Fremde Legion

Militär Die deutsche Firma Asgaard schickt Söldner in den Nordirak und pflegt enge Kontakte zu rechten Parteien. Nach außen gibt sie sich verschlossen
Fremde Legion
Dem Tod ins Auge sehen: Peschmerga-Sniper in der Autonomen Region Kurdistan
Foto: Jim Lopez / AFP / Getty Images

Ist die Bundeswehr im Nordirak aktiv? Auf den Bildern im Internet sieht es fast so aus. Kräftige Männer tragen beigefarbene Schutzwesten mit Deutschlandfahne auf Brust und Schulter. Doch in Wirklichkeit sind das keine deutschen Soldaten, sondern deutsche Söldner. Einer von ihnen ist Petja Stoy. Der Geschäftsführer der Sicherheitsfirma Asgaard stellt sich bei Facebook gern öffentlich zur Schau. Ein Foto zeigt ihn bei bestem Wetter mit Sonnenbrille in einer kargen, hügeligen Landschaft. Quer durch das Bild zieht sich der Lauf eines schweren Maschinengewehrs. Die Aufnahme entstand Ende September in einer Stellung der kurdischen Peschmerga in Makhmur, 50 Kilometer südwestlich der irakischen Stadt Erbil. Makhmur wurde Anfang August nach heftigen Kämpfen vom Islamischen Staat erobert. Nach US-Luftschlägen konnten die Kurden die Stadt zurückerobern. Noch heute ist Makhmur eine Frontstadt.

Stoy war dort nicht allein. Auch der Asgaard-Manager und ehemalige Bundeswehrsoldat Dirk Gaßmann ist auf den Fotos zu sehen. Ende August landeten die beiden auf dem Flughafen in Erbil, fuhren dann zusammen mit anderen Söldnern in gepanzerten Zivilfahrzeugen als Konvoi durch das Land, ausgerüstet mit Gewehren aus US-Produktion. Anfang Oktober war zumindest Stoy wieder zurück in Deutschland. Was die Asgaard-Leute im Irak gemacht haben, darüber wollen sie keine Auskunft geben. Angeblich sollen sie Journalisten begleitet haben, das ist jedenfalls einem Facebook-Eintrag von Stoy zu entnehmen. Ob das stimmt, ob sie weitere Auftraggeber hatten? Kein Kommentar.

Bürgerkrieg in Somalia

Es könnte schließlich negative Schlagzeilen geben. Ohnehin ist die Firma dubios. Sie sucht Drohnenpiloten, die eine Praxisausbildung in der Ukraine durchlaufen sollen. Zudem hat das Management enge Kontakte zu rechten Parteien. Nach außen jedoch gibt man sich verschlossen. Die Fragen des Freitag werden nicht beantwortet. Man hat gelernt aus dem Skandal vor wenigen Jahren.

Im Frühjahr 2010 wurde bekannt, dass Asgaard mehr als 100 deutsche Söldner in den somalischen Bürgerkrieg schicken wollte. Dort sollten sie den Politiker Galadid Abdinur Ahmad Darman im Kampf gegen andere politische Gruppen unterstützen. Darman bezeichnete sich selbst als gewählter Präsident des Landes und sprach der international anerkannten Übergangsregierung jegliche Legitimation ab. Nun schaltete sich auch die Staatsanwaltschaft Münster ein und ermittelte wegen Verdachts auf Verstöße gegen das Strafgesetzbuch sowie gegen ein für Somalia geltendes Waffenembargo. Im August durchsuchten Zollfahnder und Spezialkräfte der Polizei verschiedene Räumlichkeiten von Asgaard in Nordrhein-Westfalen und Bayern. Dabei fanden sie unter anderem mehrere tausend Schuss Munition. Gegen zwei Beschuldigte – einer ist der damalige Geschäftsführer – wurde Strafbefehl erlassen. Die Staatsanwaltschaft fordert 12 und 22 Monate Haft auf Bewährung. Inzwischen ist das Verfahren beim Gericht anhängig.

Was Asgaard heute so treibt, lässt sich lediglich erahnen. Im August und September suchte das Unternehmen mindestens drei Hubschrauberpiloten zur Umschulung auf die Helikopter-Aufklärungsdrohne Camcopter S-100, die gestochen scharfe Bilder liefert. Die Piloten sollen zwei Monate bei Boeing in den USA und anschließend in der umkämpften Ukraine ausgebildet werden. Laut Stellenausschreibung sind Einsätze „im Irak und anderen Krisengebieten“ möglich. Darüber hinaus sucht die Söldnerfirma auch neues Personal für „Objektschutz, Personenschutz und Konvoi (Land) im Mittleren Osten, Westafrika und Südamerika“. Für die Stelle müsse man die „Bereitschaft, längere Zeit in Spannungsgebieten zu arbeiten“ mitbringen und „geistig flexibel“ sein, heißt es in der Ausschreibung. Was auch immer das bedeutet.

Söldnerfirmen

Obwohl sie oft in rechtlichen Grauzonen agieren, werden sie immer häufiger eingesetzt – der Sektor der privaten Militärdienstleister boomt. Fachleute schätzen den Jahresumsatz der Branche auf etwa 190 Milliarden Euro. Die Firmen werden sowohl von Privatunternehmen als auch von staatlichen Institutionen beauftragt. Die Einsätze können diskreter, ohne ein Parlaments-Mandat und ohne offizielle Opferstatistik erfolgen und sind daher für Regierungen attraktiv. Vor allem die USA setzen seit dem Irak-Krieg 2003 auf die privaten Militärs. Dabei kommt es allerdings immer wieder zu Skandalen.

Beispielhaft dafür steht „Blackwater“, eines der größten und bekanntesten Unternehmen der Branche. Blackwater-Mitarbeiter haben 2007 im Irak 17 Zivilisten getötet. Anschließend behinderte die Unternehmensleitung die Ermittlungen von US-Behörden. Wahrscheinlich ist die mittlerweile in „Academi“ umbenannte Militärfirma auch für illegale Waffenexporte verantwortlich. Allein im Zeitraum zwischen 2003 und 2009 soll das Unternehmen über 280-Mal gegen US-Gesetze verstoßen haben.

In Deutschland ist kaum etwas über private Militärfirmen bekannt. Der Sektor dürfte aber deutlich kleiner sein als in den USA.

Ob damit die rechte Gesinnung des Asgaard-Managements gemeint ist? Dirk Gaßmann, zuständig für das Tagesgeschäft, veröffentlichte im Jahr 2012 ein Foto aus dem Irak bei Facebook. Darauf sind zwei deutsche Söldner in voller Montur zu sehen, mit Maschinenpistole und Kalaschnikow. Dazu schrieb Gaßmann, offenbar der deutschen Rechtschreibung nicht mächtig: „Hura, Hura die Deutschen die sind da!!!“ Laut Facebook-Profil gefallen Gaßmann die rechten Anti-Islam-Parteien Pro NRW, Die Freiheit, Bürger in Wut sowie die Alternative für Deutschland, AfD. Auch der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders hat von dem deutschen Söldner ein „Gefällt mir“ bekommen. Der Asgaard-Chef Petja Stoy ist bei der AfD sogar selbst aktiv und trat bei den Aachener Kommunalwahlen im vergangenen Mai für die Partei an – bekam in seinem Bezirk aber nur 43 Stimmen, das entspricht 1,52 Prozent.

Handelt es sich bloß um Privatmeinungen, die mit dem Unternehmen nichts zu tun haben? Nein, schon die Selbstdarstellung von Asgaard lässt den Geist der deutschen Söldnerfirma erahnen. Das Logo ist ein Wikingerschiff, eingerahmt von den Worten Treue, Loyalität, Disziplin, Ehre, Tapferkeit und Pflicht in Runenschrift. Bis vor kurzem war auf der Webseite ein martialischer Animationsfilm zu sehen, der das Wikingerschiff zu den Klängen von Richard Wagners Walkürenritt über eine Weltkarte schweben ließ. Ob das bei den Einsätzen im muslimischen Ausland so gut ankäme?

Auch die Fragen nach der politischen Einstellung der Vorstandsmitglieder ließ Asgaard wochenlang unbeantwortet. Später teilte das Unternehmen in einer E-Mail mit, dass die Fragen des Freitag nicht beantwortet würden. Man sei „nicht davon überzeugt, dass das deutsche Sicherheitsgewerbe neutral und sachlich dargestellt“ wird. In einem Telefonat sagte Geschäftsführer Stoy, er habe in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht.

Und so bleibt auch die Firmenstruktur intransparent. Das Unternehmen gibt es in verschiedenen Formen seit mindestens 2004, die Adresse wechselte ebenso häufig wie die Geschäftsführung. Kurz nach dem Skandal 2010 unterhielt Asgaard kurzzeitig ein Büro in Leipzig, außerdem tauchte ein Ableger von Asgaard im irischen Handelsregister auf. Die Söldnerfirma hat laut Focus ein Büro in Los Angeles eröffnet, um Aufträge von der US-Regierung zu erhalten. Zeitweise war der Firmensitz auch an der Wohnsitz von Dirk Gaßmann, in einer Reihenhaussiedlung im westfälischen Ahlen. Heute ist die Zentrale in Aachen. Laut Webseite gibt es eine Generalvertretung im nigerianischen Lagos und ein Büro im portugiesischen Estoril.

Ex-Bundeswehrsoldaten

Nur einige hundert Meter vom Firmensitz entfernt hat der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko sein Wahlkreisbüro. Der Linken-Politiker fordert, dass Staaten militärische und polizeiliche Aufgaben selbst wahrnehmen und solche Geschäfte in Deutschland verboten werden. „Die Bundesregierung scheint sich bis jetzt nicht um das Problem von privaten Firmen zu kümmern, die weltweit Söldner und Sicherheitsdienstleistungen anbieten.“

Es ist nicht mal bekannt, wie groß genau Asgaard ist. Im Jahr 2010 hatte das Unternehmen angeblich 100 Angestellte. Allein aufgrund der Öffentlichkeit durch den Somalia-Skandal habe man innerhalb kurzer Zeit 800 Jobanfragen bekommen, prahlte der damalige Geschäftsführer. Wer sich jedoch mit dem Unternehmen näher beschäftigt, bekommt den Eindruck, dass dort höchstens eine Handvoll Menschen arbeitet. Man stößt immer wieder auf dieselben Namen und Gesichter, hauptsächlich auf ehemalige Bundeswehrsoldaten. Stoy und Gaßmann haben jedenfalls keine Bedenken, ihre Fotos bei Facebook einzustellen. Wahrscheinlich sind sie auf ihre Firma einfach wahnsinnig stolz.

06:00 23.10.2014

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