Aus dem Gleis geraten

Spitzelaffäre Pech: Die Deutsche Bahn hat dem Blogger Markus Beckedahl abgemahnt, weil er ein internes Memo veröffentlicht hat. Dabei schadet sie sich damit nur selbst

PR-Direktor bei der Deutschen Bahn ist auch kein Job, den man dieser Tage gerne hätte. Zwar konnten Streiks der Gewerkschaften Transnet und GDBA abgewendet werden, aber die hätten in der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht wenigstens die Bespitzelungsaffäre und das peinliche Rumgeeier des Bahnvorstands überdeckt.

Vergangene Woche berichteten mehrere Medien über ein internes Bahn-Protokoll zur Abhöraktion gegen die eigenen Mitarbeiter. Markus Beckedahl von netzpolitik.org, dem das Dokument auch vorlag, stellte es einfach zum Download bereit.

Das interessierte so richtig niemanden - außer die Rechtsabteilung der Deutschen Bahn, die Beckedahl gestern eine Abmahnung zukommen ließ. Das war so ungefähr das dämlichste, was dem Konzern passieren konnte, denn innerhalb weniger Stunden hatten nicht nur zahlreiche Blogs darüber geschrieben, auch Mainstream-Medien im In- und Ausland griffen das Thema erstaunlich schnell auf.

Der Versuch, das Memo unauffällig aus dem Internet verschwinden zu lassen, hatte ein Hundertfaches der Aufmerksamkeit des Memos selbst erzeugt - und die Deutsche Bahn stand in der Nummer unweigerlich als Buhmann da, wie Robin Meyer-Lucht es formuliert:

Netzpolitik vs. Deutsche Bahn passt dramatisch gut in das David vs. Goliath-Schema. Die Öffentlichkeit und Journalisten lieben dieses Schema. Die Bahn wird mit ihrer Sicht der Dinge gar nicht mehr durchdringen.

Man spricht in diesem Fall gerne vom "Streisand-Effekt", benannt nach Barbra Streisand, die einen Fotografen verklagt hatte, dem beim Fotografieren der kalifornischen Küste auch das Haus der Schauspielerin vor die Linse geraten war. Bis zu ihrer Klage war das niemandem aufgefallen, danach war das Foto auf Internetseiten und in Zeitungen zu sehen.

Juristisch gesteuerte PR ging früher schon oft genug schief, in Zeiten von Blogs kann man mit ihr nur noch scheitern. Aber offenbar will sich jeder Politiker, jeder Funktionär und jeder Konzern erstmal selbst eine blutige Nase holen, ehe sich diese Erkenntnis durchsetzt.

Lukas Heinser, Freitag-Publizist, lebt in Bochum und bloggt bei uns unter dem Community-Namen lukasheinser.

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