Das unendliche Bild

KINDER- UND JUGENDBÜCHER Robert Piuminis Roman "Eine Welt für Madurer"

Eine Welt für Madurer" ist ein trauriges Buch, das einem sehr nahegehen kann, auch noch bei der zweiten Lektüre. Es kommt wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht daher: "In der türkischen Stadt Malatya lebte ein Maler namens Sakumat ..." Der Eindruck des Exotischen und Legendenhaften verdichtet sich noch, als ein gewisser "Kumdy, Statthalter des Burban Ganuan, des Herrn über das Land von Nactumal", an die Tür klopft und den Maler in den Palast einlädt - eines dringenden künstlerischen Auftrages wegen.

Wie dieser lautet, erfährt Sakumat dann an Ort und Stelle: Er möge die Zimmer des elfjährigen Madurer ausmalen. Der Sohn des Herrschers leidet an einer tückischen und rätselhaften Krankheit, die ihn zwingt, strikt das Haus zu hüten und das direkte Tageslicht zu meiden. Des Malers Aufgabe ist es also, die Welt gleichsam hinein zu holen in die vier Wände des Kindes, genauer gesagt: die zwölf Wände, denn Madurer bewohnt drei - ineinander übergehende - Räume.

Sakumat nimmt die Herausforderung an - nicht um der üppigen Belohnung willen, die der Burban ihm verspricht, sondern weil ihm der kleine Madurer gleich sympathisch ist: ein fröhliches Kerlchen, klug und aufgeweckt dazu. Bis zum ersten Pinselstrich vergehen viele Tage: Die beiden freunden sich erst einmal gründlich an, spielen miteinander, führen lange Gespräche. Das Kind erzählt von all den Bildern und Landschaften, Geschichten und Gestalten, die es ihm angetan haben.

Allmählich kristallisiert sich, unter dem sanften Nachdruck Sakumats, ein Anfang für das Wandbild heraus: Eine Gebirgslandschaft wird es, samt Hütten, Tieren, Pfaden und was sonst hinein gehört. Von da an wächst das Panorama unablässig weiter, getreu den Ideen, die Kind und Künstler gemeinsam aushecken. Eine weite Ebene tut sich auf, eine belagerte Stadt voll packender Szenen wächst empor, irgendwann geht die Malerei ins nächste Zimmer über, dort erstreckt sich rings umher das Meer - und hier geschieht es eines Tages, dass das hingebungsvolle schöpferische Spiel der beiden eine neue Stufe erreicht: Am Horizont erscheint nämlich ein Punkt, welcher sich bald als Piratenschiff entpuppt, und täglich kommt es näher.

Für das letzte Zimmer wünscht sich Madurer, dem nun die Krankheit schubweise immer mehr zusetzt, eine große Wiese, und zwar eine, die man wachsen sieht (so wie man das Schiff Stück um Stück näher kommen sah!). Also sorgt Sakumat geduldig und liebevoll dafür, dass die Halme sprießen, die Blumen erblühen, die Schmetterlinge aufkreuzen. Und der gelehrige Madurer beteiligt sich selbst mit Pinsel und Farbe an dem Naturschauspiel. Dann schwinden seine Kräfte endgültig. Auch die Wiese vollendet den Kreislauf der Natur - sie verblüht, verdorrt, vergeht. "Die Wiese fühlt eine große Müdigkeit", sagt Madurer gegen Ende leise, "aber sie ist sehr glücklich."Ohne große Worte hat Roberto Piumini ein großes Buch geschrieben. Es hält für Leser jeden Alters so viele Einsichten bereit wie das Wandbild von Sakumat.

Roberto Piumini: Eine Welt für Madurer. Aus dem Italienischen von Maria Fehringer, Hanser, München 1999, 103 Seiten DM 22,-

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