„Das Thema ist unter den Tisch gefallen“

Interview Über Gewalt gegen lesbische Frauen wird kaum gesprochen, sagt Giulia Campagna von der Initiative L-Support. Das will sie ändern - und Betroffenen eine Anlaufstelle bieten
„Das Thema ist unter den Tisch gefallen“
Foto: David Silverman/AFP/Getty Images

Wenn homosexuelle Männer auf Grund ihrer Sexualität angefeindet werden, können sie sich bei einer Vielzahl von Initiativen Unterstützung holen. Bei Frauen ist das anders, obwohl auch sie Anfeindungen im Alltag erfahren. Zeit, das zu ändern, dachten sich die Gründerinnen der Initiative L-Support - kurz für „Lesbisch, Bi, Queer Victim Support“ - die seit diesem Wochenende gewaltbetroffene lesbische und bisexuelle Frauen in Berlin unterstützt. Getragen wird das Projekt von 20 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die das Beratungstelefon von L-Support betreuen. Außerdem wollen sie die Öffentlichkeit für lesbenfeindliche Gewalt sensibilisieren und Gewaltvorfälle dokumentieren.

L-Support-Mitarbeiterin Giulia Campagna erzählt, warum es erst jetzt zur Gründung von L-Support kam und ob es Unterschiede in den Gewalterfahrungen schwuler und lesbischer Menschen gibt.

Der Freitag: Anfeindungen gegen homo- oder bisexuelle Frauen sind kein neues Phänomen – trotzdem ist L-Support eine der ersten Inititiativen, um sie zu unterstützen. Warum ist das so?

Giulia Campagna: Wir sind nicht das einzige Projekt, das lesbische Frauen unterstützt, es gibt noch mehr in Berlin. In der Öffentlichkeit allerdings ist das Thema bis jetzt unter den Tisch gefallen. Homophobe Gewalt verbindet man eher mit schwulen Männern, nicht so sehr mit lesbischen Frauen. Dabei ist die Dunkelziffer groß.

Können Sie sagen, wie groß?

Die Europäische Agentur für Menschenrechte hat 2012 eine Umfrage durchgeführt, bei der 52 Prozent der Frauen in Deutschland, die sich als lesbisch oder bisexuell bezeichnen, angegeben haben, dass sie in den letzten zwölf Monaten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert oder belästigt wurden. 37 Prozent gaben an, bestimmte Orte aus Angst vor Beleidigungen oder Gewalt zu vermeiden.

In Berlin hat das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo im Jahr 2015 nur 13 Fälle von Gewalt oder Beleidigungen gegen lesbische und bisexuelle Frauen gezählt. Wir glauben deshalb, dass 80 bis 90 Prozent der Fälle nicht gemeldet werden.

Warum hört man in der Öffentlichkeit mehr von Gewalt gegen schwule Männer als gegen lesbische Frauen?

Es wird einfach mehr darüber gesprochen, Schwule gehen auch eher an die Öffentlichkeit. Und es gibt mehr Projekte, die schwule Männer unterstützen und öffentlichkeitswirksam arbeiten. Gewalt gegen homosexuelle Männer ist präsenter, als gegen Frauen. Vielleicht wird Gewalt gegen Frauen auf der Straße auch anders bewertet. Männliche Täter haben möglicherweise Gedanken wie „Frauen sind das schwächere Geschlecht, die haue ich jetzt nicht einfach“. Wenn sie schwule Männer sehen, ist das vielleicht eher ein Gedanke von Männlichkeitsberaubung oder „Ihr seid ja alle nur Schlappschwänze“.

Heißt das, Gewalt gegen schwule Männer unterscheidet sich von der gegen lesbische Frauen?

Vielleicht ist die Hemmschwelle gegenüber Frauen höher als gegenüber Männern. Bei Frauen kommen dann vielleicht eher Beleidigungen, oder ekelhafte Androhungen von Vergewaltigungen, à la „du brauchst ja nur den Richtigen....“. Gewalt ist nicht immer nur körperlich.

Haben persönliche Erfahrungen dazu beigetragen, die Inititiative gründen zu wollen?

Ich persönlich bin noch nicht Opfer von Gewalt geworden, dumme Sprüche habe ich schon bekommen. Ich weiß aber von Freundinnen, dass sie Beleidigungen oder Gewaltandrohungen erlebt haben. Es gibt viele Frauen, denen das häufig passiert und die sich hilflos und alleine gelassen damit fühlen. Ich glaube, viele haben das Bedürfnis darüber zu reden – aber nicht unbedingt nur mit Freunden, weil es ihnen unangenehm ist oder sie sich nicht ernst genommen fühlen.

Was machen Sie, wenn jemand von Gewalterfahrungen berichtet?

Zuerst schauen wir, wie es der Person gerade geht. Je nach Gemütszustand entscheiden wir, ob der Mensch vielleicht ins Krankenhaus gehen sollte. Wir fragen, was es für ein Vorfall war und lange er her ist. Wir fragen dann natürlich auch, was der Grund für den Anruf ist, ob die Person Hilfe braucht, es einfach nur loswerden will, ob wir es melden sollen oder die Person Anzeige erstatten will.

Raten Sie den Betroffenen, Anzeige zu erstatten?

Ja. Nur so kann sich etwas verändern und nur so können die Leute wachgerüttelt werden. Wir sagen aber nicht, dass sie unbedingt zur Polizei gehen müssen. Aber wir erklären, dass es eine gute Erfahrungen sein kann. Bei der Berliner Polizei gibt es eine Anlaufstelle für LSBTI-Delikte. Diese Polizisten kümmern sich gesondert um diese Fälle. Es gibt auch bei der Staatsanwaltschaft eine Abteilung, die für solche Fälle zuständig ist. Ich glaube viele Homosexuelle machen eher schlechte Erfahrungen mit der Polizei. Wir versuchen, dieses Misstrauen aus dem Weg zu schaffen.

Ihr Projekt startet in Berlin. Aber man würde vermuten, Gewalt gegen Homosexuelle sei in großen, weltoffenen Städten wie Berlin eher selten. Wie sehen Sie das?

In der Großstadt ist es sicherlich einfacher als lesbisches Pärchen unterwegs zu sein, als wenn man in irgendeinem Dorf Hand in Hand über die Straße läuft und sich küsst. Da hört man eher einen doofen Spruch als in der Großstadt. Das geht aber auch anderen Personen so, ob es nun ein Gothic ist, oder eine Person mit vielen Piercings ... Es wird immer ein Grund gefunden, Menschen schief anzuschauen. Dafür braucht man nicht unbedingt lesbisch oder schwul sein.

Giulia Campagna, 29, ist Ergotherapeutin und arbeitet seit eineinhalb Jahren ehrenamtlich bei L-Support mit. Neben der Betreuung des Beratungstelefons ist sie für die Öffentlichkeitsarbeit der Initiative zuständig

15:40 24.05.2016

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