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Buchmesse Spezial „Die grüne Lüge“ zeigt böse Konzerne, die Konsumenten schauen weg

Warum trinken Menschen, die Alufolie schon vor einer Ewigkeit aus ihrem Haushalt verbannt haben und niemals ihr Butterbrot darin einwickeln würden, Kaffee aus Alu-Kapseln? Dass die Herstellung von Aluminium extrem umweltschädlich ist, weiß jeder. Trotzdem wurde Nespresso für den Konzern Nestlé ein gigantischer Erfolg. Ein Grund dafür könnte das Greenwashing sein, das Nestlé rund um sein metallic buntes Lifestyle-Accessoire betreibt – immer auch nett anzuschauen: George Clooney als Werbeträger. Kann etwas schlecht sein, für das jemand sein Gesicht hinhält, der auch auf die katastrophale Menschenrechtslage in Dafur aufmerksam machte und sich für Umweltschutz einsetzt?

Nestlé inszeniert Nespresso unter dem Stichwort Recycling als Beitrag zur Nachhaltigkeit. Empfänglich für die abstrusen Öko- und Sozialversprechen der Industrie sei vor allem eine Zielgruppe, die als besonders gebildet gilt, lautet die These von Kathrin Hartmann. In ihrem Buch Die grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell zeigt die Journalistin Greenwashing als das, was es ist: eine PR-Kampagne, die auf die Steigerung von Gewinnen zielt, und eine wirksame Strategie, mit der Konzerne verhindern, dass Regierungen Gesetze verabschieden, die ihrem Geschäftsgebaren Einhalt gebieten könnten.

Nachhaltiges Palmöl, klaro

Der Konzern Nestlé, der sich für seine Kooperation mit Kaffeebauern im Südsudan feiern lässt, obwohl die zwei Dollar, die er ihnen für ein Kilo zahlt, unter dem Weltmarktpreis liegen, wie Hartmann anmerkt, ist kein Einzelfall. Als Mutter des Greenwashing gilt der Ölkonzern BP, zehn Jahre bevor im April 2010 die von ihm geleaste Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko in die Luft flog, ließ sich der Konzern für 200 Millionen Dollar ein grünes Image zimmern, aus British Petroleum wurde Beyond Petroleum. Man versprach künftig verstärkt auf alternative Energien zu setzen und schraubte demonstrativ Solarzellen auf Tankstellendächer. Der Konzern investierte eine sehr überschaubare Summe in seine offensiv beworbene Unternehmenssparte für erneuerbare Energien und setzte ansonsten weiterhin ungebremst auf das Kerngeschäft der Ölförderung. BP hatte entdeckt, dass es mit der Inszenierung als Klimaretter wesentlich leichter war, strenge Auflagen der Politik abzuwenden.

Die Strategie hat Schule gemacht, die Konzerne haben das Vokabular der Umweltschutzbewegung gekapert, bei der Selbstvermarktung wird auf den – ungeschützten – Begriff der Nachhaltigkeit gesetzt, sogar von der Waffenindustrie. Sie preisen ihre Produkte als fair, natürlich oder umweltschonend an. Der Getränkekonzern Coca-Cola, der in armen Ländern ganze Brunnen leer pumpt, stilisiert sich als Schützer der Welttrinkwasserreserven, der Chef von Unilever, Paul Polman, versteigt sich zu der Behauptung, sein Konzern sei „die größte NGO der Welt“. Konzerne, die die Welt verbessern?

Gemeinsam mit dem österreichischen Filmemacher Werner Boote hat sich Kathrin Hartmann auf eine Reise begeben, um die Wohltaten, für die sich die Industrie rühmt, im globalen Süden zu besichtigen. Hartmanns Buch ist aus den Dreharbeiten zum Dokumentarfilm The Green Lie entstanden, der am 22. März hierzulande in den Kinos startet. Bei ihren Recherchen treffen sie einen Vertreter der Palmöl-Lobby, der ins Stottern gerät, als er ihnen erklären soll, was „nachhaltiges Palmöl“ sein soll, sie landen auf einer Wellness-Farm für Rinder, die ihnen die brasilianische Fleischindustrie als Drehort zugewiesen hat, aber vor allem finden sie Orte vor, an denen Ausbeutung, Menschenrechtsverletzungen und die Naturzerstörung, die die stetig wachsende Nachfrage nach Rohstoffen mit sich bringt, sichtbar werden.

Hartmann und Boote dokumentieren, was unser Lebensstil anrichtet – und sie porträtieren diejenigen, die den Preis dafür zahlen. Brasilianische Kleinbauern und Indigene, denen gewaltsam das Land geraubt wird, Arbeitssklaven, die auf indonesischen Palmölplantagen giftige Pestizide einatmen und deshalb an Atemwegs- und Hauterkrankungen leiden. In Anlehnung an den Münchner Soziologen Stephan Lessenich spricht die Autorin von einer Externalisierungsgesellschaft des globalen Nordens, die die sozialen und ökologischen Folgen ihres Konsums auf die Entwicklungs- und Schwellenländer abwälzt. Da ist es nicht überraschend, dass man nur allzu bereitwillig der Selbstinszenierung der Konzerne Glauben schenken möchte und ansonsten auf einen naiven Technikoptimismus setzt, der der Katastrophe schon Einhalt gebieten wird. Man jubelt über die Erfindung essbarer Flugzeugsitzbezüge, um bloß nicht an die Klimaschädlichkeit des Fliegens zu denken.

Wählen an der Ladenkasse

Kathrin Hartmann räumt mit der Schimäre von Konzernen, Politik und Verbrauchern auf, die gemeinsam an einem Strang ziehen, um das Klima zu retten. Sie stellt dar, wie Konzerne am Klimaschutzprogramm der UN mitschreiben und an Runden Tischen dafür sorgen, dass keine Gesetze erlassen werden, die ihrem zerstörerischen Geschäftsmodell Grenzen setzen. Institutionen und Regierungen treten da fast nur als Handlanger in Erscheinung. In Deutschland gibt es weder ein Unternehmensstrafrecht noch ein Gesetz, das menschenrechtliche Sorgfaltspflichten für Unternehmen festschreibt. Entsprechend kritisch wertet Hartmann auch das Gerede von der Macht des Konsumenten und die Idee des „ethischen Konsums“, die immer häufiger propagiert wird, als Spielart des Neoliberalismus. Denn sie entspricht der Ideologie der Ausweglosigkeit und der Eigenverantwortung und geht mit einer Entpolitisierung einher. Wenn die Ladenkasse zur Wahlurne wird und der Geldschein zum Stimmzettel, führt das weder zu sozialen Bewegungen noch zu Protest. Frei nach Adorno lautet Hartmanns Fazit: Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem.

Info

Die grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell Kathrin Hartmann Blessing Verlag 2018, 240 S., 15,00 €

The Green Lie Werner Boote Filmstart: 22. März

Die Bilder des Spezials

Noroc heißt Glück und Gesundheit und ist ein rumänischer Ausdruck, den man verwendet, wenn man jemandem zuprostet oder sich verabschiedet. „Noroc!“, viel mehr Kommunikation fand manchmal nicht statt zwischen dem 1984 in Brüssel geborenen Fotografen Cedric Van Turtelboom und seinen Protagonisten. Noroc ist der Titel seiner Fotoserie aus Rumänien. Das Motto: sich immer bei einem Einheimischen einzuquartieren. Van Turtelboom nähert sich mit absurdem Humor einem bizarren Land und lässt uns irgendwo zwischen Dokumentation und Wintermärchen zurück, besser gesagt: mitreisen.

Der Bildband ist in limitierter Auflage erschienen und kann über cedricvanturtelboom.com bezogen werden. Noroc, 86 Seiten, 170 x 224 mm, 30 €

06:00 22.03.2018

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