Matthias Jauch
Ausgabe 5215 | 30.12.2015 | 06:00 28

Wir Profiteure

Integration Warum die Asylsuchenden Deutschland auch große Chancen eröffnen

Läuft alles glatt, dann könnte der Syrer Nour al-Deen Hameed 2025 zehn Jahre Betriebszugehörigkeit bei der Telekom feiern. Vielleicht werden seine Kollegen den dann 35-Jährigen in den Betriebsrat wählen. Dass er in einer Dekade fehlerfreies Deutsch sprechen wird, das ist sehr wahrscheinlich. Die Abgaben und Steuern auf seinen Lohn dürften der öffentlichen Hand und der Gesellschaft ohne Zweifel gelegen kommen.

Nour al-Deen Hameed, heute 25, ist seit einem Monat Praktikant bei der Telekom – als erster Geflüchteter überhaupt, seitdem deren Zahl rapide anzusteigen begonnen hat. In Damaskus hatten im Juni 2014 Soldaten vor seiner Tür gestanden: Er sollte in die syrische Armee einzogen werden und entschloss sich zur Flucht. Über die Türkei, die Ägäis und die Balkanroute erreichte er im November 2014 Deutschland.

Jetzt sagt er: „Das Praktikum ist für mich wie ein Traum. Ich lerne hier so viel – auch, was ich in Zukunft in Deutschland machen könnte und in der Telekom.“ Derzeit lernt er im Recruitingteam. Er hilft bei Bewerbungsgesprächen, erstellt Jobanzeigen, führt Telefoninterviews, auch mit anderen Flüchtlingen. „Sein sprachlicher und kultureller Hintergrund ist für uns eine große Bereicherung“, sagt Stefan Oelschlägel. Ihn hat die Telekom al-Deen Hameed als Mentor an die Seite gestellt. Er hilft ihm bei allen Fragen, in seiner Freizeit auch bei den vielen Formalitäten und Behördengängen.

1,5 Millionen pro Jahr

Al-Deen Hameed ist nur ein Einzelfall und könnte doch für so viele Flüchtlinge stehen, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland gekommen sind und noch kommen werden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet für die Jahre 2015 und 2016 mit einem Flüchtlingszuzug nach Deutschland von jeweils 1,5 Millionen Menschen. Dabei lag der Anteil der Asylbewerber im erwerbsfähigen Alter im Jahresverlauf 2015 bei über 72 Prozent. Die Hälfte davon war sogar jünger als 34 Jahre. In Deutschland sinkt die Zahl der Erwerbstätigen, die Bevölkerung altert rapide. Die große Chance, die sich nun bietet, liegt auf der Hand: Die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen gegen Fachkräftemangel und unbesetzte Ausbildungsstellen. Keine Frage, die Ausgaben für die Unterbringung, Versorgung und Integration sind anfangs hoch. Das DIW rechnet mit 12.000 Euro pro Jahr und Flüchtling – ein Drittel des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens in Deutschland. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sieht Kosten in Höhe von bis zu 8,3 Milliarden Euro für das Jahr 2015 und zwischen 9 und 14,3 Milliarden Euro für 2016. In ihrem aktuellen Jahresgutachten gehen die Wirtschaftsweisen davon aus, dass die Kosten „tragbar“ sind und bis 2020 bis zu 500.000 Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Für das DIW sind die Kosten nur ein Ausschnitt des Gesamtbildes: Zwar werde die Arbeitslosenquote anfangs hoch und auch nach zehn Jahren noch erheblich sein. Ebenso sehe es mit der geringfügigen Beschäftigung bei Flüchtlingen aus.

Doch gelingt die Integration vieler Flüchtlinge, dann hätte dies langfristig eine Reihe positiver Effekte zur Folge: Flüchtlinge, die Arbeit finden, tragen nicht nur zur Produktivität von Unternehmen bei. Sie erhöhen auch die Binnennachfrage. Das Institut rechnet selbst in seinen negativ veranschlagten Szenarien mit einem positiven Effekt auf die  Wirtschaftsleistung und auf das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland ab dem Jahr 2025. Im besten Fall rechnet das DIW durch den Zuzug von Flüchtlingen bis 2025 sogar mit einem Saldo der Wirtschaftsleistung von etwa einem Prozent, bis 2030 immerhin 1,5 Prozent. Nutzt man die Potenziale der Flüchtlinge richtig, könnten viele von ihnen zu wichtigen Stützen der hiesigen Volkswirtschaft werden.

Einer, der jetzt schon Anteil an ihr hat, ist Bassel al-Shiikh Kassem. Die Webagentur, in der er seit vier Monaten arbeitet, liegt versteckt in einem Hinterhof in Berlin-Friedrichshain. Vom Büro im vierten Stock blickt man auf die Turnhalle einer Schule, in der derzeit 200 Flüchtlinge ihre ersten Wochen und Monate in Deutschland verbringen. Der 29-jährige Syrer, fest angestellt in Vollzeit, weiß von seinem Glück: „Ich bin so froh, dass ich das arbeiten kann, was ich in Damaskus gelernt habe. Wenn man engagiert ist, kann man hier etwas erreichen“, sagt er. Die Vorrangprüfung dauerte nur wenige Tage. „Im IT-Bereich werden händeringend Leute gesucht und wir haben mit dem Prozess Erfahrung“, sagt Geschäftsführer Lutz Haase. Sein kleines IT-Lab sei ohnehin international aufgestellt. „Noch fehlt es an staatlicher Unterstützung. Für eine Integration wird es mehr brauchen“, sagt er.

Integration ist kein Selbstläufer. In seinem Buch Warum wir Einwanderung neu regeln müssen schreibt der Ökonom Paul Collier, dass es bei der Integration neuer Einwanderer vor allem auf Vertrauen ankommt: Damit falle den Menschen Kooperation viel leichter. Von was, wenn nicht von Vertrauen, zeugen die vielen freiwilligen Helfer in Deutschland, die bei Sprachkursen und Behördengängen helfen?

Und doch wird noch mehr Anstrengung notwendig sein – vor allem von staatlicher Seite. Fälle wie die von al-Deen Hameed und al-Shiikh Kassem belegen das. Denn obwohl al-Deen Hameed seit einem Jahr im Land ist, ist sein Asylantrag noch immer nicht vollständig bearbeitet. Bislang hat er nur eine Aufenthaltsgestattung. „Das ist für mich zur Zeit das Schwierigste in Deutschland“, sagt er. Mentor Oelschlägel erklärt: „Wir versuchen als Unternehmen zu helfen, geben Nour, wenn nötig, frei und fragen auch mal nach Terminen beim Amt.“ Das beschleunigt.

Doch so viel Unterstützung wie al-Deen Hameed und al-Shiikh Kassem haben viele andere Asylbewerber nicht. Die Vorrangprüfung und die präventive Prüfung der Arbeitsbedingungen sind nur einige Hürden auf dem Weg in den Arbeitsmarkt, die Flüchtlinge regelmäßig nehmen müssen. Ein weiteres Hindernis ist die bisher recht bürokratische Anerkennung von Zeugnissen und Berufsabschlüssen, von Qualifikationen, die in den Heimatländern erworben wurden. Und die Sprache? Al-Deen Hameeds Deutsch ist flüssig. Beigebracht hat er es sich zum Teil selbst, im Internet und mit Hilfe eines Sprachtandems. In der Bibliothek machte er einen Aushang; seither hilft ihm eine 85-jährige Berlinerin. Sie lesen sich aus den Erzählungen von Tausendundeine Nacht vor, sie sprechen über Wörter, deren Bedeutung er nicht kennt. Der Staat war kaum behilflich. Und nicht immer läuft es so glatt wie bei al-Deen Hameed.

Dabei ist die Sprache eines der größten Hindernisse bei der Integration. „Wir werden in Deutschland eine breite und gezielte Sprachschulung brauchen, angepasst an die Bedürfnisse der Geflüchteten“, erklärt Leif Erichsen, Sprecher der Industrie- und Handelskammer Berlin, die sich mit Beratungsangeboten engagiert. Sehr viele Unternehmen würden sich eine schnellere Integration wünschen. Erichsen spricht von unzähligen Betrieben allein in Berlin, die entsprechende Absichtserklärungen abgegeben haben.

Mehr Geld für morgen

Wer meint, der Politik fehle es an solch guten Absichten und an einem Plan, der hat das Papier Neustart in Deutschland. Für ein Jahrzehnt umfassender Gesellschaftspolitik nicht gelesen – es stammt aus der SPD. Die Ministerinnen Manuela Schwesig, Andrea Nahles, Aydan Özoguz, Barbara Hendricks und die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer geben darin den Weg vor: Verzahnung von Integrationskursen und berufsbezogener Sprachförderung und deren flexibel an die Asylbewerberzahl anzupassende Mittelausstattung. Ausbau der Programme, die Flüchtlinge für eine Ausbildung qualifizieren, für mindestens 500 Millionen Euro, und Zugang zur Ausbildungsförderung für junge Flüchtlinge und Geduldete. Zugleich eine Milliarde für die Eingliederung von Langzeitarbeitslosen. 80.000 neue Kita-Plätze und mehr als 20.000 zusätzliche Stellen für Erzieher. Mehr Ausbildungs- und Studienplätze für entsprechende Berufe. Eine Milliarde für eine Kita-Qualitätsoffensive, eine weitere für mehr Ganztagsschulangebote inklusive der dafür nötigen Schulsozialarbeiter.

Die derzeitige Flüchtlingssituation ist historisch. Unsere Chance ist es ebenfalls. Die Kosten der ersten Jahre sind nicht nur der Humanität geschuldet. Potenziale zu nutzen, wie etwa das von al-Deen Hameed, sind Investitionen in unsere Zukunft.

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem vorigen Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/15.

Kommentare (28)

denkzone8 30.12.2015 | 09:09

also wieder mal das hohe lied der hand-greiflichen chancen. als ob nicht das vermasseln von ausbildungs-chancen sattsam eingeübte tradition wäre: schlusslicht-position bei kinder-förderung, fehlende hauptschul-abschlüsse, uni-unter-repräsentation von lohn-abhängigen kindern. blind gegen versäumnisse, erwartungen-weckend ohne grund: mieser journalismus, der seine potentiale nicht nutzt.

janonmac 30.12.2015 | 17:14

Wer schon mit Fschkräftemangel argumentiert outet sich schon als nicht mehr sachlich. Wir haben keinen Fachkräftemangel, wirt haben einen Mangel an billigen Arbeitskräften. Seid Jahren haben wir z.B. in Berlin 1000-de Jugendliche die keine Ausbildung bekommen, wie wäre es denn wenn wir hier anfangen würden?

Ganz sicher finden sich unter den Flüchtlingen auch gebildete und leicht integrierbare aber sorry, nicht bei 1,5 Mio ! Die Vorzeige-Flüchtlinge sind nun schon langsam bekannt und das glaubt auch kaum einer mehr.

Am ehesten würde ich Syrern noch zutrauen integriebra zu sein da Assad in Syrien ein weitgehend gebildetes Land geführt hat und die Religion dort nicht den Stellenwert hatte wie in den anderen arabischen Staaten. Aber wenn ich an Flüchtlinge aus Afghanistan denke dann frage ich mich woher die Ingenieure dort kommen sollen.

Rainer Winters 30.12.2015 | 21:31

Wenn die Formel mehr Menschen = mehr Geld = mehr Chancen = mehr Wohlstand bedeuten würde, wäre China Welmeister.

Sind sie aber nicht.

Wer Integration üben will, gehe in ein Schwimmbad schwimmen und ziehe seine Bahnen auf der rechten Seite (Rechtsfahrer). Der schnelle Schwimmer muss am vorderen Langsamen vorbei mit gutem Abstand, oder er verzögert sein Tempo. Ist der Schwimmer am Ende seiner Bahn, dreht er und schwimmt links auf der Bahn zurück. Das Gruppentempo muss sich verlangsamen, wie beim Einfädeln im Straßenverkehr.

Da gibt es aber manche, die schwimmen stur auf ihrer eigenen Bahn, ohne von links auf rechts zu wechseln. Würde das jeder machen, könnte niemand mehr Bahnen schwimmen, das Tempo würde auf Stillstand sinken.

Dann gibt es die Rückenschwimmer, die wegen ihrer Gesundheit nur auf dem Rücken schwimmen. Im engen Schwimmbad ist das eine integrative Aufgabe für die anderen Schwimmer, da die Rückenschwimmer nicht sehen, ob jemand vor ihnen schwimmt. Sie kämpfen sich quasi ihren Weg frei. Der eigenen Gesundheit zuliebe.

Diese Vergleiche sind eine Analogie zur Gesellschaft. Integration macht die Gesellschaft langsamer und behäbiger. Es wird weniger Spitzenleistungen geben. Und weniger Platz für alle. Ist doch logisch.

rioja 31.12.2015 | 07:04

Das ist doch der Hit! recruitment perverso - wir freuen uns über den Krieg in Syrien, denn er ist das beste Rekrutierungsbüro, das Deutschland je hatte. Kein Interview, kein Assessment Center, kein Testverfahren, nix, null, nothing! Alles Dank Baschar! Wir schaffen das! Na klar, das wär doch gelacht. Wir tun ja auch selbst was, aktiv, wir schicken die Tornados, die Schiffe, AWACS, supporting quasi for recruiting. Man muss auch der größten Scheisse immer etwas Positives abgewinnen. Hauptsache der deutsche Schornstein raucht, natürlich CO2 neutral! Vollbeschaftigung, Konsumlaune und Deutschkurse!

Prosit Neujahr!

Reinhold Schramm 01.01.2016 | 11:27

Integration

"Wir" und "Profiteure" ?

Wenn überhaupt, dann profitiert das Kapital! -- das real vorhandene und bestehende entwickelte Ausbeutungssystem einer gesellschaftlichen Minderheit von Profiteuren. Vor allem aus der differenzierten deutschen Bourgeoisie (Hauseigentümer, Wohnungseigentümer und Eigentümer von Produktionsmitteln etc.), der gut-geschmierten ökonomischen, ideologischen und politischen Administration, Beamtenschaft und Aktionäre.

Bei aller notwendigen Solidarität mit den verfolgten und drangsalierten Menschen, die bürgerliche Gutmenschen-Propaganda dient dem Kapital aber nicht der Aufhellung der sozialpolitischen und gesellschaftspolitischen Tatsachen.

Allenfalls, wenn überhaupt, dient die Integrationspolitik gegenüber Asylsuchenden, Kriegs- und Wirtschaftsopfern aus sozialen und ökonomischen Schwellen- und Entwicklungsländern der Menschenverwertung und Kapitalverwertung in den kapitalistischen und imperialistischen Wirtschaftsmetropolen. Wie gegebenenfalls auch in der Bundesrepublik Deutschland.

Ideologisch nüchterne Fakten:

"87 Prozent der neu Ankommenden, die bei der Arbeitsagentur gemeldet sind, haben keine abgeschlossene Berufsausbildung." Vgl. Freitag- Buchempfehlung: Syrien verstehen. Geschichte, Gesellschaft und Religion. Von Gerhard Schweizer.

So entspricht auch der Schulbesuch, gebrochene bzw. unstete sechs bzw. acht Schuljahre in Syrien, dem Abschlussniveau von drei Schuljahren in Deutschland.

Bei der bürgerlich-deutschen Gutmenschen-Propaganda dürfen wir uns nicht auf den Verweis vorgeblich hochqualifizierter Fluchtopfer mit "Abitur" bzw. "Studium" verlassen. Auch ein Abitur bzw. Studium in den sozial- und bildungspolitischen Schwellen- und Entwicklungsländern, ebenso deren "Abschlüsse", entsprechen nicht den bundesdeutschen Mindestanforderungen!

Schönwetterpropaganda dient nicht der Aufhellung sondern der (bewussten) Verschleierung der anstehenden Bildungs- und Ausbildungsprobleme. Die es auch im bundesdeutschen (kapitalistischen) Gesellschaftssystem zu bewältigen gilt.

Ein noch größeres Problem für die deutsche Gesellschaft ist auch die gewaltige sozial- und gesellschaftspolitische Differenz zwischen den Geschlechtern [Mann vs. Frau] in den Herkunfts-, Schwellen- und Entwicklungsländern. Nur mit einer einfachen ideologischen Verharmlosung dieses gewaltigen Ungleichheitsproblems, das auf die bundesdeutsche Gesellschaft insgesamt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zukommt, kann man traditionell und feudal-religiös geprägte Menschen-Generationen nicht überspringen.

Die jahrhundertelange Prägung von (menschlichen) Bewusstseinslagen (und Beziehungen) kann man auch nicht mit der Ankunft in einer (eigenständig) entwickelten Ökonomie und Gesellschaftsmetropole innerhalb von wenigen Jahrzehnten abstreifen und überspringen.

Nochmals, bürgerlich-ideologische Traumtänzerei löst kein Gegenwarts- und Zukunftsproblem in der entwickelten kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmetropole. Auch keine notwendige gesellschaftliche Integrationsarbeit!

Schluss mit der ideologischen Gutmenschen-Spinnerei und ran, an die konkreten gesamtgesellschaftlichen Aufgaben und deren praktischen Arbeit!

[-- unvollständig.]

bbriele 02.01.2016 | 00:47

Wer ist "Wir" ?

Herrn Schramms analytischer Sichtweise kann ich nur beipflichten! Ergänzend in diesem Zusammenhang vielleicht noch folgende Anmerkungen zum Thema Fachkräftemangel:

Es fehlt natütlich nicht an Fachkräften, sondern nur an "billigen" Arbeitskräften! Wie bitteschön, Herr Jauch, wäre ansonsten der Befund zu erklären, dass es in "EU-Land" mittlerweile offenbar ein zweistelliges Millionenheer überwiegend hochqualifizierter Jugendlicher gibt, welche trotz vorhandener Mobilität keinen Arbeitsplatz in der EU - und hier insbesondere in D - finden? Warum erklärt man jungen Menschen in Deutschland, dass ein Abschluss unterhalb des Abiturs in D ein nicht zu unterschätzendes Armutsrisiko in sich birgt ? Sind die zuwandernden Syrer, Afghanen usw. mehrheitllich etwa nobelpreisverdächtige Superhirne? Natürlich nicht. Niemand würde einen solchen Blödsinn ernsthaft behaupten. Das Gegenteil scheint eher der Fall: Ein Großteil dieser Menschen wird - selbst bei gutem Willen und fleißiger Strebsamkeit - etliche Jahre benötigen, um sich in unserem Land zurecht zu finden. Fremde Sprache, andere Schriftzeichen, anderer Kulturkreis. Das wäre für jeden von uns weiß Gott auch keine leichte Aufgabe. Nein, sehr geehrter Herr Jauch, hier geht es nicht um den gebetsmühlenartig beschworenen, "imaginären" Fachkräftemagel, sondern um die Ausbeutung von Menschen auf möglicjhst niedrigem Niveau (und zwar der "Zuwanderer" wie der "Einheimischen"), denn anders ist dieser jubelnd-sirenenhafte " Willkommens -Choral " der Konzerne-Bosse nicht zu deuten (die Mittelständler erscheinen mir da überwiegend schon sehr viel realitätsbezogener, aber die sind im allgemeinen "erdverbundener" und müssen auch unter härteren Bedingungen wirtschaften...).

Es mag ja trotzdem durchaus sein, dass die jetzt anstehende Völkerwanderung - sofern man es mit den zuwandernden Menschen ehrlich meint und eben jene Ghettoisierung vermeidet, welche sich gerade abzeichnet - langfristig positiv auf unser Land auswirkt. Aber ehrlicherweise muß man auch sagen dürfen, dass es sich hier in jedem Fall um ein Mehrgenerationen-Projekt mit fraglichem Ausgang handelt. Aber wenn man den überwiegend kurzfristig-engen Deckungsbeitrags-Horizont unserer Wirtschafts-Eliten vor Augen hat, kommen einem da schon gehörige Zweifel....

CS Spuhr 02.01.2016 | 04:34

Ne kurze Frage am Rande: solange Niemand Assas als Kriegsverbrecher oder Diktator vor Internationalen Gerichtsbarkeiten anzeigt oder noch besser überführt, solange kann doch Flucht vor Einbeziehung in die Armee, also de Facto Desertion, nicht als Asylgrund gelten, oder?

Ich kenne Fälle von Deutschen die sowohl im ersten als auch im zweiten Weltkrieg vor Einbeziehung der Reichs-/Wehrmacht geflohen sind. Diese wurden z.T. nach Deutschland ausgeliefert, z.T. haben sie sich versteckt, und wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt, bzw. wurde ihren die Staatsbürgerschaft abgesprochen... würde mich wundern wenn das Asylgrund wäre.

sch123 02.01.2016 | 13:22

In Ihrem Beitrag findet sich eine merkwürdige Melange aus Kulturchavinismus, Kapitalismus und obskuren "Fakten".

Woher nehmen Sie z.B. die Aussagen 8 Schuljahre in Syrien würden etwas 3 Schuljahren hier entsprechen? Das halte ich für eine sehr gewagte These. Ob Sie da nicht die deutschen Schüler und Studenten gewaltig überschätzen?

Und die Deutschen sind doch auch innerhalb weniger Jahre von strammen Faschisten oder linientreuen Sozialisten/Kommunisten zu lupenreinen Demokraten/Kapitalisten geworden?

Sie unterschätzen zum einen, dass die meisten Flüchtlinge ihre Chance hier nutzen wollen und eine ensprechend höhere Motivation und Anstrengungsbereitschaft mitbringen, von der man bei den meisten deutschen Schülern, Azubis und Studenten nur träumen könnte und zweitens, dass die meisten Menschen einfach nur in Ruhe und Frieden mit ihrer Familie leben wollen und keineswegs so ideologisch borniert und integrationsunfähig sind wie Sie unterstellen.

Im Gegensatz zum eigentlichen Artikel, dem Sie ja Traumtänzerei vorwerfen, finde ich in Ihrem post wenig Konkretes, weder Schlussfolgerungen noch Vorschläge eigentlich nur diffuses Genöle.

Dass Sie mit dem gleichermaßen ausgelutschten, unsäglichen und entlarvenden Gutmenschen-Vorwurf um sich schmeißen macht Sie übrigens nicht überzeugender.

Magda 02.01.2016 | 14:58

Schluss mit der ideologischen Gutmenschen-Spinnerei und ran, an die konkreten gesamtgesellschaftlichen Aufgaben und deren praktischen Arbeit!

Herrliches dummes Gerede. Ja, es wird Probleme geben, aber die hat man hierzulande auch schon so, z. B. mit solchen Schwätzern wie Ihnen.

Die Syrer hatten schon immer ein gutes Bildungssystem und die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern waren offener als in den meisten Ländern. Auch in Libyen ist das so vom Irak von einst ganz zu schweigen. Kurzerhand, Sie haben da allerlei zusammenmontiert, das so nicht stimmig ist.

Reinhold Schramm 02.01.2016 | 18:28

Meine unvollständige Antwort zu "MAGDA" und "SCHI 23" und Co.

Vorbemerkung: Die sozialökonomische Oberschicht und die (bisherigen) Profiteure der Ausbeutung (auch) in Syrien wie in anderen Regionen der arabisch-afrikanischen Welt benötigen keine Hilfe!

Zur Sache -- und eine Antwort zu Ihren kleinbürgerlichen Vorwürfen und falschen Unterstellungen an meine Adresse:

"Zwei Drittel können kaum lesen und schreiben", sagt der Bildungsökonom Ludger Wößmann.

Er sagt auch: "Legt man die Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudien Pisa und Times von 2011 -- also für die heute 18-Jahrigen -- zugrunde, ergibt sich ein niederschmetterndes Bild: In Syrien schaffen 65 Prozent der Schüler nicht den Sprung über das, was die OECD als Grundkompetenzen definiert. In Albanien liegt die Quote bei 59 Prozent -- gegenüber 16 Prozent in Deutschland."

Derselbe, auf die ZEIT-Frage: Was heißt das konkret?

Wößmann: "Das heißt, dass zwei Drittel der Schüler in Syrien nur sehr eingeschränkt lesen und schreiben können. Und das bedeutet, dass diese Schüler in Deutschland, selbst wenn sie Deutsch gelernt haben, kaum dem Unterrichtsgeschehen folgen können."

Wößmann: "Die Ergebnisse sind eindeutig: Vom Lernstoff her hinken syrische Achtklässler im Mittel fünf Schuljahre hinterher." [Siehe auch oben, meine Ausführungen. - R.S.]

Vgl. ZEIT-ONLINE am 3. Dez. 2015. Viele Flüchtlinge haben eine miserable Schulbildung, nur zehn Prozent sind Akademiker. Ein Gespräch mit Ludger Wößmann. Interview: Jan-Martin Wiarda.

www.zeit.de/2015/47/integration-fluechtlinge-schule-bildung-herausforderung

Merke: "MAGDA", "SCHI 23" und Co., mit Gefühlsaufwallungen löst man kein einziges sozial- und gesellschaftspolitisches Problem; so nicht im Kapitalismus und auch nicht im (zukünftigen) Sozialismus!

Fortsetzung meiner Antwort:

"2014 ging ungefähr die Hälfte von Syriens schulpflichtigen Kindern nicht mehr zur Schule [Anm.: Die Ursachen hierfür bedürfen wohl nicht nochmals einer/meiner Erklärung. -- R.S.] , die meisten von ihnen haben im Krieg bereits drei Schuljahre verloren und können noch weitere verlieren." (S. 450)

"Die offizielle Arbeitslosenrate lag seit 2011 bei 15 Prozent und stieg bis 2015 auf fast 58 Prozent. [Anm.: Freitag-Leser_innen sind die Gründe hierfür wohl bekannt. -- R.S.] Zwei Drittel der Syrer vegetieren laut UN-Bericht 'in extremer Armut' {...}" (S. 451)

"In der ersten Welle der Zuwanderer erreichten Deutschland und Österreich vor allem Syrer der Ober- und Mittelschicht. {...} Ihnen wird es am ehesten möglich sein, sich rasch in neue Lebensbedingungen {...} einzugewöhnen."

"Zunehmend sind aber angesichts der immer trostloseren Situation im Nahen Osten -- auch Syrer nach Europa unterwegs, die sich emotional viel weniger aus ihren traditionellen Bedingungen gelöst haben und lösen können. Diesen Zuwanderern wird es wesentlich schwerer fallen, sich in eine fremde Kultur zu integrieren, die strikt säkular ist und für die eine pluralistische Meinungsfreiheit zu den Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gehört. Sie sind mit einer Gesellschaft konfrontiert, in der die Zugehörigkeit zu einer Religion und einem Klan nicht die maßgebliche Rolle spielt. Sie müssen sich mit einer säkularen Wertewelt auseinander setzen {...}" (S. 456)

"Westeuropäische Gesellschaften sind nun vor das Problem gestellt, auch solchen Flüchtlingen zu helfen, die nicht die gleichen Voraussetzungen für eine Integration mitbringen wie jene Syrer der Ober- und Mittelschicht."

Vgl. Freitag-Buchempfehlung: Syrien verstehen. Geschichte, Gesellschaft und Religion. Von Gerhard Schweizer.

Merke, "MAGDA", "SCHI 23" [?] und Co., möglichst viel Geduld beim durchlesen.

Fortsetzung:

Die Berlin-Neuköllner Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sagt: Wenn es nicht gelinge, die Menschen "so zu integrieren, dass sie ihren Platz in der deutschen Gesellschaft finden können", bestehe die Gefahr, von Parallelgesellschaften.

Und zum Verteilungskampf um die öffentliche Daseinsvorsorge sagt Frau Giffey: "Aber diese sind aus meiner Sicht nicht vollkommen unlösbar".

Vgl. Tagesspiegel, 31.12.2015: Franziska Giffey warnt vor alten Fehlern.

Übrigens, Frau/Mann muss kein politischer Freund des Sozialdemokraten Buschkowsky sein, aber auch kein "Kulturchauvinist" [siehe oben, bei "SCHI 23"], um seiner Feststellung zuzustimmen: "Die muslimische Weltsicht ist mit dem demokratisch-westlichen Wertekanon nicht kompatibel". [Natürlich, was hier über den "demokratisch-westlichen Wertekanon" nicht thematisiert wird, sind u.a. die imperialistischen Wirtschafts- und Rohstoffkriege der 'freiheitlichen, 'demokratischen und 'menschenrechtlichen Gauckschen und Quandtschen Gesellschaftsformation. Dies wäre ein neues Freitag-Thema.-- R.S.]

Abschließend: Frau/Mann wäre kein Marxist bzw. Kommunist, aber auch kein bürgerlicher Humanist und Antifaschist [Frauen und Männer gleichermassen), wollte man nur andere Sätze bilden, um sich in der Wortwahl bzw. Satzbildung mit dem Sozialdemokraten nicht gemein zu machen.

Vgl. WEB.DE am 17.Okt. 2015. [SPD-]Buschkowsky: Zehn Millionen Flüchtlinge bis 2020. [?]

Nochmals: bürgerliche Traumtänzerei bzw. Gutmenschentum löst kein einziges sozial- und gesellschaftspolitisches Problem! Auch nicht in der "sozialen Marktwirtschaft" der Gauck'ler und Merkel'schen Hausdiener der Quandtschen Finanz- und Monopolbourgeoisie und persönlich leistungslosen Erbschafts-Multi-Milliardär_innen!

"MAGDA" und "SCHI 23", gewiss, es ist mir mit meiner unvollständigen Antwort nicht gelungen, Sie (literarisch und geistig) zu befriedigen?

Trotz alledem!

Übrigens, meine Zusammenfassung beruht nicht auf der Theorie. In vielen Jahrzehnten meines Erwerbslebens, vor meinem politischen Berufsverbot über die "Gauck-Kommission" und LSA-Leitung beim Landesschulamt Berlin, war ich als gelernter Möbeltischler-Facharbeiter, gelernter Betriebsschlosser-Facharbeiter, Spezialbau-Facharbeiter, Ausbilder, gelernter Handwerksmeister, Werkstattleiter, gelernter Lehrgangsleiter und als Lehrer für Fachpraxis tätig.

Zu meiner theoretischen und praktischen Berufstätigleit gehörte die Berufsausbildung von Jugendlichen und Erwachsenen, die Schulung von Berufsschullehrern und die Berufsvorbereitung von lernbehinderten jungen Menschen [-- auch der Folgeopfer der konsum-ideologischen Liquidierung und ökonomischen Impolsion der DDR].

[-- stets unvollständig.]

sch123 03.01.2016 | 11:38

Hallo Herr Schramm,

geistig und literarisch kann mich ihr post nicht befriedigen, Nein, aber das kann und muss der Anspruch auch nicht sein. Trotzdem dank für den Verweis auf ihre Quellen und die zusätzlichen Erläuterungen.

Man kann sich nun lange darüber streiten wie gebildet oder nicht, wie ausbildungsfähig oder nicht oder integrationsfähig oder nicht "die Flüchtlinge" sind. Ich sehe aber nicht wie das einem pragmatischen, lösungsorientierten Ansatz dienen sollte, den Sie ja propagieren wollen, wenn ich Sie richtig verstehe.

Die andere Seite der Medaille ist, dass Deutschland durchaus in der Lage ist, auch im Bildungsbereich, Integration zu meistern (s. z.B.), es gibt also keinen Grund für übertriebenen Pessimismus.

Ich unterrichte übrigens auch, an der Uni, und habe in einem Kurs einen jungen Mann mit jungem Migrationshintergrund sitzen (ich vermute aus Afghanistan bin mir aber nicht sicher). Der ist Kursbester und steckt 90 % der hiesigen Abiturienten locker in die Tasche. Ist natürlich ein Einzelfall und hat keine generelle Aussagekraft, mag aber als Mahnung zu differenzierter Sichtweise dienen.

Ich kann meine ursprüngliche Festellung nur wiederholen: Im Gegensatz zum Artikel, dem Sie Traumtänzerei vorwerfen, finde ich bei Ihren posts keinen einzigen Lösungsvorschlag, -ansatz, sondern nur Geunke.

Im Artikel sind ganz konkrete Vorschläge genannt, siehe letzter Absatz z.B.

Ich finde übrigens, dass wir in keiner Zeit leben, in der man sich für seinen "westlichen Wertekanon" auf die Schulter klopfen sollte, schon gar nicht eignet der sich als Argument gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, weil es paradox wäre.

Mit "kleinbürgerlichen" Grüßen

Reinhold Schramm 03.01.2016 | 16:33

Mein Mitschüler an einer Fachschule in den 1970er Jahren kam aus einer Arbeiterfamilie mit türkischen Wurzeln (Arbeitsmigranten in den 1960er Jahren). Er war auch in der Rechtschreibung und Fremdsprache der beste Schüler in der Klasse.

Am Berufsamt Berlin-Schöneberg, in den 1980er Jahren, hatte ich auch als Berufsausbilder im Tischler-Handwerk zeitweilig einen türkischen Jugendlichen, der von seinem Vater im Alter von 17 Jahren in der Türkei mit einem 14-jährigen Mädchen verheiratet wurde. Der Vater (mit Migrationshintergrund) hatte diese Verbindung mit dem Vater des Mädchens in der Türkei organisiert. An der Feier zur Eheschließung nahmen über mehrere Tage, aus beiden Dörfern, mehr als Tausend Menschen teil. Der Jugendliche erklärte auf meine Nachfrage: es sei eine Liebesverbindung zu seiner vom Vater ausgesuchten 14-jährigen Braut.

Zu den alten und aktuellen Problemen nochmals mein Verweis auf das ZEIT-Gespräch von Jan-Martin Wiarda mit dem Bildungsökonom Ludger Wößmann:

www.zeit.de/2015/47/integration-fluechtlinge-schule-bildung-herausforderung

Übrigens, es darf mit der 'Hilfe für NATO-Kriegs- und Fluchtopfer und EU-Wirtschaftsopfer nicht so sein wie bei den "Suppenküchen" für finanziell arme Menschen in Deutschland.

Die 'Hilfe und Selbstausbeutung der 'Gutmenschen darf nicht zur Einsparung bzw. Reduzierung von sozialen (finanziellen) Leistungen und damit zur staatlichen Kürzung von notwendigen Sozialleistungen führen.*

*[Gleichzeitig kassieren z. B. die persönlich leistungslosen Erbschafts-Millionäe und Multi-Milliardäre, noch zusätzlich zu ihren Raub-, Kapital- und Ausbeutungs-Privatvermögen, alljährlich Multi-Millionen an Dividenden. Wie z. B. die Quandts von BMW eine Jahres-Dividende um 600 Mio. Euro. Selbst 'deren Steuer wäre ein Ergebnis der Wert- und Mehrwertschöpfung der abhängig Erwerbstätigen des jeweiligen DAX-Konzerns.]

Trotz alledem!

bbriele 03.01.2016 | 20:22

Hallo, sehr geehre(r) SCH123,

der"westliche Wertekanon" ist in Tat kein Grund "Überlegenheitsgefühle" an den Tag zu legen und die zu uns strömenden Flüchtlinge von vorneherein etwa als Menschen zweiter Klasse abzuqualifizieren. Gerade vor diesem Hintergrund erscheint der Titel "Wir Profiteure" eher als Provokation denn als Verheißung. Natürlich entfaltet die von Frau Merkel vertretene Politik vollkommmen "offener" Grenzen eine erhebliche Sogwirkung auf die Menschen in den Kriegs- und ergo Krisengebieten des nahen und mittleren Ostens und auch Afrikas - deren Verhalten ist vollkommen rational. Ist es aber auch wirklich human, so zu tun, als gäbe es keine Probleme - "wir schaffen das" - und als wäre Deutschland ein Land der sozialen Gerechtigkeit, in dem jeder, der sich ein bisschen anstrengt, auch einen guten Platz zum Leben findet ? Es ist eben gerade die "Aufkündigung" des Zusammenhanges zwischen Leistungsbereitschaft und Erfolg für die Unter-und Mittelschichten durch die Eliten in allen westlichen Ländern - hervorgerufen durch einen hemmungslosen Finanzmarkt-Kapitalismus im Rahmen der Globalisierung und durch die Aufhebung traditioneller "Unternehmertugenden (soziale Kompetenz, Anstand im Umgang mit Mitarbeitern etc.), welche auch in D viele Menschen innerhalb der letzten 20 Jahre entwurzelt hat. Flüchtlingspolitik ist aber eben auch Sozialpolitik - und da wird mir mit Blick auf die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in unserem Land in der Tat Angst und Bange. Und ich habe in diesm Zusammenhang auch nicht den geringsten Zweifel daran, wer die "Profiteure" (denn "Profit" ist ja nun einmal ein ökonomisch geprägter Begriff) und wer die "Verlierer" sein werden, denn diese Rollen sind von vorneherein klar verteilt. Ja, ich gebe zu, dass das vielleicht "Genöle" aus noch relativ saturiertem Hintergrund ist (für Kriegsflüchtlinge sind das alles natürlich "Luxusprobleme") - und trotzdem fände ich es einfach sympathischer weil anständiger, im gesellschaftlichen Diskurs mit offenen Karten zu spielen. Doch dazu müsste erst einmal einer stattfinden !

Lösungsvorschläge (leider kann ich hier auch nur mit den bereits sattsam bekannten Optionen aufwarten):

- Obergrenzen (politisch - momentan - nicht gewollt, natürlich auch nicht sympathisch, weil letztlich nur mit Gewaltmassnahmen durchsetzbar);

- Kontingenlösungen (Utopie !);

- Intergrationsmodus hochfahren -> Sprachkurse/Ausbildung insbesondere für die Jungen -> Unternehmer mit beteiligen (wirklich poiltisch gewollt ?); Vermeidung von Ghettoblildungen (wird allerdings umso schwieriger, je größer der Zustrom/Zeitintervall !);

- Verbesserungg der Lebensumstände in den Krisengebieten (Utopie ? Zeitfaktor !).

sch123 03.01.2016 | 20:39

Ich denke, ich bin mir mit Ihnen und auch Herrn Schramm dahingehend einig, dass es in Sachen sozialer Gerechtigkeit sehr viel zu tun gibt, national und global.

Ich finde es aber nicht hilfreich, Flüchtlingspolitik mit Kritik an Kapitalismus etc. zu vermengen. Natürlich hat das eine mit dem anderen zu tun, aber Ängste vor dem Kollaps des Sozialstaates zu beschwören sollte man den Rechten überlassen.

Als Lösungsansatz würde ich in diesem Sinne hinzufügen, dass politisch lauter gefordert werden sollte, die wirklich starken Schultern stärker an den Lösungen aktueller Herausforderungen zu beteiligen (ganz im Sinne des GG bzw. der Sozialpflichtigkeit des Eigentums)! Außerdem kommen wir als westliche Gesellschaften imho mittel- und langfristig nicht darum herum von unseren Institutionen und Eliten deutlich stärkeren Einsatz für globale Gerechtigkeit einzufordern.

Das Elend, das wir in dieser Welt mitverantworten und das unseren Lebensstil mit ermöglicht, wird nicht für immer brav vor der Tür warten.

janonmac 03.01.2016 | 22:47

Sie gehen auf die Argumente von Reinhold Schramm gar nicht ein aber machen diese nieder. Sie glauben mit einem selektiven Beispiel Statistiken entkräften zu können und lehren an einer Hochschule? Sorry vielleicht sollten sie über eine Schulung in Statistik nachdenken.

Wieso sind eigentlich Menschen die sich zu Problemen äussern immer Ziel von unqualifizierten Attacken? Wieso muss man wenn man ein Problem identifiziert hat auch gleich die Lösung parat haben - dafür sind doch die Verantwortlichen zuständig !

Fehlt nur noch dass sie die Nazikeule schwingen, soweit entfernt sind sie ja nicht mehr davon.

sch123 04.01.2016 | 20:48

Vielleicht lesen Sie meinen post erstmal richtig, bevor Sie hier loswettern?

Ich schrieb: "Ist natürlich ein Einzelfall und hat keine generelle Aussagekraft, mag aber als Mahnung zu differenzierter Sichtweise dienen."

Ich kann auch nicht sehen wo ich Argumente "niedermachen" würde? Bisschen empfindlich heute?

Ich denke Herr Schramm ist ja ein erwachsener Mann und rhethorisch weder übertrieben sachlich noch völlig unfähig, der wird mir schon sagen wenn er meinen Ton unangemessen findet.

Und man kann sich gerne zu "Problemen" äußern, aber am liebsten doch konstruktiv? Und da Herr Schramm je gerade am Artikel kritisiert, dass er nicht konkret und konstruktiv wäre (--> "Traumtänzerei") dürfte man doch erwarten, dass er dann mit leuchtendem Beispiel vorangeht, nicht wahr?

Vielleicht lesen Sie den Thread nochmal etwas gründlicher? sonst fällt Ihnen der Vorwurf der unqualifierten Attacken selbst auf die Füße.

little Louis 05.01.2016 | 17:06

@ mgda um 4:58 und :

"..Die Syrer hatten schon immer ein gutes Bildungssystem und die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern waren offener als in den meisten Ländern. Auch in Libyen ist das so vom Irak von einst ganz zu schweigen. Kurzerhand, Sie haben da allerlei zusammenmontiert, das so nicht stimmig ist." (Zitatende)

Warum destabilisieren "WIR" dann ausgerechnet diese Staaten?

Habe von der Regierung noch keinen Hinweis auf die tatsächlichen Urheber der dortigen Miseren gehört. Es scheint in Berlin die Meinung vorzuherrrschen, Assad sei der paranoide Verursacher einer Naturkatastrophe.

Oder fiel die Wahl auf Syrien und Irak , weil sie einfach die besser verwertbaren Flüchtlinge liefern können? (Man verzeihe die böse Ironie)

little Louis 05.01.2016 | 17:18

@ magda Nr. 2 und :

".Herrliches dummes Gerede. Ja, es wird Probleme geben, aber die hat man hierzulande auch schon so, z. B. mit solchen Schwätzern wie Ihnen..(Zitatende)

Rhetorische Demagogiebomben wie diese haben manchmal die Eigenschaft, sich in gefährliche Bumerangs zu verwandeln. Auch für dieses Medium. Auch Unbeteiligte ziehen sichdann in die Deckung besserer Qualitätsmedien zurück.

Ist das etwa Absicht?

little Louis 05.01.2016 | 17:41

@Reinhold Schramm bezüglich einiger seiner Kritiker:

Vielleicht sollte man im Hinblick auf Entwürfe einer (zukünftigen) wenigstens halbrational linkshumanen Gesellschaft doch besser auf so dezidiert "realistische" Zeitgenossen wie einige von R. Schramms hiesigen Kritikern

verzichten.

Die bodenständige Fundamentierung einer solchen Agenda zwecks Bewährung in der Alltagsrealität könnte sich dadurch unter Umständen gewaltig erhöhen.

(War jetzt bös, aber Magdas Stil infiziert einen irgendwie unwillentlich)

little Louis 05.01.2016 | 18:16

Leicht ironisch an BBriele und alle Nichtwissenden:

Ich glaube, alle haben unsere Frau Kanzlerin einfach noch nicht richtig verstanden.

Denn:

Fast alle im (deutschen) Ghetto zukünftige einträchtig und glücklich von ihren schiitierten Glaubensbrüdern getrennt lebenden Nachfahren unsere Flüchtlinge werden alldahier , sofern sie sich ganz, ganz arg angestrenget haben, vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen können. Ganz sicher!

Warum ich da so optimistisch bin?

Im (traditionellen) "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" kann das doch in den dortigen Ghettos oder gar in den idyllisch- romantischen "trailer- camps" alltäglich jeder selbst beobachten..

Und wenn es ausnahmsweise mal nicht soganz geklappt hat, lagdas ganz sicher nur daran, dass sie sich halt nicht fest genug angestrengt haben!

Ist doch logisch! Oder nicht?

Vielleicht gebotene Differenzierung:

In USA liegts allerdings nur daran, dass sie nicht gottesfürchtig genug waren . Auch selber schuld. Leider. Aber das kann hier ja nicht passieren. Selbst wenn man zu sehr vom Glauben abfällt. Denn vielleicht droht manchen dann in hiesigen Gefielden nicht so sehr die Prekarisierung, sondern gelegentlich sogar der Verlust des Rechts zum Weiterleben.

Da habens die gottesunfürchtigen Amerikaner dann doch noch etwas besser. Aber nur wenn der Arbeitsplatz nicht gerade innerhalb einer Abtreibungsklinik gelegen ist. Sonst ists dumm gelaufen.

little Louis 05.01.2016 | 18:31

Zu:

"....aber Ängste vor dem Kollaps des Sozialstaates zu beschwören sollte man den Rechten überlassen...."

Sie meinen also, die Lösung der wirklich ernsthaften Probleme sollte man den Rechten überlassen. Sie sind wirklich ein gewaltiger Linker .Äh - eine Linke- oder was? (An die Redaktion: Geschlechtslose nicknames sollten einfach hier nicht zugelassen werden !!)

Also eine gewaltige Linke?

Nee, kann nicht sein. Ich würde da eher vermuten, dass Sie ein Agent einer Querfront von Rechts sind. (-; (-:

stedis 13.01.2016 | 15:08

Die Formel mehr Menschen = mehr Geld = mehr Wohstand stimmt aber in Deutschland, denn im Unterschied zu China muss sich Deutschland seine Position auf dem Weltmarkt nicht mehr erkämpfen.

Dass sie in Deutschland stimmt, beweisen mehrere Jahrzehnte Migrations- und Wirtschaftsgeschichte, aus welcher ich nur ein Beispiel herausgreife: die Wiedervereinigung. Die Wiedervereinigung hat nach einer Durststrecke von nur etwa 10 Jahren dazu geführt, dass Deutschland seine Position als wirtschaftlich stärkste Nation ausgebaut hat. Das ProKopfBruttosozialprodukt war mit der Wiedervereinigung zwar zunächst eingebrochen, aber schon wenige Jahre später konnte der alte Höchstwert überschritten werden, obwohl der Osten industriell bis heute nicht wieder hoch gekommen und die Arbeitslosigkeit dort überdurchschnittlich ist.

Während man von den ostdeutschen Neubürgern immerhin sagen konnte, dass sie wenigstens zeitweilig Deutschland wirtschaftlich zurück geworfen haben, konnte man das von den Migranten aus Südeuropa, der Türkei und später aus aller Herren Länder zu keinem Zeitpunkt behaupten. Auch nicht von den etwa 2 Millionen Asylsuchenden bis etwa 1992.

Überhaupt die Gruppe der Asylsuchenden. Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit unter diesen weit überdurchschnittlich, was auch mit Residenzpflicht, Vorrangprüfung usw. zu tun hat. Aber der Grad der Beschäftigung ist allen Unkenrufen zum Trotz doch so hoch, dass der gesamtwirtschaftliche Effekt ein positiver ist: sie stützten unsere Sozialsysteme unterm Strich, sie belasten sie nicht.

Und da sie Afghanen im Besonderen angesprochen haben: Aus Afghanistan suchen schon seit den 80igern die Menschen Asyl, ebenso wie aus dem Iran. Immigranten aus diesen Ländern sind in der Regel eben doch die Qualifizierten, weshalb ihr durdchschnittlicher Bildungsgrad über dem der Gesamtbevölkerung in Deutschland liegt. Wenn Sie mal einen afghanischen oder iranischen Taxifahrer fragen, was er mal gelernt, wundern sie sich nicht, wenn er sogar einen Doktortitel hat. Warum er dann trotzdem Taxi fährt? Weil die Länge der Asylverfahren oder der Duldungsstatus nach einer Ablehnung der Asylgründe oder ähnliche Probleme, die man nur als Ausländer aus einem Drittstaat haben kann verhindern, dass er einer ordentlichen Beschäftigung nachgeht.

Aber zurück zur Formel: Für die europäischen Staaten gilt ebenso, wie für die klassischen Einwandererstaaten, dass sich die Einwanderer über kurz oder lang in die Mehrheitsgesellschaft integrieren, wenn diese das zulässt. Wie sehr das damit zusammenhängt, kann man besonders gut in den USA beobachten, wo sich in den 80igern der Blick auf die asiatischen Einwanderer gewandelt hat und die seitdem in der Mehrheitsgesellschaft aufgegangen sind, obwohl sie vorher aufgrund der allgemeinen Ablehnung wie die Nachfahren afrikanischer Einwanderer in Parallelgesellschaften lebten. Ähnliches kann man etwa in Deutschland für die südeuropäischen Einwanderer feststellen, die ja als sogenannte Gastarbeiter in der Regel ganz unten anfangen mussten.

Wenn sich die Migranten schließlich integrieren, dann auf einem durchschnittlich vergleichbaren Niveau mit der Mehrheitsgesellschaft. Den schönsten Niederschlag findet das im ProKopfBruttosozialprodukt, das einfach nicht vom Ausländeranteil abhängen will. Wenn sich also dieser ProKopfWert stabil zeigt, bedeutet das automatisch ein mit der Anzahl der Menschen wachsendes absolutes Bruttosozialprodukt, wenn die Integration halbwegs gut klappt. Dafür gibt es für Deutschland eindrucksvoll Datenpunkte.