Der Turmbau zu Brabel

Mega-City Die slowakische Hauptstadt erlebt die enthemmende Wirkung des Tabu-Bruchs

Zum Jahreswechsel (s. Freitag 50/07) hatte sich Martin Leidenfrost mit Grenzfragen beschäftigt. Damals trat gerade der Schengen-Abkommen für fast alle EU-Mitgliedsstaaten in Kraft, so dass die Außengrenze der Union bis an die Ostgrenzen Polens, Litauens, Estlands, Ungarns und der Slowakei rückte. Diesmal tat er sich vor der eigenen Haustür um. Bratislava hört es nicht ungern, wenn ihm der Ruf vorauseilt, das "Dubai Mitteleuropas" zu sein. Nicht so sehr wegen plötzlich entdeckter Ölpfründe, sondern weil zu Füßen der Kleinen Karpaten die Höhenflüge der Architektur den Himmel streicheln.

In Bratislava weiß keiner so recht zu sagen, warum gerade in Bratislava die Wolkenkratzer aus dem Boden schießen. Die slowakische Hauptstadt hat nur 425.000 Einwohner, die sich auf der halben Fläche von Berlin verteilen, also kann Platzmangel der Grund nicht sein.

Warum ausgerechnet das ehemalige Pressburg-Pozsony-PresŠporok, welches zum Ende des Ersten Weltkriegs noch eine deutsch-ungarisch-slowakisch besiedelte Kleinstadt war, in "Mitteleuropas Dubai" verwandelt wird, das beschäftigt mich schon lange. Erstens lebe ich seit 2004 in dieser Stadt, wenn auch in ihrem entlegensten Außenbezirk. Und zweitens stellt man mir gerade so ein Ding vor die Nase.

In meinem vierten slowakischen Jahr ahne ich eine Art von Antwort, doch täte ich gut daran, sie für mich behalten. Kaiserin Maria Theresia schmeichelte einst den Pressburgern, indem sie das 60 Kilometer entfernte Wien eine "hübsche Vorstadt von Pressburg" nannte. Anstatt mir an der Monarchin ein Beispiel zu nehmen, sagte ich öffentlich, dass es dieser verspäteten Großstadt an Charakter mangelt und dass ihr daher ein paar hineingeklotzte Hochhäuser gut zu Gesicht stehen würden.

Das hat meine Beliebtheit nicht gesteigert. Dennoch will ich weiter darüber spekulieren, warum gerade die "little big city" für Türme und Komplexe aufgerissen wird, deren Namen keiner Übersetzung bedürfen: Tower 115, Vienna Gate, Koloseo, Universo, Condominium Renaissance, City Business Center, Westend Business Park, Aupark Tower, Europex Tower, Glória Tower, Lakeside Park, Digital Park.

Vier, fünf Faktoren scheinen mir als Erklärung geeignet. Da wäre zunächst die enthemmende Wirkung eines Tabubruchs. Im Unterschied zu den Genossen in Prag, Brünn oder Budapest haben einst Bratislavas Kommunisten die Axt an ihre Altstadt gelegt. Für die Schneise, welche die barocke Altstadt in zwei Hälften zerschnitt, wurde eine der beiden Synagogen abgerissen. Seither schmiegt sich eine vierspurig herausbetonierte Lastenstraße an den Martinsdom.

Später, in der Marktwirtschaft, kam die Präsenz von vorwiegend westeuropäischen Investoren hinzu, die einander gegenseitig zu überbieten suchten. Unter den katholischen Marketendern, welche die Stadt Bratislava seit 1990 regieren, fühlen sich die Investoren wohl. Oft ziehen sie Bürohäuser ohne Genehmigung hoch und zahlen die Pönale aus der Portokassa. Der Magistrat reicht dann die Genehmigung mit Handkuss nach. Neulich wurde das Industriedenkmal eines ehemaligen Kabelwerks gesprengt. Ohne Genehmigung, Konsequenzen drohen nicht.

Als weitere Gründe gebe ich an: eine besonders passive Öffentlichkeit - die Wahlbeteiligung bei Kommunal- und Regionalwahlen liegt zwischen 10 und 25 Prozent -, dazu kommen besonders biegsame Bezirksräte und das besonders gering ausgeprägte kulturelle Selbstwertgefühl der slowakischen Nation. Damit habe ich bestimmt wieder zuviel gesagt. Selbst wenn meine Analyse fehlgeht, gebaut wird auf jeden Fall. Ich wollte wissen, wie üppig die Skyline tatsächlich ausfällt, und habe im Rathaus SŠtefan SŠlachta besucht. Der alte Professor ist "Hauptarchitekt" der Donaustadt. Reiz und Tragik seiner Aufgabe liegen darin, dass sein Amt geschaffen wurde, als es zu spät war.

Wie die meisten Einwohner sieht SŠlachta den Drang ins Vertikale kritisch. Er fürchtet, dass der Verkehr aus den fünfgeschossigen Tiefgaragen die Straßen vollends verstopft. "Ich kämpfe vor allem gegen Hochhäuser für Wohnzwecke", sagte er in einem gepflegten Deutsch. Dabei streute er ein, dass keiner der aufschießenden Residence-Tower die Wohnqualität des überkommenen Plattenbaus in PetrzŠalka erreicht, in welchem er aus Überzeugung wohnen bleibe.

Ich kenne diese Appartements. Sie haben vier Zimmer, eine geräumige Loggia, einen praktischen Zuschnitt, viele sind im Kreis begehbar, und da die Fenster auf beide Längsseiten des Plattenbaus hinausgehen, haben sie vom Morgen bis zum Abend Sonne. Kaum jemand in der Slowakei wagt das heute auszusprechen - der Hauptarchitekt SŠtefan SŠlachta hatte aber recht und wurde mir sympathisch.

Wir beugten uns über Pläne und Listen, und taten das anderthalb Stunden lang. Wolkenkuckucksprojekte abgerechnet, werden 2011 bis 2012 in Bratislava 30 bis 40 Hochhäuser stehen. Die Projektphase ist Vergangenheit, es wird hochgezogen, sie bauen schnell. Eine halbe Milliarde Euro für "Twin City", eine halbe Milliarde für "Eurovea" und noch einmal für "River Park", die Fortsetzungen der Donaupromenade links und rechts der Altstadt, noch einmal so viel für "Panorama City", "Lindenpark" und ein paar Tower mehr. Östlich der Altstadt kommt es zu einer gewissen Verdichtung von voraussichtlich 17 Stück.

Es entstehen Büroflächen für 70.000 neue Angestellte. "Wo nehmen wir die eigentlich her?", fragt SŠlachta spöttisch, der auf seine alten Tage aufgekratzt wirkt. Trotz der geringen Machtfülle ist der Job aufregend. Der Hauptarchitekt ist täglich in den Medien, er wird international herumgereicht. Die Entwickler von "Twin-City" kündigten an, dass ihnen Norman Foster einen Wolkenkratzer bauen werde, die Investoren des 39-Etagen-Twin-Towers "Panorama City" hielten ihren Stararchitekten Ricardo Bofill bis zur Grundsteinlegung geheim. Wolkenkratzer ist allerdings auch ein relativer Begriff. SŠtefan SŠlachta spricht lieber von einem "Westentaschen-Manhattan", denn die meisten Hochhäuser werden dann doch nur 80 bis 110 Meter hoch. Keine schlanken Grazien, eher stämmige Schränke.

Neugierig betrachte ich die hübsch gemachten Visualisierungen, welche mir wöchentlich aus den Gratiszeitungen Bratislavas entgegen leuchten. Aus den sonnigen Entwürfen setzt sich mir eine europäische Hauptstadt zusammen, die wie der Potsdamer Platz in Berlin aussieht, nur multipliziert. Und nur mit verschobenen Proportionen. Bratislava ist ein Achtel von Berlin.

Vielleicht wird diese Stadt in zwei, drei oder vier Jahren so aussehen: zu Füßen der Kleinen Karpaten eine weitläufige Donaustadt, aus deren Weichbild auffällig viele Solitäre stoßen. Wie die breiten Zahnstummel eines gemächlich mahlenden alten Tiers.

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