Führen im Wandel der Zeiten

Neuland unterm Pflug Wie alte Familien mit Tradition nach 1990 den Osten kultivierten - der Fall Biedenkopf

Zum 17. Jahr der deutschen Einheit fragt sich immer noch mancher, woher westdeutsche Führungspersönlichkeiten die Kraft nahmen, all den kommunistischen Unrat in Mitteldeutschland beiseite zu schieben und die fünf neuen Länder zu blühenden Landschaften zu erheben.

Natürlich haben sie das nicht im Blut, aber manche von ihnen sind in einem Milieu aufgewachsen, das ihnen den Mut machte, den sie für ihre Führungsaufgaben im Osten brauchten. Birgit Breuel, geborene Münchmeyer, die große Patriotin und Treuhandpräsidentin, hat schon im Elternhaus alles Nötige mitbekommen. Vater Alwin arisierte in Hamburg den Besitz jüdischer Kaufleute zusammen mit dem Bankhaus Schröder und schloss sich später mit der ebenfalls im Arisierungsgeschäft hocherfahrenen Frankfurter Hengst-Bank zum Bankhaus Schröder, Münchmeyer, Hengst Co. zusammen, mit dem er schließlich eine geniale Pleite hinlegte. Ein väterlicher Erfahrungsschatz, aus dem Tochter Birgit für ihre schwere Arbeit beim Enteignen der Ostdeutschen schöpfen konnte.

Ein "animalischer" Prozess

Andere schöpften auch. Am 8. Oktober 1990, fünf Tage nach Ausbruch der deutschen Einheit, erfasst ihn in Leipzig, in Zwickau und Bautzen die Sorge der Massen - der aus dem Westen herbeigeeilte Kurt Biedenkopf notiert in seinem Deutschen Tagebuch: Es ziehe sich "das Thema der alten Seilschaften wie ein roter Faden durch alle Veranstaltungen. Überall kommen die Menschen auf uns zu und beschweren sich darüber, dass aktive SED-Mitglieder, hauptamtliche Parteifunktionäre, parteipolitisch ausgewählte Betriebsleiter und Kaderleiter noch immer im Amt seien ... " Die "roten Socken" müssen weg! Diese Forderung sei den Menschen "oft wichtiger als die Sicherung ihrer Arbeitsplätze oder die soziale Sicherheit."

Alte Seilschaften, die noch immer die Fäden ziehen - das kann Kurt Biedenkopf nicht verstehen. Er wuchs als junger Mann in einem Milieu auf, in dem wichtige Führungsgestalten der heranwachsenden Bundesrepublik angefertigt wurden. Vater Wilhelm Biedenkopf war Leiter des IG-Buna-Werkes III in Schkopau, eng verbunden mit dem IG-Buna-Werk IV in Auschwitz und befreundet mit dessen Leiter Otto Ambros. Und er war Wehrwirtschaftsführer, der seinem Sohn einen Spruch auf den Lebensweg gab, den dieser vor drei Jahren an die Studierenden der Universität St. Gallen - eine kommerzielle Kaderschmiede zur "Förderung von Public Leadership" - in einem "Impulsreferat" über das wichtige Thema Führen im Wandel der Zeiten weitergab. Die Weisheit der Biedenkopfs: "Der beste Führer führt seinen Geführten so zum Ziel, dass sie dort zueinander sagen: Wie haben wir das gut gemacht."

Führen sei auch ein "animalischer" Prozess, klärte Biedenkopf die St. Gallener Studenten auf. Er selbst ist ein geborener Führer. Sechs Jahrzehnte bevor er dank der friedlichen Revolution in seiner neu etablierten Monarchie Ehefrau Ingrid zur Landesmutter von Sachsen erhob, hatte der Knabe dem Mädchen schon die Puppenküche gebastelt: Ingrid ist die Tochter von Fritz Ries, einem sehr angesehenen Gummiwarenindustriellen, mit dem der alte Biedenkopf lebenslänglich befreundet war. Ries hatte in Leipzig den 120-Mann-Betrieb Firma Holter Polter erworben und durch fleißige Arisierungen von Präservativ- und Bekleidungsfabriken, besonders im frisch eroberten Polen, zu einem großen Konzern gemacht mit über 10.000 Mann Personal.

Die Arbeitsstätten seiner Oberschlesischen Gummiwarenfabrik Trzebinia wurden der besseren Flexibilität wegen bald direkt in das Vernichtungslager Auschwitz verlegt. Einen großen Teil seiner nach 1945 unendlich wertvollen Maschinen und Warenlager konnte Ries rechtzeitig in den Westen verlagern, wo er trotzdem hohe Entschädigungen als Vertriebener erhielt und in Frankenthal die Pegulan AG gründen konnte.

Die Villa des Fabrikanten und sein Ferienhaus in Österreich erwiesen sich bald als bedeutender Familienbetrieb zur Anfertigung bundesdeutscher Politiker. Der junge Biedenkopf brachte seinen Ludwigshafener Schulkameraden Helmut Kohl ins Haus, der früh Vorsitzender der Jungen Union in Rheinland-Pfalz geworden war. Ries und Gemahlin nahmen den jungen Provinzpolitiker mit zu einer "Traumreise" nach Marokko und beklagten sich danach über seine "schlechten Manieren". Etwas ungehobelt war Helmut Kohl anfangs durchaus, ein ungeschliffener Diamant. Doch als der erst einmal richtig geschliffen war, ließ sich sein Wert nicht mehr unterschätzen. Er war es, der Deutschland die Einheit brachte, die es jetzt hat.

Ein verhinderter Kanzler

Kohl und sein Freund Biedenkopf, sie waren die Erwählten nicht allein von Fritz Ries. Auch dessen Leibbursche aus Heidelberger Studienjahren, Hanns Martin Schleyer, vertrat mit Nachdruck die Meinung, "das Tandem Kohl-Biedenkopf" müsse die Regierung übernehmen. Ries war in Heidelberg der Fuchsmajor von Schleyer, der dort auch für den SD arbeitete und dann 1941 Leiter des Präsidialbüros im Prager Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähern wurde - Jahrzehnte später war er Doppelpräsident des Arbeitgeberverbands BDA und des Industriellenverbands BDI.

Bei Ries trafen sich in den sechziger Jahren Spitzen von Industrie und Politik. Von hier aus wurde mit - den richtigen Argumenten zugänglichen - FDP-Abgeordneten der Sturz der sozialliberalen Koalition Willy Brandts geplant, den die - man soll nicht nur Böses über sie sagen - Stasi ihrerseits durch Ankauf mindestens eines CDU-Abgeordneten verhinderte.

Das alles ist spätestens seit 1974 bekannt durch Bernt Engelmanns Dokumentarroman Großes Bundesverdienstkreuz. Schwiegersohn Biedenkopf zu seinem Leib-Biographen Köpf: "Engelmann hat eine in meinen Augen fast pervertierte Denkweise an den Tag gelegt. Der glaubte, alles was mit Industrie zusammenhing, sei spätnazistisch und deshalb böse." - Schwiegervater Ries hatte nach langem Zögern 1975 endlich geklagt. In einem einzigen Punkt. Es sei "gröblich unwahr", dass er 1933 bis 1945 sein Vermögen "durchweg" dank Arisierung jüdischer Firmen erworben habe. Die Beweisaufnahme ergab, dass man den Anteil der von ihm durch Arisierung übernommenen Firmen auf "nur" 93,7 - allenfalls 97,1 Prozent beziffern dürfe. Da Ries nach dieser Niederlage schnell behauptete, alle anderen "ehrenrührigen" Behauptungen des Buches seien unwahr, klagte Engelmann zurück und setzte sich weitgehend durch, so dass er nur vier Prozent der Gerichtskosten tragen musste - Ries 96 Prozent.

Ries-Tochter Ingrid zum Hagiographen ihres Gemahls: "Ich hätte es gern gesehen, dass mein Mann Kanzler wird. Für Deutschland wäre es gut gewesen. Ich liebe dieses Land, und ich liebe die Menschen. Ich finde, sie verdienen es, eine ordentliche Führung zu haben." Für Deutschlands mangelndes Interesse - am Seil blieb Kohl stärker - mussten die Sachsen büßen.

Der späte Kohl nennt den einstigen Freund und späteren Rivalen einen "hochanerkannten ostdeutschen Landesvater". Biedenkopf-Biograph Köpf, der 1999 dieses Urteil aufnimmt, ergänzt: "Ein Großteil der knapp fünf Millionen Sachsen ist mit ihm zufrieden und huldigt ihm." - Seit 2002 freilich ist er weg und überlässt sein Volk der Mafia, über die nach dem Willen der CDU-SPD-Koalition im Landtag nicht gesprochen werden darf. Er überließ Sachsen auch jenem Milbradt, den er selbst ins Land eingeschleppt hatte, und von dem er zuletzt sagte, er sei ein "exzellenter Fachmann, aber ein miserabler Politiker".

Der westdeutsche Fachmann hat Sachsen mit der von ihm gegründeten Landesbank in die Nähe des Ruins getrieben. Doch es half nichts, Milbradt wurde vor zwei Wochen von seinem CDU-Fußvolk - vorwiegend erfahrene DDR-Blockparteiler am Seil - mit überzeugender Mehrheit in seinem Amt als Parteichef bestätigt.


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