Danke für das Gespräch

Lesung Bisheriger Höhepunkt beim neuen Hamburger Literaturfestival Harbour Front war eine Veranstaltung mit Judith Hermann. Die Kraft lag im Schweigen

Die roten Samtstühle in Schmidts Tivoli waren bequem, die Besucher saßen erwartungsvoll darauf, viele frisch gekämmt und in feinem Zwirn, 14 Euro hatten sie für die Matinee im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals bezahlt. „Mit der freundlichen Unterstützung der Zeit“ war die Lesung mit Judith Hermann zustandegekommen. Nach einer kurzen und schmeichelhaften Anmoderation durch den Zeit-Redakteur und Literaturkritiker Ulrich Greiner hob sie an.

Judith Hermann las „Konrad“, eine der fünf Geschichten des Erzählbandes Alice" target="_blank">Alice, ihres letzten Buchs. Eine schöne Stimme, herausragende Literatur – eine Dreiviertelstunde las Hermann mit ihrer angenehm tiefen, belegten und milden Stimme. Makellos, kein Versprecher. Was gute Literatur doch alles kann: Es wurde alles plastisch im alten Tivoli; der kalte See, das gelbe Haus in Italien, das Dolomiti-Eis, der alte Konrad. Die Stimmung war gut, das Gemotze der Besucher blieb im Rahmen. „Die Frau neben mir hat ständig gehustet. Und links von mir hat einer streng gerochen“, flüsterte eine junge Besucherin.

Die Lesung im Rahmen wäre also zur problemlosen, rundum gelungenen Inszenierung eines gelungenen Buchs geworden, hätte sich nur kein Podiumsgepräch daran geknüpft. Während der Lesung war Ulrich Greiner neben Judith Hermann gesessen. Den Zeigefinger am Mund, den Daumen an der Wange und den Blick gesenkt, lauschte er und bereitete sich offenkundig auf seine erste Frage vor. Die kam dann reichlich kompliziert daher, über die „Unverwundbarkeit der Figuren“ wollte Greiner Genaueres in Erfahrung bringen. „Das ist eine interessante Frage“, sagte Hermann, dachte nach, und sagte: „Was genau ist die Frage?“. Das Publikum lachte. Aber immerhin: Es versprach ein wahrhaftiges Gespräch ohne abgekartete Fragen zu werden, so ganz anders als am Vorabend bei der Buchvorstellung von Hellmuth Karaseks neuem Werk im Internationalen Maritimen Museum.

Die Kunst des Nichtverstehens

Hier nun saß ein Journalist vom alten Schlag und fragte umständlich, aber ohne Netz und doppelten Boden. Ulrich Greiner, schon etwas errötet, versuchte eine weiteres Mal, der Unverwundbarkeit in Hermanns literarischer Arbeit näher zu kommen, er tat dies vorsichtig, mit langem Atem die Grenzen der Komplexität einer Frage ertastend. Judith Hermann wusste auch nicht recht, gab sich aber kooperativ und erteilte Auskunft, dass Alice" target="_blank">Alice für sie eher ein Buch über das Leben sei. Nicht über den Tod.

Wieso Hermann kein Buch wie Christoph Schlingensief oder Jürgen Leinemann geschrieben habe, fragte Greiner dann. „Ist das eine bewusste Entscheidung gewesen?“ Judith Hermann stutzte. Sie hatte keinen Krebs, vielleicht war das der Grund? Es sei keine bewusste Entscheidung gewesen, sagte sie. „Das Thema ihres Buches ist ja der Tod“, hob Greiner zur nächsten Frage an. „Nein, es ist das Leben“, sagte Hermann, „das ist was ganz anderes“. „Es ist ein ernstes Thema, kann man es vielleicht so sagen?“ fragte Greiner. Hermann sagte: „Ja.“ Es blieb schwierig. Greiner suchte weiter eine gemeinsame Grundlage für das Gespräch. In seiner Not griff er auf die Frage zurück, die man stellt, wenn gar nichts mehr geht, also: „Wie lange haben sie an dem Buch gearbeitet?“ Ein Jahr, erfuhr man. „Es ist ja ein schmaler Band geworden“. „Mmmh“, antwortete Hermann.

Ein Eklat lag in der Luft. Wäre Judith Hermann eine Berserker-Autorin mit Schlingensief-Gemüt, Ulrich Greiner hätte fürchten müssen, dass Judith Hermann die Befragung beendet, bevor sie wirklich angefangen hatte. Doch Hermann blieb und das Publikum merkte, dass da zwei herrlich aneinander vorbeiredeten. Eine der besten Schriftstellerinnen der Gegenwart, einer der renommiertesten Literaturkritiker, ein Mann, eine Frau, beide mit einer großen Liebe zur Literatur, klug und sympathisch - aber man verstand sich einfach nicht. Kein Dialog, eher zwei markante Monologe.

Auch das kann ein Verdienst sein. Das neu gegründete Hamburger Harbour Front Literaturfestival schaffte mit dieser Lesung, dem bisherigen Höhepunkt des Festivals, zumindest eines: Aufrichtig, nicht glattgebügelt - wenn auch nicht geglückt über Literatur zu sprechen. Das Publikum honorierte den Versuch durch gebanntes Zuhören. „Danke für das Gespräch“ sagte Greiner zum Ende. „Danke für die interessanten Fragen“ sagte Hermann höflich, das anschliessende Gefeixe im Publikum war nicht wirklich böse gemeint.



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