Scham und Haltung

Geistesleben Didier Eribon war der Intellektuelle des Jahres 2016. Er steht für eine neue Art politischen Denkens
Peter Rehberg | Ausgabe 49/2016 1

Didier Eribon besucht Berlin, und alle kommen. Vom Charlottenburger Bildungsbürger über den Neuköllner Hipster bis zum autonomen Aktivisten. Schaubühne, taz-Café, Rosa-Luxemburg-Stiftung und Hebbel am Ufer, vier Veranstaltungen in fünf Tagen, jedes Mal sind die Reihen voll: der Eribon-Effekt.

Aber während sein in Deutschland sehr erfolgreiches Buch Rückkehr nach Reims von dem Zusammenspiel von autobiografischer Erzählung und soziologischer Analyse lebt, versteckt sich der Franzose als Person auf der Bühne lieber hinter dem Habitus des Berufssoziologen. Als Redner ist er zugleich ausschweifend und scheu. Alle Versuche der Moderatoren, ihm packende persönliche Anekdoten zu entreißen – „Wie war Foucault als Mensch? Haben Sie wieder Kontakt zu Ihren Brüdern?“ –, laufen ins Leere. Die Hoffnung, dass hier einer nicht nur aktuelle Konflikte analysiert, sondern sie auch selbst anschaulich verkörpert, wird enttäuscht. Eribon doziert, trägt eben die Thesen aus seinem Buch vor – und verweigert die Rolle des „Leibhaftigen“, die Aufführung des charismatisch herumpolternden Intellektuellen, auf den das Publikum in diesen aufgeheizten Tagen so dringend zu warten scheint.

Was wollen die Deutschen eigentlich von ihm? Eribon antwortet höflich: „Es gibt in Deutschland immer noch eine breite, intellektuell interessierte linke Öffentlichkeit. Davon bin ich sehr beeindruckt. In Frankreich ist das nicht so.“ Natürlich nehmen die Besucher dieses Kompliment gerne entgegen. Aber man wird den Eindruck nicht los, dass es sich bei der augenblicklichen Affäre zwischen Eribon und seinen deutschen Fans um ein Missverständnis handeln könnte.

Knackige These

In Frankreich kam Retour à Reims schon 2009 heraus und fand dort eine solide, aber nicht überbordende Aufmerksamkeit. Als die deutsche Übersetzung im vergangenen Sommer, kurz nach dem Brexit, mitten im Trump-Jahr, erschien, wurde sie hier als nahezu prophetisch aufgefasst. Wie konnte es dazu kommen, dass die Arbeiterklasse, die inzwischen weniger über Industriearbeit als über gesellschaftliche Prekarität zu definieren ist, von links nach rechts gewandert ist? Dafür bot Eribon zum richtigen Zeitpunkt eine Antwort: Den Sieg der Rechten interpretiert er als ein Versagen der Linken. Verraten von einer marktkonformen Sozialdemokratie, fühlten sich die Arbeiter nicht länger als Klasse vertreten. Ihre Identität suchten sie nun wieder in der „Nation“.

Diese knackige These machte, in ihrer verkürzten Form, Eribon zum Intellektuellen der Stunde, zum meistzitierten und meistbefragten Denker des Jahres 2016. War die linksliberale Öffentlichkeit durch ihre Beschäftigung mit identitätspolitischen Fragen gegenüber den ökonomischen Realitäten blind geworden? Nicht nur deutsche Feuilletonisten und Leitartikler, auch der US-amerikanische Politikwissenschaftler Mark Lilla und der Aufmerksamkeit liebende Philosoph Slavoj Žižek haben sich in dieser Debatte jetzt massiv in Stellung gebracht. Um die Arbeiterklasse zu retten, so trumpfen sie auf, müssen andere geopfert werden. Sexismus, Rassismus und Homophobie schrumpfen bei ihnen wieder zu Nebenwidersprüchen, nach guter alter Tradition. Der konservative Lilla und der chauvinistische Marxist Žižek legen sogar noch eins drauf: Die Aufmerksamkeit für Minderheiten sei übertrieben, müsse als Ablenkungsmanöver verstanden werden, als „Feel-good-Politik“, die nichts koste und den Härten des globalen Kapitalismus eine freundliche Maske überstülpe.

So kann nur sprechen, wer selbst keiner Minderheit angehört. Genau dieser maskuline Heroismus ist Didier Eribon fremd. Mit seiner Erzählung kommt er zu einem ganz anderen Schluss als etwa die dramatische, apokalyptische Interpretation Žižeks. Eribon berichtet von Klassenscham, aber auch von seinem Leben als Schwuler. Aufgewachsen im französischen Arbeitermilieu, ist er in Familie und Schule mit Homophobie konfrontiert. Auch deshalb gibt es für ihn an der Arbeiterklasse nichts zu romantisieren. Wie sehr homophober Hass hier auch heute noch wirksam ist, das hat der 24 jährige Édouard Louis, ein Freund Eribons, in seinem Debütroman Das Ende von Eddy (Fischer 2015) beschrieben.

Keine Form der Diskriminierung ist schwerwiegender als eine andere, sagt Eribon. Bei seiner Tour durch die Berliner Diskurswelt erinnerte er mehrfach an sein politisches Modell der Inklusion. In der Schaubühne ist Carolin Emcke seine Gesprächspartnerin: „Verteilungschancen sollen nicht gegen Artikulationschancen ausgespielt werden“, sagt sie. Und: „Als gäbe es eine Obergrenze für Gleichberechtigung.“ Die Frage, die in den Zuschauerrunden dann aber immer wieder auftaucht: Wie soll ein politischer Kampf aussehen, der sich nicht an der marxistischen Revolutionsromantik orientiert? Wie soll sie nun gehen, die neue linke Erzählung?

Eribon gab immer wieder zu, dass er sich selbst frage, wie man heute etwa Studierende und Arbeiter wieder zusammenbringen könnte: „Ich habe keine Lösung.“ In solchen Momenten kann er sogar witzig werden. „Ich habe doch bloß ein Buch über meine Mutter geschrieben.“ Vielleicht wäre er ganz froh, wenn solche Abende an genau dieser Stelle vorbei wären. Er liefert keine politischen Handlungsanweisungen, auch wenn die Zuhörer sich diese wünschen mögen. Der Theoretiker soll auch ein vorbildlicher Aktivist sein. So wie Jean-Paul Sartre! Gehört Eribon denn nicht in jene Abfolge Intellektueller aus Frankreich, die auch politisch engagiert sind? Seine enge Zusammenarbeit mit Pierre Bourdieu und Michel Foucault schien doch genau dies zu versprechen.

Hier liegt ein Grund für das Missverständnis zwischen Eribon und seinem deutschen Publikum. Mit seinem Frühwerk hat er sich eher als der Chronist der französischen Intellektuellengeschichte profiliert – nicht als einer ihrer wichtigen Ideenfinder. So wird er auch in Frankreich rezipiert: als Mitdenker, weniger als Revolutionär. Man merkt das im Hebbel am Ufer. Eine Vorlesung über die Genealogie von Foucaults Machtbegriff zu halten liegt ihm mehr als das öffentliche (Streit-)Gespräch. Das Publikum hört brav zu. Und scheint sich irgendwann zu langweilen.

Aber die Enttäuschung über die schwache Publikumswirksamkeit des Autors kann auch eine Befreiung sein. Eine Chance, den Mythos des öffentlichen Intellektuellen nicht zu parodieren, wie Žižek als „faschistischer Feuilletonclown“ (Eribon) es mehr oder minder freiwillig tut, sondern diese Figur mitsamt ihrer nervigen Machogesten endlich hinter sich zu lassen.

Kein fixes Programm

In Rückkehr nach Reims tritt Eribon als Erzähler auf, der schmerzhafte Konflikte schildert. Er hat unter seiner homophoben Familie gelitten und erkennt, welche Gewalt seiner Familie angetan wurde. Er berichtet von den geschundenen Körpern der Fabrikarbeiter. Ausbeutung wird so erfahrbar. Und schließlich ist sein Bericht aus der Perspektive des Pariser Intellektuellen wiederum ein Verrat an der Arbeiterklasse. Foucaults Analyse der Macht übersetzt er in eine postheroische Erzählung, bei der individuelles Leid nie in der Abstraktheit einer einheitlichen Gesellschaftsanalyse verrechnet wird. Aus der Beleuchtung der Widersprüche folgt kein Programm, sondern eine Haltung: Die Gegenwart ist heterogen, meine Gegenwart ist nicht unbedingt dieselbe wie deine. Er selbst spricht von der Notwendigkeit des intellectuel spécifique, des „spezifischen Intellektuellen“.

Indem Eribon die Frage der Scham, die seine Protagonisten auf unterschiedliche Weise teilen, in den Mittelpunkt rückt, wird er zu einem hochpolitischen Autor. „Niemand ist unansprechbar, weil niemand unbeschämt bleibt“, erkannte etwa Dirck Linck im Merkur. Scham ermöglicht es, Gemeinsamkeiten zu benennen, ohne Gewalterfahrungen zu verleugnen. So kann man Eribons Erzählung als einen Vorschlag verstehen, die Scham zum Ausgangspunkt neuer Koalitionen zu machen.

Scham kann, darüber hinaus, ansteckend sein: Es gibt eine Scham vor der Scham. Könnte es sein, dass sich Eribon auf der Bühne für sein Buch über die Scham sozusagen geschämt hat? Und trat er nicht deshalb gerade nicht als einer auf, der uns anbietet, seine Scham mit ihm zu teilen? Sein Scheitern als öffentlicher Intellektueller, der selbstgewiss zu allem Auskunft gibt, ist vielleicht der Geburtsmoment einer neuen Denkergattung, der wir künftig noch etwas aufmerksamer zuhören sollten: des oder der schamhaften Intellektuellen.

06:00 21.12.2016

Kommentare 1