DIE AROMAT-KRISE

KEHRSEITE Über ein »Universal-Würzmittel«

Vorige Woche war's: Rucksackweise musste wieder Nährstoff ins Haus gekarrt werden, dessen Aufbereitung im Sinn leichterer Verdau- und Bekömmlichkeit ebenfalls mir obliegt. Darüber, dass dies alles seinen gesetzmäßigen Gang erfährt, wacht der nun sechsjährige Haushaltsvorstand, dessen recht einseitige Präferenzen den Einkaufszettel nachhaltig prägen und, im Licht kritischer Reflexion betrachtet, zukünftig für das Ansehen der Familie im sozialen Umfeld vorrangig nachteilige Akzente setzen.

Zu den basaltgehärteten Grundfesten, auf denen der kindliche Speiseplan ruht, gehört nämlich das Produkt AROMAT der Firma Knorr. »Universal-Würzmittel« steht auf der gelben Nachfülltüte. Unser Nachwuchs kommt der Aufforderung entgegen sonstigen Gewohnheiten umgehend nach: »Einfach über die Gerichte streuen. Diese brauchen kaum noch zusätzlich gesalzen zu werden.« Und man glaubt, das Wurm deckte an einem Tag den Kochsalzbedarf für die nächsten drei Erdzeitalter. Besonnene Interpretatoren verweisen nun nicht umsonst auf die Tatsache, dass AROMAT viel mehr als die Summe seiner Bestandteile wäre. Man ginge auch nicht fehl in der Behauptung, dass diesem Würzmittel ein gewisser, alles ausgleichender, grundgütiger, sozialistischer Wesenszug eigne.

Nun war ausgerechnet vorige Woche dieses gelbe Zauberpulver im Supermarktregal nicht vorrätig. Stichproben in mehreren anderen Märkten unserer Region ergaben das gleiche erschütternde Ergebnis. Jähe Verzweiflung dämmerte in uns auf. Denn statt AROMAT prangte allein die Konkurrenzmarke FONDOR der tausendmal verwünschten Firma Maggi am nämlichen Platz; angestaubt, in traniges Gelb gerollt, vom Feinschmecker zu Recht verschmäht. Auch wir machten die Erfahrung der nichtswürdigen Minderwertigkeit dieses sauberen »Feinwürzmittels«, als unser kleiner Chefverkoster augenblicklich in frei assoziierende Klageorgien verfiel und die diplomatischen Beziehungen zu seinen Erziehungsberechtigten zunächst für sieben Minuten aussetzte. Beschwichtigungen jeglicher Art: no result. Heimliches Umfüllen von FONDOR in AROMAT-Nachfüllbüchsen wurde gnadenlos als Betrugsversuch entlarvt und erschütterte das Vertrauensverhältnis nachhaltig. Boykottmaßnahmen, Luftangriffe, Nahrungsverweigerung, all die schlimmen Dinge, die liebenden Eltern das Herz zerreißen, waren die logische Folge.

In unserer Verzweiflung riefen wir in der Schaltzentrale des internationalen Würzmultis Best Food, vulgo Küchenstudio der Firma Knorr an. Doch selbst die in Form eines einfachen Fragesatzes formulierten Gründe unseres Anrufes wurden im AROMAT-Headquarter nicht sofort inhaltlich vollständig erfasst. Vielmehr wurden sie mit der lapidaren Bemerkung abgetan, AROMAT sei nur ein »Randprodukt« der breitgefächerten Knorr-Erzeugnispalette, und, nein, man könne auf die Schnelle auch kein Info-Material zusenden, die betreffende Kollegin bereite sich soeben auf den Urlaub vor, und die Vertretung, äh ... das läge bestimmt ganz hinten im Archiv et cetera. Dabei hatten wir die Gewürzzauberer nur nach Genese und Verteilungsgesetzmäßigkeit dieses Produktes gefragt, um die Beschwerde über die Nichtbelieferung unseres Landstreifens mit AROMAT nicht gar zu profan wirken zu lassen. Sogar der Besorgnis um Einstellung der Produktion des Universal-Würzmittels und damit um unser aller Wohlergehen hatten wir Ausdruck verliehen. Verbunden mit innerem Hader darüber, dass hier augenscheinlich wieder eine menschenfreundliche Errungenschaft von den gewissenlosen Knechten der Neuen Mitte auf dem schmutzigen Altar des Neoliberalismus geopfert werden sollte.

Wie auch immer. Das Info-Material ist nicht gekommen, dafür jedoch erstrahlen die Tütensuppenregale unserer Supermärkte seit gestern wieder im königlich-gelben AROMAT-Ornat. Und die kindlichen Augen strahlen nicht minder.

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