Gerechter retten

Nepal Katastrophen potenzieren Ungleichheiten: Nicht alle Opfer können gleichermaßen auf sich aufmerksam machen. Wie gehen Hilfsorganisationen damit um?
Gerechter retten
In Nepal brauchen die Menschen Hilfe. Aber wer kommt zuerst dran?

Foto: Omar Havana/AFP/Getty Images

Etwa 5.000 Menschen sind nach bisherigen offiziellen Angaben in den Trümmern des Erdbebens in Nepal ums Leben gekommen, mehr als 10.000 wurden verletzt. Das befeuert die Spendenbereitschaft in Deutschland: Mehr als zwei Millionen Euro sind auf dem Konto des Bündnisses „Entwicklung hilft“ eingegangen, in dem sich sieben Hilfsorganisationen zusammen geschlossen haben. Das klingt viel, ist aber wenig – angesichts des Ausmaßes der Zerstörung. Nun müssen die Organisationen Prioritäten setzen. Wo hilft man zuerst, wenn es an allen Ecken mangelt? Wer nicht aufpasst, verstärkt schnell die sozialen Ungleichheiten. Nicht alle Opfer können gleichermaßen auf sich aufmerksam machen.

Die Aufgaben sind riesig. „Es mangelt im Prinzip an allem, vor allem außerhalb von Kathmandu“, berichtet Moni Shrestha von terre des hommes in Nepal. Die Menschen seien traumatisiert, schliefen trotz Regens noch immer draußen. Barbara Zilly von der Welthungerhilfe ergänzt: „Wir brauchen Zelte und Planen, Nahrungsmittel, Medikamente und vor allem Trinkwasser.“ Sie fürchtet, dass sich Krankheiten ausbreiten können, wenn es weiterhin stark regnet. Einige Gegenden würden bereits vermüllen.

Hubschrauber für Urlauber

Nach welchen Kriterien entscheidet eine Hilfsorganisation, für wen welche Mittel fließen? „Noch sind wir in der Phase der Rettung und versuchen, möglichst viele Menschen außer Lebensgefahr zu bringen“, erklärt Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer von Misereor. „Dieses Zeitfenster schließt sich aber gerade. Wir werden nun kaum noch Menschen unter den Trümmern hervorziehen.“ In der beginnenden Phase der Notversorgung müsse dann besonders auf Ungleichheiten und Benachteiligungen geachtet werden, um keine falschen Prioritäten bei der Hilfe zu setzen.

Tatsächlich ist es ein altbekanntes Muster nach Katastrophen: Privilegierte Gruppen haben oft nicht nur mehr Geld, um sich selbst zu helfen, sondern können durch ihren Status auch besser fremde HelferInnen auf sich aufmerksam machen. Das gelte besonders für Urlauber, sagt Rainer Brockhaus, Präsident des Bündnisses Entwicklung Hilft. „Im Moment werden Touristen bevorzugt behandelt und viele andere fallen hinten runter“, mahnt er. Vor zwei Tagen waren 180 Bergsteiger mit Hubschraubern vom Mount Everest gerettet worden, während im Tal viele Dorfbewohner noch auf Hilfe warteten. Die Bergsteiger wurden nach Angaben eines Expeditionsveranstalters von privaten Hubschrauber-Agenturen eingesammelt, weil ihre Versicherungen die Rettung bezahlen. Bei solchen Vorfällen sei der Vorwurf der Zwei-Klassen-Hilfe nachvollziehbar, sagt Brockhaus.. „Die Hubschrauber fliegen dorthin, wo man Geld verdienen kann. Einige Menschen haben Ressourcen, mit denen sie sich retten können, andere nicht. Gegen diese Ungerechtigkeiten wollen wir arbeiten.“

Arm auf dem Land

Wie kann das gelingen? In Verteilungskämpfen um Wasser und andere Ressourcen gewinnen oft die Menschen, die ohnehin stärker und gesünder sind. In Nepal sollen sich die Leute bereits um Wasser gestritten haben. Die ländliche, ohnehin ärmere Bevölkerung leidet unter der Katastrophe besonders stark. Viele Dörfer waren bereits vor dem Erdbeben äußerst schwer zu erreichen, nun sind zusätzlich viele Hängebrücken zerstört. Hilfe dringt kaum dorthin vor, Informationen über die Lage vor Ort sind rar.

Die Hilfsorganisationen legen den Fokus deswegen auf die, die schon vor dem Erdbeben benachteiligt waren. „Kinder oder Menschen mit Behinderung trifft eine Katastrophe noch stärker als andere, auf sie muss ganz besonders geachtet werden, ihre Stimme muss noch genauer gehört werden als sonst“, sagt Brockhaus. Menschen, die zum Beispiel durch das Erdbeben ihre Seh- oder Geh-Hilfen verloren hätten, seien danach oft „völlig verloren“.

Um einzuschätzen, wer am bedürftigsten ist, greifen die Organisationen auf lokale Strukturen zurück. Misereor kooperierte zum Beispiel schon vor dem Beben mit der NGO „Women’s Rehabilitation Centre“, in der Frauen für ihre Rechte kämpfen. Nun erheben 200 Aktivistinnen in ihren Dörfern die Schäden. Sie erstatten Bericht an Misereor und geben acht, dass bei der Hilfe niemand vergessen wird. Schwangere und Witwen werden durch ihre Arbeit einbezogen.

Bitte keine Sachspenden

EuropäerInnen, sagt Brockhaus, sollten am besten durch Spenden helfen. Das Bündnis leitet sie direkt an seine einzelnen Organisationen weiter. Selbst anzureisen um zu helfen sei der falsche Weg: „Ich rate dringend davon ab, unkoordiniert nach Nepal zu fliegen. Ein Zustrom von Hilfswilligen, die sich nicht auskennen und sich kulturell erst einfinden müssen, ist eine zusätzliche Belastung.“

Auch Sachspenden verursachten unnötigen logistischen Aufwand. Im Moment könnten die meisten Hilfsgüter aus Indien nach Nepal geliefert werden. Das Bündnis fährt zum Beispiel Lastwagen mit Medikamenten aus der angrenzenden indischen Provinz Uttar Pradesh nach Nepal – der Flughafen in Kathmandu ist mit seinen acht Stellplätzen seit Tagen überlastet.

Klar ist: Der Kampf gegen Hunger, Durst und Seuchen fängt erst an. Nur in Kooperation mit den einheimischen Partnern könne er gelingen, sagt Bröckelmann-Simon. „Und man darf nicht vergessen: Die Menschen vor Ort sind immer die wichtigsten Nothelfer.“

12:58 02.05.2015
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