Im Tode unversöhnt

Spanien Im Valle de los Caídos bei Madrid ist Francos Ehrentempel zugleich das größte Massengrab des Landes

Der Souvenirshop will so gar nicht in die düstere Atmosphäre der Basilika de la Santa Cruz passen. Ein neonbeleuchteter Glaskubus, vollgestopft mit buntem Firlefanz, steht gleich am Eingang der Kathedrale neben der schweren Bronzetür. Zwischen Engelsfiguren auf goldenen Samtkissen und Christus-Devotionalien findet sich in dem kleinen Laden vor allem ein Motiv: ein mächtiges Kreuz auf einem bewaldeten Gebirgsmassiv. Dutzendfach ziert es Tassen, T-Shirts, Kugelschreiber, Fingerhüte, Schokolutscher, Blechdosen mit Pfefferminzdrops. Es ist das wohl bekannteste Kreuz Spaniens und Wahrzeichen für einen bitter umkämpften Ort: Das Valle de los Caídos, das „Tal der Gefallenen“ in den Bergen vor Madrid. Pilgerstätte für die einen, Schandfleck für die anderen. Ein gigantischer Ehrentempel des spanischen Faschismus und zugleich das größte Massengrab des Landes. Nirgendwo wird die tiefe Spaltung Spaniens, wie sie die Geschichte auferlegt, so deutlich wie hier.

Die Basilika de la Santa Cruz, eine riesige, in den Fels geschlagene Kathedrale, ist das Herzstück der unter Diktator Francisco Franco erbauten Anlage. Oben auf der Bergspitze thront das Betonkreuz, das höchste der christlichen Welt. 150 Meter ragt es in den Himmel, noch eine Autostunde entfernt ist es zu sehen. Am 1. April 1940, genau ein Jahr nach seinem Sieg über die Verteidiger der spanischen Republik, ordnete Franco die Errichtung des Monuments an. Fast 20 Jahre dauerte der Bau, für den auch republikanische Gefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Sie mussten eisige Kälte, Hunger und Drangsalierungen ertragen. Bei den Sprengungen im Fels gab es immer wieder Tote.

1959 weihte Franco die monumentale Anlage ein. Der Gründer der faschistischen Falange-Partei, José Antonio Primo de Rivera, erhielt direkt vor dem Altar ein Ehrengrab. Wenige Meter davon entfernt sollte im Jahr 1975 Franco selbst bei einem pompösen Staatsakt beigesetzt werden.

Seitdem scheint hier die Zeit stillzustehen. Lediglich der leuchtende Souvenirshop und eine Sicherheitsschleuse mit Metalldetektor am Eingang der Basilika sind hinzugekommen. Nebenan bittet ein Schild um Ruhe. Der Weg zu Francos Grab führt durch eine dunkle Halle, vorbei an gewebten Wandteppichen mit Szenen der biblischen Apokalypse und mächtigen Skulpturen: Man sieht Bronzeengel mit Schwertern, dazu verhüllte Gestalten in steinernen Gewändern. Sie stehen für Luftwaffe, Heer, Marine sowie die Milizen der Falange und sind steinerne Zeugen eines Regimes, das sich auf Gott berief, das Militär hofierte und den Menschen duckte.

Etwa zweihundert Schritte in den Berg hinein weitet sich der Raum. Hoch oben wölbt sich ein Goldmosaik. Hinterm Altar hängt ein Christus am Kreuz. Den Wacholderbaum, aus dessen Holz er geschnitzt ist, soll der „Generalísimo“ einst höchstpersönlich ausgesucht haben. Vor den polierten Marmorstufen zum Altar ist Francos Grabplatte eingelassen, auf dem hellen Stein leuchtet ein frisches Nelkengesteck in Rot und Weiß. Jemand hat eine einzelne rote Rose dazugelegt. Auf der durchsichtigen Plastikfolie klebt ein Bildchen mit dem Konterfei des Diktators.

Fotografieren ist streng verboten. Eine junge Angestellte des Sicherheitsdienstes achtet mit stoischem Gesicht darauf, dass niemand gegen das Reglement verstößt, ihr Blick folgt einer Besuchergruppe, die schweigend das Grab betrachtet und dann murmelnd vorm Altar stehen bleibt. Eine Besucherin nähert sich der Grabplatte. Sie sei Mexikanerin, erklärt sie im Flüsterton, sie kenne dieses Kapitel der spanischen Geschichte gut. „Wir haben damals, nach 1939, viele Menschen aufgenommen, die sich vor Franco in Sicherheit bringen mussten.“

Amoklauf der Rache

Viele Regimegegner konnten oder wollten die Heimat nicht verlassen und verfielen einem Amoklauf der Rache, zu dem es nach dem Ende des Bürgerkrieges kam. Zehntausende wurden verhaftet, interniert und nicht selten hingerichtet. Bis heute werden immer wieder Massengräber entdeckt. Spanien gilt nach Kambodscha als der Staat mit den meisten Verschwundenen und Vermissten. Mehr als hunderttausend Menschen wurden in Straßengräben, an Waldrändern oder hinter Friedhofsmauern verscharrt. Niemand musste sich für die wilden Exekutionen jemals vor Gericht verantworten. Das Recht auf Sühne wurde nach Francos Tod am 20. November 1975 einer allgemeinen Amnestie geopfert. Man dürfe den Übergang zur Demokratie nicht gefährden, hieß es damals. Es folgten Jahrzehnte eines bleiernen Schweigens, dessen Konsequenzen heute sichtbar werden, wenn Falangisten die Anhänger einer katalanischen Selbstbestimmung ungehindert angreifen dürfen.

In den vergangenen Jahren jedoch haben sich Angehörige ermordeter Republikaner zusehends Gehör erkämpft. Sie verlangen, dass die Opfer anerkannt, die sterblichen Überreste ihrer ermordeten Großväter oder Großmütter exhumiert und würdig bestattet werden. Und dass Spanien sich endlich einer Debatte über den Staatsterror des Franquismus stellt.

Das Valle de los Caídos bleibt dabei naturgemäß nicht unbeachtet. Es bleibt die Pilgerstätte für Franco-Veteranen und rechtsextreme Gruppen. Unter diesen Gemäuern wurden Tausende von Toten beider Kriegsparteien zusammenpfercht – sie ruhen im größten Massengrab des Landes.

Bereits vor dem Bau hatte Franco einen „Pilgerort für die Ewigkeit“ angekündigt. Die Erinnerung an die „Helden und Märtyrer unseres glorreichen Kreuzzuges“, so ordnete er per Dekret an, solle Jahrhunderte überdauern. So ließ er die Gebeine von Toten aus dem ganzen Land in die acht eigens dafür gebauten Krypten in der Kathedrale bringen. Die meisten Familien von Franco-Soldaten betrachteten es als Ehre, ihre Verstorbenen an der Triumphstätte des siegreichen Faschismus bestattet zu wissen.

Doch in den 1960er und 1970er Jahren wurden auch Tausende von republikanischen Tote hergeschafft. Deren Angehörige erfuhren davon nichts. Der Diktator brauchte die Gefallenen und Ermordeten der Gegenseite, um zu zeigen, dass sich die Gegner von einst sehr wohl in einem Spanien vereinigen ließen und er dies als Retter der Nation ermöglicht habe. Fortan galt das Valle de los Caídos als „Monument der Versöhnung“, da hier – so der offizielle Diskurs – die Toten beider Seiten ruhten. An der Verfolgung von Regimegegnern änderte sich indessen nichts.

Von Francos Grabplatte sind es nur wenige Schritte bis ins enge Seitenschiff. Dort stehen Reihen von Gebetsbänken. Auf einem rostigen Metallgestell können Besucher kleine Opferkerzen für die Verstorbenen entzünden, 50 Cent für jede Seele. Das Licht ist schummrig, die Luft stickig. Über einer schweren Holztür ist in eisernen Lettern die Losung der Faschisten angebracht: „Gefallen für Gott und Vaterland – 1936 – 1939“. Hinter dieser und insgesamt sieben weiteren Türen in den Seitenschiffen der Basilika liegen Tausende von Knochen, die sterblichen Überreste von mehr als 33.000 Menschen. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass es sogar doppelt so viele sein könnten. Wie viele ermordete Franco-Gegner darunter sind, ist unklar. Mindestens 12.400 der Toten im Tal der Gefallenen sind nicht identifiziert.

Gewissheit könnten nur Exhumierungen bringen. Doch die werden seit Jahren blockiert, unter anderem von der katholischen Kirche. Der Diktator übergab die Kathedrale einst Benediktinermönchen und baute ihnen eine Abtei auf die Rückseite des Berges. Die Ordensbrüder betreiben hier bis heute ein Internat für Chorknaben und halten ihrem Stifter auf ihre Art die Treue: Im täglichen Gottesdienst in der Kathedrale predigen sie für Vaterlandsliebe und gegen den Fluch liberaler Tendenzen, wie sie mit den „teuflischen Abtreibungsgesetzen“ oder dem „Irrtum der Homo-Ehe“ die Seelen vergiften. Und sie wachen darüber, dass die Türen zu den Krypten mit den sterblischen Überresten so vieler Menschen fest verschlossen sind. Auf dass alles so bleibt, wie es ist.

Gemäuer für die Ewigkeit

Als der sozialistische Regierungschef José Luis Zapatero (im Amt 2004 bis 2011) – selbst Enkel eines getöteten Antifaschisten – im Jahr 2007 das „Gesetz über Historisches Erinnern“ erließ, machte sich Hoffnung breit. Eine Rehabilitierung der Franco-Opfer schien denkbar. Familien, die für die Exhumierung ihrer Toten kämpften, erhielten nun staatlichen Beistand. Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit setzte Zapatero noch eine Expertengruppe ein, die sich mit der Zukunft des Valle de los Caídos befassen sollte. Dessen Zustand sei derart, so empörte sich ein Abgeordneter, als würde in Mauthausen bis heute Hitler verehrt. Die Experten empfahlen, Francos Gebeine ins Familiengrab in Madrid umzubetten, die Krypten für Exhumierungen zu öffnen und eine Wahrheitskommission einzusetzen, um das Schicksal Tausender Verschwundener zu klären. Kurz gesagt, das Valle de los Caídos sollte zur Gedenkstätte werden.

Doch dann kam der konservative Partido Popular (PP) an die Macht. Sämtliche Empfehlungen wurden kassiert, alle Gelder zur Umsetzung des Zapatero-Gesetzes ersatzlos gestrichen. Die Opposition war empört, von internationaler Seite hagelte es Kritik. UN-Sonderberichterstatter Pablo de Greiff zeigte sich bei einem Besuch schockiert über die offene Missachtung der Opferfamilien. Ana María Menéndez, Spaniens UN-Botschafterin in Genf, verstieg sich zu der Aussage, die Vereinten Nationen würden sich „in geradezu exzessivem Ausmaß“ mit der spanischen Vergangenheit beschäftigen.

Das von Franco für die Ewigkeit gebaute Gemäuer scheint seitdem wieder so unantastbar wie zuvor, alle Kritik ist verweht über den kahlen Gipfeln der Sierra. Das immer gleiche Argument der Regierung von Premier Mariano Rajoy (PP): Man wolle keine alten Wunden aufreißen und die nationale Einheit gefährden. Zudem könne nur die katholische Kirche über Eingriffe in der Kathedrale verfügen.

In der Tat sind die Zuständigkeiten im Valle de los Caídos komplex: Während für Instandhaltung und Betrieb der Anlage die Behörde für nationales Kulturerbe verantwortlich ist, unterstehen Kathedrale und Krypten als Einzelgebäude der Kirche. Eine Umbettung des Ex-Diktators müsste die Regierung also zuerst bei der Kirche beantragen. Mehrere Initiativen von Opposition und Opferanwälten versuchen derzeit, dies zu erreichen. Vor einigen Monaten sprach sich eine Mehrheit im Parlament für die Exhumierung aus. Die geistigen Erben des Diktators, allen voran die Stiftung Francisco Franco und die Vereinigung zur Verteidigung des Valle de los Caídos, verteufeln den Vorstoß als „sektiererischen Revanchismus“. Sie alle drohen mit Gerichtsverfahren, sollten die Gebeine ihres Idols an einem anderen Ort bestattet werden. Die Regierung hingegen versucht, durch demonstratives Desinteresse abzuwiegeln: Man habe Wichtigeres zu tun, als sich um „alte Debatten“ zu kümmern.

Die Kirche hält seit Jahren an der üblichen Blockadehaltung fest. Ihre Argumentation nimmt dabei mitunter absurde Züge an. In einem Schreiben der Benediktinerabtei an die Regierung aus dem Jahr 2005, das erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangte, ist zu lesen, es müsse endlich mit den „Missverständnissen und Verzerrungen“ über Francos Grabstätte aufgeräumt werden. Diese habe keinerlei politische Bedeutung, jegliche Symbole der Franco-Zeit träten hinter der „Geistlichkeit und Transzendenz des Ortes“ als vollkommen „irrelevant“ in den Hintergrund. Auch habe es im Valle de los Caídos nie Zwangsarbeiter gegeben – die Gefangenen hätten sich freiwillig zum Dienst in den Bergen gemeldet. Das Schreiben nennt das Beispiel des Gefangenen Nicolás Sánchez Albornoz, dem 1948 die Flucht gelang.

Dies sei ein Beweis für die angeblich großzügige „Bewegungsfreiheit“ im Arbeitslager gewesen. Sánchez Albornoz – heute ein betagter Mann und bekannter Historiker – wies sämtliche Behauptungen auf das Schärfste zurück. Von Freiwilligkeit bei einer solchen Fronarbeit zu sprechen, sei eine „bodenlose Lüge“. Die Abtei hüllt sich seit dieser Intervention wieder in Schweigen.

Seit 2010 ermittelt eine argentinische Richterin im Auftrag der Opferverbände über die Verbrechen des Regimes und hat bereits internationale Haftbefehle gegen ehemalige Folterer verhängt. Es ist das weltweit erste und einzige Ermittlungsverfahren zur Franco-Diktatur, auch Exhumierungen im Valle de los Caídos sollen dabei verhandelt werden. Doch die spanische Regierung verweigert die Kooperation. Die geforderten Auslieferungen hat sie unter Verweis auf Amnestiegesetze und Verjährungsfristen abgelehnt. Argentinien hingegen stuft die Fälle als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein. Und die können nicht verjähren.

Die Enkel suchen ihre Toten

Für die Angehörigen ist der Kampf um das Valle de los Caídos auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Bereits 2011 warnte das Expertengutachten vor der hohen Feuchtigkeit in den Grabkammern. Im Jahr 2016 veröffentlichte ein Fernsehsender erstmals Fotos. Denen war zu entnehmen, dass Moder die gestapelten Kisten befallen hatte und sie ineinandersacken ließ. Teile der Gebeine wurden im Laufe der Jahre außerdem dazu genutzt, Hohlräume im Gemäuer zu füllen. Das Ergebnis ist ein forensisch kaum zu bewältigendes Gemenge von Knochen, Geröll und Zement. Eine Identifikation durch DNA-Proben, so die Experten, könnte erheblich erschwert, in einigen Fällen gar unmöglich sein. Ein „widersprüchlicher, unauflösbarer kollektiver Leichnam“ lagere hinter diesen Türen, schreibt der Anthropologe Francisco Ferrándiz.

Der war Mitglied der Expertenkommission, hat Familien bei der Suche nach ihren Angehörigen begleitet und häufig auf die soziale und psychologische Bedeutung von Exhumierungen hingewiesen. Den Toten ein würdiges Begräbnis an einem selbst gewählten Ort zu geben, ermögliche den Lebenden, endlich Abschied zu nehmen und nie verheilte Wunden allmählich zu schließen. Für viele Angehörige ist es hierfür allerdings bereits zu spät. Sie konnten zu Lebzeiten nicht mehr erfahren, welches Schicksal ihre verschwundenen Eltern, Onkel und Tanten erlitten. Und manche der Älteren, die als Jugendliche Zeugen von Erschießungen oder Verschleppungen wurden, wagen es bis heute kaum, über das Erlebte zu sprechen. Zu tief sitzt die traumatische Erfahrung von damals. Es sind vor allem die Enkel, die heute nach den Toten suchen.

María Purificación Lapeña hat das schier Unmögliche erreicht: Im März 2016 ordnete ein lokales Gericht die Exhumierung ihres Großvaters und ihres Großonkels aus den Gemäuern des Valle de los Caídos an. Zu dem Zeitpunkt hatte die Familie bereits eine Odyssee bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hinter sich. Spanische Richter wollten den Fall durchweg nicht zur Verhandlung annehmen. Am Ende war ein zivilrechtliches Muster die Rettung: eine Regelung, die das Recht auf Identifizierung von Verstorbenen vorsieht und normalerweise zur Lösung von Erbschaftsfragen herangezogen wird.

Seitdem hat das Thema der Exhumierungen im Valle de los Caídos neue Aufmerksamkeit erlangt. Denn die Geschichte des Großvaters von María Purificación Lapeña ähnelt den Schicksalen in vielen spanischen Familien. Ihr Großvater habe nicht für die Republikaner gekämpft, so die Enkelin in den Medien, er sei lediglich Gewerkschaftsmitglied und ein Kritiker der Kirche gewesen. Das habe gereicht, um ihn festzunehmen und hinzurichten. Nachträglich holte man vom Dorfpfarrer eine Anzeige ein, um dem Mord einen Anschein von Rechtmäßigkeit zu geben. Arzt, Lehrer und Bürgermeister bezeugten, der Hingerichtete sei „bösartig“ gewesen und habe sich eines „unmoralischen Verhaltens“ schuldig gemacht. Jahrzehntelang hat die Familie Blumen an die Stelle gebracht, an der sie den Ermordeten vermutete. Jemand hatte einst beobachtet, wie er verscharrt wurde. Vor wenigen Jahren zeigte eine Untersuchung mit dem Bodenradar: Das Massengrab war leer. Die Suche nach den Knochen endete schließlich im stickigen Seitenschiff der Kathedrale im Valle de los Caídos und vor verschlossenen Türen.

Mönche gegen Forensiker

Es gab inzwischen weitere Gerichtsentscheidungen wie im Fall Purificación Lapeña (erstritten durch Familien von sechs Toten, darunter zwei Franco-Anhänger), ohne dass es auch nur zu einer Exhumierung gekommen wäre. Premier Rajoy hat die Regelung, die das lokale Gericht für legitim hielt, umgehend aufgehoben. Man wollte kein Vorbild für Tausende andere haben. In den zwei Jahren nach dem ersten Urteil ist nichts weiter passiert.

Kürzlich wurde bekannt, dass die Benediktinermönche den staatlichen Forensikern mehrfach den Zugang zu den Krypten verweigert haben, trotz Gerichtsbeschluss. Nach einigem Zögern verkündete die Behörde für Kulturerbe schließlich, sich für Exhumierungen einzusetzen. Das Tauziehen geht nun hinter verschlossenen Türen weiter. Die Familien wollen jedoch nicht länger warten. Anfang Januar haben sie Strafanzeige gegen den leitenden Abt gestellt. Sie fordern neben dem Zugang zu den Krypten eine öffentliche Entschuldigung des Kirchenmannes. Die Entscheidung über den Fall steht noch aus. Ohnehin ist fraglich, ob ein weiterer Richterspruch nicht erneut ungehört in den Tiefen der Basilika verhallt.

In einem Interview mit der Tageszeitung El País berichtet die Familie Lapeña von der langen Suche. Sie halten Fotos der Ermordeten in den Händen, aus ihren Gesichtern spricht Erschöpfung. Dass sein Vater „direkt neben dem Mörder“ liege, sei eine furchtbare Demütigung, sagt der 92-jährige Sohn des Ermordeten. Er möchte, dass der Vater endlich in seinem Heimatdorf bestattet wird, neben seiner Frau. Ob sie nach all ihren Erfahrungen noch an Gerechtigkeit glaube, wird die Enkelin, um die 50 Jahre alt, gefragt. „Ich bin vorsichtig optimistisch“, so die Antwort. „Mir geht es um meinen Großvater. Aber auch darum, dass den Menschen die Wahrheit über das Valle de los Caídos endlich zugänglich wird.“

Vielen Spaniern ist gar nicht bewusst, dass Francos Mausoleum das größte Massengrab des Landes ist. Als „Denkmal der Versöhnung“ ist es fester Bestandteil vieler Tour-Pakete und eine der meistbesuchten Attraktionen des Landes. Mehr als 250.000 Besucher kommen jährlich, viele aus dem Ausland. Sie bestaunen die gigantischen Dimensionen der Kathedrale, die kunstvolle Mosaikkuppel und den atemberaubenden Blick übers Tal. Von der düsteren Geschichte des Ortes erfahren sie nichts. Kein einziges Hinweisschild erzählt von Zwangsarbeit und Verfolgung, von den Toten, den Zehntausenden von Knochen.

Wenig verwunderlich sind seit der Regierung des Sozialisten Zapatero politische Meetings im Valle de los Caídos verboten. Zwar berichten Journalisten regelmäßig darüber, dass bis heute Besucher am Grab des Diktators strammstehen und unter den Augen des Sicherheitspersonals den Arm zum faschistischen Gruß erheben. Doch die Massenaufmärsche rechtsextremer Falangisten zu Francos Todestag im November finden nun nicht mehr statt. Die Vereinnahmung des Ortes ist subtiler geworden. Neben dem Parkplatz für die Touristenbusse lädt die Cafeteria Viva Galicia zum Mittagsimbiss ein. An der langen Theke lehnt eine Gruppe Forstarbeiter und stärkt sich bei einem ersten Bier. Auf rotweiß karierten Tischdecken werden Spezialitäten aus Galizien, der Geburtsregion des Diktators, serviert. Zwischen Chipstüten und Serviettenspendern gibt es an der Theke gerahmte Fotos des Valle de los Caídos zu kaufen. Der Himmel über dem berühmten Kreuz leuchtet dank digitaler Bildbearbeitung besonders dramatisch.

Wer länger bleiben mag, kann sich im Gästehaus der Benediktiner auf der Rückseite des Berges einquartieren. Die Abtei lädt auf ihrer Internetseite zur Auszeit in der Natur. Der zugehörige Speisesaal wird auch für Hochzeiten und Firmenfeste vermietet. Keine Frage, hier verkehrt das konservativ-katholische Spanien. Vorm Gästehaus parken große Wagen, aus denen adrett gekleidete Familien steigen. Auf dieser Seite des Berges befindet sich auch das Chor-Internat.

Gregorianische Gesänge

Etwa 50 Jungen werden hier von den Mönchen in gregorianischen Gesängen und konservativer Gesellschaftslehre unterwiesen. Ein unterirdischer Gang durch den Berg verbindet die Schule mit der Basilika, jeden Tag singen die Chorknaben im Gottesdienst, der direkt vor Francos Grab abgehalten wird. Dem ehemaligen Innenminister Jorge Fernández Díaz dient das Kloster als spiritueller Rückzugsort. Im Internetforum des Gästehauses schwärmen Besucher von „Frieden und Versöhnungswillen“. Davon künde die gesamte Anlage.

Die Familien, die seit Jahren um das Recht auf ihre toten Angehörigen kämpfen, haben von diesem inneren Frieden bislang wenig gespürt. „Die Toten mögen sich im Tod versöhnen“, heißt es in einem der Bücher über das Valle de los Caídos, die im Souvenirshop zwischen Kühlschrankmagneten, Capes und T-Shirts zu kaufen sind. Ob die Toten sich versöhnen, vermag niemand zu sagen. Doch die Lebenden, so viel ist gewiss, könnten kaum unversöhnter sein als an diesem Ort.

Nana Heidhues ist Journalistin und für das Paulo-Freire-Institut Berlin in der Erinnerungs- und Friedensarbeit tätig

06:00 25.04.2018
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