MannSein

KOLUMNE Die neue Männerkolumne

In der geschlechterpolitischen Diskussion werden zunehmend Gender-Mainstreaming und Geschlechterdemokratie als neue Ansätze diskutiert. Jenseits gewisser Leerstellen hinsichtlich ihrer Umsetzung und inhaltlichen Konkretisierung für unterschiedliche Politikbereiche ist beiden Konzepten eines gemeinsam: sie zielen auf eine größere Aktivität von Männern bei der Gestaltung egalitärer Geschlechterverhältnisse. Dies trifft sich gut, denn auch die Männer sind - allen Unkenrufen zum Trotz - seit gut drei Jahrzehnten in Bewegung, und so spricht die letzte große Männerstudie, die von den beiden Kirchen vor knapp zwei Jahren vorgelegt wurde, von gut 20 Prozent neuen Männern in der Bundesrepublik Deutschland. Diese sind partnerschaftlich eingestellt, möchten mehr Vater sein, sind gefühlsbetonter und lehnen Gewalt als Lösungsmittel von sozialen wie privaten Konflikten ab. Auch die jüngst erschienene Brigitte-Studie zu jungen Paaren attestiert eine Bereitschaft bei den befragten Männern, ihre traditionelle Rolle zu überdenken.

Allerdings haben sich die "neuen Männer" bisher in der geschlechterpolitischen Arena kaum zu Wort gemeldet. Ein Grund dafür dürfte sein, dass sie noch zu sehr der Ebene der persönlichen Selbstveränderung und -erfahrung verhaftet sind. Dabei wird häufig verkannt, dass - wie etwa auch der amerikanische Männerforscher Michael Kimmel festgestellt hat - ein anderes MannSein nur gelebt werden kann, wenn auch die politischen Rahmenbedingungen dementsprechend gestaltet sind. Solange der neue Vater keinen Erziehungsurlaub nehmen oder Teilzeit arbeiten kann, weil sein workoholischer Vorgesetzter ihn bei einer derartigen Anfrage als Faulenzer abqualifiziert und ihm unverhohlen mit Kündigung droht, werden sich Männer kaum mehr für ihre Familie engagieren können. Auch werden neue Männer Gewaltfreiheit im Alltag nur dann erleben können, wenn auch von der Politik her Gewalt als Lösungsmuster gesellschaftlicher Konflikte im nationalen und internationalen Kontext verworfen wird. "Neue Männer" müssen sich also endlich einmischen in Politik, wobei alle Bereich von Politik von Bedeutung sind, denn ein neues MannSein erfordert Anstrengungen etwa in der Bildungs-, Medien-, Forschungs-, Arbeitsmarkt- und der Sozialpolitik.

Ein weiterer Grund für die bisherige geschlechterpolitische Abstinenz der Männer in der Bundesrepublik Deutschland liegt wohl darin, dass Gleichstellungspolitik weitgehend als Frauenpolitik angelegt ist und als solche von den Männern wahrgenommen wird. Neue Männer sind in diesem Konzept in der Regel nicht als Handelnde, sondern bestenfalls als Be-Handelte vorgesehen. Im Gegensatz hierzu haben etwa die Geschlechterpolitiken in den skandinavischen Ländern, die so oft als Beispiel für eine fortschrittliche Geschlechterpolitik herangezogen werden, von Anbeginn an neue Männer - etwa in die Konzipierung von Väter- und Männerkampagnen - miteinbezogen und ihnen sogar offizielle Funktionen übertragen. So ist heute in Schweden der staatliche Gleichstellungsbeauftragte ein Mann, zudem existieren zahlreiche Kommissionen und Arbeitgruppen zur kritischen Analyse der Männerrolle auf staatlicher Ebene. Von daher ist es auch nicht verwunderlich, dass auf der gerade stattgefundenen Weltfrauenkonferenz in New York von der schwedischen Gleichstellungsministerin eine Weltmännerkonferenz gefordert wurde, auf der Frauen und Männer über Perspektiven von Gleichstellungspolitik diskutieren sollen. Auch wird in den nordischen Ländern im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland kritische Männerforschung staatlicherseits unterstützt, denn - so die Erkenntnis - eine Geschlechterpolitik, die beide Pole des Geschlechterverhältnisses mit einbezieht, braucht mehr Wissen über Männer und männliche Lebenszusammenhänge. Gerade hier zeigt sich in Deutschland ein großes Defizit, Aussagen über Männer sind hier oft spekulativ und hypothetisch, kritische Männerforschung wird von der öffentlichen Hand kaum gefördert.

Diese Situation nimmt der Freitag zum Anlass, in einer Männerkolumne regelmäßig Perspektiven von Geschlechterdemokratie aus männlicher Sicht - aus der Sicht des neuen Mannes - zur Diskussion stellen und aus einer patriarchatskritischen Perspektive aktuelle politische Vorgänge männlichkeitskritisch unter die Lupe zu nehmen. Damit wird die mit dem Konzept der Geschlechterdemokratie erhobene Forderung nach einer stärkeren Aktivität von Männern in diesem Feld aufgenommen.

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