Jenseits des Rasters

Porträt Katarina Barley managt als Generalsekretärin den SPD-Wahlkampf. Den üblichen Mustern entzieht sie sich

Ihr Lieblingslied ist Poison von Alice Cooper. Dass sie selbst gerne Gift versprüht, kann man Katarina Barley allerdings nicht nachsagen. Seit knapp einem Jahr ist sie Generalsekretärin der SPD. Sigmar Gabriel hat lange gebraucht, um ihren Namen richtig auszusprechen. „Barley wie Harley“, erklärt die Tochter eines Briten und einer Deutschen immer wieder aufs Neue geduldig. Gabriel gilt als schwieriger Chef, Barley sagt, sie mag Typen mit „Ecken und Kanten“.

Bevor sie Generalsekretärin wurde, war sie weitgehend unbekannt. Vorschusslorbeeren gab es trotzdem, nicht nur aus den Reihen der Partei, sondern auch von den Medien. Die Welt bezeichnete Barley als pragmatische Top-Juristin, die taz befand, sie würde überall eine gute Figur machen, ob als Dorfbürgermeisterin, Ministerin oder Kanzlerin. Barley ist seit 1994 Mitglied der SPD, sie hat in Marburg und Paris Jura studiert, als Anwältin in einer Hamburger Großkanzlei gearbeitet, sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht und Richterin in Rheinland-Pfalz. Und nebenbei widmete sie sich der Lokalpolitik in Trier.

Mit den üblichen Rastern ist Barley nur schwer zu fassen. Sie hat über das eher dröge anmutende Thema „Kommunalwahlrecht für Unionsbürger“ promoviert, zugleich ist sie Karnevalsaktivistin mit einem Faible für Rock ’n’ Roll. Barley ist Kosmopolitin mit doppelter Staatsbürgerschaft, aber sie wohnt in der 8.000-Seelen-Gemeinde Schweich an der Mittelmosel. Im Bundestag sitzt sie erst seit dieser Legislaturperiode, dass sie sich dabei nicht auf die Rolle der unauffälligen Hinterbänklerin beschränken würde, stand ziemlich schnell fest. Barley wurde auf Anhieb zur Fraktionsjustiziarin gewählt, dieser Posten ist nicht nur inhaltlich wichtig, er gilt auch als strategisch bedeutsame Schlüsselposition.

Auch wenn der Parteivorsitzende Gabriel Fernsehinterviews weiterhin am liebsten selbst bestreitet, ist der Bekanntheitsgrad von Katarina Barley in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. Ende November wurde sie als „Aufsteigerin des Jahres“ mit einem Politikaward ausgezeichnet. Norbert Lammert würdigte in seiner Laudatio ihre Überzeugungskraft, man müsse schon sehr fest in seinem politischen Glauben verankert sein, um sich ihrem Charme zu entziehen.

„Ich bin die Frau, die eher das Florett führt“

Vor kurzem ist die Generalsekretärin einer Einladung der Linkspartei zum „Forum Demokratischer Sozialismus“ nach Leipzig gefolgt. Dort diskutierte sie mit Dietmar Bartsch und Anton Hofreiter von den Grünen über die Möglichkeiten für ein rot-rot-grünes Bündnis nach der Bundestagswahl im kommenden Jahr. Dass eine SPD-Politikerin bei der Linkspartei auftritt und dort für ihre Aussagen mit kräftigem Applaus belohnt wird, ist keine Selbstverständlichkeit.

Barley gehört zum linken Flügel der SPD, dass sie stets elegant gekleidet ist, bleibt in keinem Artikel, der über sie erscheint, unerwähnt. Reporter zeigten sich beeindruckt, als die Generalsekretärin bei einer Wahlkampfveranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern unfallfrei mit hochhackigen Pumps über das Stralsunder Kopfsteinpflaster spazierte. Ausführlich berichtet wurde auch über das cremeweiße Cabrio, das Barley fährt. Ein Karmann-Ghia, Baujahr 1969 – da kommen natürlich Erinnerungen an die Ära von Willy Brandt hoch. Der aufgeregte Tonfall, in dem über Begegnungen mit Barley berichtet wird, zeigt auch, wie wenig Glamour man der SPD ansonsten zutraut.

Barley selbst sagt zum Thema Stil, sie beherrsche zwar die Attacke, bevorzuge aber den inhaltlichen Dialog. Mit dem Typus des wadenbeißerischen Parteisoldaten kann sie wenig anfangen. „Ich bin die Frau neben Sigmar Gabriel, die eher das Florett führt“, hat sie ihr Leben als Generalsekretärin beschrieben. Die Unionspolitiker Horst Seehofer und Julia Klöckner hat Barley in Interviews scharf für ihre Rhetorik in der Debatte um die Flüchtlingspolitik kritisiert. Auf Facebook und Twitter debattiert sie tapfer mit Trollen und AfD-Anhängern, der unmittelbare Schlagabtausch in der Polit-Talkshow ist hingegen ein Format, das ihr nicht besonders liegt. Sie sei „keine Lautsprecherin“ und „nicht kamerasüchtig“, charakterisiert sie sich selbst. Ein Fernsehinterview mit Thomas Leif vom SWR dürfte aber aus anderen Gründen missglückt sein. Es ging um das Auseinanderdriften von Arm und Reich. Für eine Parteilinke sollte das ein Selbstläufer sein. Barley geriet dennoch gewaltig ins Stottern. Das dürfte nicht mangelnder Eloquenz geschuldet sein – Barley hat sich als Juristin intensiv mit Sozialpolitik beschäftigt –, sondern zeigt, unter welchem Druck sie steht.

Um den Posten der Generalsekretärin wird sie in und außerhalb der SPD niemand ernsthaft beneiden. Sie muss die Partei auf einen harten Wahlkampf einstimmen. Angesichts einer bisher ungeklärten Kanzlerkandidatur, eines wankelmütigen Parteichefs, der zum abrupten Kurswechsel neigt, und Umfragewerten, die bei 23 Prozent dümpeln, ist das eine undankbare Aufgabe. In ostdeutschen Bundesländern landet die SPD oft auf dem vierten Platz, hinter Union, AfD und Linkspartei. In der SPD sagen viele, sie schätzen an Barley die Zuversicht, die sie ausstrahlt, und die Herzlichkeit. Bisher hat die Generalsekretärin vor allem „nach innen“ gewirkt, vermutlich auch, weil die Genossen nichts dringender brauchen als Aufmunterung. Etwas anderes, als die Rolle der Berufsoptimistin zu übernehmen, bleibt Barley kaum übrig. Sie spricht auffallend oft über die Bedeutung von Humor. Als gebürtige Kölnerin schätzt sie die rheinische Fröhlichkeit, die trockene britische Variante mag sie ebenfalls. Auch wenn ihr Parteikollegen davon abgeraten haben, ihren Sinn für Ironie im Politikbetrieb auszuleben: Im Wahlkampfjahr wird sie ihn brauchen.

06:00 12.12.2016

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