Unter jedem Dach

Lockdown Die Rufe nach Exit-Strategien werden lauter. Doch Ideen, bei denen Risikogruppen zu Randnotizen werden, wirken wenig menschenfreundlich – sondern bedrohlich
Keine Begegnung nirgends. Was mag das für ältere Menschen bedeuten? (Symboldbild)
Keine Begegnung nirgends. Was mag das für ältere Menschen bedeuten? (Symboldbild)

Foto: Ina Fassbender/AFP via Getty Images

Wann endet der Lockdown? Und wie geht es danach weiter? Diese Fragen wurden bereits gestellt, als Bund und Länder das Kontaktverbot zwar angedeutet, aber noch gar nicht beschlossen hatten. Inzwischen werden die Rufe nach Exit-Strategien immer vehementer, wegen der Gefahr der wirtschaftlichen Rezession, den fatalen psychischen Auswirkungen des Social Distancing, aus Sorge um die Grund- und Freiheitsrechte. Natürlich muss man die Risikogruppen weiterhin besonders schützen, auf diesen Hinweis verzichten auch die lautesten Rufer nicht. Aber wenn nebulös und vage bleibt, wie dieser besondere Schutz konkret aussehen soll, klingt das arg lapidar.

Ein Impetus, bei dem die Risikogruppen nur noch als Randnotiz in Erscheinung treten, wirkt fast so bedrohlich wie die Sehnsucht nach autoritärem Staatshandeln, die zu Beginn der Pandemie die Debatte dominierte. Und das nicht nur wegen der schieren Größe der Gruppe der besonders Gefährdeten. Zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr nimmt das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf zu, mit höherem Alter steigt es stetig. Auch wenn es unter jüngeren Menschen ohne Vorerkrankungen Todesfälle gibt, ist für sie die Gefahr geringer, zumindest statistisch gesehen. Zu den Risikogruppen, die das Robert-Koch-Institut nennt, gehören – altersunabhängig – Menschen mit Asthma, Bluthochdruck, Herz- und Lungenerkrankungen, mit Autoimmunerkrankungen wie multipler Sklerose oder entzündlichem Rheuma, Menschen mit Lähmungen unterhalb der Halswirbelsäule, Diabetiker und Raucher. Geschätzt klingt das nach der Hälfte der Bevölkerung. Selbst, wenn man nicht zu den genannten Risikogruppen gehört, dürfte so ziemlich jeder von uns sehr viele kennen, bei denen das der Fall ist. Angesichts dessen irritiert die Apathie, mit der bisweilen auf die ins Spiel gebrachte „Isolation der Risikogruppen“ als möglicher Bestandteil einer Exit-Strategie, reagiert wird.

Ältere im Fokus

Zurzeit konzentriert sich die öffentliche Debatte darüber, welche Bevölkerungsgruppen auch beim schrittweisen Ausstieg aus dem Lockdown weiterhin mit Restriktionen rechnen müssen, vor allem auf Ältere. Helge Braun (CDU), der Chef des Kanzleramts, denkt seit mehr als einer Woche laut über eine monatelange Kontaktsperre für Senioren und Risikopatienten nach. Wo will man da die Grenze ziehen? Bei einer oder mehreren Vorerkrankungen? Ab dem 50. Lebensjahr, mit dem Renteneintrittsalter oder bei Hochbetagten jenseits der 80? Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer spricht von einem „neuen Generationenvertrag“ und sagt im Interview mit der taz, ihn störe es, wenn moralisiert werde, ohne zu analysieren.

Der Vorwurf, Moralisierung zu betreiben, wenn es um Menschenwürde und rechtsstaatliche Prinzipien geht, scheint inzwischen ein eingeübter Reflex zu sein. Palmer macht sich bereits Gedanken, wie in einer längerfristigen präventiven Isolation die Versorgung mit Lebensmitteln auch ohne ehrenamtliches Engagement sicher gestellt werden könnte. Mit dieser Frage müssten sich politisch Verantwortliche allerdings schon jetzt auseinandersetzen. Denn mit Appellen an die Solidarität und Lobeshymnen auf Nachbarschaftshilfen ist es nicht getan. Nicht jeder Ältere hat Angehörige, die in der Nähe wohnen, freundliche junge Nachbarn, die den Einkauf übernehmen oder einen Internetanschluss, um Online-Angebote zu nutzen. Und von staatlichen Garantien für jene, denen Politiker und Virologen dringend nahelegen, daheim zu bleiben und somit auch auf den Gang zum Supermarkt zu verzichten, hat man bislang nichts vernommen. Die psychischen Folgen, die mit einer sozialen Isolation, die nicht auf vier Wochen, sondern auf Monate angelegt wäre, hätte man damit ohnehin nicht aufgefangen.

Die Welt wird kleiner

„Heute war ich das erste Mal wieder alleine einkaufen.“ Immer, wenn mein Vater diesen Satz nach einem längeren Krankenhausaufenthalt sagt, ist das ein Signal dafür, dass es ihm besser geht oder sich zumindest der Lebensmut zurückgemeldet hat. Vor zweieinhalb Wochen habe ich mich über diese Botschaft zum ersten Mal nur so halb gefreut. 81 Jahre alt, mehrere schwere Vorerkrankungen, Hochrisikogruppe! Seitdem darf er sich Tag für Tag eine Gefährdungsansprache von mir anhören. Inzwischen ist das für beide Seiten ein einigermaßen routiniertes Schauspiel. Denn eigentlich war er von Anfang an bestens informiert. Als Zahlenmensch musste er gar nicht erst nachschlagen, was es mit dem exponentiellen Wachstum auf sich hat und wie überlastet das Pflegepersonal hierzulande ist, war im schon lange vor Corona klar, aus eigener Anschauung.

Die Corona-Krise macht nicht alle gleich und die Beschränkungen treffen nicht alle auf gleiche Weise. Zwischen dem Leben in der Mietskaserne oder dem Eigenheim mit Garten, dem Angestellten im Homeoffice und der Supermarktkassiererin liegen weiterhin Welten. Das gleiche gilt für die unterschiedlichen Generationen. Kindern fehlt das Rumtoben mit den Freunden, Teenagern die Peer Group, Menschen zwischen Mitte 20 und Anfang 60 sorgen sich um den Job und die Fixkosten. Und die Älteren? Die letzten Jahre sind ein Abschiednehmen, die Welt wird kleiner, die Freunde sterben, der Radius verläuft in immer kürzeren Bahnen, manchmal nur noch bis zum Supermarkt um die Ecke oder über die Gänge im Pflegeheim. Man mag sich kaum vorstellen, wie es ist, wenn in dieser Lebensphase auch noch alle verblieben Sozialkontakte wegbrechen. Und vielleicht ist es genau das, was viele, die nicht mehr ganz jung sind, aber das Alter noch vor sich haben, am Social Distancing als so erschütternd empfinden. Es ist ein Ausblick auf das, was wir mit Alter und Krankheit assoziieren: Einsamkeit und der Verlust von Autonomie und Mobilität.

Da klingt die Variante des Smart Distancing, die dem Virologen Alexander Kekulé als Strategie für den Ausstieg aus dem Lockdown vorschwebt, menschenfreundlicher. Hochwertige Atemschutzmasken für besonders Gefährdete, damit sie im öffentlichen Raum besser geschützt sind, für den Rest der Bevölkerung einfache OP-Masken und wenn man jemanden aus der Gruppe der Risikomenschen besuchen möchte, wird vorher ein Schnelltest gemacht. Das wäre dann immer noch ein Alltag mit Einschränkungen, aber immerhin könnte jeder an ihm teilhaben. Das Problem ist, dass es nach dem Osterwochenende, wenn die Bundesregierung darüber entscheidet wie es mit dem Lockdown weiter geht, weiterhin am Material mangeln wird.

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