„Unsicherheit wie 2007“

Interview Claus Michelsen nennt die globalen Gründe für den Abschwung und staunt über den Unsinn der Schuldenbremse
„Unsicherheit wie 2007“
Visualisierter Kurs an der New Yorker Börse im August 2019

Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Ist es ein Durchhänger? Ein Abschwung? Oder der Beginn einer langen Rezession? Deutschlands Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal geschrumpft. Schon länger geht das Gespenst der Krise um, jetzt geht es darum, wie darauf reagiert werden soll. Der Ökonom Claus Michelsen verortet den Ursprung des deutschen Einbruchs in der Verlangsamung der globalen Konjunktur. Trotzdem sieht er bei der Bundesregierung Handlungsbedarf: Investieren muss sie. Wo? Ein Blick auf Deutschlands bröckelnde Kommunen genügt.

der Freitag: Herr Michelsen, in der Frühjahrsprojektion der Bundesregierung vom April hieß es: „Die deutsche Wirtschaft befindet sich weiter und damit das zehnte Jahr in Folge auf Wachstumskurs. Die Bundesregierung rechnet für 2019 mit 0,5 Prozent Wachstum und 2020 mit 1,5 Prozent.“ Inzwischen wissen wir, dass wir auf eine Rezession zusteuern. Was ist denn da passiert?

Claus Michelsen: Die spannendere Frage wäre: Was ist gegenüber dem Jahr davor geschehen? 2018 waren wir noch der festen Überzeugung, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr mit 2 Prozent wachsen wird. Jetzt gehen wir von einer Größenordnung zwischen 0,5 und 1 Prozent aus, tendenziell eher von 0,5 Prozent. Das ist überraschend. Und wir als Prognostiker müssen uns fragen: Wie kann es sein, dass wir eine derart krasse Verlangsamung, wie es sie seit der Finanzkrise nicht mehr gab, derart übersehen konnten?

Was ist denn da passiert?

Nun, wir dachten im Herbst letzten Jahres und auch noch im Winter, dass wir lediglich vor vorübergehenden Konjunkturproblemen und Produktionshemmnissen stehen: Da war die Automobilindustrie, die es nicht schaffte, ihre Autos nach neuen Abgasstandards zu zertifizieren, dann das Niedrigwasser auf dem Rhein, wo chemische Industrieerzeugnisse nicht transportiert werden konnten. Nach und nach wich das aber der Gewissheit, dass wir ein größeres Problem haben: eine Verlangsamung der Weltkonjunktur. Mittlerweile sehen wir deutliche Bremsspuren, die sich aus dem Handelskonflikt zwischen den USA und China ergeben. Dazu kommt, dass der Brexit den Handel mit Großbritannien deutlich reduziert hat, auch mit Irland. Schließlich gibt es eine Wirtschaftskrise im südlichen Europa, vor allem in Italien.

Warum aber schrumpft dann das BIP in Deutschland?

Nun, es kommt einfach real aus den anderen Ländern weniger Nachfrage nach deutschen Produkten. Nachdem Deutschland nun mal darauf spezialisiert ist, Kapitalgüter, also Maschinen, zu exportieren, kommt das, wenn die Produktion sich in den anderen Ländern verlangsamt, dann hier früher oder später auch an.

Ist das schwächere Wachstum in China, das sich in Deutschland niederschlägt, die Folge von Trumps Handelskrieg?

Es gibt da mehrere Faktoren. Sowohl in China als auch in den USA gab es in jüngster Vergangenheit starke politische Impulse, die jetzt auslaufen: China hat 2015 ein Konjunkturprogramm aufgelegt, welches uns einen Boom der Weltwirtschaft im Jahr 2017 beschert hat. Donald Trump hat als erste Amtshandlung die Steuern für Unternehmen gesenkt, was auch erst mal einen starken Impuls gegeben hat. Beides ist mittlerweile verpufft. Jetzt kommt dazu, dass sich Trump und China derzeit in den Haaren liegen. Das erzeugt erhebliche Unsicherheit, die für Unternehmen etwas sehr Problematisches ist: Wenn sie nicht wissen, wie sich die Absatzmärkte entwickeln, dann werden sie sich erst mal damit zurückhalten, ihre Kapazitäten auszubauen. Diese Zurückhaltung spürt Deutschland doppelt, weil dann die Nachfrage nach Maschinen und Anlagen sinkt.

An der Unsicherheit sind doch vor allem Trump und der Brexit schuld, oder?

Ja, das sind die Hauptquellen, klar. Man kann die Unsicherheit übrigens auch messen: Sie hat derzeit ein Ausmaß angenommen wie zuletzt während der Finanzkrise ab 2007.

Wenn die Unsicherheit so belastend ist, wäre ein Brexit mit Schrecken am 31. Oktober besser als Unsicherheit ohne Ende?

Für viele Unternehmen wäre ein No-Deal-Brexit in der Tat wahrscheinlich günstiger als ein Hinauszögern der derzeitigen Ungewissheit, wo alle einfach nur die Füße still halten.

Wenn wir sagen, wir steuern jetzt auf eine Rezession zu, dann gibt es Bereiche der Wirtschaft, die schrumpfen, und andere, die trotzdem weiter wachsen, oder?

Klar. Alles, was exportorientiert ist, und das sind die Schwergewichte der Industrie nun mal, ist eigentlich schon seit dem Jahreswechsel in einer Rezession: die Kfz-Industrie, die Kfz-Zulieferer, die metallverarbeitende Industrie, die Maschinenbauer, aber auch die chemische Industrie.

Welche Sektoren wachsen noch?

Das Besondere ist derzeit, dass der Dienstleistungsbereich sich als sehr robust erwiesen hat, auch weil die Arbeitsmarktlage immer noch gut ist und sich die Konsumnachfrage binnenwirtschaftlich gegen diesen Abschwung gestämmt hat. Genauso die Baubranche. Aber die typische Entwicklung ist nun mal, dass sich diese Verlangsamung, wenn sie sich in der Industrie verfestigt, irgendwann auch auf den Arbeitsmarkt auswirkt und dann auch zu einer geringeren Nachfrage nach Konsumgütern und Dienstleistungen führt. Das werden wir nicht komplett vermeiden können.

Was passiert dann als Nächstes? Derzeit nimmt die Kurzarbeit zu, wird also bald auch die Arbeitslosigkeit wieder steigen?

Da haben wir noch Hoffnung. Die Kurzarbeit ist noch auf einzelne Branchen konzentriert und die Arbeitsmarktlage an sich ist eigentlich immer noch sehr vorteilhaft. Das deswegen, weil wir gerade einen starken Beschäftigungsaufbau im Dienstleistungsbereich erleben, vor allem im Gesundheitswesen, wegen des demografischen Wandels. Das sind relativ konjunkturunabhängige Beschäftigungsgebiete. Dazu stehen wir vor einem Knick in der demografischen Entwicklung, was das Erwerbstätigenpotenzial betrifft: Demnächst wird es eine Pensionierungswelle aus der Babyboomergeneration geben, viele Unternehmer versuchen schon jetzt, ihre Belegschaft zusammenzuhalten, damit sie im nächsten Aufschwung dann nicht ohne Personal dastehen.

Zur Person

Foto: Sebastian Donath

Claus Michelsen ist Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und forscht zu den Schwerpunkten Unternehmensinvestitionen, Wohnungsmarktentwicklung und Wohnungsmarktpolitik

Was könnte der Staat angesichts der aufziehenden Rezession denn nun sinnvollerweise tun?

Einiges. Man könnte als Staat und als Regierung jetzt die Zuversicht verbreiten, dass man an diesen Standort glaubt. Und das mit öffentlichen Investitionen und einem verbindlichen Plan zur Modernisierung Deutschlands unterfüttern. Das wäre ein starkes Signal, das konjunkturell stabilisierend wirken und zusätzlich private Investitionen anregen würde.

Wofür würde man dann typischerweise das Geld ausgeben?

Die Verwendung liegt auf der Hand: Wir wissen, dass die Kommunen in den letzten 15 bis 20 Jahren von ihrer Substanz gelebt haben. Ich glaube, man muss in Berlin nur eine Schule betreten, dann weiß man, wovon die Rede ist. In Kommunen an der Ruhr oder in Rheinland-Pfalz sieht es nicht viel besser aus. Es geht um einen Investitionsbedarf in der Größenordnung von 130 Milliarden Euro, wie ihn auch die Kreditanstalt für Wiederaufbau ermittelt hat.

Das Geld würde also gebraucht. Es wäre auch da – der deutsche Schuldenstand beträgt nur 60 Prozent des BIP.

Ja, wir haben derzeit günstige Finanzierungskosten und einen Schuldenstand, der allgemein als sehr tragfähig erachtet wird. Selbst wenn wir ein Prozent des BIP mehr investierten, würde der Schuldenstand nach wie vor relativ stabil bei 60 Prozent des BIP bleiben. Wir haben ja eher das Problem, dass wir, wenn wir die Schuldenbremse so beibehalten, auf einen extrem niedrigen Schuldenstand zusteuern: In 20 Jahren würden wir wohl bei 20 Prozent des BIP landen.

Das ist ja Irrsinn!

Der Ökonom Jens Südekum hat das schön gesagt: Die schwäbische Hausfrau und der schwäbische Unternehmer müssen eine unglaublich unglückliche Beziehung führen.

Ich hätte noch eine Frage zur Messung des BIP als solches: Ist es nicht seltsam, dass da auch „fiktive“ Werte drin sind, etwa um Wohneigentum abzubilden?

Nun, dass Wohneigentum oder genauer die Dienstleistung, die aus Wohnen entsteht, messbar gemacht wird, das ist konsistent mit dem Konzept der Messung des BIP. Das, was in Vermietung und Verpachtung verdient wird, wird ja auch mitgezählt, dementsprechend ist es nur konsequent, zu sagen, auch das, was im Wohneigentum sozusagen fiktiv an Erträgen erwirtschaftet wird, einzurechnen.

Andere Bereiche werden hingegen nicht erfasst.

Klar. Alles, was aus Freiwilligkeit passiert, oder die häusliche Pflege, das wird im BIP nicht abgebildet.

Leidet die Aussagekraft des BIP wegen der Digitalisierung, Sharing Economy?

Die Sharing Economy ist tatsächlich spannend, wenn es um die Frage geht, wie der Wohlstand und das Glück der Bevölkerung gemessen werden kann. Wenn fünf Leute sich darüber einig werden, dass sie nicht fünf, sondern nur drei Fahrzeuge brauchen, die sie gemeinsam nutzen, dann würde dadurch das BIP erst mal reduziert, weil zwei Autos weniger produziert werden müssten. Das führt zu einem Messproblem, denn der Wohlstand hat sich ja nicht verändert, wenn die Leute jetzt denselben Nutzen aus drei Autos ziehen, den sie vorher aus fünfen gezogen haben. Auf der anderen Seite sind die produzierten Güter natürlich immer auch Einkommen von Personen oder Unternehmen, und wenn weniger Autos verkauft werden, dann sinkt das Einkommen natürlich, obwohl die Gesellschaft produktiver geworden ist.

06:00 03.09.2019
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