Meine volkstümelnden Pappenheimer

Ostwind Kolumne

Nach einer Sommerpause konnte Martin Leidenfrost wieder unterwegs sein zu kleinen und größeren Touren durch Osteuropa. Zunächst hat es ihn dabei in die slowakische Provinz verschlagen, der es die Ruhe und das Nischendasein nimmt, wenn wirtschaftliche Prosperität nicht aufzuhalten ist. Das multilaterale Unternehmen SlovaKIA stört mit einem koreanischen Wohncamp und mehr die hinterwäldlerische Idylle des Dorfes KrasnŠany.

Zum Herbstanfang bin ich in den Norden der Slowakei gefahren, um die neue koreanische Kolonie zu sehen. Warum nicht mit den asiatischen Zuzüglern plaudern, wie es sich im slowakischen Bergland so lebt? Die Nordregion um ZŠilina ist ein armer Landstrich ohne ethnische Minderheiten, und sie gilt innerhalb der Slowakei als Hort eines dumpfen, hartleibigen Nationalismus. Doch fahre ich nicht ungern hin, denn ohne spontane Gastlichkeit haben mich die Leute dort noch nie gehen lassen.

Ich hätte nicht so weit fahren müssen, um zu erfahren, dass die Slowakei - traditionell ein Herkunftsland von Arbeitsmigration - nun in kleinen Dosen zum Ziel von Arbeitnomaden wird. Das neue PSA-Peugeot-Werk in Trnava hat 100, das neue Samsung-Werk in Galanta 250 Rumänen eingestellt - außerdem werben die Jobvermittler auch Kosovaren für angesiedelte Fabriken an. Von einer Umkehrung der Migrationsströme kann freilich nicht die Rede sein: 170.000 Slowaken arbeiten nach wie vor im Ausland, die meisten in Tschechien, Großbritannien und Irland. Zwar steigt die Zahl der Ausländer, die in der Slowakei arbeiten, aber sie liegt gerade einmal bei 4.500.

Mich hat etwas anderes angezogen. "SlovaKIA", der schreiende Kontrast. Auf der einen Seite meine volkstümelnden Pappenheimer, die auf kein Gulasch einladen können, ohne es ausdrücklich ein "slowakisches Gulasch" zu nennen, und die mich sanft korrigieren, wenn ich ihren Helden JánosŠík als "slowakischen Robin Hood" bezeichne - "es ist andersrum, Robin Hood war der englische JánosŠík". Auf der anderen Seite die koreanische Kolonie, erbaut für die Führungsschicht des neuen KIA-Autowerks in ZŠilina, hundert Wohneinheiten, angelegt nach den hierarchischen Prinzipien der südkoreanischen Gesellschaft.

Der Bekannte, der mich an jenem Sonntag dorthin fuhr, wusste zu berichten, dass Südkorea wie besessen Übersetzungen europäischer Kinderbücher kauft. Er hatte ein solches Buch als Geschenk dabei, in koreanischer Sprache und mit lieblichen Cartoons illustriert.

Wir kamen zunächst in das Dorf KrasnŠany, auf dessen Territorium die Kolonie liegt. Hinein in die KrcŠma, die lokale Kneipe, und angehört, was sie über die neuen Nachbarn denken. Nach wenigen Minuten hatten wir eine Einladung zum Familiengrill, einen Eindruck von der Bitterwurzel-Schnaps-Spezialität Horec und ein Dutzend individuell gefärbter Korea-Theorien. Einig waren sich die Dörfler in einem Punkt: Die Koreaner schotten sich ab. Als Ereignis wurde verbucht, dass am Vortag zwei Koreaner auf dem alljährlichen Dorffest erschienen waren. "Sie leben jetzt schon ein Jahr dort oben", sagte einer, "aber ich sehe höchstens mal einen beim Sport. Mir scheint, sie joggen viel."

Eine junge Frau meinte, die Koreaner legten größten Wert auf Disziplin: "Den Arbeitern bleibt nicht einmal genug Zeit zum Essen." Dabei zahlt KIA unter dem slowakischen Durchschnitt, ein Arbeiter bekommt weniger als 500 Euro.

Auf seinem Stammplatz seitlich vom Tresen saß ein älterer Haudegen, der schon mit Koreanern gearbeitet hatte. Nicht mit den Managern von oben, sondern mit einer 50köpfigen Brigade von Monteuren. "Das sind die Grauslichsten überhaupt", schimpfte er los und erhob sich für eine Pantomime, in der er gleichzeitig das Verhalten der koreanischen Arbeiter und seinen Abscheu davor präsentierte. "Die schmeißen alles weg, wo es ihnen gerade einfällt, rauchen pausenlos, lassen überall die Kippen fallen. Die kennen überhaupt keinen europäischen Benimm!" Damit ich das slowakische Geschimpfe gewiss verstehe, rief der Wirt vom Zapfhahn her auf Deutsch: "Schweinerei!"

Einig waren sich die Dörfler von KrasnŠany in einem weiteren Punkt: Das koreanische Restaurant, in dem wir essen wollten, war ein Gerücht. Und da wir uns nicht angemeldet hatten, würde uns der slowakische Sicherheitsdienst nicht in die Kolonie hinein lassen. Nicht in hundert Jahren.

Wir fuhren los und sahen kurz darauf das Camp. Großräumig eingezäunt und in eine weiche, in einem weiten Bogen ansteigende Landschaft gelegt. Unten zweistöckige Apartement-Gebäude, in einem abgemilderten Weiß. Die Fenster bis zum Boden, weiße Vorhänge bis zum Boden, in identischer Form, an allen Gebäuden, an allen Fenstern. Flachgiebelige Dächer, das Erdgeschoss für Garagen. Dazwischen Rasenflächen, Betonflächen, kein Mensch. Dahinter, den ansteigenden Hang hinauf, die Auffahrt zu den Villen der Chefs.

Die ansehnliche Saab-Limousine meines Fahrers erwies sich als Segen. Wir näherten uns der Pforte, ich nickte dem slowakischen Wächter wortlos zu - die Schranke hob sich.

Wir waren drin. Mein Fahrer fuhr direkt den geschwungenen Bogen auf die Anhöhe hinauf. Durch die großzügige Verglasung des Hallenbads war Leben zu erkennen, ein paar Mädchen in Badeanzügen. Die Villen lagen auf dem Rücken des Hangs, auch sie bis auf eine identisch, mit einem erhebenden Weitblick. Wir hielten vor dem zweitletzten Haus. Die Haustür stand offen, davor eine gedrungene schwarze KIA-Limousine. Es könnte das Haus des Vizepräsidenten gewesen sein.

Ich stieg aus, mein Fahrer hielt das koreanische Kinderbuch bereit. Ich sah von weitem eine Frau im Inneren des Hauses sitzen und einen Mann neben ihr stehen. Sie schauten auf etwas, es könnte ein Flachbildschirm gewesen sein. Ein weißer Pudel kam heraus und kläffte mich an. Ich näherte mich unter Entschuldigungen dem Haus, bis mir der Mann endlich entgegen kam. Ich erklärte auf Englisch, dass uns das koreanische Leben in der Slowakei interessiere.

Er war seriös angezogen und sagte mir nur das Eine: "You cannot be inside. Go outside!" Ich sicherte unser Verschwinden zu, hätte aber gern noch ein paar Worte gewechselt. Es war nichts zu machen. Er wiederholte ungerührt "Go outside!" und lächelte dabei.

Hinterher nahmen wir die Einladung zum Familiengrill gern an. Es war eine große Familie, die zum "slowakischen Gulasch" versammelt war. Die 87-jährige Großmutter war früher die Kneipenwirtin von KrasnŠany. In der staatlichen KrcŠma, die zuerst Zukunft und dann Einheit hieß. Einer ihrer Söhne arbeitete als Handwerker in Wien. Die 24-jährige Enkelin trug aus ihrem ersten Gedichtband vor, der im Verlag der Bewegung der christlichen Pädagogen der Slowakei erschienen war - Gedichte über die Muttergottes und die besänftigende Wirkung der Bergwelt.

Ich muss sagen, ich fühlte mich sauwohl. Eine letzte Korea-Geschichte hat mich dann doch wieder neugierig gemacht auf die Kultur dieses mir noch so fremden Volkes. Der integrierteste Koreaner von KrasnŠany, so hörte ich, sei ein Jogger. Er komme verschwitzt in die KrcŠma gerannt, zeige auf den Zapfhahn, kippe im Stehen ein Bier und renne dynamisch weiter.

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