Orange Revolution auf dem Roten Platz von Lugansk

Unterwegs im Donbass In Kiew mag man sie nicht - die sieben Millionen russisch maulender Malocher in der Ostukraine

Den Turmbau zu Bratislava hatte Martin Leidenfrost zuletzt auf seinen Reisen durch Osteuropa bewundert. Ihm fiel auf, dass es in der slowakischen Hauptstadt nicht nur einen sichtbaren Zuwachs an Hochhäusern gibt, sondern auch unverhohlenen Stolz, wenn vom "Dubai Mitteleuropas" die Rede ist. Noch weiter ostwärts sind seine Erkundungen diesmal angesiedelt - zwischen dem Abraum der Kohlenschächte, dem Grau der Städte, den Baracken und Arbeiterhäuschen hat er eine Gegend in der Ukraine bereist, die sich mehr russisch fühlt, als sie tatsächlich ist.

An einem winterlichen Morgen sitze ich im Speisewagen vor der Einfahrt in das Donbass-Revier. Eine hagere Blonde im hellrosa Trainingsanzug wischt den Boden des Waggons. Ich schaue aus dem Fenster. Es ist neblig, die Bäume stehen in weißem Reif. Es ist eine flache bis sanfthügelige, eine gezähmte und aufgewühlte Landschaft. Im dichter werdenden Winternebel nimmt sie sich bald nur noch gespenstisch aus.

Der Zug rollt an einer Mauer aus hellgrauen Quadern entlang. Auf der Mauer ein rund gewickelter Stacheldraht, hinter der Mauer ein still liegender Industrieriese in Grautönen, 24 Kilometer lang. Die endlose Fabrik wirkt vollkommen tot, kein Farbtupfer nirgends, nur einmal sehe ich undeutlich ein gebücktes Männlein gehen, über eines der endlosen querverstrebenden Rohre, mit langsam prüfendem Schritt.

An diesem Montagmorgen erscheint mir einer der größten Ballungsräume Europas beinahe menschenleer. Ich frage die Speisewagen-Stewardess, was wir da draußen sehen. "Das Metallkombinat von Kommunarsk", antwortet sie knapp. "Ist das in Betrieb?" - "Ist in Betrieb." Später erfahre ich, das Metallkombinat floriert sogar.

Man mag ihn nicht, den Donbass. Man rümpft - zum Beispiel in Kiew - die Nase über die Bewohner des ostukrainischen Kohle- und Stahlgebiets, und man fügt angewidert hinzu, dass sie so viele seien, sieben Millionen. Man hält sie für eine gleichförmige Masse russisch maulender Malocher, unflexibel und unkultiviert, den Segnungen der sprachlich-kulturellen Ukrainisierung dumpf widerstehend. Vor allem mag man nicht ihre politische Macht. Die Donbasser wählen nämlich wie ein Mann. In den neunziger Jahren fielen ihre Stimmen den Kommunisten zu, nun wählen sie mit 70 bis 90 Prozent die Partei der Regionen von Viktor Janukowitsch.

Der Donbass steht unvermindert hinter dem Ex-Premier, die orangen Kräfte hingegen sind im Donbass unvermindert verhasst. Ich merkte daher auf, als im Sommer 2007 die ukrainischen Medien vermeldeten, dass mitten im Donbass ein "Museum der Orangen Revolution" eröffnet wurde. Das erschien mir so logisch wie ein Eissalon auf dem Mond, und jetzt fahre ich nach Lugansk.

Solange ich da bin, wird Stachanow nicht mehr fröhlicher

Lugansk ist eine von zwei Gebietshauptstädten des Donez-Beckens, und ich will vorher noch eine gewöhnliche Donbass-Stadt sehen. Die Auswahl ist groß. In Europa hat man vielleicht von der Millionenstadt Donezk gehört, bekannt durch den Fußballklub Schachtjor Donezk.

Wer aber hätte je von den anderen Großstädten des Donbass gehört? Von Mariupol, Makejewka, Gorlowka, Kramatorsk, Slawjansk, Altschewsk, Sewerodonezk, Lisitschansk? Von 16 weiteren Städten mit über 50.000 und noch einmal 21 Städten mit über 20.000 Einwohnern?

Weil mir der Name gefällt, wähle ich Stachanow. Die Stadt ist nach dem Bergmann benannt, der hier in einer einzigen Schicht 102 Tonnen Kohle förderte, das Dreizehnfache der Norm, am 31. August 1935. Er gab der sowjetischen Stachanow-Bewegung den Namen. Wenn die Donbass-Kohle heute ein Thema ist, dann wegen der Hunderten Toten und wegen der illegalen Kohlegruben, in denen ohne Rücksicht auf Menschenleben geschürft wird.

In Stachanow angekommen, friere ich. Am zentralen Markt, wo minütlich Marschrutka-Kleinbusse ankommen und abfahren, gibt es keinen Ort zum Aufwärmen, kein einziges Café. Ich steige in ein altes Wolga-Taxi, damit mich der alte Fahrer an einen Ort mit heißer Suppe bringt. "Zuerst das Geld", sagt er. Während der Fahrt spricht er über seine Beziehung zur Stadt: "Hier bin ich geboren, und hier werde ich sterben."

Solange ich da bin, wird Stachanow nicht mehr fröhlicher. Die 83.000-Einwohner-Stadt hat einen großen modernen Busbahnhof, den fahren aber nur noch Verirrte an. Die repräsentative Glasfront ist zerbrochen, in der kalten Halle werden Second-Hand-Klamotten verkauft. Der Busbahnhof muss einmal behaglich gewesen sein, noch stehen die Palmen in ihren großen Töpfen, gebrauchte Damenhandtaschen hängen auf den verdorrten Palmenzweigen.

In dicke Pelzmäntel gehüllt, sitzen die Verkäuferinnen unter dem großzügigen Wandrelief, das einst die verfügbaren Destinationen angezeigt hat. Die Karte ist nicht mehr ganz heil; je nach Betrachtungsweise ist ein Stück Sowjetunion zerbrochen - oder man hat sich etwas heruntergebrochen oder von der Ukraine ist ein Stück abgebrochen.

Mein Reiseziel Lugansk hat keinen Charme, nicht einmal einen verkommenen. Am Morgen mache ich mich auf, ins "Museum der Orangen Revolution" zu gehen. Ein unerwartetes Problem tritt auf. Die Taxifahrer haben noch nie von einem solchen Museum gehört, und sie sehen mich an, als wäre ich einer, der ihnen blöd kommt. Die fünfte Person, eine Zeitungsverkäuferin am Hauptbahnhof, hat im Fernsehen einen Bericht gesehen. Die Adresse kennt sie nicht, aber das Museum habe "wie eine Privatwohnung ausgesehen". Sie schickt mich zur Bahnhofsinformation. Dort empfängt mich eine klirrend sibirische Schönheit. Sie lächelt amüsiert und ruft im Amt des Bürgermeisters an. Dort weiß man nichts von einem Museum der Orangen Revolution.

Ich frage vor dem Bahnhof weitere Chauffeure, Kaukasier, Dispatcher. Ein Junger, der im Wageninneren eines Kleinbusses sitzt, lässt mir ausrichten, dass sich das gewünschte Museum auf dem "Roten Platz" befindet. Ich springe ins nächste Taxi. Der Fahrer verlangt einen überhöhten Preis und setzt mich auf dem Roten Platz ab, vor dem Polizeimuseum.

Der wachhabende Polizist im Polizeimuseum weiß von nichts. Ich bin bereit, mir als vorläufige Ersatzhandlung das Polizeimuseum anzuschauen, das wird aber renoviert. Ich frage den wachhabenden Polizisten, was es im Polizeimuseum zu sehen gibt. Das kann er mir nicht sagen. Er empfiehlt mir, seinen Vorgesetzten anzurufen, damit dieser mir sagt, was es in dem Museum zu sehen gibt, in welchem er den ganzen Tag Wache hält.

Ich frage im Umfeld des Roten Platzes weiter. Eine müde alte Straßenkehrerin, das eine Auge halb verwachsen, sieht mich nicht einmal an. In der fensterlosen Eingangshalle eines Restaurants gibt mir ein Wächter rasch zu verstehen, dass er das Gespräch für beendet hält.

Ich verlege mich auf Kleingruppen, auf Kleingruppen im Freien, auf junge Menschen. "Was für eine Revolution?", kriege ich ein paar Mal zur Antwort, "ich glaube nicht, dass das eine Revolution war." Ich stoße auf ein Denkmal, errichtet 1996 für im Kampf gegen den Faschismus gefallene Polizisten. Dahinter gibt es eine neue Kapelle, ein paar Gläubige telefonieren aufopfernd für mich herum. Nichts.

Irgendwann frage ich wie ein Automat, aus soziologischem Interesse, innerlich resigniert. Plötzlich aber, vor einer Hochschule, steht ein junger Mann vor mir, der das Museum der Orangen Revolution nicht nur gekannt, sondern auch persönlich besucht hat. Es sei mittlerweile geschlossen, fügt er hinzu. Eigentlich sei es nur eine Ausstellung im vergangenen Sommer gewesen, gegen das Orange-Lager gerichtet, eine kleine Aktion im Wahlkampf, ein Gag.

Die Auskunft macht mich dennoch zufrieden. Zwar ist mein Vorhaben gescheitert, andererseits hat es mich ausgiebiger unter die Leute gebracht, als es das verschlossene Naturell und die rauen Umgangsformen der Donbasser nahelegen würden.

Wie ausgestochene Kekse ragen die "Terrakony" aus der Ebene

Dass ich den Donbass auf meiner zweiten Reise verstanden hätte, bilde ich mir nicht ein. Es reicht höchstens für ein paar ungefähre Behauptungen. Die Geschichte des Donbass ist genuin sowjetisch, der Heimatbegriff des Donbass greift in die ganze postsowjetische Weite aus. Stachanow ist jedoch vergessen, und die aufgeschürfte Erde hat keine Mythen hervorgebracht, die eine Absonderung kulturell legitimieren würden.

Zwei Sätze kommen mir im Donbass immer wieder unter. Den einen höre ich immer in der Wir-Form: "Wir sind hier für Janukowitsch." Niemals höre ich sie sagen: "Ich bin für Janukowitsch." Den anderen Satz kenne ich nur in der Ich-Form: "Ich bin Ukrainer, aber mir ist Russland näher."

Die Erläuterungen klingen immer praktisch. Nördlich und östlich des Donbass liegt Russland, südlich liegt das Meer, und im Westen sitzen die galizischen Ukrainisierer, ökonomische Hungerleider, die auf den Donbass herunterblicken, "dabei ernährt der Donbass die ganze Ukraine". In Russland lebt man besser, sagen sie, das Tanken ist billiger, und das Gas gibt´s zum Inlandspreis.

Ich nehme den Zug nach Westen, es ist Nachmittag, ich verlasse den Donbass. Wieder wabert der Nebel über endlosen Güterzügen, Hunderte und Tausende graubrauner Kohlewaggons, die mir auf manche Stadt die Sicht versperren.

Es gibt kaum einen Ort im Donbass, an dem ich länger verweilen möchte, aber das Fahren ist schön. Wie ausgestochene Kekse ragen die "Terrakony" aus der Ebene, schütter bewachsene Erdhügel, der Abraum der Schächte. Ich sehe Bauhöfe, Baracken, Arbeiterhäuschen aus fahlem Klinker, hellbeige und hellgrau. Dazwischen flache Wälder, gleichförmig, zum Durchwandern zu dicht gepflanzt. Auf den Straßen viele Kastenwagen, Kleinlaster, Kleinbusse. Eine immerfort Dreck aufwirbelnde Autowäsche-Welt, ein Männerland. Am liebsten will ich nur noch fahren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare