Gewaltfreies Kaffeekränzchen

Eventkritik Studenten besetzen in einer bürgerlichen Gegend in Münster ein Reihenhaus. Und die Nachbarn? Finden es gut, kommen sonntags zum Kuchen und spenden Möbel

Sonntagnachmittag, 15 Uhr, Zeit für Kaffee und Kuchen. In der Grawertstraße in Münster treffen sich rund 40 Nachbarn zum ersten gemeinsamen Nachbarschaftskaffee. Ein Reihenhaus mit sonnigem Garten im Nordosten der Münsteraner Innenstadt, ein Reihenhaus wie viele andere. Hier kommt dienstags noch der Eiermann durch die Straßen gefahren, Gartenzwerge stehen im Vorgarten.

Eingeladen ist die ganze Nachbarschaft „Ach, Sie auch hier?“, hört man. Und die Antwort: „Ja, ich bin hier, das wollte ich mir doch mal anschauen.“

Die Gastgeber des Kaffeekränzchens sind die Bewohner der Grawertstraße 34, die erst vor kurzem in die Straße gezogen sind. Genauer gesagt: erst vor einigen Tagen, in der Nacht, ohne vorherige Absprache mit den Eigentümern. Ohne Mietvertrag, ohne Mobiliar.

Die Nachbarn wissen das. Sie wissen, dass die Polizei von der „Besetzung der Grawertstraße“ spricht. Sie wissen, dass die Bewohner sich nach geltendem Recht „illegitim“ in der Wohnung aufhalten. Aber sie finden das sogar richtig gut. „Ist doch klasse, was die jungen Leute so machen“, sagt eine 45-jährige Mutter. Sie sei froh, dass die Straße wieder bunter werde.

Für Ordnung ist gesorgt

Denn in der Grawertstraße stehen seit mehreren Jahren mehr als 20 Häuser mit je zwei Wohnungen leer, und sie werden vermutlich auch noch bis 2018 unbewohnt bleiben. Für Recht und Ordnung ist derweil gesorgt: Ein Hausmeister mäht regelmäßig den Rasen, stellt im Winter die Heizungen an und im Sommer ab, lüftet manchmal bei seinen Kontrollgängen. Strom und Wasser funktionieren in allen Wohnungen, Küche und Bäder sind eingebaut.

Die Nachbarn erzählen, dass sie selbst schon häufiger bei der Stadt angefragt hätten, ob die Häuser und Gärten zu vermieten seien. Die knappe Antwort: nein, seien sie nicht. Eigentümer der Wohnungen ist die Bundesanstalt für Immobilienangelegenheiten. Im Rahmen eines völkerrechtlichen Vertrags überließen sie diese den Briten kostenlos für ihre Soldaten. Doch die britischen Soldaten sind längst weg. Und es ist abzusehen, dass auch in näherer Zukunft von den Wohnungen kein Gebrauch gemacht wird.

Gleichzeitig geistert durch viele Stadtteile in Münster das, was man Gentrifizierung nennt: Sofern man überhaupt eine Wohnung findet, ist die Miete hoch. Im Herbst 2010 mussten zahlreiche Studenten in Hotelzimmern untergebracht werden, da keine WG-Zimmer mehr zu finden waren. Leere Häuser auf der einen Seite, überteuerte Mieten auf der anderen. Das hat auch Rita Bolle schon lange beschäftigt, eine Nachbarin der neuen Bewohner. In den leer stehenden Häusern „wären sofort hundert Studenten untergebracht gewesen“, wundert sie sich. Es sei daher absolut verständlich, dass die jetzt selbst die Initiative ergreifen würden.

Den Strom sofort angemeldet

Die Nachbarn kommen aber nicht nur zum Kuchenessen. Sie bringen auch Möbel und Geschirr, Saft und weitere Sachspenden. Und sie bieten an, die Bewohner bei den Gängen zu den Behörden zu unterstützen. Doch bislang ist noch unklar, wer sich für die Wohnungen zuständig fühlt. Die Briten oder die Deutschen? Keiner scheint recht die Verantwortung übernehmen zu wollen. Man lässt sich Zeit, schaut ab und an vorbei und fährt dann wieder davon.

Unter den Bewohnern der Grawertstraße 34 ist der 23-jährige Tim, der bald aus seiner bisherigen WG ausziehen muss, weil das Haus verkauft wird. Er hofft in der Grawertstraße eine neue Bleibe zu finden: Man wolle nichts kaputtmachen oder jemandem etwas wegnehmen, sondern nur den Raum nutzen, der ansonsten verschwendet werde, sagt er. Deshalb hätten er und seine Mitbewohner sofort nach dem Einzug den Strom bei den Stadtwerken angemeldet.

Die Nachbarn haben eine Unterschriftenliste zur Unterstützung angelegt. So findet in der Grawertstraße – im kleineren Rahmen – ein weiteres politisches Projekt nach dem Protest gegen Stuttgart 21 und Atomkraft Anklang im bürgerlichen Milieu.

Nach dem Motto: Endlich kommt mal wieder Leben in die Straße! Den Leerstand finden jedenfalls alle Befragten grotesk. Und solange die ganze Sache gewaltfrei bleibt, finde sie sie gut, sagt Uschi Rüsing – auch wenn sie natürlich ahne, dass „illegale Tricks“ angewendet worden seien, um sich Zugang zum Haus zu verschaffen. Aber: „Vom Leerstehen werden die Häuser ja nicht besser.“


Tatsächlich gibt es ein recht breites Bündnis: CDU-Stadtteilvorsteher, Senioren, Familien, die Linke, alternative Bündnisse – für moralisch legitim halten das Projekt über Milieugrenzen hinweg die Meisten.

Manche der Anwohner, die an diesem Nachmittag zu Besuch kommen, waren bereits bei der Einweihungsparty. Jetzt kommen sie wieder, um sich die neuen Nachbarn noch genauer anzuschauen, sich mit deren Plänen vertraut zu machen. Eine 90-jährige Frau stellt sich als die Repräsentantin ihres Hauses vor, entschuldigt sich, dass sie kein Geld dabei habe, „um für den Kuchen zu bezahlen und die Bewohner und Bewohnerinnen zu unterstützen.“ Dann setzt sie sich im Garten in den Schatten und isst veganen Kuchen.

Einige Gäste wollen auch gleich selbst einziehen. „Mein Bruder könnte in der oberen Etage wohnen und ich in der unteren“, überlegt eine Frau. Sie hat in der Lokalzeitung einen Bericht gelesen und ist nun zur „Wohnungsbesichtigung“ gekommen.

Die Unterstützung der Bewohner der Grawertstraße 34 hätte sie wohl – die wollen ja Wohn- und Kulturraum schaffen. Deshalb bieten sie auch ein vielfältiges Programm an: Jam-Session, Partys, Gratisnachhilfe, Spieleabende, Filme. Es wurde ein Arbeitskreis gegründet, der ein Konzept für die Grawertstraße erarbeiten soll. Man unterhält sich über den Gartenzaun hinweg, winkt sich auf der Straße zu und aus dem Auto heraus. Und ein älterer Anwohner sagt zufrieden: „Besser die Kinder hängen hier ab, als dass sie immer nur Videospiele zocken.“

12:15 30.03.2011
Geschrieben von

Mirijam Zastrow

hier und da, dies und das - Praktikantin beim Freitag
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