Dietmar Dath war’s nicht alleine

Der Implex Barbara Kirchner ist Pop-Autorin, lehrt Chemie – und hat die neue Bibel der Kapitalismuskritik "Der Implex" mitgeschrieben

Die Feuilletons werden das Buch Der Implex, das nächste Woche erscheint, mit viel Aufmerksamkeit beschenken, verspricht es doch auf 900 Seiten nichts weniger als eine neue Theorie des sozialen Forschritts. Das passt in den linken Zeitgeist und hat das Zeugs, zur Pflichtlektüre in Kapitalismuskritik zu werden. Das Buch ist das Ergebnis aus rund 20 Jahren Gesprächen zwischen einem „sozialdemokratischen Kopf“ und einem, der „jüngere, verrufenere Namen“ bevorzugt. Dessen Name ist Dietmar Dath, der „sozialdemokratische Kopf“ gehört Barbara Kirchner, die – das ist ihr wichtig – darunter etwas anderes versteht, als die SPD heute damit meint.

„Lieber hätten wir einen Sohn gehabt!“ So oft hat Kirchner das von ihren Eltern gehört, dass sie irgendwann selbst ein Junge sein wollte. Geholfen hat Barbara Kirchner eine Weisheit, die im Implex zentral ist: das Hume’sche Gesetz, wonach man aus dem Sein kein Sollen ableiten kann. Ja, Frauen können Kinder kriegen, aber sollte man sie deswegen darauf reduzieren? Diese Folgerung wäre ebenso falsch wie die Haltung, mit der sie früher im Freiburger Gymnasium saß: Wer links sein will, muss schlecht in der Schule sein. Dass man sich im Gegenteil Wissen aneignen muss, um die Dinge zu verändern – diese Einstellung hat sich Barbara Kirchner von Dietmar Dath abgeschaut. Mit dem Schriftsteller und Publizisten teilt sie nicht nur das Geburtsjahr 1970 und das Freiburger Gymnasium, sondern ein Interesse an so ziemlich allem: von Science-Fiction, Gesellschaftstheorie, Kunst bis zur Naturwissenschaft – ja, sogar die fiktive Stadt Borbruck, in der ihre wie seine Romane spielen.

Lust auf soziale Unverträglichkeit

Besonders interessiert war Bar­­­bara Kirchner an den Naturwissenschaften. Sie wollte alles machen: Theorie und Praxis, von der Reaktion von Stoffen im Labor bis zur Theorie- und Programmierarbeit am Computer. Sie studierte theoretische Chemie, verfasste nebenher Texte für die Frankfurter Rundschau und Spex, schrieb über die Berührungspunkte von Natur- und Sozialwissenschaften. Wer Dinge ändern will, muss verstehen, wie sie funktionieren, und wer sie verbessern will, muss weiter forschen. Eine Haltung, die Kirchner bei Linken oft vermisst. Am Beispiel der Gentechnik: Ist es nicht eine ziemlich arrogante Geste, hierzulande zu sagen, wir wollten keine Gentechnik, solange andernorts Menschen verhungern?

Wie Herrschaft in Form von Biopolitik unmittelbar auf die Körper der Menschen einwirken kann, hat sie 2001 in ihrem Roman Die verbesserte Frau beschrieben. Darin erzählt Kirchner die Geschichte der lesbischen Studentin Bettina, die den universitären Betrieb kaum mehr erträgt, die schleimigen Germanistikstudenten, die nichts Besseres zu tun haben, als ihr ständig die Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Bettina hat immer häufiger Lust auf „lauter sozial unverträgliche Sachen“, etwas zu treten, zu zerschmettern oder in Stücke zu ballern. Das Leben ist ohnehin nur noch erträglich, weil sie sich verliebt hat, wenn auch in die falsche Frau. Was dann passiert, ist so schnittig geschrieben, dass die Spex-Leser Die verbesserte Frau zum besten Buch des Jahres wählten.

Wegen schlechter Erfahrungen mit Verlagen, gründete sie bald ihren eigenen, den Implex-Verlag, um ihr „Zeugs“ ohne Rücksicht auf andere Interessen schreiben zu können. Den zweiten Roman, Schwester Mitternacht, schrieb sie 2002 zusammen mit Dietmar Dath. Ein Buch voll mit Science-Fiction, Biologie, Quantenmechanik, Chemie und Gesellschaftstheorie rund um Richard Dawkins „Mem“-Theorie, einem kulturellen Gegenbegriff zum Gen, einem Begriff, der eine Idee oder Überzeugung in der kleinstmöglichen Einheit zu beschreiben versucht.

Der subjektive Faktor

Danach konzentrierte sich Kirchner vor allem auf die Chemie. Seit dem Jahr 2007 leitet sie den Lehrstuhl für theoretische Chemie in Leipzig und forscht zu ionischen Flüssigkeiten, untersucht die Wechselwirkungen von Molekülen im flüssigen Aggregatzustand. Der Popwelt blieb sie treu. Daths großer Essay Maschinenwinter von 2008 inspirierte sie so sehr, dass die Zeit für ein neues Projekt reif war. Über die Jahre hatte sich ihr Austausch mit Dath auf so viele Bereiche ausgedehnt, dass beide beschlossen, ihre Diskussion in einem Buch festzuhalten: Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee.

Wie schreibt man nun so einen Wälzer zu zweit? Kirchner und Dath teilten sich die Kapitel auf, die „Feminima Moralia“ verfasste etwa Kirchner, Dath den Abschnitt zur Kunst; nach diesem Muster entstanden ein Dutzend weitere zu Science-Fiction, Liebe, Krieg, Wissen. Dann haben sich beide die Texte hin- und hergeschickt und redigiert. Es steckt viel Geschichtsbewusstsein in dem Buch und eine große Lust, die Ideengeschichte zu entschlacken. So habe man Marx den Determinismus zu Gunsten eines subjektiven Faktors ausgetrieben und dagegen einen Begriff der Wahrscheinlichkeit gesetzt.

Über allem schwebt das Prinzip „Implex“, ein Begriff, der auf den französischen Schriftsteller Paul Valéry zurückgeht und dessen Bedeutung Kirchner einmal so beschrieb: „Wir glauben, dass den dummen Zuständen weniger dumme Zustände bereits implizit sind. Man kann sie nämlich denken, und das könnte man nicht, wenn sie nicht auch machbar wären.“ Eine leichte Lektüre ist dieser „Roman in Begriffen“ nicht. Und man fragt sich, woher Barbara Kirchner neben ihrer Professorentätigkeit die Zeit nimmt, sich Gedanken zu so verschiedenen Themen zu machen und diese aufzuschreiben. Die Antwort hat damit zu tun, wie man den Implex lesen sollte und wie das eigene Denken produktiv bleiben kann. Für beides gilt: Wenn man an einer Stelle hängt, geht es irgendwo anders weiter.

Der Implex wird am Dienstag, dem 21. Februar, um

20.00 Uhr im a href="http://www.lfbrecht.de/event/">Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin vorgestellt. Georg Fülberth wird mit den Autoren Barbara Kirchner und Dietmar Dath sprechen

15:00 10.02.2012

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helena-neumann | Community
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