Geld zeigt keine Tore

Rückkehr Rupert Murdoch ist bei Premiere eingestiegen. Lässt sich der hiesige Fußball nach ausländischem Bilde formen?

Rupert Murdoch feierte seine ersten Medienerfolge außerhalb des heimischen Australiens mit dem Revolverblatt Sun - Bild ist eine Klosterzeitung dagegen - und dem Erwerb der Times in Großbritannien gegen seinen rätselhaft verstorbenen Rivalen Robert Maxwell, der unter anderem Erich Honecker verlegte. 1996 erschien über diesen Zweikampf der Schlüsselroman Imperium des konservativen Autors Jeffrey Archer. Murdochs Abfall von den Konservativen und seine Unterstützung von Tony Blair soll zu dessen Wahlsiegen und wohl auch zu den Inhalten von dessen Politik wesentlich beigetragen haben. Neben den Zeitungen besitzt er mit BSskyB faktisch ein britisches Monopol im Pay-TV - in einer Landschaft mit nur fünf, sechs frei empfangbaren Programmen. Darüber kontrolliert er die britische Fußball-Liga (Premier League)

Mittlerweile ist diesen Siegen auf der Insel ein erfolgreicher Sprung über den Atlantik gefolgt. Murdoch hat in den USA neben den jahrzehntelang herrschenden Fernsehsendern ABC, CBS und NBC einen vierten etabliert. Sein Fox Network markiert gleichzeitig politisch den rechten Rand und journalistisch das flachste Niveau unter den US-weit ausstrahlenden TV-Anstalten. Wer weiß, ob George W. Bush ohne ihn noch im Amt wäre?

Doch wird in Murdochs Medienfabriken keineswegs nur Müll produziert. Fernsehserien wie Die Simpsons, Ally McBeal oder Boston Legal stammen aus Murdochs Firma 20th Century Fox. Zuletzt gelang es ihm, mit dem Verlag Dow Jones das Wall Street Journal zu erobern; zu einem, wie es Mehrheitsmeinung in der Branche ist, überhöhten Preis von fünf Milliarden Dollar. Der Milliardär Murdoch geriert sich mental immer noch als Underdog, der es den etablierten und oftmals liberaler gesonnenen anderen Milliardären auf Macho-Art so richtig zeigen will.

Nun ist Murdoch also nach mehreren unspektakulären und relativ folgenlosen Versuchen etwa bei Vox und TM3 wieder als Investor in der deutschen Fernsehlandschaft in Erscheinung getreten und hat für 287 Millionen Euro 15 Prozent am Pay-TV-Sorgenkind Premiere gekauft. Es wird kräftig spekuliert, was er damit im Schilde führt. Die einen halten ihn für einen "Strohmann" seines alten Kumpels Leo Kirch, der jüngst für teures Geld (drei Milliarden Euro) die Fernsehrechte an sechs Jahren Fußball-Bundesliga gekauft hat und den Löwenanteil von der Rückfinanzierung bei Premiere abkassieren will. Murdoch ist jedoch ebenso das Gegenteil zuzutrauen: dass er Kirch mit seinen Fußballrechten so sehr in den Schwitzkasten nimmt, bis der gezwungen ist, ihm den angeblichen Schatz zu überlassen. Denn Kirchs Verhandlungen mit der Commerzbank über die Finanzierung seines Deals sind bisher nicht vom Fleck gekommen.

Doch sind die deutschen Fußballrechte überhaupt ein so großer Schatz? Wenn Murdoch von seinen erfolgreichen Erfahrungen beim Bezahlfernsehen Großbritanniens und Italiens auf Deutschland schließt, landet er auf dem Holzweg, auf dem Kirch schon vor ihm war. Die neoliberale Stimmung, die Thatcher, Blair und Schröder nach oben gespült hat, ist in Deutschland verflogen. Milliardäre, die dem Volk etwas wegnehmen wollen, in diesem Fall frei empfangbare Fußballspiele, werden hier schlechte Erfahrungen machen. Selbst wenn Politiker in Murdochs Welt immer zu kaufen sind, so kann ihr Preis doch steigen und die Rendite beeinträchtigen.

Das frei empfangbare deutsche Fernsehen ist, verglichen mit Großbritannien und Italien, vielfältiger und - von der BBC und privaten britischen Film- und Krimiproduktionen einmal abgesehen - auch viel besser.

Bleibt also nur der Fußball, um zu reüssieren. Die deutsche Bundesliga jammert seit Langem, dass sie viel zu wenig Geld einnimmt und wird nicht müde zu behaupten, in den Murdoch-Ländern ginge es in Sachen Fußball besser zu. Doch dieses Gerede kalkuliert mit Unwissenheit und Dummheit. Die britischen Vereine sind überwiegend ein Spielball reicher Investoren. Die einen nutzen sie zur Geldwäsche, die andern saugen sie in Heuschrecken-Manier aus. Die englische Nationalmannschaft ist zweitklassig geworden; die Qualifikation für die Europameisterschaft in diesem Jahr hat sie bekanntlich verpasst. Was vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre: Britische Fans unternehmen fußballtouristische Reisen nach Deutschland, weil hier die Stimmung so gut sein soll. Der Grund dafür ist, dass es in deutschen Stadien noch Stehplätze und damit bezahlbare Eintrittspreise gibt. Die größte Stehtribüne der Welt im Dortmunder Westfalenstadion etwa ist in der Tat eine Attraktion, insbesondere für die Gaffer in den Sponsorenlogen.

In Italien verhält es sich umgekehrt, aber deswegen nicht besser. Die Nationalmannschaft ist Weltmeister, die Liga (Seria A) dagegen sterbenskrank: permanente Dopingaffären, grassierende Korruption, derentwegen die letzte Meisterschaft vor Gericht entschieden werden musste, überhöhte Eintrittspreise und gähnend leere Stadien (zu besichtigen montags um 18 Uhr auf Eurosport). Ein Bild des Jammers, für das man sich bei uns in der Verbandsliga schämen würde.

Dieser Vergleich ergibt: Der deutsche Fußball ist vielleicht nicht so reich wie die Ligen in den Murdoch-Ländern. Aber er ist, von einzelnen Krisenfällen abgesehen (ökonomisch: Schalke, sportlich und ökonomisch: Dortmund, Kaiserslautern, 1860 München, sportlich: 1.FC Köln), vergleichsweise gesund, weil er populär ist. Nachdem der Hooliganismus in die unteren Ligen verlagert wurde, ist die Bundesliga sogar mehr denn je ein Familienvergnügen geworden. Einstiegsdroge für die Kinder ist die Sportschau am frühen Samstagabend. Wer das ändern will, muss nur seiner Geldgier freien Lauf lassen und sich Murdoch in die Arme werfen.

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