Peter Rehberg
Ausgabe 4816 | 14.12.2016 | 06:00 1

Immer im Werden

Begegnung Dirck Linck ist Queer-Forscher in einem Land, in dem es das Fach eigentlich gar nicht gibt

Immer im Werden

Der Literaturwissenschaftler fühlt sich im akademischen Mittelbau sehr wohl

Foto: Ralf Rühmeier für der freitag

An deutschen Universitäten haben sich Queer Studies nie durchgesetzt – also die Analyse der Formen, über die unsere Kultur Sexualität und Geschlecht verhandelt. Während Gender zumindest eine Zeit lang, ausgelöst durch das Werk Judith Butlers, Aufmerksamkeit genießen konnte, lässt sich das Gleiche für Homo-Studien nicht sagen. „Letztendlich wurde es als Privatvergnügen der Professoren geduldet“, sagt der Literaturwissenschaftler Dirck Linck. Er gehört zu einer sehr kleinen Gruppe von Akademikern in Deutschland, denen es trotzdem irgendwie gelungen ist, ihre Laufbahn hauptsächlich mit schwulen Themen zu bestreiten.

Allerdings nie auf einer Professorenstelle, die er eigentlich haben müsste. Linck ist Autor oder Herausgeber von 17 Büchern und hat knapp 100 wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht. In seinem eigenen Fall sieht Linck die strukturelle Homophobie der Institutionen allerdings gelassen: „Ich hatte nie den Ehrgeiz Professor zu werden. Ich fand es sehr angenehm auf einer Mittelbau-Stelle.“

Die Sicherheit des Urbanen

Es ist ein Novembernachmittag, an dem das Licht schon fast wieder verschwunden ist. Linck sitzt in seinem Ein-Zimmer-Apartment in Berlin-Kreuzberg. Hans Scharoun, der Architekt der Berliner Philharmonie und des Neubaus der Staatsbibliothek, hat das Viertel am Mehringplatz entworfen. Insbesondere vor dem Mauerfall hatte es den Ruf eines sozialen Brennpunkts. Linck gefällt es hier inmitten der Stadt. „Gegen die Rousseaus dieser Welt habe ich als Schwuler in der Urbanität immer einen Sicherheitsmechanismus gesehen. Sie erschwert den direkten Zugriff auf den Schwachen, Machtlosen.“ Früher, als er noch gependelt ist, war dies seine Zweitwohnung, jetzt wohnt er ganz in Berlin.

Linck hat in Hannover studiert, war Mitarbeiter bei Wolfgang Popp in Siegen, wo er an der Forschungsstelle „Homosexualität und Literatur“ arbeitete, später dann bei Gert Mattenklott an der Freien Universität Berlin, schließlich bei Joseph Vogl an der Humboldt-Universität. Linck ist dabei Queer-Forscher in einem Land, in dem es Queer Studies eigentlich gar nicht gibt. Versteht man Queer Studies als ein Projekt, bei dem die Aids-Krise in der westlichen Welt zum Anlass der Auseinandersetzung mit Konzepten von Sexualität und Geschlecht wurde, hat sich dieses sowieso erledigt – so wird jedenfalls oft argumentiert. Medizinischer Fortschritt hat aus HIV eine chronische Krankheit gemacht. Und Lebenspartnerschaft und Antidiskriminierungsgesetz haben die rechtliche und soziale Situation von Lesben und Schwulen entdramatisiert. Wozu also noch Queer Studies?

Linck widerspricht hier: „Das ist eine Verwechslung der Begriffe Dramatik und Spektakel. Die Tatsache, das bestimmte Dinge nicht mehr spektakelhaft thematisiert werden, wie HIV oder auch Homosexualität, bedeutet nicht, dass sich in den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte nichts Dramatisches ereignet hat.“ Vielen Schwulen und Lesben geht es heute gesellschaftlich besser als vor 30 Jahren, aber damit ist das Projekt Queer noch nicht am Ende. „Es lässt sich auch umgekehrt argumentieren, das, was wir jetzt verbesserte Sichtbarkeit, verbesserte rechtliche Stellung nennen, beinhaltet auch einen Bruch mit einer Tradition, die besagte, wir wollen das Ganze verändern. Dieses Begehren wurde ersetzt durch: ‚Wir wollen am Ganzen teilhaben.‘“

Queer, in Lincks Verständnis, muss aber an die Idee von Solidarität geknüpft bleiben: „Die Tatsache, dass ich als Schwuler, als Lesbe aus der Gruppe der Verachteten herauskomme, heißt nicht, dass die Gesellschaft nicht weiter Prozesse des Verachtens produziert, die dann andere betreffen.“

Wie werden diese Prozesse des Verachtens gesteuert? Welches Sprechen wird dadurch möglich oder unmöglich gemacht? Diesen Fragen geht Linck in seinen Untersuchungen nach. „Literatur ist das Medium, anhand dessen ich rekonstruieren kann, wie sich Autorinnen und Autoren zur Macht verhalten. Ich kann den Texten ablesen, dass sie einen bestimmten Preis gezahlt haben. Oder dass die Autoren einen bestimmten Preis gezahlt haben, damit diese Texte entstehen konnten.“

Ästhetische Reglements werden mit moralischen Positionen und Machtfragen verknüpft. Jenseits solcher normativer Zurichtungen gibt es aber auch ein alternatives Archiv. „Ich kann genauso nach Texten suchen, die irgendwo am Rand erschienen sind, die sich offenbar diesen Regeln nicht gebeugt haben. Die Texte erscheinen dann in irgendwelchen klandestinen Zeitschriften. Das zeigt, dass sie etwas Besonderes haben, was quer steht zu dem, was zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt möglich und erlaubt gewesen ist.“

Unter dieser Perspektive guckt sich Linck vor allem die deutschsprachige Literaturgeschichte an. So stehen die Schriftsteller Hans Henny Jahnn, Hubert Fichte und Josef Winkler im Zentrum seiner Beschäftigungen. Trotz der theoretischen Avanciertheit seiner Arbeiten behalten die literarischen Texte selbst aber immer das letzte Wort. „Das wird Gründe haben, die mit meiner Klassenherkunft zu tun haben“, sagt Linck. Und dazu fällt ihm Didier Eribon ein, dessen Rückkehr nach Reims zu den meistdiskutierten Büchern in diesem Herbst gehört. Linck hat dazu gerade einen Aufsatz für den Merkur verfasst. „Ich habe eine sehr ähnliche Konstellation. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, die Mutter Putzfrau, der Vater angelernter Arbeiter, wie bei Eribon. Schwul: ich. Nur meine Begegnung mit einer Welt außerhalb meiner Klasse lief über Literatur, nicht über Theorie ab.“

Begeisterung statt Distanz

In seiner Wohnung sind wir von Bücherregalen umgeben. „Es gibt keinen Platz mehr. Wenn ein neues Buch dazukommt, muss ein altes weichen.“ Frisch ausgepackt vor uns liegt Before Pictures, die Autobiografie des Kunsthistorikers und Aids-Aktivisten Douglas Crimp. Neben der Literatur hat vor allem die queere US-Popkultur Lincks Werk geprägt. Auf dem Cover seiner neuen Aufsatzsammlung ist ein Bild des in Vergessenheit geratenen Beat-Hipsters Irving Rosenthal zu sehen. Ein Mann im seidenen Gewand, in orientalistischer Aufmachung, mit Turban und Bart, der einen Spiegel hält. Er guckt den Betrachter an, sehnsüchtig vielleicht. Rosenthal als creature, wie er auch in Jack Smiths Underground-Filmklassiker Flaming Creatures zu sehen war.

„Rosenthal ist ein interessanter Fall. Er überträgt bestimmte Verfahren, die in der schwulen Kultur meist unter dem Label ‚Camp‘ verhandelt werden, die im Bereich des Films auftauchen, und wendet sie auf den Bereich der Literatur an“, sagt Linck. Camp ist ein schillerndes, oft widersprüchlich interpretiertes Phänomen, das seit Susan Sontags berühmtem Essay Notes on Camp Anfang der 1960er Jahre Einzug in die Debatte um Avantgarde und Subkultur hielt. Rosenthal bezieht allerdings deutlich Stellung gegen Sontag. „Seine Texte sind so aufgebaut, dass sie eher einen Gestus des Verwerfens inszenieren, der sagt, ich interessiere mich nicht für das, was gerade Avantgarde ist. Ich benutze bewusst eine Sprache, die meine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene zu erkennen gibt und spreche auch zu dieser Szene.“

In Lincks Interpretation ist Camp kein ironisches Distanzierungsphänomen – etwas ist so schlecht, dass es schon wieder gut ist – sondern eigentlich eine Form der Hingabe. Unter dem Aspekt dieser Ernsthaftigkeit sollte man Camp diskutieren. „Das ist dann eben der Unterschied zu Stefan Raab und diesem Missbrauch des Wortes Camp. Das Gegenkonzept ist der Regisseur Jack Smith. Bei Smith ist ganz klar, Camp ist die Begeisterung für etwas.“

Im Zentrum dieser in erster Linie schwulen Begeisterung stehen oft Frauen. „Sontag sagt, Camp interessiert sich für Marlene Dietrich und Mae West. Wahr ist, Camp interessiert sich für die alternde Marlene Dietrich, die alternde Mae West. Für die stolpernde, die nicht mehr gut sehen Könnende. Das sind, glaube ich, ganz wichtige Unterschiede.“ Dieses Interesse von Camp an „gescheiterter Weiblichkeit“ ist von feministischer Seite oft als Frauenfeindlichkeit verstanden worden. Aber Linck sieht in diesen Verfallsfiguren eine Chance. „Es ist eben kein hämisches ‚Sieh an, die Diva ist alt geworden‘. Es geht darum, welche Transformationen in diesen alten Körpern drinstecken. Dieses Konzept des Werdens halte ich für etwas eminent Queeres.“

Und während er das sagt, kann man ihn sich selber gut im seidenen Gewand und mit Turban vorstellen. Als eine von Jack Smiths werdenden creatures. „Werden beinhaltet ja auch immer die Möglichkeit, dass es besser werden wird“, sagt er. „Und da stecken natürlich für Schwule, wie für alle Minoritäten, große Hoffnungen drin.“

Info

Creatures: Aufsätze zu Homosexualität und Literatur Dirck Linck Männerschwarm-Verlag 2016, 236 S., 22 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 48/16.

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