Ideen für Ihre Frühlingspost

Berufsverbote Als ich Student war, gab es in der Bundesrepublik noch das Berufsverbot für kommunistische Briefträger. Vor der Freiburger Post stand immer so einer ...

Als ich Student war, gab es in der Bundesrepublik noch das Berufsverbot für kommunistische Briefträger. Vor der Freiburger Post stand immer so einer und sammelte Unterschriften für seine Wiedereinstellung. Ich unterschrieb für ihn, denn ich mochte nicht begreifen, warum ein Mensch nicht in der Lage sein sollte ordnungsgemäß Briefe auszutragen, bloß weil er sich bei Kommunalwahlen auf einem aussichtslosen Listenplatz der DKP beworben hatte.

Briefträger war eine hoheitliche Aufgabe. Sie trugen Uniform und waren Beamte. Mein Lieblingsbriefträger musste die Post immer in den fünften Stock einer alten Mietskaserne am Berliner Hermannplatz tragen, wo ich eine Wohnung unter dem Dach hatte. Das Haus hatte keine Briefkästen im Flur, sondern Türschlitze mit gusseisernen Klappen, die unheimlich knallten, wenn man Post bekam. Das hörte man dann durchs ganze Haus. Oft unterhielt ich mich drei Sätze mit dem Briefträger und von meinem schmalen Studentenbudget fiel zu Weihnachten immer etwas für ihn ab.

Ich bekam viel Post, denn ich schrieb viel. Vor allem meiner heutigen Frau. Die wohnte damals noch in der Türkei und kriegte fast jeden Tag Post von mir. Telefon hatte sie nicht und auch wenig Geld, um von einer Zelle anzurufen. So blieben nur die Briefe und die Sehnsucht.

Heute würde ich wahrscheinlich nicht noch mal heiraten. Nicht etwa weil ich meine Frau nicht liebe oder die Entscheidung bereute. Aber im Zeitalter von E-Mail und Handy fehlt mir etwas ganz Wichtiges: Die Sehnsucht, das Warten auf einen Brief und eine Antwort. Die ständige Erreichbarkeit hat ihren Preis. E-Mails riechen nicht, man kann ihre Umschläge nicht anmalen oder gestalten. Sie sind eindimensional und es fehlt ihnen schlicht die Sinnlichkeit. Wie aber kann man sich ohne Sinnlichkeit verlieben?

Die Menschen, die mir heute, kaum zehn Jahre später, die Post bringen, kenne ich kaum. Sie wechseln zu oft, als dass ich mir ihre Gesichter merken könnte. Sie sind keine Beamten und ihre Uniform sieht aus wie eine Mischung aus Jogginganzug von Woolworth und F.D.P.-Sonnenschirm. Sie sind Abgesandte einer neoliberalen Welt, in der die Post kein Staatsunternehmen mehr ist, sondern eine Aktiengesellschaft und die sich nicht mehr dafür interessiert, ob ihre Arbeitskräfte für die DKP kandidieren. Trinkgeld gebe ich diesen Unbekannten nicht, obwohl sie es wahrscheinlich nötiger hätten als die Beamten.

Neulich Abend meldete nun die Tagesschau, dass die Post 8.000 Briefkästen abhängen wolle. Tags darauf, als ich nach der Arbeit noch einen Brief einwerfen wollte, war der Briefkasten an der Ecke meiner Straße bereits verschwunden. Selbst den Ständer hatte man entfernt und das Loch mit neuem Kleinpflaster geflickt. Zuhause angekommen fand ich in meinem Briefkasten eine Reklame der Deutschen Post mit dem Titel "Bunt wie das Leben! Ideen für Ihre Frühlingspost" und einen bunten Umschlag mit Briefpapier in Form eines Ostereis. "Jeder Brief ist ein Geschenk" versprach die Reklame und forderte auf, doch einem guten Freund mal wieder einen Brief zu schicken.

Am nächsten Morgen sah ich auf meinem Weg zur Arbeit zwei weitere abmontierte Kästen. Die Ständer standen noch und zum Abschied wehte ein rot-weißes Baustellenabschirmband, damit sich niemand an den Metallständern stoße. Ob sich jemand daran stößt, dass die Post mit dieser Rationalisierungsmaßnahme wieder Arbeitskräfte einspart? Ich weiß es nicht. Vermutlich wird die Kundschaft die versteckte Portoerhöhung klaglos in Kauf nehmen und weniger Briefe schreiben. Denn wer läuft schon zwei Kilometer, nur um einen Brief einzuwerfen? Nach dem Ende des Telegramms könnten wir in ein paar Jahren auch noch das Ende des Briefes erleben. Die Post hätte dann ihre lukrativste Einnahmequelle selbst abgeschafft und einen Briefkasten hätten wir nur noch für die Flut des täglichen Werbemülls.

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