ADHS und Tonnen von Medikamenten

Pharmaconcern Die Menge des in Deutschland verschriebenen 'Ritalin' hat sich seit 1993 von 34 Kilogramm auf 1,8 Tonnen im Jahr 2010 erhöht. Ein Empörungsversuch

Hans Guck in die Luft

 

 

 

Früher war alles besser, vor allem für die Kinder. So lese ich es oft und höre es gelegentlich. Besonders, wenn es um eine bestimmte Gruppe von Kindern geht: Kinder mit einer AD(H)S oder dem Zappelphilipp-Syndrom. Hier liegt schon das erste Missverständnis, denn nicht jedes Kind mit AD(H)S fällt durch gesteigerte Aktivität auf. Das 'H' steht für Hyperaktivität und, wie den aufmerksamen LeserInnen aufgefallen sein wird, in Klammern. Im Vordergrund steht 'AD', das Aufmerksamkeitsdefizit. Und ein Aufmerksamkeitsdefizit fällt weniger schnell auf, zumindest für Außenstehende.

Interessant wäre jedoch, was mit "Früher" gemeint ist. Ist es die Zeit, in der ich Kind war, Helmut Kohl das Privatfernsehen erfand und mir eine Jugend mit BaywatchMacGyver und Star Trek - Next Generation bescherte (vom Nachtprogramm der Privatsender will ich gar nicht sprechen. Heutige Jugendliche werden darüber müde lächeln, aber das waren einfach andere Zeiten: Wir hatten doch nichts anderes!)?

Oder liegt früher weiter in der Vergangenheit? Als mit antiautoritärer Erziehung experimentiert wurde? Dass Kinder mit einer AD(H)S in so einer Umgebung weniger auffallen ist klar, ob es ihnen besser ging als heute, ist eine interessante Frage. Oder muss man noch weiter zurück?

Wer im Nachkriegsdeutschland hungrig in die Schule ging und ein Stück Kohle mitbringen musste, um die Temperatur im Klassenraum über dem Gefrierpunkt zu halten, dürfte eine schlechte Vergleichsgruppe für heutige Kinder und Jugendliche darstellen.

Eine Zeit, in der Kinder wirklich noch Kinder sein konnten, viel Bewegung hatten und traditionelle Werte beigebracht bekamen, könnte zwischen 1933 und 1945 gelegen haben. Wir erinnern uns noch alle an das Motto der damaligen Jugendarbeit:

"Flink wie Windhund, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und keine AD(H)S!"

Früher ist dann, wann es mir passt.

Während psychische (und neurologische) Erkrankungen früher eher verteufelt wurden, scheinen sie heute eher verharmlost oder komplett umgedeutet und überhöht zu werden.

Um sich zu empören ist die jüngere Vergangenheit sowieso ausreichend. So flatterte vor einigen Wochen ein Tweet durch meine Twitter-Timeline, in dem die Entwicklung der Menge an Ritalin (gemeint war wohl Methylphenidat (MPH)) seit 1993 thematisiert wurde. 34kg seien damals verschrieben worden, 2011 seien es bereits 1,8t gewesen. Skandal! Unsere Kinder werden ruhiggestellt, zugedröhnt und vollgestopft mit Drogen, die wirken wie Kokain!!!

Noch ein Missverständnis, denn MPH wirkt nicht wie Kokain, sondern greift lediglich an ähnlichen Strukturen im Gehirn an. MPH verhält sich zu Kokain wie ein Feuerzeug zu einem Flammenwerfer. Egal, das Mem ist in der Welt und wird sie so schnell nicht verlassen.

Aber warum muss man eigentlich ein Medikament nehmen, nur weil man etwas unaufmerksam oder hyperaktiv oder beides ist? Menschen mit einer AD(H)S haben Probleme Reize zu filtern, im folgenden Video wird das deutlich. Der Autor versucht zu zeigen, wie es sich für einen Menschen mit AD(H)S (oder Autismus) anfühlen kann, wenn er sich durch die Welt bewegt. Einigen dieser Menschen hilft MPH, Reize besser zu filtern.

Sensory overload

OK, wir wollten uns empören, über 1,8t Tonnen MPH im Jahr! Also los. Die maximale empfohlene Dosis von MPH liegt bei 60mg/d, wir rechnen einfach mit der Hälfte pro Person, das dürfte eine gute Annäherung sein. 1993 konnten mit 34kg ca. 5700 Personen behandelt werden (ich habe 200 Einnahmetage im Jahr zugrunde gelegt, weil viele Eltern am Wochenende und in den Ferien auf die Gabe verzichten). Wenn man nun weiter annimmt, jedes Jahr kommen 5700 Menschen dazu, landet man 2003 bei 340kg/Jahr. Da jedoch Kinder wachsen, muss die Dosis angepasst werden, so dass ich nochmal 1/3 dazu rechne, 500kg/Jahr. Das ist schon ziemlich nah an den 603Kg für 2001, die in einem Artikel der FAZ genannt wurden. Bei mir reicht das nicht für Empörung.

Doch es gibt Hoffnung, denn in den nächsten 10 Jahren kamen 1200kg dazu, doppelt soviel wie in den 10 Jahren davor. Alle ruhiggestellt und abgefüllt. In der "Welt" wird eine Dame zitiert, die sich im Dienste der Techniker Krankenkasse äußert:

"Im Jahr 2009 bekamen rund 27 von 1000 bei der Kasse versicherte Sechs- bis Achtzehnjährige das Arzneimittel Ritalin (Methylphenidat), wie die TK in Hamburg mitteilte. Im Vergleich zu 2006 – damals waren es 20 von 1000 - sei dies eine Steigerung von 32 Prozent."

Das ist natürlich ein dramatischer Anstieg und empörend! Zumindest, wenn man nicht weiß, dass ca. 5% (3-10%) aller Kinder Symptome einer AD(H)S zeigen. 20 von 1000 sind 2%, da fehlt also mindestens 1%, wahrscheinlich jedoch mehr. Mit 34kg kann man 5700 Menschen im Jahr behandeln, mit 1,8t 300 000 (unter der Annahme pro Patient 6g/Jahr zu benötigen). 300 000 entspricht wiederum 3% der Personen zwischen 6 und 20 Jahren (ca. 10 000 000). Dabei werden Erwachsene noch nicht berücksichtigt, die ebenfalls MPH erhalten können, AD(H)S verschwindet nämlich nicht einfach mit der Volljährigkeit. Ich habe mich ehrlich gesagt schon mehr empört.

Vielleicht über den jungen Mann mit AD(H)S, der im FAZ-Artikel erwähnt wird. Der verkauft seine Medikamente an Gleichaltrige, die damit leistungsfähiger zu werden glauben. Wirklich zu würdigen weiß man diese Geschichte allerdings erst, wenn man eine Studie* kennt, die Ende letzten Jahres im New England Journal of Medicine erschien: Es ist bekannt, dass Menschen mit AD(H)S häufiger kriminell sind als neurotypische (das sind wir anderen). In Schweden waren das bei den Männern 36% der AD(H)Sler und 9% der übrigen Bevölkerung. Wenn man allerdings die AD(H)S mit Medikamenten behandelt hat, sank die Kriminalitätsrate um bis zu 40%. Der junge Mann in dem Artikel kann jedenfalls sein Zeug nur verkaufen, wenn er es nicht nimmt. Und wenn er es nicht nimmt, neigt er eher dazu, es zu verkaufen.

Was bleibt? Viel Empörung, wenig Grund dazu. Naja, vielleicht doch. So empören sich mittlerweile auch Eltern, die versuchen, ihren Kindern unter anderem mit Medikamenten zu helfen, über die Unterstellungen, die man ihnen da so entgegenhält: Mangelnde Erziehung, überzogene Erwartungen an die Kinder, blindes Vertrauen in die "Schulmedizin".

Gut gefallen hat mir der im Artikel der "Welt" festgehaltene Kommentar der Dame von der TK:

"Ritalin könne aber eine ganzheitliche Therapie nicht ersetzen: 'Die betroffenen Kinder müssen lernen, langfristig mit ihren Symptomen umzugehen - auch ohne Medikamente.' "

Die Gabe von MPH, so steht es in den Leitlinien der Kinder- und Jugendpsychiater in Deutschland, soll in ein Therapiekonzept mit Psychotherapie für die Betroffenen und Psychoedukation für Betroffene und deren Umfeld eingebettet sein. In der Realität darf man dann allerdings, nachdem man 6 Monate auf den Platz gewartet hat und die Diagnose lege artis gestellt wurde, einen ambulanten Psychotherapeuten suchen, der ebenfalls eine mehrmonatige Wartezeit hat. Vielleicht sollten die Krankenkassen Anreize schaffen, damit sich mehr Ärzte (und Psychologen) um das psychische Wohl der Bevölkerung kümmern können. Stattdessen hält man Betroffenen vor, sie müssten lernen, ohne Medikamente klarzukommen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich ist es großartig, wenn man eine AD(H)S hat und keine Medikamente nehmen muss. Das ist aber nicht das Ziel einer Therapie! Das Ziel einer Therapie ist, dass aus den Unterschieden in der Hirnphysiologie keine (überproportionalen) Nachteile entstehen und man nicht unter ihnen leidet. Man stelle sich vor, obiger Satz wäre im Zusammenhang mit "Herzschwäche" gefallen. Das wäre empörend!

Versuch geglückt. Geht doch!

*Die größte Schwäche der Studie ist aus meiner Sicht, dass nicht klar wird, ob unter MPH weniger Taten geschehen oder die Betroffenen einfach seltener erwischt werden.

[Bildquelle]

Mehr?
Eine Website zu unterschiedlicher Wahrnehmung gibt es hier, wobei der Asperger-Autismus im Vordergrund steht.

 

 

Aufmacherfoto: TK_Presse/ Flickr (CC)

16:41 06.01.2013
Geschrieben von

merdeister

Ein guter Charakter erzieht sich selbst. - Indigokind - Blogtherapeut
merdeister

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