Rote Sonne über Afrika

G8-Gipfel Gastgeber Japan hat eine Tagesordnung im Blick, die China gezielt unter Anklage stellt

Schon seine Europa-Reise Anfang Juni wollte Ministerpräsident Yasuo Fukuda ganz in den Dienst der guten Sache stellen: Weltweit in die Höhe schießende Nahrungsmittelpreise verlangten umgehend Hilfsmaßnahmen für die Ärmsten der Armen, so sein Mantra in Berlin, London und Rom. Japans Regierung wolle binnen kürzester Zeit 50 Millionen Dollar Direkthilfe für den Kauf von Samen und Dünger locker machen sowie 300.000 Tonnen importierten Reis in die Armenhäuser der Welt verschiffen.

Auf der Empfängerliste ganz oben: der afrikanische Kontinent. Ihm fühlt sich Fukuda ausnehmend verpflichtet. Denn sind die Menschen dort erst einmal vom Hunger befreit, eröffneten sich gewaltige Möglichkeiten der Einflussnahme, lautet sein Credo. Afrika - so Fukuda auf der 4. Internationalen Tokioter Afrika-Konferenz (TICAD) unmittelbar vor seiner Abreise nach Europa - werde sich in naher Zukunft "zu einem starken Motor globalen Wachstums" entwickeln. Sein Land habe daher beschlossen, die Afrika-Hilfe bis 2013 auf rund zwei Milliarden Dollar zu verdoppeln, zinsgünstige Kredite in Höhe von vier Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen, ein 2,5 Milliarden Dollar schweres Finanzpaket zu schnüren, um private Investitionen zu fördern, sowie mehrere hundert Millionen Dollar in den Kampf gegen AIDS, Tuberkulose und Malaria zu stecken. All dies folge dem Ziel, das allgemeine Investitionsklima zu verbessern - Entwicklung durch Good Financial Governance. Ein Ansatz, wie er auch im so genannten "Aktionsplan Afrika" der G8-Finanzminister vom 14. Juni durchschimmert.

Dass sich Tokio Afrika-politisch profilieren und dazu den G8-Gipfel im nordjapanischen Toyako nutzen möchte, liegt auf der Hand. Woher aber rührt das jähe Interesse? Warum das für japanische Verhältnisse so demonstrative Buhlen um die Gunst dortiger Entscheidungsträger? Eine Antwort ergibt sich aus der Dynamik, mit der China als ewiger Widersacher derzeit den schwarzen Kontinent aufrollt. Als Hochtechnologie-Macht mit beschränkter Rohstoffbasis hängt Japan in hohem Maße vom Import diverser Rohstoffe ab - von Öl und Erdgas über Kupfer und Kobalt (für Computer) bis hin zu Nickel (für Batterien) und Wolfram (für Industriemaschinen). Ressourcen, über die besonders das südliche Afrika verfügt. Gleichwohl sind Japans Direktinvestitionen in die dortigen Volkswirtschaften seit Jahren rückläufig und konzentrieren sich zu 85 Prozent auf zwei Länder - Liberia und Südafrika. 2007 hatte der Warenaustausch mit Afrika einen Anteil von mageren zwei Prozent am Volumen des japanischen Außenhandels.

Im Unterschied dazu investiert China immer vehementer und zielstrebiger, ob nun im Sudan, in Gabun, Angola oder Mosambik. Das ließ im Vorjahr den Handel mit Afrika insgesamt auf einen Wert von stolzen 74 Milliarden Dollar wachsen. Nicht von ungefähr forderte Nippons auflagenstarke Yomiuri Shimbun im Vorfeld der erwähnten Konferenz TICAD-IV, Tokios Afrika-Politik müsse mit Blick auf China endlich "konkurrenzfähiger" werden und das ohne jeden Zeitverzug.

Den G8-Gipfel von Toyako zu nutzen, um in diesem Sinne voranzukommen und den internationalen Druck auf Peking zu verstärken, erscheint aus japanischer Sicht nur folgerichtig - die Debatte um die tobenden Lebensmittelpreise drängt sich dafür geradezu auf. Längst wird nicht nur im Westen das Reich der Mitte als einer der Hauptschuldigen für die globale Ernährungskrise ausgemacht: Chinas wachsende Bevölkerung fresse der Welt buchstäblich die Haare vom Kopf, zwar produziere Japan noch ausreichend Reis und Weizen, sinniert der Wirtschaftsjournalist Yoshinobu Motegi in der liberalen Asahi Shimbun, bei Soja hingegen sei die Selbstversorgungsrate inzwischen auf 30 Prozent abgesackt. 2006 habe die Volksrepublik mit ihren 1,2 Milliarden Menschen über 40 Prozent des weltweit gehandelten Soja-Aufkommens absorbiert. In Südamerika würden Regenwälder und Obstgärten abgeholzt, um Platz für chinesische Soja-Felder zu schaffen. Auch seien chinesische Außenhändler dabei, die Maisvorräte der Nachbarstaaten wie Laos zu plündern, nachdem steigende Ölpreise die Nachfrage nach Bioethanol und damit Mais ins Unendliche gesteigert hätten. Zugleich schreite in China die Vernichtung agrarischer Nutzflächen voran, obwohl bereits 2006 die kritische Marke von 120 Millionen Hektar gestreift worden sei. Und so weiter.

Alles richtig und dennoch nur die halbe Wahrheit. Die Nahrungsmittel-Krise ist viel zu komplex, um sie einem Land anzulasten, auch wenn es verlockend sein mag, diese politische Keule in die Hand zu nehmen, nicht zuletzt in der Umwelt-, Energie- und Klimadebatte. In Tokio, Osaka oder Kobe hat eine tendenziöse Berichterstattung inzwischen nicht nur Hausfrauen davon überzeugt, dass die Chinesen die japanische Fischbestände bedrohen und Japan mit vergifteten Lebensmitteln überschwemmen.

Doch nicht nur Peking, auch Moskau ist vor diesem Gipfel wegen des Territorialstreits um die Kurilen-Inseln ins Visier der Gastgeber geraten. Die seien noch immer durch Russland "illegal besetzt" ist auf einer mit der offiziellen G8-Website verlinkten Homepage der nordjapanischen Präfektur Hokkaido nachzulesen.

Peter Linke ist Japanologe und Politikwissenschaftler und leitet derzeit des Moskauer Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung.




Japan
Japan ist der viertgrößte Inselstaat der Welt. Das Archipel im Pazifik vor den Küsten Russlands, Koreas und Chinas besteht aus über 6.800 Inseln. Südlich der zentralen und größten Insel Honshu liegen Shikoku und Kyushu, nördlich von ihr liegt Hokkaido. Über 70 Prozent der Landmasse Japans werden von einer Gebirgskette ausgemacht, deren höchster Berg mit 3.776 Metern der Fujisan auf Honshu ist. In Japan leben rund 127 Millionen Menschen, die Hauptstadt Tokio zählt acht Millionen Einwohner.

Hokkaido
Der Name der zweitgrößten Insel Japans Hokkaido bedeutet Nordmeerbezirk. In der Präfektur zählte man Ende 2005 rund 5,7 Millionen Einwohner, Sitz der Verwaltung ist Sapporo mit etwa 1,9 Millionen Einwohnern. Aufgrund des japanischen Zentralismus ist ein Großteil der Firmensitze, der Industrie und der Verwaltung auf die Region um die Metropolen Tokio und Osaka auf Honshu konzentriert. Landwirtschaft und Armeebasen prägen das Bild auf Hokkaido. Der G8-Gipfel 2008 wird in Toyako stattfinden, einem 10.000-Einwohner-Ort am Ufer des Toya-Sees im Süden der Insel. Das beliebte Feriendomizil liegt am Fuße des Usu, einem aktiven Vulkan, der zuletzt im Jahr 2000 ausbrach.

Ainu
Hokkaido gehört zum traditionellen Siedlungsgebiet der Ainu. Die Angehörigen des indigenen Volkes gelten als Ureinwohner Nord-Japans und begegnen bis heute verbreiteten Ressentiments und einem unterschwelligen Rassismus. Erst seit den siebziger Jahren bemühte sich die Regierung um den Erhalt der Ainu-Kultur, vor allem um den Tourismus zu fördern. Im Juni 2008 verabschiedete das Parlament eine Resolution, in der die Ainu, die heute auf Hokkaido rund 25.000 Angehörige zählen, als eigenständiges indigenes Volk anerkannt werden.

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