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Integration Warum die Asylsuchenden Deutschland auch große Chancen eröffnen
Matthias Jauch | Ausgabe 52/2015 28

Läuft alles glatt, dann könnte der Syrer Nour al-Deen Hameed 2025 zehn Jahre Betriebszugehörigkeit bei der Telekom feiern. Vielleicht werden seine Kollegen den dann 35-Jährigen in den Betriebsrat wählen. Dass er in einer Dekade fehlerfreies Deutsch sprechen wird, das ist sehr wahrscheinlich. Die Abgaben und Steuern auf seinen Lohn dürften der öffentlichen Hand und der Gesellschaft ohne Zweifel gelegen kommen.

Nour al-Deen Hameed, heute 25, ist seit einem Monat Praktikant bei der Telekom – als erster Geflüchteter überhaupt, seitdem deren Zahl rapide anzusteigen begonnen hat. In Damaskus hatten im Juni 2014 Soldaten vor seiner Tür gestanden: Er sollte in die syrische Armee einzogen werden und entschloss sich zur Flucht. Über die Türkei, die Ägäis und die Balkanroute erreichte er im November 2014 Deutschland.

Jetzt sagt er: „Das Praktikum ist für mich wie ein Traum. Ich lerne hier so viel – auch, was ich in Zukunft in Deutschland machen könnte und in der Telekom.“ Derzeit lernt er im Recruitingteam. Er hilft bei Bewerbungsgesprächen, erstellt Jobanzeigen, führt Telefoninterviews, auch mit anderen Flüchtlingen. „Sein sprachlicher und kultureller Hintergrund ist für uns eine große Bereicherung“, sagt Stefan Oelschlägel. Ihn hat die Telekom al-Deen Hameed als Mentor an die Seite gestellt. Er hilft ihm bei allen Fragen, in seiner Freizeit auch bei den vielen Formalitäten und Behördengängen.

1,5 Millionen pro Jahr

Al-Deen Hameed ist nur ein Einzelfall und könnte doch für so viele Flüchtlinge stehen, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland gekommen sind und noch kommen werden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet für die Jahre 2015 und 2016 mit einem Flüchtlingszuzug nach Deutschland von jeweils 1,5 Millionen Menschen. Dabei lag der Anteil der Asylbewerber im erwerbsfähigen Alter im Jahresverlauf 2015 bei über 72 Prozent. Die Hälfte davon war sogar jünger als 34 Jahre. In Deutschland sinkt die Zahl der Erwerbstätigen, die Bevölkerung altert rapide. Die große Chance, die sich nun bietet, liegt auf der Hand: Die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen gegen Fachkräftemangel und unbesetzte Ausbildungsstellen. Keine Frage, die Ausgaben für die Unterbringung, Versorgung und Integration sind anfangs hoch. Das DIW rechnet mit 12.000 Euro pro Jahr und Flüchtling – ein Drittel des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens in Deutschland. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sieht Kosten in Höhe von bis zu 8,3 Milliarden Euro für das Jahr 2015 und zwischen 9 und 14,3 Milliarden Euro für 2016. In ihrem aktuellen Jahresgutachten gehen die Wirtschaftsweisen davon aus, dass die Kosten „tragbar“ sind und bis 2020 bis zu 500.000 Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten. Für das DIW sind die Kosten nur ein Ausschnitt des Gesamtbildes: Zwar werde die Arbeitslosenquote anfangs hoch und auch nach zehn Jahren noch erheblich sein. Ebenso sehe es mit der geringfügigen Beschäftigung bei Flüchtlingen aus.

Doch gelingt die Integration vieler Flüchtlinge, dann hätte dies langfristig eine Reihe positiver Effekte zur Folge: Flüchtlinge, die Arbeit finden, tragen nicht nur zur Produktivität von Unternehmen bei. Sie erhöhen auch die Binnennachfrage. Das Institut rechnet selbst in seinen negativ veranschlagten Szenarien mit einem positiven Effekt auf die  Wirtschaftsleistung und auf das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland ab dem Jahr 2025. Im besten Fall rechnet das DIW durch den Zuzug von Flüchtlingen bis 2025 sogar mit einem Saldo der Wirtschaftsleistung von etwa einem Prozent, bis 2030 immerhin 1,5 Prozent. Nutzt man die Potenziale der Flüchtlinge richtig, könnten viele von ihnen zu wichtigen Stützen der hiesigen Volkswirtschaft werden.

Einer, der jetzt schon Anteil an ihr hat, ist Bassel al-Shiikh Kassem. Die Webagentur, in der er seit vier Monaten arbeitet, liegt versteckt in einem Hinterhof in Berlin-Friedrichshain. Vom Büro im vierten Stock blickt man auf die Turnhalle einer Schule, in der derzeit 200 Flüchtlinge ihre ersten Wochen und Monate in Deutschland verbringen. Der 29-jährige Syrer, fest angestellt in Vollzeit, weiß von seinem Glück: „Ich bin so froh, dass ich das arbeiten kann, was ich in Damaskus gelernt habe. Wenn man engagiert ist, kann man hier etwas erreichen“, sagt er. Die Vorrangprüfung dauerte nur wenige Tage. „Im IT-Bereich werden händeringend Leute gesucht und wir haben mit dem Prozess Erfahrung“, sagt Geschäftsführer Lutz Haase. Sein kleines IT-Lab sei ohnehin international aufgestellt. „Noch fehlt es an staatlicher Unterstützung. Für eine Integration wird es mehr brauchen“, sagt er.

Integration ist kein Selbstläufer. In seinem Buch Warum wir Einwanderung neu regeln müssen schreibt der Ökonom Paul Collier, dass es bei der Integration neuer Einwanderer vor allem auf Vertrauen ankommt: Damit falle den Menschen Kooperation viel leichter. Von was, wenn nicht von Vertrauen, zeugen die vielen freiwilligen Helfer in Deutschland, die bei Sprachkursen und Behördengängen helfen?

Und doch wird noch mehr Anstrengung notwendig sein – vor allem von staatlicher Seite. Fälle wie die von al-Deen Hameed und al-Shiikh Kassem belegen das. Denn obwohl al-Deen Hameed seit einem Jahr im Land ist, ist sein Asylantrag noch immer nicht vollständig bearbeitet. Bislang hat er nur eine Aufenthaltsgestattung. „Das ist für mich zur Zeit das Schwierigste in Deutschland“, sagt er. Mentor Oelschlägel erklärt: „Wir versuchen als Unternehmen zu helfen, geben Nour, wenn nötig, frei und fragen auch mal nach Terminen beim Amt.“ Das beschleunigt.

Doch so viel Unterstützung wie al-Deen Hameed und al-Shiikh Kassem haben viele andere Asylbewerber nicht. Die Vorrangprüfung und die präventive Prüfung der Arbeitsbedingungen sind nur einige Hürden auf dem Weg in den Arbeitsmarkt, die Flüchtlinge regelmäßig nehmen müssen. Ein weiteres Hindernis ist die bisher recht bürokratische Anerkennung von Zeugnissen und Berufsabschlüssen, von Qualifikationen, die in den Heimatländern erworben wurden. Und die Sprache? Al-Deen Hameeds Deutsch ist flüssig. Beigebracht hat er es sich zum Teil selbst, im Internet und mit Hilfe eines Sprachtandems. In der Bibliothek machte er einen Aushang; seither hilft ihm eine 85-jährige Berlinerin. Sie lesen sich aus den Erzählungen von Tausendundeine Nacht vor, sie sprechen über Wörter, deren Bedeutung er nicht kennt. Der Staat war kaum behilflich. Und nicht immer läuft es so glatt wie bei al-Deen Hameed.

Dabei ist die Sprache eines der größten Hindernisse bei der Integration. „Wir werden in Deutschland eine breite und gezielte Sprachschulung brauchen, angepasst an die Bedürfnisse der Geflüchteten“, erklärt Leif Erichsen, Sprecher der Industrie- und Handelskammer Berlin, die sich mit Beratungsangeboten engagiert. Sehr viele Unternehmen würden sich eine schnellere Integration wünschen. Erichsen spricht von unzähligen Betrieben allein in Berlin, die entsprechende Absichtserklärungen abgegeben haben.

Mehr Geld für morgen

Wer meint, der Politik fehle es an solch guten Absichten und an einem Plan, der hat das Papier Neustart in Deutschland. Für ein Jahrzehnt umfassender Gesellschaftspolitik nicht gelesen – es stammt aus der SPD. Die Ministerinnen Manuela Schwesig, Andrea Nahles, Aydan Özoguz, Barbara Hendricks und die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer geben darin den Weg vor: Verzahnung von Integrationskursen und berufsbezogener Sprachförderung und deren flexibel an die Asylbewerberzahl anzupassende Mittelausstattung. Ausbau der Programme, die Flüchtlinge für eine Ausbildung qualifizieren, für mindestens 500 Millionen Euro, und Zugang zur Ausbildungsförderung für junge Flüchtlinge und Geduldete. Zugleich eine Milliarde für die Eingliederung von Langzeitarbeitslosen. 80.000 neue Kita-Plätze und mehr als 20.000 zusätzliche Stellen für Erzieher. Mehr Ausbildungs- und Studienplätze für entsprechende Berufe. Eine Milliarde für eine Kita-Qualitätsoffensive, eine weitere für mehr Ganztagsschulangebote inklusive der dafür nötigen Schulsozialarbeiter.

Die derzeitige Flüchtlingssituation ist historisch. Unsere Chance ist es ebenfalls. Die Kosten der ersten Jahre sind nicht nur der Humanität geschuldet. Potenziale zu nutzen, wie etwa das von al-Deen Hameed, sind Investitionen in unsere Zukunft.

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem vorigen Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

06:00 30.12.2015
Geschrieben von

Matthias Jauch

Freier Journalist, Berlin|Hamburg, unter anderem beim Freitag, twittert unter @MatthiasJauch
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