Armer Jürgen Rüttgers

GREEN CARD Im Kampf um Wählerstimmen wird der Ex-Zukunftsminister zum Robin Hood der Provinz

Armer Jürgen Rüttgers. Noch vor wenigen Monaten konnte Hessen-Kollege Koch mit der Kampagne gegen den "Doppelpass" den starken Mann spielen und es den "Gutmenschen" mal so richtig zeigen. Rechte für Kriminelle und Fundamentalisten? Wo kann ich hier "gegen Ausländer" unterschreiben, schien das berüchtigte Volk zu rufen. Die Vertreter der Wirtschaft hielten sich damals vornehm zurück. Die treten bekanntlich immer nur dann auf den Plan, wenn es darum geht, Arbeitskräfte ins Land zu holen. Den Rest soll gefälligst der sonst so angefeindete Staat regeln. In diesem Sinne hört man jetzt plötzlich von den Unternehmensverbänden Sonntagsreden über Weltläufigkeit und Toleranz. Doch wacker spricht der arme Rüttgers weiter zum "Volk", und so haben seine alten Freunde ihn vom "Zukunftsminister" zum Champion des "Provinzialismus" degradiert.

Die SPD dagegen ist jetzt endlich "modern", weil sie für Einwanderung ist. Ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen, wo "Modernisierer" Clement regiert, stellt die Union nun quasi die soziale Frage: "Ausbildung statt Einwanderung". Während Sozialdemokraten und Grüne einträchtig mit der Wirtschaft schmusen, marschiert der ehemalige "Zukunftsminister" an der Spitze der Globalisierungsskeptiker und -verlierer: Rüttgers, der Robin Hood derjenigen, die im internationalen Konkurrenzkampf "ungebildet" und "provinziell" auf der Strecke bleiben. Wäre diese Wendung ein wenig früher gekommen, dann hätten wir heute vielleicht legendäre Bilder von ihm als Bannerträger von Seattle - bei den letztjährigen Protesten gegen die WTO.

Im Grunde gibt es kein Argument im Streit um die Green Card, das man nicht aus der Ödnis der deutschen Einwanderungsdebatte kennt: Unternehmer wollen Arbeitskräfte, die Regierung beschafft welche, nationalistische Kreise protestieren. Und doch geht es hier - und das wird nicht zuletzt durch den importierten Begriff "Green Card" verdeutlicht - um ein völlig neues Phänomen: um Arbeitskräfte für sogenannte Zukunftsbranchen. "Eine Nation, die im digitalen Kapitalismus an vorderster Front mitspielen will", meinte Peter Glotz, "muss ihre Spitze internationalisieren." Das beträfe eben nicht den gesamten Arbeitsmarkt, sondern den "schmalen Sektor der Symbolanalytiker" - der sei nämlich "kriegsentscheidend".

In Managementkreisen spricht man schon länger über Vielfalt in den oberen Etagen: Diversity heißt ein Konzept, das so in den USA seit Anfang der neunziger Jahre für Furore sorgt und etwa in den Niederlanden bereits massiven Anklang gefunden hat. Auch bei Ford in Deutschland wird daran schon aktiv gearbeitet. Vielfalt - nicht nur ethnische, sondern auch etwa sexuelle - gilt nun als Mittel zur Mobilisierung von internen Kreativitätsressourcen. Kulturelle Zuschreibungen werden dabei immer wichtiger, denn schließlich wird gefragt, was die Mitglieder bestimmter Gruppen aufgrund dieser Zugehörigkeit kulturell einbringen können. Nicht umsonst scheinen die Inder in der derzeitigen Diskussion kulturell mit Mathematik und Computern aufgeladen zu sein: Besonders schön zeigte dies ein Stern-Titelbild, auf dem der "indische Gastarbeiter" durch eine Frau verkörpert wurde, bei der das rituelle Mal auf der Stirn sich in ein @ verwandelt hatte.

Dass diese Vielfalt in der Zitadelle der Unternehmen ebensowenig mit der Realität einer Einwanderungsgesellschaft zu tun hat wie das allgemeine Konsum-Multikulti, liegt auf der Hand. Letztlich wird die Green-Card mit einer noch schärferen Abwehr unangepasster Migrantengruppen und "illegaler" Einwanderer einhergehen. Aber dazu braucht es Rüttgers nicht: Eine "moderne" Partei vertritt heute bekanntlich alle Positionen gleichzeitig, und der Kettenhund der SPD heißt bekanntlich Otto Schily. Der hatte schon vor geraumer Zeit eine "moderne" Einwanderungspolitik mit der Abschaffung des individuellen Rechtes auf Asyl verkoppelt. So wird das Ressentiment gegen die "Internationalisierung" an der Spitze nach "unten" abgeleitet. Der arme Rüttgers kommt zu spät - dabei kann er höchstens noch mithelfen.

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