft als das entscheidende Gegengewicht zu den POB/M fungierte... ;-)

Tja, als Mann hatte und habe ich diese Probleme mit problem - und defizitorientierten Beziehungskistengekaspere nicht, weil ich der Prämisse "Frauen sind die besseren Menschen" schlichtweg nicht folge. Frauen sind strukturell benachteiligt undundund - was zu bedenken und zu ändern ist. Die daraus resultierenden individuellen Bewältigungsstrategien sind allerdings i.d.R. so angelegt, dass du dich als Mann dazu komplementär zu verhalten hast. Ich sehe aber gar nicht ein bspw. eine solistische Berufsentscheidung ihrerseits mitzutragen, die es mir - da sie damit kein Familieneinkommen erzielen kann - langfristig unmöglich macht meine Vorstellungen von Partner - und Elternschaft zu realisieren.

Die Frage ist doch nicht nur, ob die Lebensentwürfe von Frauen die Kinder haben möchten zu denen ihres Partners passen, die Frage ist doch, ob diese Entwürfe nach einer Berufswahl die klass. Mustern (siehe Studiengangswahl-Link) überhaupt realistisch bzw. realisierbar sind.

Indem ich auch mal Germanistik und Pädagogik studierte, habe ich zugleich Feldstudien dazu betreiben können...

"Zusammenerziehung" ist in diesen Lebensausrichtungen von Frauen nach meiner Erfahrung wenig mehr als ein Lippenbekenntnis, die Praxis sieht sehr anders aus.

In neuerer Zeit wird ein wenig mehr männl. Beteiligung an der Familien - und Erziehungsarbeit im Sinne einer Entlastung der allzuständigen Mütter gefordert. Diese Parole geht so durch, weil hier immer noch auf die "Frauen sind die besseren Menschen" - Prämisse als sittlich-moralische Grundlage rekurriert wird.

Um es mal zuzuspitzen: diese "Beziehungslogik" die da zur Anwendung kommt, ist Teil eines letztlich resignierten Gender-Pragmatismus der i.d. Philosophie wie in der Praxis nicht zufällig als Ausfluss instrumenteller Vernunft gilt.

In Kurzform:
die individuellen bzw. individualistischen Bewältigungsstrategien von Frauen münden zwangsläufig in die Instrumentalisierung ihrer Partner, erst recht wenn die Kinder da sind.
Das funktioniert nicht mit mir und wenn ich mich umgucke boykottieren immer mehr junge Männer dieses fälschlicherweise als auf geschlechtergerechte Bezüge abzielend dargestellte Beziehungs - und Familienmodell.

Für mich sind daher Frauen, die mich auf dem Hintergrund ihres geschlechtsspezifischen Individualismus in POB/M verwickeln wollen zuallererst eines:
beziehungsunfähig.

Da diese "Gespräche" notwendig und zwangsläufig im Sande verlaufen bzw. nichts bringen, besteht der auf die Resignation folgende nächste Schritt darin einen halbwegs lebbaren Beziehungspragmatismus zu entwickeln, wobei natürlich - ausgehend von o.g. Dauerprämisse - nicht sie sondern er defizitär zu sein hat.

Ich glaube es war Marcuse der solche Schrittfolgen als typisch für ein unglückliches Bewusstsein beschrieb.

Hm. Es ist praktisch unmöglich ein solches Bewusstsein zu wandeln, wenn die Trägerinnen sich dessen nicht bewusst sind und alle Vorkehrungen getroffen haben, dass darin niemand rühren kann.

Das erste und zugleich dickste Brett was da zu bohren wäre, ist wie schon gesagt der unausrottbare Glaube, daß Frauen die besseren Menschen seien.

Gib´ diese Annahme auf und es geht dir besser. Frauen die das machen, erfahren es ähnlich. Wie´s aussieht, werden es täglich mehr, als besteht kein Anlass dazu nachtragend zu sein, sondern es gibt sehr gute Gründe zuversichtlich zu sein und angesichts der o.g. Aufgabe mal andere Kaliber zu verwenden.

Gutes Gelingen dabei
und liebe Grüße zurück.

I.

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Ehemaliger Nutzer 30.01.2012 | 20:59

Hallo Ismene,

es freut mich, dass euer zusammenerziehen funktioniert.

Du hast sicher recht in der Betonung, dass dies einzigartig ist und mißtrauisch beäugt wird.

Ich schrieb ja schon, daß dies möglich ist - aber auch sehr viel verlangt.
Dennoch bin ich zuversichtlich, da die Diskussion nicht nur auf der Mütter - sondern auch und gerade auf der Männer und Väterseite ins Rollen gekommen ist.

Meine Söhne wollen jedenfalls entlang des ihnen vorgelebten Beispiels im Falle der Elternschaft zusammenerziehen und sind sich des Preises den sie und ihre Partnerin u.U. dafür zu zahlen haben sehr bewusst.

Das ist eine sehr wichtige Voraussetzung für den Erfolg solcher Vorhaben - auf beiden Seiten, denke ich.

LG

I.

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Ehemaliger Nutzer 30.01.2012 | 22:34

@ Katrin Rönicke

abschließend möchte ich mich bei Ihnen bedanken für Ihren Artikel und Ihre Repliken auf meine Beiträge hier.

Es ist mir ein Anliegen in diesen Fragen einen konstruktiven Ansatz zu liefern und mich nicht in dekonstruktivistischer Kritik zu verlieren bzw. zu verzetteln.

Im Nachdenken über die konkrete "Zusammenerziehung" mit meiner Frau bzw. im zusammendenken, kam uns die Idee, dass ich hier fortan im eigenen Blog, ergänzend zu den Beiträgen von Ihnen und Ihrer Kollegin alle paar Wochen meine Sicht zu Fragen der Erziehung, Bildung und Kultur darlege und dabei sicherlich das Kolumnenformat bevorzugen werde.

Vielleicht schauen Sie zgZ mal vorbei und mischen mit bzw. sich ein.

Ich verspreche Lesenswertes mit einem guten Spritzer Humor und einiges von Wissens - und Unterhaltungswert in Genderfragen - nur eben aus meiner Ihnen und wohl sehr viel anderen Frauen nicht ohne Weiteres zugänglichen Perspektive.

(ansonsten glaube ich alle zwischendenzeilenbotschaften verstanden zu haben)

mfG

Ideefix

Katrin Rönicke 30.01.2012 | 22:35

Hallo Crumar,

mea culpa.
vermutlich liegt es wirklich an mir - oder an einer Mischung aus Ihrer Ankündigung, sie seien "von der falschen Seite" (was ich als: "ich bin eher antifeminstisch eingestellt" gedeutet habe - wenn ich auch da falsch gelegen haben sollte, dann verkrieche ich mich jetzt einfach in ein Mauseloch)

- na jedenfalls habe ich es wirklich so eingeordnet und es mit einer Brille der Verteidigungshaltung gelesen. Andererseits machen Sie schon eine recht einseitige Frauenbetrachtung auf... also naja. Ich habe es falsch verstanden. Sorry.

Für alles andere fehlt mir gerade der Kopf, da Sie mich mit dem Beginn dieser - wirklich sehr spannenden und sicher gewinnbringenden Diskussionen - an einem sehr ungünstigen Tag erwischen. Was wiederum sicher auch dazu beitrug, dass ich heute "sehr kreative Leseleistung" an den Tag lege-

"Eine gewisse Frau" finde ich dennoch unhöflich. Sprechen Sie mich doch bitte einfach an. Ich komme mir sonst hier irgendwie deplatziert vor. Ich beiße eigentlich nicht. Und bin auch sonst in Wirklichkeit ganz anders, als die meisten mich hier wahrnehmen - aber sagen Sie's nicht weiter! Nicht, dass die Leute noch aufhören, sich unter meinen Kolumnen über "die" Feministinnen aufzuregen. ;p

Gute Nacht in die Runde

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Ehemaliger Nutzer 30.01.2012 | 23:20

dann bleibt nur zu wünschen, daß heute abend jemand da ist, der Sie auffängt und für einen angemessenen Ausklang sorgt.
Auch wenn Sie dazu telefonieren und evtl. das Fahrrad oder ein Taxi bemühen müssen.

Es gibt Tage da ist es erlaubt einen Menschen zu brauchen und sich einfach mal fallen lassen und mensch sein zu dürfen.

Dies sei´ Ihnen vom Ideefix gewünscht, wirklich.

I.

crumar 30.01.2012 | 23:56

Es ist mir natürlich ein Herzensanliegen mich als Maskulisten zu outen, der zugleich Marxist ist - von daher bekenne ich mich zum Marxschen Humanismus, menschlicher Emanzipation und den Menschenrechten.

Da steht jedoch kein Geschlecht.

Ich hatte den Feminismus immer als (kritischen) Wegbegleiter verstanden in der Realisierung dieser Vorhaben.
Und irgendwann feststellen müssen, dass die meisten Spielarten des Feminismus verfahren wie die Bourgeoisie zur Zeit der französischen Revolution.
Nämlich Emanzipation zu halbieren.
Und zwar aus Klasseninteressen notwendig folgend eine halbierte Emanzipation zu betreiben.
Diese Einsicht kam mir, als ich 2003 den Artikel im SPON las "Eine Krankheit namens Mann".
Der sich in der These ergeht, der Mann sei ein genetischer Krüppel und Träger eines Mördergens, welches einfach nur zu entsorgen sei.
Die ersten Opfer des Faschismus in Deutschland waren euthanisierte Krüppel - es gab wegen dieses Artikels keinen Widerspruch und kein Aufschrei. Das fand ich bemerkenswert.

Dies wiederum heißt, es muss vorab erst eine Atmosphäre geschaffen worden sein, in der solch ein Artikel geschrieben werden kann, der dann auffällig ist, wenn schlicht "Männer" durch "Juden" oder "Neger" ersetzt werden.
Es ist ein lupenrein rassistischer und sexistischer Text.
Fragen Sie einen Maskulisten, ob er diesen Artikel kennt und sie werden eine überraschend hohen Kenntnisgrad feststellen.
Wenn Sie sich fragen, warum Männer so sauer sind und warum viele ihre Wut abrauchen lassen, dann fragen Sie sich bitte wie Sie sich verhalten würden, wenn man Sie mit dem Faschismus bedroht und Sie als genetischen Müll bezeichnet.
Auch Sie werden dann eher geneigt sein, Ihr Gegenüber nicht als "links" aufzufassen.

Das ganze ging weiter bis zum legendären SPD Programm von 2007, wo es ja heißt, es müsse die männliche Gesellschaft überwunden werden, um die menschliche zu erreichen.
Was a. bedeutet, im Denken den Klassenbegriff gänzlich durch (biologisches!) Geschlecht zu ersetzen.
Der Müllmann ist der Kapitalist qua Geschlecht und Friede Springer is natural born unterdrückt.
Was b. heißt, die menschliche Gesellschaft funktioniert nur durch Überwindung des Mannes, der zugleich keinen Platz hat in dieser menschlichen Gesellschaft.
Und wenn es noch dichotomer sein soll in Kürze: Frau=Mensch, Mann=Unmensch.

Auch da frage ich Sie, wie Sie sich verhalten würden, wenn ich Sie mit einer solchen Zuschreibung konfrontiere?!
Ich komme aus meinem biologisch invarianten Geschlecht nun einmal genauso wenig heraus wie Sie.
Ich sehe bei den hier maskulistisch tätigen Männern genau die Selbe Desillusionierung, die Enttäuschung und die Wut am Werk, die auch bei mir irgendwann eingesetzt hat.

Die Wut finde ich produktiv, doch die führt on the long run zu nichts und verbirgt die tiefe Ratlosigkeit, wie es denn weitergehen soll.

Ich weiß es auch nicht.
Mir scheint der Weg auf, wenn ich mich mit anderen Männern austausche und sehe und lese (bspw. "Sprechende Männer", der "Männerversteher") und deren Entscheidungen auf mich beziehe.
Manche berühren mich und andere nicht.
Von manchen kann und will ich lernen, bei anderen ist mir die Distanz zu ihrem Weg zu groß oder zu unverständlich.
Akzeptabel, jedoch nicht meins.

So weit, so nachvollziehbar?

Schönen Gruß, crumar

crumar 31.01.2012 | 00:54

Du hast mir mehreren Dingen recht.

Ich habe wirklich mein Abo auf die POB/POM gekündigt zugunsten einer Frau, die wirklich zur Selbstkritik fähig ist. ;)
Natürlich ist die Konstruktion vorher asymmetrisch gewesen, weil sich in dieser Beziehungskonstellation ein Machtgefälle verborgen hat.
Wenn du per Theorie jederzeit in der Lage bist eine echte Beziehungsdiskussion zu verlassen, um dich auf eine Meta-Ebene zu schwingen, die dir Vorteile im "Diskurs" verschafft, dann machst du das auch (bzw. inzwischen ist das eine weibliche Spezialität).
Wenn es gar nicht mehr um eine konkrete (individuelle und gemeinschaftliche) Entscheidung geht die ansteht, sondern dass alleine die *Entscheidungssituation* eine rein männliche "Konstruktion" ist und demnach falsch, dann ist das ein bequemer Ausweg.

Es ging um die Frage, wohin wir ziehen, um unser gemeinsames Leben zu bewerkstelligen und ich habe konkret zugesagt, ihr bis NY zu folgen.
In der Folge mutierte ich in ihren Augen zum frauenfeindlichen Alien - weil sie sich nicht traute ihren Lebensweg zu realisieren und genau dort bleiben wollte, wo sie auch lebte und lebt.
Was aber nicht Thema war und sein sollte.
D.h. die gesammelte weibliche Unsicherheit bekam ich ab, eben verdreht und mit "feministischen" Argumenten unterfüttert.
Ich hatte einfach keine Lust mehr, diesen Spiegel abzugeben, der nichts zeigt.
Und das ist nur die halbe Wahrheit - ich habe gelitten und geheult bis zu dieser Erkenntnis.

Inzwischen bin ich auf einem "einfachen" Weg: Klares Bekenntnis zu mir und zu uns (von mir vice versa) oder fuck off.

Du hast mit den "Frauen sind bessere Menschen" einen wunden Punkt berührt, insofern dies natürlich im Titel des Buches von Arne Hoffmann steht und dieses Buch war - ungeachtet der Tatsache, dass ich mit vielem nicht einverstanden bin - ein Hallo, wach! für mich.
Und andererseits war dieses Bewusstsein nach dem Zusammenbruch des Sozialismus auch stilprägend.
Wenn schon nicht eine menschlichere Gesellschaft, dann wenigstens ein menschlicheres Leben für Frauen im Kapitalismus.

Genau diese Aussparung: Wieso eigentlich nicht ein menschlicheres Leben für uns Männer? deutet m.E. darauf hin, dass wir uns selbst für weniger lebenswert und liebenswert halten.
Und dies hat eben eine (kulturell tradierte) Tradition, auf die sich die Feministinnen klammheimlich verlassen.

Wie Arne schrieb, waren die meisten Opfer der "Titanic" tatsächlich nicht Menschen der dritten Klasse, sondern schlicht Männer.
D.h. diese Ideologie setzt an etwas an, mit dem Männer mehrerer Generationen groß geworden sind und das tief in uns verankert ist.
Natürlich bin ich schneller in einem Rettungsboot als 99% aller Frauen - mit Kind unterm Arm ebenfalls.
Wieso sollte ich dies nicht einsetzen?
Was genau hindert mich daran?

Ich denke, die Wirkungsmacht des "Vulgärfeminismus" setzt auch an unserer Unfähigkeit an, sich mit uns selbst zu beschäftigen. Zu klären, was wir eigentlich wollen in unserem Leben - und zwar unabhängig von Beziehung, Frau und Familie.

Ob wir täglich mehr werden?
Ich habe Zweifel anzumelden! ;)

Aber es hat Spaß gemacht mit dir zu reden und ich empfand es als einen Impuls nach vorne.
Und ich bin schließlich Avantgarde.
Ich melde mich auf jeden Fall, wenn ich den Kopf über Wasser habe und freue mich einstweilen von die gehört zu haben und von dir zu lesen!

Lieben Gruß, crumar

cuchulainn 31.01.2012 | 17:57

@crumar

ich habe mir den spiegel-artikel von 2003, von dessen existenz mir bis jetzt nicht bekannt war, mal durchgelesen, verstehe aber nicht ganz, warum der dich so arg mitgenommen hat:

der aufsatz besteht zur hälfte aus halbwissen, das jeder durchschnittliche abiturient mit bio-grundkurs an die wand spielen kann, und suggestivbehauptungen (wie zb, dass die embryonalentwicklung von weiblich zu männlich verlaufe ("wie das weib zum mann wird"), ws schlicht kappes ist) - warum regst du dich also auf?

savvyant 03.02.2012 | 13:44

Das Thema ist wichtig, und gar nicht so utopisch. Jedenfalls trifft "zusammenerziehend" genau meine Lebensform, die für alle Beteilgten ziemlich gut funktioniert. Ich will mich hier nicht als besser als andere darstellen, möchte nur sagen, dass es tatsächlich möglich ist, sowohl eine gleich starke Beziehung und Verantwortung beider getrennter Elternteile zum Kind zu pflegen und auch mit weiteren Bezugspersonen wie den neuen Partnern, Paten und Grosseltern, Nachbarn und Freunden eine Art übergeordneten Familienzusammenhalt aufzubauen.

Allerdings ist mir schon immer aufgefallen, dass ich wohl keine "typische" Mutter bin, da ich meine Kinder immer wieder gerne auch anderen Menschen anvertraut habe (ca. ab dem Alter von 6 Monaten). Das heisst nicht, dass ich mich damit emotional vom Kind abwende, aber dass ich diese sogenannte Keimzelle Mutter-Kind in einem grösseren sozialen Raum sehe, wo es viele verschiedenen Werte und Beziehungen gibt.

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Ehemaliger Nutzer 07.02.2012 | 02:10

Warum denken bei dem Wort "alleinerziehend" alle nur an Frauen?

Weil wir 2 Millionenen "alleinerziehend" e haben, die mit Besamung und Trennung einen subventionierten Lebensentwurf leben, der von Feministen selbstbestimmt genannt wird, nur das regelmäßig die Hartz4 Beamtin und die Jugendamtsbeamtin vorbeikommt, um zu schauen, ob der selbstbestimmte weibliche Lebensentwurf sich nach staatlichen Vorgaben entwickelt.
Das ist Emanzipation 2012.

Marilette 23.02.2012 | 20:46

Habe den Thread hier gelesen und teilweise überflogen.
Hier mein Erfahrungsbericht rund um die Thematik:
Ich würde mich als Teilzeit-Mutter bezeichnen und meinen Ex als Teilzeitvater.
Die Diskussion ist mir insgesamt zu sehr in die theoretischen Befindlichkeiten von Beziehungsenttäuschten abgeglitten, die sich in Rollenmodellen als Väter befinden, die ihren Ansprüchen an Erziehungsmachtspielraum nicht gerecht werden können, weil u. a. "die Frau als solche" angeblich als der "bessere Mensch" gelte und sie sich somit in mehrerer Hinsicht im Nachteil seien. Das halte ich für eine unsinnige Argumentation, die nur wieder zwischen männlich und weiblich polarisiert, was für mich als überzeugter Dazwischenmensch, der alles sein kann, was er will und sich als Aufgabe nimmt, nicht wichtig ist.
Es wurden bisher kaum Alternativen an Bezeichnungen und Praxen deutlich, wie Erziehung gemeinschaftlich, aber dennoch definitiv individuell gelingen könnte.
Wer sich trennt und/oder scheiden läßt, hat nicht immer das Glück oder die Befähigung, dass alles in Frieden abläuft und eine freundschaftliche Paarebene übrig bleibt. Ich halte es für eine Illusion, wie eine Vorrednerin bereits ausführte, dass es möglich ist, einen "gleichwertigen" und 50/50artigen abgestimmten kompomisshaften Erziehungsstil (ich nenne es eigentlich lieber: Liebenden und achtenden Führungs-/Begleitungs- und Beoabachtungsstil) dem Kind gegenüber zu praktizieren. Dies ist insofern irrelevant, als viele Eltern mit den so häufigen Einzelkindern, die eherne Bi-Elternschaft durchbrechen und Großeltern/bzw. wahlverwandte Freunde/Familien regelmäßig und stark mit in die Erziehung einklinken, von den Kitas, Horten und Kindergärten, Tagesmüttern und -vätern einmal ganz abgesehen, weil sie Vertrauen haben. Ein Kind wird also in unserer Lebensrealität eher ein lebenskultureller "Neonomade" sein, der verschiedenen Einflüssen und "Erziehungsstilen" ausgesetzt ist. Eigentlich ist es nicht besonders sinnig, dies überhaupt bewerten zu wollen und wenn, sollte man dies mit zunehmendem Alter den Kindern überlassen.
Meine erste Familie bestand aus meiner Tochter und mir. Ich setzte sie gegen den Willen des Vaters in die Welt (was der Trennungsgrund war am Tage der Verkündigung, dass ich schwanger sei). Deshalb war und bin ich nicht besser, aber vielleicht war ich klüger als der Vater, der heute sagt, dass ich mich damals (vor 25 Jahren) über ihn hinweggesetzt hätte, sei der Hauptgewinn in seinem Leben gewesen. Ich habe wegen des Vaters den Wohnort niemals gewechselt und ihn so gewählt, dass er die Chance hatte, sich als Teilzeitvater nach seiner Wahl zu betätigen. Es stimmte nach 3 Monaten zu, für das Kind 2 Tage in der Woche konstant sorgen zu wollen. Ich bat ihn nicht um Geld und Unterhalt, sondern arbeitete als Selbstständige, Designerin noch organisierter und effektiver mit einem engagierten Kindermädchen, das ins Haus kam und teuer von mir bezahlt wurde. Es ging mir darum, dass er gleichberechtigt für das Kind sorgen und es lieben und behüten können sollte, auch wenn er nicht mit mir zusammenleben wollte. Heute noch gehen wir respektvoll miteinander um und helfen uns sogar, auch finanziell, wo wir nur können, selbst wenn jeder inzwischen komplett andere familiäre und geschlechtliche Rollen und Lebensweisen hat.
Mein 2. Kind bekam ich im Rahmen einer Ehe, dem kinderlosen Mann zuliebe, der die Mutterrolle zu 70 % übernahm. Ich war eher der "Vater" und sehr glücklich darüber, dass ein Mann so sehr in der Mutterrolle aufging. Die Ehe ging leider nach 14 Jahren schief. Der Ex (Pädagoge) wollte mir das Kind "wegnehmen", meinen Hausanteil und mich aus demselben entfernen, damit er von mir einseitig Unteralt einkassieren könnte (wie es sonst ja auch oft den "armen Männern" ergeht. Er hat versucht, mich vor Gericht als schlechte, kranke Mutter darzustellen, was ihm misslang, obwohl er beruflich ja die "Kompetenz" für sich gepachtet hatte. Ich habe versucht, trotz offensichtlicher Feindschaft und krassem Kompromissunwillen seinerseits, das Beste für das Kind und uns alle herauszuschlagen. Vor Gericht habe ich mich europarechtlich schlau gemacht und meinen Rechtsanwalt mit Fachgebiet Familie eingenortet, dass es ein
Modell namens "Wechselmodell" oder auch "Doppelresidenzmodell"
gibt, welches für Parität bei den finanziellen wie auch zeitlichen Umständen für das Kind sorgt. (Es wird aufgrund beider Gehälter der Unterhaltsbedarf errechnet und dann 50/50 anteilig aufgeteilt, wer was zahlen oder an wen zahlen muss. Das ist absolut gerecht, mindert aber leider nicht das Armutsrisiko von Frauen, die durch das Gebären mit den zeitlichen Einbussen immer noch im Nachteil sind und macht auch nicht das aktuelle Desaster wett, dass Frauen oder Männer, die jahrelang wegen der Erziehungsleistung zurückgesteckt haben und sich durch eine Ehe finanziell abgesichert hatten, nach dem neuen Scheidungsrecht echt benachteiligt sind, wenn sie spät und zu lange verheiratet waren und bei Scheidung ab 45 + aufwärts sind, denn der Wiedereinstieg in einen gutbezahlten, qualifizierten Job ist gleich null, wird aber vorausgesetzt, denn es gibt ja keinen Ehegattenunterhalt mehr.) Heutzutage ist also jedes Elternteil gut beraten, auf keinen Fall den Job sausen zu lassen, koste es was es wolle, denn sonst wird es kosten!
Es geht darum, gemeinsam zu kämpfen für gesellschaftlich bessere Anerkennung von Elternschaft und die Sorge für ältere Menschen in Liebe und nicht gegeneinander im Hass, das wollte ich hier noch einmal betonen, auch wenn es Partner gibt, die einen nicht mehr sprechen und sehen wollen/können. Man/Frau sollte sicht nicht dazu hinreissen lassen, sein Niveau in sinnlosen Machtkämpfen der Geschlechter um Geld, Gut und Kinder zu vergeuden, sondern seine menschliche Integrität bei der Wahl der Kampfmittel wahren und für die Sache (das Beste für Alle) und das Kind kämpfen. Wer einzeln oder Teilzeit erzieht, sollte das Recht haben, es in seinem Stil zu tun, auch wenn es kaum Absprachen geben kann, weil man sich nicht grün ist. Es gibt ja sonst auch noch Mentoren, die man als Vermittler einschalten oder beantragen kann.
Ich konnte das Wechselmodell durchsetzen, obwohl es in Deutschland noch weitestgehend unbekannt ist oder teilweise aus unerfindlichen Gründen kaum Präzedenzfälle gibt. Ich hatte es gut recherchiert und auch alles andere für die Umstände nahezu perfekt organisiert. Ich konnte zudem mit dem 100% igen Einverständnis des Kindes rechnen. Kinder haben unbeeinflusst ein sicheres Gefühl dafür, dass sie kein Besitz sind und dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Wenn man sie lässt, lieben sie ihre Eltern und anderen Bezugspersonen. Natürlich ist nicht jeder so privilegiert oder opferbereit, um sein Kind paritätisch bei beiden oder mehreren Bezugspersonen gut leben lassen zu können. Unser Kind pendelt also wöchentlich paritätisch. In unserem Fall gibt es eine Art regionales Dreieck. 3 Dörfer, in einem das Ursprungselternhaus mit neuer Patchworkfamilie des Vaters und Kinderzimmer, in dem anderen ein kleineres Häuschen mit WG von Mutter, Kind (Tochter 15) und Freundin, die oft zu Besuch ist (Mutter hat Beziehung mit einer Städterin, bei der sie auch zeitweilig mitwohnt) und im dritten Dorf liegt die Schule. Die Distanzen aller Orte zueinander beträgt jew. 5 Kilometer und die Orte sind mit Bus und Bahn jeweils 20 Minuten voneinander entfernt. Zusätzlich hat unser Kind noch 2 weitere Familien (Eltern hatten sich zeitgleich getrennt), bei denen es seine Wochenenden oder seine Ferien verbringt, weil es seit es klein ist, eine Wahlschwester hat. Diese Wahl-Familie hat sich mein Modell abgeschaut und praktiziert es ebenfalls erfolgreich. Sie reden sogar miteinander. Beide Kinder hatten bisher seelisch oder schulisch trotz teilweise desaströser Auseingandersetzungen der Eltern keine nennenswerten Einbrüche. Paradoxer Weise sind beide Kinder sogar Asse in der Schule, wobei mir klar ist, dass dies auch sehr täuschen kann. Es ist einfach so. Inzwischen bin ich sehr gern Teilzeitmutter. Anfänglich war die 50%ige Reduktion des Beisammenseins mit meiner kleinen Tochter emotional hart für mich, auch der innere Kampf, meine Wut und Enttäuschung über die Unfriedlichkeit, mit der die Trennung vom Ex abging, zu bewältigen. Inzwischen bin ich wieder glücklich und ganz schön verliebt in das "Leben als solches". Ich freue mich über den letzten Kommentar zu unserem Zusammenleben von meiner Tochter: "Mama, sind wir nicht ne echt coole WeiberWG?" Darauf möchte ich antworten, ja klar, es könnte nicht besser sein, wenngleich wir nicht "besser" aber "anders" sind! Und ich weiß auch schon, was sie kontern würde. "Mama, das habe ich nicht gesagt!"