Teuer ist ungünstig

Energiepreisschock Alles kostet immer mehr: Die Preise für Strom, Gas, Heizöl und Lebensmittel steigen sprunghaft und drastisch. Woran das liegt und was dagegen helfen würde
Teuer ist ungünstig

Illustration: der Freitag

So sieht also ein Energiepreisschock aus. Am 20. Januar schreibt Twitter-Nutzer „Land-Ei“: „Hab gestern die Gasrechnung bekommen, 600 € nachzahlen weil Gas teurer geworden ist. Holz bestellt, immer noch 85 € je Raummeter.“ Im Dezember kündigte der Gasversorger gas.de Zehntausenden Kunden die Verträge: Auf einmal mussten sie statt 80 Euro im Monat Rechnungen über 500 und mehr Euro bezahlen. Und auch die Strompreise spielen verrückt. Stromanbieter gehen pleite oder stellen die Versorgung ein, Verbraucher zahlen auf einmal doppelt so viel wie vorher. Sogar bei den Lebensmitteln gibt es einen Preissprung, um sechs Prozent verteuerten sich Nahrungsmittel im Dezember im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres.

Auch die Geldentwertung hat jüngst an Fahrt aufgenommen, aber längst nicht so stark wie die Preise für Energie. Für das Jahr 2021 lag die Inflationsrate im Euroraum bei 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das ist höher als das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank, aber es ist nicht dramatisch. Jedenfalls nicht, solange sich die Inflation nicht festsetzt. Und lange nicht so dramatisch wie das, was gerade auf den Energiemärkten geschieht.

Volatil, das heißt sprunghaft und schwankend. Bei einer Angelegenheit wie der Versorgung eines Landes mit Gas zum Heizen und zur Stromerzeugung ist Sprunghaftigkeit so ziemlich das Letzte, was man brauchen kann. Umso problematischer also, dass der Gaspreis zuletzt extrem volatil geworden ist: Im Juli 2020 lag der europäische Referenzpreis der Dutch Title Transfer Facility (TTF) noch unter fünf Euro pro Megawattstunde. Im Januar 2021 stand er schon bei 20 Euro, dann verfünffachte er sich bis zum Oktober und schoss Ende Dezember kurzzeitig auf über 180 Euro hinauf. Seitdem fiel er wieder um die Hälfte und pendelt gerade um die 80 Euro.

Der Preis ist flatterhaft und nervös, er reagiert auf alle möglichen Signale. In Frankreich müssen Atomreaktoren abgestellt werden: Der Preis steigt. Aus den USA kommen verstärkt LNG-, also Flüssiggas-Lieferungen nach Europa: Der Preis fällt. Mehrere LNG-Tanker biegen ab und steuern nach China, weil dort mehr gezahlt wird: Der Preis steigt. In Nordamerika gibt es Schneestürme: Der Preis steigt weiter. Biden trifft Putin, es soll verhandelt werden, der Preis fällt; Russland findet, es gebe nichts mehr zu verhandeln, der Preis steigt wieder an.

Am schlimmsten findet der Gaspreis offenbar, dass die Gasreserven in Europa auf historisch niedrigen Niveaus befüllt sind. Begrüßen würde er eine Inbetriebnahme der Nord-Stream-2-Pipeline. Wetterprognosen, die für den Februar mildes Wetter vorhersagen, beruhigen ihn. Und jedes Mal, wenn sich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zuspitzt, rastet er aus.

Russland und die Verträge

Aber warum schlägt der Gaspreis überhaupt so krass aus, viel stärker als in der Vergangenheit? Aleksandar Zaklan, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim DIW, sagt: „Immer mehr Anteile des Gasmarkts bestehen aus kurzfristigen Verträgen – und immer weniger aus langfristigen Lieferverpflichtungen. Früher war das ein ganz langweiliger Markt, wo man für Jahrzehnte Gas im Voraus gekauft hat. Aber diese Art von Verträgen nimmt ab, man ist stärker am sogenannten Spotmarkt, also an einem kurzfristigen Markt, orientiert.“

Wenn größere Teile des Gasmarkts auf dem Spotmarkt gehandelt werden, sind auch größere Teile davon dessen Preisschwankungen ausgesetzt. Umso mehr bietet sich der Gasmarkt also auch dazu an, den Preis in die Höhe zu treiben. Vor allem Russland, sprich Gazprom, wird derzeit oft vorgeworfen, Gaslieferungen absichtlich zurückzuhalten, um damit seine Interessen durchzusetzen. Kann das sein? Zaklan sagt: „Zuletzt war der Gaspreis getrieben von geopolitischen Spannungen. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass jetzt Gaslieferanten wie Gazprom vertragsbrüchig werden: Diese erfüllen ihre langfristig bestehenden Lieferverpflichtungen. Aber es kann durchaus sein, dass sie weniger kurzfristige Lieferverträge eingehen, um damit Druck auf den Preis oder auf die Bewilligung von Nord Stream 2 zu erzeugen.“

Tatsächlich war der Gasmarkt schon ohne Ukraine-Krise extrem angespannt. Wenn das aber der Fall ist, dann braucht es nur noch kleine Ausschläge, um große Wirkung zu erzeugen. Umgekehrt heißt das: Jede geopolitische Verständigung beruhigt auch den Gasmarkt. Organisiert man ein vielversprechendes Gipfeltreffen, freuen sich Rentner und Geringverdiener über die nächste Heizkostenabrechnung.

Der Zustand des Gasmarkts ist allerdings keine Naturkatastrophe, sondern eine menschengemachte Krise. Was würde Abhilfe schaffen? Zaklan muss da nicht lange überlegen: „Die derzeitige Entwicklung bestärkt die Argumente für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien, vor allem Wind und Sonne. Nicht nur aus Klimaperspektive, sondern auch zum Zwecke der Versorgungssicherheit: damit wir in Zukunft im Winter weniger von geopolitischen Spielchen abhängig sind.“

Wir könnten das komplettieren, indem wir Reserven ausbauen und Versorger zu langfristiger Planung verpflichten. Damit in Zukunft Verbraucher nicht mehr mit billigen Angeboten von Versorgern geködert werden, denen schon nach wenigen Monaten stark gestiegener Preise die Luft ausgeht. Das wäre eine Aufgabe für die Politik: ein bessere Gasmarktdesign.

Was tun aber für die, die von den explodierenden Gaspreise am heftigsten getroffen werden? Geringverdiener geben prozentual am meisten von ihrem Einkommen für Energie aus, sie und Familien mit Kindern treffen die Preiserhöhungen am stärksten. Möglichkeiten der Abhilfe gäbe es mehrere: Einmalzahlungen ähnlich dem Heizkostenzuschuss für Wohngeldbezieher, den das Bauministerium plant. Oder, wie es der frühere Wirtschaftsweise Peter Bofinger vorschlägt: eine Mehrwertsteuersenkung auf Energie.

Denn es ist ja nicht nur der Gasmarkt alleine, der gerade aus den Fugen gerät: Auch beim Strom explodieren die Preise. Nach Jahren, in denen die Stromkosten auf hohem Niveau stagnierten, machten die Großhandelspreise im Laufe des Jahres 2021 einen Sprung: Von 53 Euro pro Megawattstunde im Januar auf 221 Euro im Dezember, das ist mehr als viermal so viel. Auch die Verbraucherpreise werden von vielen Anbietern gerade drastisch erhöht.

Warum ist das so? Andreas Löschel, Professor für Umwelt-und Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum, sagt: „Das ist im Wesentlichen getrieben von den Großhandelspreisen. Die wiederum rühren daher, dass die marginalen – oder preissetzenden – Kraftwerke Kohle- und Gaskraftwerke sind.“ Ein „marginales Kraftwerk“, das ist jenes Kraftwerk, das als letztes dazu benötigt wird, um die nachgefragte Strommenge zu liefern. Es ist „preissetzend“, weil es den Preis für den gesamten Strom bestimmt, solange es zum Zuge kommt. Wenn das ein Gaskraftwerk ist, dessen Rohstoff sich eben um ein Vielfaches verteuert hat, treibt das den Strompreis nach oben.

Verkehrte Welt: Während es 2020 noch so aussah, als seien Kohlekraftwerke auf längere Sicht nicht mehr rentabel, wurden sie im vergangenen halben Jahr zur günstigeren Alternative zum Gas. Und das, obwohl der CO₂-Preis, der Kohleverfeuerung eigentlich verteuern sollte, im Emissionshandel für Kraftwerke auf 80 Euro pro Tonne CO₂ gestiegen war. Löschel sieht das Problem, ist aber für die Zukunft relativ optimistisch: „Es gibt keinen immanenten Grund“, sagt er, „für langfristig hohe Gaspreise. Prinzipiell gibt es genug Angebot. Aber natürlich kann es zu kurzfristigen Schocks kommen, die sich, weil sie teilweise politisch getrieben sind, auch länger hinziehen können. Das heißt, dass die Gaspreise auch zwei oder drei Jahre auf ihrem derzeitigen Niveau bleiben könnten.“

Für Verbraucher ein Horrorszenario. Beim Strom wäre es allerdings für die Politik ein Leichtes, für Entlastung zu sorgen: Denn der Preis auf der Stromrechnung besteht ja nur zu rund 20 Prozent aus den Erzeugungskosten, der Rest sind Steuern und Abgaben wie Netzentgelte, die EEG-Umlage, die Stromsteuer und die Mehrwertsteuer. Die EEG-Umlage wurde zu Jahresbeginn schon fast um die Hälfte gesenkt, von 6,5 Cent pro Kilowattstunde auf 3,7 Cent. Aber mittlerweile reicht wohl nur noch ihre Komplettabschaffung, um den Preisanstieg annähernd zu kompensieren.

Was, wenn es so bleibt?

Was würde es für die Inflation bedeuten, wenn die Preise für Gas und Strom auch mittelfristig nicht wieder fallen? Droht dann nicht, dass sie auch für dauerhaft höhere Inflationsraten sorgen? Ja, das könnte passieren, sagt Kerstin Bernoth, Ökonomin am DIW. Das Fatale daran: Es wäre eine Art von Inflation, mit der sich die EZB schwertäte. „Die Zentralbank kann am besten Inflation bekämpfen, wenn diese inländische Ursachen hat, sprich durch einen Anstieg der Löhne oder eine gestiegene Gesamtnachfrage von Haushalten und dem Staat verursacht wird. Sie kann weniger ausrichten, wenn die Inflation aus einem Preisanstieg von einzelnen Gütern herrührt, die auch noch aus dem Ausland importiert werden.“ Derzeit spreche ja viel dafür, dass die Inflationsraten wieder sinken würden, sagt Bernoth: „Solange die Indikatoren auf einen Trendrückgang hindeuten, wovon auch ich ausgehe, wäre es falsch, die Zinsen zu erhöhen, weil das – wie es 2011 der Fall war – die Erholung abwürgen könnte.“

Aber wenn die Erdgaskrise fortbesteht, dann kann auch das sich ändern. Es wäre also nicht nur für kommende Heizkostenabrechnungen, sondern auch für die Inflation von Vorteil, wenn die deutsche Regierung eine Lösung für die geopolitischen Spannungen zwischen Russland und der Ukraine fände. Und wenn sie obendrein durch den Ausbau von Wind- und Solarenergie die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und deren Rattenschwanz an Folgeproblemen beendete.

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