Spielt der Kreml die iranische Karte?

Russland Der Druck des Westens könnte durch neue Partnerschaften aufgefangen werden

Drei Jahrzehnte islamische Revolution haben Teherans Machthaber merklich ruhiger werden lassen. Auch in der Außenpolitik ist an die Stelle utopischer Romantik längst eine Art utopischer Realismus getreten: Noch immer will man eine andere Welt, aber längst nicht mehr auf derart spektakuläre Weise wie in den ersten Jahren der Islamischen Republik.

Es kommt hinzu, dass der Iran heute alles andere als international isoliert ist. Iranisches Kapital trägt wesentlich dazu bei, die gesamte Golfregion voranzutreiben. Über neue Leitungssysteme wird demnächst iranisches Gas den Energiehunger nicht nur der Türkei, auch den Pakistans, Indiens und Chinas stillen. Milliardenschwere Investitionen in Bolivien, Ekuador und Venezuela sind ebenso beschlossen wie ein Ausbau der Infrastruktur Zentralasiens innerhalb der von Teheran dominierten Organisation für Ökonomische Zusammenarbeit (ECO). Gemeinsam mit Venezuela, Südafrika und Malaysia wurde der Nichtpaktgebundenbewegung neues Leben eingehaucht. Auf der gerade in der iranischen Kapitale zu Ende gegangenen 15. Gipfelkonferenz verteidigten die 118 Mitgliedsstaaten das Recht des Iran auf friedliche Nutzung der Kernenergie. Für Präsident Ahmadinedschad ein unerwarteter Erfolg.

Wer all das zur Kenntnis nimmt, musste dagegen eher ernüchtert sein über den Zustand der russisch-iranischen Beziehungen. Russlands Diplomatie stemmte sich wohl gegen eine "internationale Isolierung" Teherans durch den Westen, blieb bisher jedoch im bilateralen Verhältnis weit unter ihren Möglichkeiten.

Allein der Aufbau des Atommeilers Busheer durch russische Spezialisten verzögerte sich stets von Neuem. Und der Energiekonzern Gasprom stieg erst dann in die Erschließung der "Süd-Pars"-Gaslager ein, als britische, niederländische, spanische und französische Investoren definitiv ausgestiegen waren. Mochte Moskau international auch noch so sehr den "Iran-Versteher" geben, es herrschte letzten Endes die Überzeugung vor, eine neue und selbstständige Atommacht an der eigenen Südflanke sei nicht unbedingt wünschenswert. "Neustart des Verhandlungsprozesses", "positive Anreize statt Sanktionen" - der Kreml buchstabierte diplomatische Leerformeln und war damit letzten Endes von Teheran nicht weiter entfernt als London, Paris oder Berlin.

Nach dem Georgien-Krieg freilich könnte das Terrain neu vermessen und Russland bestrebt sein, den Partner Iran mit anderen Augen zu sehen. Teheran gilt als interessierter Abnehmer moderner russischer Waffentechnik. So wurde die iranische Armee seit 2002 mit 36 Kampfhubschraubern, 39 Jägern sowie drei U-Booten versorgt. Es existieren zudem Verträge über die Lieferung von 29 Tor-M1-Luftabwehrkomplexen. Allerdings hat sich Moskau dem Verkauf hochmoderner Raketenkomplexe vom Typ S-300 zur Verteidigung der industriellen Infrastruktur Irans bislang mit Blick auf Washington und Tel Aviv verweigert. Mit dieser Zurückhaltung könnte es vorbei sein, sollte sich die Regierung in Moskau entschließen, westlichem Druck wegen der Georgien-Krise auch dadurch zu widerstehen, dass außenpolitische Brachen bestellt werden.

Die Zerstörung Zchinwalis durch georgische Truppen hat aus Sicht von Premier Putin noch einmal deutlich gemacht, dass es ohne aktive russische Außen- und Sicherheitspolitik keine Stabilität im postsowjetischen Raum geben kann - nur ein eurasischer Multilateralismus biete sich als Alternative an. Dessen Erfolg setzt vorrangig eines voraus: entschieden verbesserte Beziehungen mit der Islamischen Republik Iran. Eine schon länger favorisierte "Gas-OPEC", in der Moskau und Teheran eine Art Rückgrat bilden könnten, zeichnet sich ebenso ab wie eine größere Nähe zwischen der eingangs erwähnten Organisation für Ökonomische Zusammenarbeit (ECO) und der von Russen und Chinesen beherrschten Schanghaier Kooperation (SCO). Allein schon, um die Transportkorridore für Öl und Gas zu sichern, ohne dass sich Dritte einmischen.

Ob Moskau künftig die aggressive Diplomatie des Westens gegenüber Teheran mit einem strikten Nein bedenkt, bleibt dennoch fraglich. Die Iran-Politik der USA, aber auch die so genannten EU-3 Großbritannien, Frankreich und Deutschland würde das ohnehin kaum tangieren. Viel zu sehr ist der Streit um das Atomprogramm eine Vorlage zur Projektion militärischer Macht in einer Region, deren Tektonik sich so leicht erschüttern lässt. Um so mehr ist die iranische Regierung auf stabile und verlässliche Partnerschaften in ihrem Umfeld angewiesen. Sie mit der Russischen Föderation einzugehen, dafür sind die Chancen derzeit so günstig wie selten zuvor.

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