RE: Die große Gereiztheit | 14.06.2012 | 18:48

Ich stimme Aqua-jedi zu: Das ist keine Analyse der Gründe für gehässiges Verhalten unter sich als links und fortschrittlich verstehenden Menschen. Michael Angele stoppelt da etwas zusammen, ohne dass sich daraus ein Zusammenhang ergäbe.

Ich gehöre wohl auch zu den 100'000 linksradikal sozialisierten Menschen in der einstigen Bundesrepublik, doch die Geschichte habe ich etwas anders in Erinnerung, als sie uns Kollege Angele mit Hilfe von Wolfgang Kraushaar nahebringen möchte. Die linkssozialistische, maoistische, trotzkistische und sonstige Bewegung war ein verzweifelter Versuch, wieder Anschluss an den durch den Faschismus brutal unterbrochenen Traditionsstrom emanzipatorischer Kräfte in Deutschland zu finden. Die teilweise sehr harten Auseinandersetzungen wurden in der Hoffnung geführt, wieder so etwas wie ein Subjekt der Befreiung zu finden. Ja, dabei gab es viel Verbohrtheit und sehr viel deutsche Rechthaberei, insbesondere von Männern. Es gab aber auch wichtige Lernprozesse. Ich empfehle Michael Angele, die im März 2012 erschiene "Flugschrift" seines Redaktionskollegen Michael Jäger (sowie von Thomas Seibert) zu lesen. Da findet er einige bedenkenswerte Überlegungen, die etwas mit dem von ihm angeschnittenen Thema zu tun haben.

RE: Hundert Jahre Glück | 13.06.2012 | 19:44

Mein soeben geschriebener Kommentar ist leider "verschwunden", deshalb setze ich noch einmal an.

Vorgestern veröffentlichte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihren Bericht "OECD Pensions Outlook 2012" (www.oecd.org) und warnte vor wachsender Altersarmut als Folge der Rentenreformen der vergangenen zehn Jahre (die übrigens von der gleichen Organisation vorgeschlagen wurden). "Dank" dieser so genannten Reformen sinken die Renten in vielen Ländern um 20 - 25 Prozent. Diese Verluste sollen jetzt durch längere Lebensarbeitszeiten sowie durch den Aufbau privater Vorsorgeeinrichtungen kompensiert werden. In den Augen der OECD ist der Sozialabbau unvermeidlich, weil die arbeitende Bevölkerung die wachsenden Lasten der Altersvorsorge nicht mehr schultern könne. Klar, wenn durch die Steuerpolitik die hohen Einkommen und Vermögen privilegiert werden, bleibt nichts mehr für die kollektive Vorsorge!

Solche Zusammenhänge thematisiert der Beitrag von Björn Schwentker überhaupt nicht. Deshalb gebe ich Baer5 recht: Dieser Text hätte nicht auf der "Freitag"-Website erscheinen dürfen! Dafür gibt's andere Foren. Mich würde sehr interessieren, was sich der verantwortliche Redakteur bzw. die verantwortliche Redakteurin dabei gedacht hat!

RE: Hundert Jahre Glück | 12.06.2012 | 19:56

In einem Punkt bin ich mit Björn Schwentker einverstanden: Das lange Leben in guter Gesundheit - im übrigen ein alter Menschheitstraum - stellt eine zivilisatorische Errungenschaft erstes Ranges dar. Deshalb ist auch die Rede von der "Überalterung" ein gefährlicher Schwachsinn.

Daraus zieht der Autor allerdings einige voreilige Schlüsse.

Der erste betrifft die Aussage, "das Alter" werde "immer aktiver und agiler", als ob nicht irgendwann die Kräfte nachlassen, Fragilität und Abhängigkeit in den Vordergrund treten. Wird diese Seite ausgeblendet, so sinkt auch das Bewusstsein dafür, dass wir alle einmal auf Unterstützung angewiesen sein werden - so fitt wir uns heute auch fühlen mögen.

Der zweite betrifft die Frage des Rentenalters. Kürzlich war in einer kleinen Notiz in der "Süddeutschen Zeitung" (19./20. Mai 2012) zu lesen, nur jedes zwölfte Unternehmen in Deutschland suche gezielt nach Beschäftigten über 50 (!) Jahren. Dies gehe aus einer Studie des Beratungsunternehmens Mercer und der Bertelsmann Stiftung hervor. Nur jede zweite befragte Firma rechne künftig mit mehr Arbeitsplätzen für über 60-Jährige. - Das ist die Realität in der Arbeitswelt. Und andererseits ist auch Tatsache, dass viele ältere Arbeitnehmende den Tag ihrer Pensionierung herbeisehnen. Dafür gibt es mancherlei Gründe: Die einen sind ausgelaugt, andere halten das Arbeitstempo nur noch knapp mit, die Dritten können sich vorstellen, auch jenseits der Lohnarbeit einen Sinn im Leben zu finden. Und daneben gibt es die Privilegierten, die sich mit ihrer beruflichen Arbeit identifizieren und genügend Freiräume besitzen, um ihre Tätigkeit mehr oder eigenständig gestalten. Dazu gehört vermutlich auch der Autor.

Ich gebe ihm recht: Die Arbeit muss umverteilt - vor allem aber: sie muss neu gestaltet werden. Das schliesst meines Erachtens einen grundlegenden Wandel unserer (kapitalistischen) Wirtschaftsweise ein - denn diese produziert immer wieder "Überflüssige", seien es junge oder alte Menschen. Von der fundamentalen Frage, wie denn alle ihren Platz in der Gesellschaft finden können, ist hier - wie so oft, wenn es um Demografie geht - überhaupt nicht die Rede.

RE: Regiert von Kriminellen | 11.06.2012 | 16:10

Die "Märkte" jubilieren angesichts neuer "Rettungsschirme" für die spanischen Banken - und der damit möglich gewordenen Sozialisierung ihrer Verluste. Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt in der heutigen Ausgabe, das wochenlange Lavieren der politisch Verantwortlichen habe "den Anlegern viel Zeit gegeben, ihre Scherflein" (welche Verharmlosung der Geldmengen, um die es dabei geht!) "ins (vorerst) Trockene zu bringen". Es ist erfrischend, mit welcher Offenheit die NZZ die Tatsachen ausspricht. Der spanische Staat bleibt nämlich "in der Pflicht, den Kredit dereinst zurückzuzahlen; zudem erhöht dieser seine Verschuldung" (NZZ, 11. Juni 2012, S. 17).

Solche "Rettungspolitik", die Länder wie Griechenland, Spanien, etc., weiter in die Verelendung treibt, muss angeprangert und - wenn möglich - gestoppt werden! Zu diesem Zweck sollten sich die Widerstandbewegungen zu einem "Europa von unten" finden, denn eine Wiederkunft des Nationalismus kann auch nicht die Lösung sein.

Ob ein "Europa der zwei (und mehr) Geschwindigkeiten", wie es immer wieder diskutiert worden ist und mit Einführung des Euro auch teilweise in Praxis umgesetzt wurde, nun angesichts der Euro-Krise tatsächlich eine Lösung darstellen kann, wie Arcadi Oliveres meint, kann ich als Nicht-Ökonom nicht beurteilen; ich bin trotzdem skeptisch. Notwendig wäre meines Erachtens eine Stärkung der politischen Union - mit entsprechenden Kontrollmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger.

RE: "Wie unabhängig sind wir?" | 08.06.2012 | 15:30

In den Aussagen des ehrenwerten Colin Crouch sind allzu viele linksliberale Allgemeinplätze zu finden. Leider haben die beiden Interviewer zu wenig nachgefragt. Was soll beispielsweise der Satz: "Und mein Gefühl sagt mir, dass eine Organisation oder Struktur letztlich eine Bewegung diskreditieren, vielleicht sogar schwächen würde"? Wer trägt denn das Feuer weiter, wenn die Flamme einer Bewegung erloschen ist? Wer hält die Erinnerung wach - für ein anderes Mal, unter möglicherweise besseren Bedingungen des Gelingens? Was wären Arbeiterstreiks ohne Gewerkschaften, was Proteste gegen Castor-Transporte ohne Umweltorganisationen?

In diesem Zusammenhang empfehle ich die "Flugschrift" von Michael Jäger, Redakteur des "Freitag", und Thomas Seibert. Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Rosa-Luxemburg-Stiftung: "alle zusammen. jede für sich. die demokratie der plätze" (VSA Verlag, Hamburg 2012). Darin geht es vor allem um die Organisationsfrage: Wie können sich die "Aktivist_innen" zusammentun und dem "nihilistischen Sog", der in unserer Gesellschaft herrscht (dass es nämlich keine Alternative geben soll und man sich mit dem anzufinden habe), entgegentreten, ohne die anderen, die Passiven, als "Spiesser" zu verachten, wie dies die Achtundsechziger taten? Die Flugschrift umfasst 72 Seiten, in es in sich haben. Meine Empfehlung: unbedingt lesen!

RE: Geht zurück auf Los | 06.06.2012 | 19:45

Wieso soll es nicht gelingen, Systemkritik mit konkreter Arbeit auf kommunaler, regionaler, nationaler Ebene zu verbinden? Der Wille dafür muss vorhanden sein - und die Bereitschaft, sich mit unterschiedlichen politischen Perspektiven auseinanderzusetzen.

Ich kenne das neu gewählte bzw. bestätigte Führungspersonal der LINKEN nicht gut genug, um ein Urteil darüber abgeben zu können, ob die Voraussetzungen für den notwendigen Neuanfang gegeben sind. Ich habe Katja Kipping vor etwa eineinhalb Jahren bei einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin erlebt, bei der es um das geistige Erbe von Rudolf Bahro ging. Ich war sehr beeindruckt davon, wie sie einige Überlegungen von Bahro aufnahm, um diese für die linke Programm-Debatte fruchtbar zu machen. Meine Hoffnung ist, dass es der neuen Führungsspitze gelingen wird, die Dringlichkeit von Alternativen in Deutschland und Europa so deutlich zu machen, dass die LINKE auch wieder mehr Unterstützung bei Wählerinnen und Wählern findet.

wwalkie verweist zurecht auf den französischen "Front de gauche" von Jean-Luc Mélenchon, der für den notwendigen Druck sorgen kann, damit das in Teilen durchaus fortschrittliche Programm von Präsident Hollande auch zu politischem Handeln wird. Die Sozialdemokratie in Europa hat zwar einige Korrekturen an ihren neoliberalen Konzepten der Neunzigerjahr vorgenommen, doch für einen tatsächlichen Politikwechsel bedarf es der Existenz von aktionsfähigen Kräften jenseits des sozialdemokratischen Konsenes - auch in Deutschland.

RE: Der Rückzug eines Alpha-Tiers | 23.05.2012 | 14:45

Ich hoffe, dass die jetzt angekündigte Kandidatur von Katja Kipping und Katharina Schwabedissen den Knoten lösen und die Linke aus ihrer Starre befreien wird! Angesichts der grossen politischen Herausforderungen in Europa wäre es jammerschade, wenn die Linke in Deutschland ihre Handlungsfähigkeit gänzlich verlieren würde.

Katja Kipping habe ich vor rund eineinhalb Jahren bei einer Veranstaltung der Rosa Luxemburg Stiftung zur Erinnerung an das Wirken von Rudolf Bahro erlebt - und da empfand ich es als sehr sympathisch, wie sie Anstösse aus dem Werk von Bahro für die linke Programm-Debatte formulierte. Ich wünsche ihr und Katharina Schwabedissen, die ich nur aus den Medien kenne, viel Erfolg für ihre Kandidatur!

RE: Der Rückzug eines Alpha-Tiers | 23.05.2012 | 10:38

Neben der genüsslichen Beschreibung der Grabenkämpfe der Linken - die eben auch Auseinandersetzungen um die inhaltliche Ausrichtung der Partei sind, was Jana Hensel offenbar gerne übersieht - hätte ich mir gewünscht, auf freitag.de beispielsweise auch etwas über den Besuch von Alexis Tsipras vom griechischen Bündnis der radikalen Linken (SYRIZA) in Berlin und eine Einschätzung des zusammen mit der Linken vorgestellten 6-Punkte-Programms mit Alternativen zur in Europa vorherrschenden und so desaströsen Sparpolitik zu lesen. Bis jetzt leider Fehlanzeige!

Mein Eindruck ist zudem, dass die Community-Debatten viel zu national-borniert geführt werden. Wo bleibt da der Geist der Offenheit?

RE: Am Rand | 13.04.2012 | 18:36

Ali Schmeissner begegnete ich erstmals im Frühjahr 1970, als ich an der Universität Tübingen kam - rechtzeitig zum Abgesang der antiautoritären Revolte und der Phase des Aufbaus "marxistisch-leninistischer" Studentenverbände. Bei den Sozialpädagogen versuchte er, den Achtundsechziger Geist am Leben zu erhalten. Ali blieb ein undogmatischer Sozialist, während ich mein Heil bei den Maoisten suchte. Berührungspunkte zwischen uns ergaben sich anfänglich noch bei Fragen einer progressiven Pädagogik, denn Ali war auch in der Kinderladen-Bewegung aktiv.

Nach meinem Weggang aus Tübingen verlor ich ihn ganz aus den Augen. Vor ein paar Jahren machten mich Freunde auf Medienberichte über seine Rückkehr aus dem Prager "Untergrund" aufmerksam. Sein Scheitern bewegt mich. Hoffentlich trägt dieses Porträt ein wenig dazu bei, sein politisches Wirken im Übergang von der Achtundsechziger zur grünen Bewegung zu würdigen.

RE: Die 'Weltwoche' und die Roma | 13.04.2012 | 16:26

Lieber Herr Angele

Vielen Dank für den Hinweis auf das Interview mit Roger Köppel, das ich noch nicht kannte! Das eine sind die ziemlich heuchlerischen Argumente im Zusammenhang mit "Kind Kriminalität". Das andere ist die ständige Behauptung der nationalkonservativen Kreise, zu denen Herr Köppel definitiv gehört, sie würden gegen die allgemeine "Tabuisierung" der negativen Folgen der Migration ankämpfen - und damit letztlich den aufkommenden Rassismus verhindern, muss man implizit schlussfolgern.

Von Tabuisierung kann selbstverständlich keine Rede sein, denn die Nationalkonservativen sorgen seit Jahrzehnten dafür, dass das Thema immer wieder aufgekocht wird und somit öffentliche Aufmerksamkeit findet. Als ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert in die Schweiz kam, waren es die Tamilen, denen alles Böse angedichtet wurde. Die Zielgruppen xenophober Propaganda änderten sich im Laufe der Jahre, doch das Muster blieb das gleiche.

Nicht zufällig habe ich auf das Positionspapier der schweizerischen Sozialdemokratie verwiesen, mit der die Linke die Probleme der Migration anders zu definieren versucht. Ein Beispiel dafür: Mit ihrer Steuerpolitik zieht die Schweiz internationale Unternehmen an, die auf dem einheimischen Arbeitsmarkt nicht genügend Personal finden und deshalb ihre Leute im Ausland suchen. Nicht diese MigrantInnen sind in erster Linie das Problem. Kritik ist an einer Politik des globalen Steuerwettbewerbs zu üben, die für extreme internationale Ungleichgewichte sorgt. Ein solcher Ansatz ist selbstverständlich komplexer als die scheinbar "einfache" Weltsicht der Nationalkonservativen, doch die Menschen sind ja nicht so dumm, dass sie bloss das Simple verstehen würden. Man muss sich eben anstrengen und die Argumente der Nationalkonservativen entkräften!