Der Anlass im politischen Herzen Thüringens war winzig, die Medienresonanz ungeheuer; sie reichte bis zu Zeitungsmännern am Main.
In einer Ausstellung mit Werken Werner Tübkes im Erfurter Landtag erspähte die von Berufs wegen wachsame Stasibeauftragte des Landes, Hildigund Neubert, an einem Blatt die handschriftliche Bezeichnung Faschistischer Terror in Ungarn 1956. Sie teilte dies Landtagspräsidentin Schipanski (CDU) mit und bat, jenes Blatt zu entfernen. Schipanski entsprach der Bitte und ließ den Platz mit einer Strandstudie füllen. Das inkriminierte Blatt zeigte Menschenleiber um einen offensichtlich Erhängten. Es war nach Fotos im Hamburger Spiegel vom Herbst 1956 entstanden, die Lynchjustiz an vermuteten Sicherheitsdienern der kommunistischen Macht in Ungarn zeigten.
Frau Neubert, in den Lokalmedien befragt, teilte mit, dass Blatt und Unterschrift potenzielle ungarische Gäste beleidigen würden, denn der ungarische Aufstand stünde für Freiheit. Tübke hingegen habe sich als geförderter Staatskünstler zu DDR-Zeiten desavouiert. Die "Kuratorin der Ausstellung", Bärbel Reuter, hätte dies wissen müssen. Auch schrieb Neubert in einem weitverbreiteten Anzeigenblatt (!) einen ungewöhnlich langen Aufmacher-Artikel, warum ein solches Blatt abgehängt werden muss, denn es gäbe eine verbindliche Meinung zu Ungarn 1956.
Da wolle auch er ausgesondert werden, so der Weimarer Dichter Wulf Kirsten
In einer kleineren thüringischen Tageszeitung wiederum stand eine scharfe Polemik des Weimarer Dichters Wulf Kirsten: Mit solchen Neubert-Methoden könne die halbe DDR-Literatur aussondert werden. Da wolle auch er ausgesondert sein.
Im Weimarer Goethe-Institut wurde eine Diskussion anberaumt und geklärt: Die Bilder waren unter Mitwirkung von Dagmar Schipanski, die Tübke gut kannte, ausgewählt worden. Die im Vorfeld als "ehemalige Funktionärin des Rates des Bezirkes" bezeichnete "Kuratorin" Bärbel Reuter hatte die Bilder innerhalb kürzester Zeit lediglich in eine Ordnung gebracht. Als sie vor den 89er Ereignissen in der DDR ihren Staatsdienst quittierte - ohne Perspektive und ohne Wissen um eine "Wende" - tat sie das nach eigenem Bekunden auch, weil sie niemals wieder gezwungen werden wollte, Bilder auszusortieren.
In besagter Debatte verteidigte Hildigund Neubert ihre Auffassung, dass Werner Tübke die Ideologie der SED illustriert habe. Dies sei am Panorama-Bild in Bad Frankenhausen sichtbar. Mit der Kirche würde dort schändlich verfahren. Man müsse die wirkliche Kunst der DDR erst noch entdecken und ein wahres Geschichtsbild herstellen.
Einer der bekanntesten Künstler Thüringens, Walter Sachs, sprach daraufhin über ästhetische Kriterien und positive Erfahrungen mit Auftrags-Kunst. Man solle aber nicht wieder versuchen, künstlerischen Ausdruck zwangsweise mit staatlicher Geschichtsbewertung in Übereinstimmung zu bringen.
Da wurde die Stasibeauftragte und Kunst-Kennerin Neubert hellhörig: Sie kenne diesen Herrn nicht. Sie wisse nicht, was er für eine Rolle in der DDR gespielt habe. Da müsse man wohl mal in den Akten nachschauen. Als ein weiterer Diskutant, Klaus Dieter Böhm, ein echter Kurator, meinte, es könne doch nicht sein, dass früher die Stasi mitbestimmt habe, was Kunst sei, und heute diesen Part die Stasi-Beauftragte übernehme, war der Schlagabtausch eingeläutet. Die Presse sprach anderntags von allseits interessierenden Fragen, und der Leiter der Buchenwald-Gedenkstätte, Volkhard Knigge, ließ mitteilen, er habe das bewusste Blatt angekauft, denn daran würden sich Geschichtsbewertungen eindrücklich darstellen lassen. Hildigund Neubert wiederum verlautbarte empört, dies werte sie als Affront.
Was aber lernen wir aus dieser Lokal-Geschichte? Wir lernen die Sprache des Volkes und der Volks-Vertreter kennen. Wir lesen in der Presse, wer mit welchen Worten auf dieser oder jener Seite steht. Wir lesen von den "Schergen des SED-Systems", wir lesen, dass "man eingekerkert wurde und bestialisch gefoltert, wenn man in der DDR nur den Mund aufmachte". Oder: "Ich protestiere gegen diese Hetze und die öffentlich verbreitete Herabsetzung unserer Landtagspräsidentin." (Wir erinnern uns, dass öffentliche Herabsetzung der DDR-Staatsführung eines der schlimmsten Vergehen westlicher Korrespondenten sein konnte und Ausweisung nach sich zog.) Es wurde protestiert, dass in einem "frei gewählten Parlament eine solche Verhöhnung der SED-Opfer" stattfinden könne. In Sachen Kunst-Kennerschaft waren Sätze, die ihr Wortgut von einstigen Kunst-Warten beziehen, noch anschaulicher: "... dass dieser nicht verurteilte Mit-Verbrecher eine Schleichwerbung für seine entarteten, Geschichte fälschenden Ansichten bekommen durfte".
Es gibt keine ewigen Wahrheiten, auch wenn für Buchenwald dies einst so schien
Hildigund Neubert sprach davon, dass wie über das Dritte Reich nun endlich auch über die kommunistische Schreckensherrschaft ein verbindliches Geschichtsbild akzeptiert werden müsse. Nun weiß ich nicht, ob wir über den Faschismus, den viele lieber als National-Sozialismus mit Betonung auf dem zweiten Wort aussprechen, einheitlich gestimmt sind. Immerhin hat jener Erwerber des Tübke-Blattes, Volkhard Knigge, dies mit seinen Buchenwald-Forschungen klargestellt: Es gibt keine ewigen Wahrheiten, auch wenn für Buchenwald dies im halben Land ein halbes Jahrhundert lang so schien.
Leute, die in der DDR offenbar indoktriniert wurden, haben auch heute ihr festes Bild: Die Welt ist so, wie wir sie anordnen. Genossen, die sich im Nachhinein die DDR aufhübschen, und Unionsfreunde, die 1989 schon am Vormittag ihren Widerstandskampf entdeckten, sprechen die gleiche Sprache: Es muss doch ein verbindliches Weltbild geben! Mit unverbrüchlichen Worten wie "Schergen", "einkerkern", "Herabwürdigung" und "entartet".
Daneben gibt es noch andere: So sagte ein Richter vom Bundesarbeitsgericht, in der Verfassung stünde: Die Kunst ist frei. Und warf der Stasi-Beauftragten Unkenntnis unserer Verfassung vor. Auch jener Klaus Dieter Böhm, der den Vergleich von Stasi und Stasi-Beauftragter anstellte gehört dazu. Oder Volkhard Knigge. Allen ist eines gemeinsam: Sie haben die DDR zwar gut kennen gelernt, aber nicht erlebt. Sie sind in einer westlichen Atmosphäre aufgewachsen. Und sind deshalb manchmal souveräner als jene, die ihre eigene Indoktrination entweder nachbeten - oder mit umgekehrten Vorzeichen neu aufbauen wollen. Der von außen Kommende sieht klarer - weshalb wir Fremden immer auch etwas zutrauen sollten. Zum Beispiel Urteile über unsere Geschichte. Hätte ich nämlich - nur als hinkenden Vergleich - in einer ungarischen Ausstellung ein von einem Ungarn in den fünfziger Jahren gezeichnetes Blatt gesehen, unter dem stünde: Faschistischer Putsch 1953 am Brandenburger Tor, hätte ich mich nicht beim Wachhabenden namens Attila Ùjság beschwert, sondern nur gedacht: Die Welt ist doch recht einheitlich. Bisweilen auch in ihren Irrtümern.
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