Fleischesser

MANNSEIN Nicht nur der Rinderwahn ist überall, nun grassiert auch noch die Maul- und Klauenseuche, die als weitgehend ausgerottet galt, bei den durch ...

Nicht nur der Rinderwahn ist überall, nun grassiert auch noch die Maul- und Klauenseuche, die als weitgehend ausgerottet galt, bei den durch Wachstumshormonen und Antibiotika geschwächten Tieren jedoch ein leichtes Spiel zu haben scheint. Auf einem Bauerhof in der Nähe von München wurde bei Tieren sogar die gleichfalls als ausgerottet angenommene TBC entdeckt, eine Krankheit, die wie auch BSE auf den Menschen übertragbar ist. Der Rinderwahn veranlasste den (männlichen) Kanzler sofort, der industrialisierten Landwirtschaft den Kampf anzusagen und eine stärkere Förderung artgerechter Tierhaltung in Aussicht zu stellen. Vielleicht ritt den Kanzler bei dieser Attacke auch ein bisschen sein schlechtes Gewissen, ist er doch - wie die Mehrheit der Männer - ein begeisterter Fleischesser. Dann wurde mit Renate Künast noch eine Frau aus dem Hut gezaubert, die in altbekannter Weise den Karren, den weitgehend männliche Technokraten in Bauernverbänden und in Brüssel in den Dreck manövriert haben, wieder dort herausziehen soll.

Umdenken ist also angesagt! Zumal die industrialisierte Tierhaltung nicht nur ungesundes Fleisch erzeugt, sondern zusammen mit der konventionellen Landwirtschaft auch eine bedeutende Umweltsünderin ist und nicht unwesentlich zur Verschmutzung des Trinkwassers beiträgt - ein Rohstoff, der immer knapper wird. Dabei ist es keineswegs so, dass diese Form der Land- und Viehwirtschaft als alternativlos dasteht, wird doch schon seit Jahrzehnten der Aufbau regional orientierter Kreisläufe und die Umstellung auf artgerechte Tierhaltung diskutiert und im Kleinen praktiziert - Ansätze allerdings, die in den Köpfen der politisch verantwortlichen Männer bisher meist als wenig fortschrittlich angesehen wurden.

Im Zuge der BSE-Krise wanderte das Gesundheitsministerium zur SPD-Politkerin Ulla Schmidt, die gleich wenige Tage nach ihrem Amtsantritt einen grundlegenden Kurswechsel in Sachen Gentechnik ankündigte und bis heute auch wichtige KritikerInnen aus dem Ministerium entfernen hat lassen. Dabei findet sie eine begeisterte Mitstreiterin für diese Risikotechnologie in der amtierenden Forschungsministerin, die die Gefahr der Übertragung von BSE auf den Menschen gleich ausnutzte, uns einmal mehr den vermeintlichen Nutzen gentechnischer Forschung anzudienen.

Hier drängt sich die Frage auf, ob von diesen Frauen das bewährte androzentrische Muster übernommen wird, nicht an den Ursachen von Problemen, sondern unter Einsatz von Technik an den Symptomen herumzukurieren - die VerbraucherInnen und die Tiere etwa BSE-immun zu klonen. Zwar verlautete aus dem (gleichfalls weiblich geführten) Ministerium für Verbraucherschutz, dass in den nächsten Jahren die Fläche des ökologischen Landbaus auf über 10 Prozent erhöht werden soll - im Klartext bedeutet dies, dass immer noch 90 Prozent konventionell, da heißt die Umwelt und die Menschen belastend, bewirtschaftet werden.

Nur Wenige finden in dieser Situation den Mut zu sagen, dass ein grundlegender Wandel in der Agrarpolitik, der Mensch, Tier und Umwelt schont, nur möglich sein wird, wenn wir VerbraucherInnen bereit sind, wieder mehr Geld für Lebensmittel auszugeben, die diesen Namen auch verdienen und die unter umwelt- sowie sozialverträglichen Bedingungen produziert werden. Dem entgegen steht jedoch, dass der Stellenwert von Vor- und Fürsorgearbeit - und dazu gehört auch das Kochen, Auswählen und Einkaufen ökologischer wertvoller Produkte - in unserer globalisierten Fast Food Kultur in den letzten Jahren gesellschaftlich immer mehr abgewertet wurde.

Auch die bisherige Gleichstellungspolitik hat hieran ihren Anteil, indem sie bei dem berechtigten Ziel, Frauen vom Herd in die Erwerbsarbeit zu bringen, stehen blieb und nicht gleichzeitig auch der gleich verteilten Arbeit von Frauen und Männern am Herd einen Wert zu geben versuchte, Gleichheit also durch Gleichwertigkeit zu ergänzen. Und so bereiten sich immer weniger Männer und Frauen Gerichte und Mahlzeiten selbst zu, bei denen sie die Zutaten kennen und wissen, woher diese stammen. Viele regionstypische Nutzpflanzen und Tierarten sind schon ausgestorben, regionaltypische Küche verschwindet immer mehr, weniger als 100 Arten bilden heute die Grundlage der Nahrungsmittelversorgung in der Welt. Eine Tendenz, die durch den Einsatz der Gentechnik in Landwirtschaft und Viehzucht noch weiter verstärkt wird. Gegen macdonaldisierte Monokultur und Rinderwahn braucht es eine Kultur von Vielfalt und Lebendigkeit.

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