Happy ohne festen Job

Arbeit Neue Studien zeigen, dass Selbstständige zufriedener sind als Angestellte. Aber lässt sich so ein Gefühl mithilfe von Daten wirklich beweisen?

"Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“. So betitelten Holm Friebe und Sascha Lobo ihr 2008 erschienenes Buch. Das Buch traf einen Nerv einer seit Jahren schwelenden Debatte, die um Stichworte wie „Kreativproletariat“ und die Arbeitsethik im Zeitalter zunehmender Solo-Selbstständigkeit insbesondere im Mediensektor geführt wird. Sind die neuen oder vermehrt auftretenden Formen freiberuflicher Existenz, wie sie von der Wir-nennen-es-Arbeit-Fraktion beschrieben werden, für die Betroffenen vor allem ein Zugewinn, weil das Leben jenseits der Festanstellung Freiheiten und Chancen der Selbstverwirklichung zu bieten hat, mit denen Angestelltenberufe kaum konkurrieren können? Oder wiegen nicht unterm Strich die negativen Aspekte viel stärker: die miese Bezahlung, gepaart mit einem hohen Arbeitspensum – welches zwar freiwillig und mit Engagement erbracht wird, aber doch dazu führt, dass auch das Privatleben zunehmend unter die Regie beruflicher Interessen gerät?

Glücksforschung gibt Antworten

Neue Untersuchungen aus der sozialwissenschaftlichen Lebenszufriedenheitsforschung geben Antworten auf diese Fragen. In einer Studie von zwei Ökonomen der Universität Sussex wird erstmals ermittelt, wie sich berufliche Selbstständigkeit auf die Lebenszufriedenheit oder, etwas simpler gesagt, das Glück auswirkt. Bislang ist darüber wenig bekannt. Auch wenn deutlich ist, dass berufliche Zufriedenheit ganz allgemein sich positiv auf die Lebenszufriedenheit auswirkt, sind noch viele Fragen offen. Aus Umfragen weiß man zwar, dass beispielsweise Beschäftigte im Management ebenso wie hoch spezialisierte Fachkräfte im Durchschnitt mit ihrem Leben zufriedener sind als ungelernte Arbeiter oder Bauern. Internationale Forschungen zum Thema Glück, die in der Internet-Datenbank World Database of Happiness ausgewertet worden sind, belegen diesen Zusammenhang. Die Ursache jedoch liegt im Dunkeln: Möglicherweise bringen die Ergebnisse nur Effekte zum Ausdruck, die durch unterschiedliche Einkommen bewirkt werden.

Messfehler?

Die Daten der World Database of Happiness geben Aufschluss über das Glücks- oder Zufriedenheitsniveau im internationalen Vergleich; darüber, wie das Glücksempfinden mit den Jahren gestiegen oder gesunken ist oder darüber, wie sich die berufliche Situation oder private Lebensentscheidungen wie etwa Heirat oder Elternschaft auf die Lebenszufriedenheit des Menschen auswirken.

Um herauszufinden, wie es um die Zufriedenheit der Menschen bestellt ist, begnügen sich die meisten Forscher, deren Arbeiten in der Datenbank versammelt sind, mit einer einfachen Frage: „Wie glücklich sind Sie mit Ihrem Leben, alles in allem betrachtet? Bitte verwenden Sie für Ihre Antwort eine Skala von eins (unglücklich) bis zehn (sehr glücklich)“. Dieser Ansatz ruft immer wieder große Skepsis hervor. Denn geht nicht jeder Mensch an eine solche Frage anders heran? Und welchen Zweck hätte es dann, die Antworten verschiedener Leute miteinander zu vergleichen?

Verhaltenspsychologen, darunter zum Beispiel Norbert Schwarz von der Universität Michigan, haben mittlerweile recht ausführlich untersucht, was alles mit hineinspielt, wenn Menschen die Frage beantworten, wie glücklich oder wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Schwarz hat herausgefunden: Versuchspersonen beantworten die Frage nach dem Lebensglück oder der Lebenszufriedenheit unterschiedlich, je nachdem, welche Themen im Interview vorher angesprochen wurden. Positive Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit, die zur Sprache kommen, haben zur Folge, dass Menschen ihr Glück höher einschätzen – bei negativen niedriger. Bei länger zurückliegenden Ereignissen verhält es sich umgekehrt. Menschen, die sich an länger vergangene negative Erlebnisse erinnern, schätzen ihr gegenwärtiges Glück höher ein als Menschen, die sich an ein länger zurückliegendes positives Erlebnis erinnern.

Aus diesen und anderen Beobachtungen folgt aber auch: Dort, wo keine der beschriebenen Verzerrungen vorliegen, sind die Umfrageergebnisse valide. Zudem gleichen sich einige der Effekte wie beispielsweise der Einfluss momentaner Launen über eine größere Menge von Versuchspersonen hinweg aus.

„Auch in der Neurowissenschaft hat man mittlerweile zeigen können, dass Menschen, die sich selbst als glücklich bezeichnen, vermehrte Aktivität in bestimmten Hirnarealen aufweisen“, fügt Martin Binder hinzu. Er ist einer der beiden Autoren der Studie zu Selbstständigkeit und Lebenszufriedenheit.

Big Data

Binder arbeitet nicht mit eigenen Umfragen, sondern nutzt die Resultate von in großem Stil angelegten Haushaltsbefragungen wie dem sozioökonomischen Panel (SOEP) oder dem British Household Panel Survey (BHPS). Aus bisherigen Analysen der Daten war bereits bekannt, dass Selbstständige in der Tat eine höhere Arbeitszufriedenheit aufweisen als abhängig Beschäftigte – und dies, obwohl einige von ihnen schlechter verdienen und die meisten mehr arbeiten als ihre angestellten Kollegen. „Uns hat interessiert, ob sich das in eine höhere Lebenszufriedenheit übersetzt – oder ob das stärkere Engagement im Job zur Folge hat, dass andere Lebensbereiche wie Freizeit oder Familie auf eine Weise vernachlässigt werden, die in der persönlichen Glücksbilanz negativ zu Buche schlägt“, erklärt Postdoc Binder.

Mit den bisherigen Methoden ließ sich diese Frage nicht beantworten. Im Gegenteil: Sehr deutlich zeigen die vorhandenen Daten, dass sich Selbstständige und Angestellte auch in vielen anderen Eigenschaften wie etwa dem Familienstatus, Geschlecht und Alter unterscheiden – die alle für die Lebenszufriedenheit eine Rolle spielen. „Man kann zwar mithilfe sogenannter multivarianter Regression ausschließen, dass der Zusammenhang zwischen Selbständigkeit und Lebenszufriedenheit nicht durch die Selbständigkeit, sondern eine dieser anderen Variablen zustande kommt. Aber damit ist immer noch nicht die Frage der Kausalität beantwortet“, führt Binder aus. Es wird also bei der multivariaten Regression nicht deutlich, ob glückliche Menschen sich eher selbstständig machen oder ob die Selbstständigen glücklicher sind.

Selbst wenn man mit Panel-Daten arbeitet, bei denen über viele Jahre hinweg immer wieder dieselben Teilnehmer befragt werden, lässt sich mit dieser Methodik die Kausalität nicht einwandfrei bestimmen. „Es könnte ja immer noch sein, dass es etwas gibt, was die Selbstständigen systematisch anders machen als der Rest der Bevölkerung. Das kann man auch mit multivariater Regression nicht unbedingt herausrechnen.“

Zwillinge

Binder und sein Kollege verwendeten deshalb ein anderes Verfahren: das sogenannte „Matching“. Dabei wird, so weit wie möglich, die Methode eines klinischen Tests nachgeahmt: Die Befragten werden analog zu Versuchsteilnehmen im klinischen Test eingeteilt in eine Gruppe, welche die „Behandlung“ (in diesem Falle: die Selbstständigkeit) bekommt, und eine Kontrollgruppe, die die Behandlung nicht erhält. Da man nun Versuchspersonen schlecht in einem Experiment anweisen kann, sich selbstständig zu machen, behilft man sich mit einem Trick: Für alle diejenigen Teilnehmer der Befragungsstudie, die sich tatsächlich selbstständig gemacht haben, sucht man sich aus dem Datensatz „Zwillinge“, die ihnen in allen Eigenschaften bis auf die Selbstständigkeit möglichst stark gleichen. Dann schaut man sich im Zeitverlauf an, inwiefern der Zwilling sich anders entwickelt und in den Umfragen andere Antworten gibt als sein Bruder.

Tatsächlich: Alles in allem zufriedener!

Das Ergebnis, welches mithilfe des Matching-Verfahrens erzielt werden konnte, spricht für sich. Erstmals konnte empirisch gezeigt werden, dass Selbstständigkeit tatsächlich zu höherer Lebenszufriedenheit führt. Diese generelle Aussage konnte in verschiedener Hinsicht qualifiziert werden. Zum einen zeigen die Daten, dass es sich bei dem Zuwachs an Lebenszufriedenheit, der durch die Selbstständigkeit hervorgerufen wird, um kein vorübergehendes Phänomen handelt. Zwei Jahre nach dem erfolgten Sprung in die Selbstständigkeit war die Zufriedenheit sogar noch größer. „Dieser Punkt war uns wichtig, weil wir aus anderen Bereichen gelernt haben, dass es so etwas wie hedonische Anpassung gibt: Man gewöhnt sich an neue Annehmlichkeiten – so dass der Zugewinn an Lebensqualität über die Zeit weniger wird oder sogar ganz verpufft.“ Das Gegenteil scheint der Fall bei der Selbstständigkeit.

Weiter zeigte sich, dass ein deutlicher Unterschied besteht zwischen Menschen, die sich aus einer unternehmerischen Perspektive selbstständig machen, und solchen, die in die Selbstständigkeit wechseln, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Nur erstere Gruppe erzielt deutliche Zugewinne an Lebenszufriedenheit.

Ein letzter Punkt betrifft das, was in Bezug auf Einkommen und Vermögen unter dem Stichwort Ungleichheit diskutiert wird. Ist die statistisch hohe Lebenszufriedenheit nur der messbare Effekt einer kleinen Gruppe Hochzufriedener? Auch hierüber geben die Ergebnisse des Matching-Verfahrens Auskunft. Obwohl tatsächlich eine kleine Gruppe hochzufriedener Selbstständiger ausgemacht werden konnte, ist insgesamt betrachtet die Zufriedenheit in der Gruppe der Selbstständigen nicht mehr oder weniger gleich verteilt als in der Gruppe der abhängig Beschäftigten.

Was heißt "Arbeitsqualität?"

Für sich genommen, mögen diese Resultate vielleicht nicht sonderlich erstaunen. Tatsächlich gibt es jedoch Situationen, in denen empirische Zufriedenheitsmessungen unmittelbare praktische Relevanz haben könnten. Finanziert durch EU-Forschungsförderung werden zum Beispiel seit kurzem groß angelegte Untersuchungen dazu durchgeführt, wie sich die Veränderungen in der Wirtschaft auf die Arbeitsqualität auswirken. Woran sich „Qualität“ bemisst, wird dabei allerdings, mangels besserer Alternativen, von den Wissenschaftlern schlichtweg gesetzt. Mithilfe eines Verfahrens, wie Martin Binder es am Beispiel der Selbstständigkeit durchexerziert hat, ließe sich herausfinden, welchen Einfluss die unter dem Aspekt der Arbeitsqualität untersuchten Faktoren auf die Lebenszufriedenheit haben. „Auf der Grundlage solcher Daten ließe sich zumindest dafür argumentieren, dass manchen Faktoren vielleicht mehr Gewicht beigemessen werden sollte als anderen“, meint Binder.

Konkrete Anwendungsmöglichkeiten für die Resultate der „Glücksforschung“ gibt es dennoch reichlich.

Weitere Anwendungsfelder

„Die Beeinträchtigungen der Bürger beispielsweise durch Flughafenlärm lassen sich mit Lebenszufriedenheitsuntersuchungen präziser messen – anstatt dafür, wie üblich, betroffene Individuen Geldwert-Entsprechungen angeben zu lassen“, sagt Binder. Noch weitere Anwendungen sind denkbar:In der Gesundheitspolitik zum Beispiel könnte man in der Kosten-Nutzen-Analyse von teuren Spezialpräparaten den Zugewinn an Lebenszufriedenheit zum Kriterium dafür machen, ob in Zeiten knapper Mittel ein Medikament zum Einsatz kommen soll oder nicht. „So etwas lässt sich durchaus ethisch begründen“, meint Glücksforscher Binder. „Aber das kann natürlich keine Entscheidung von Gesundheitsökonomen und anderen Experten mehr sein, sondern würde einen breiten gesellschaftlichen Konsens erfordern.“

15:34 09.11.2012
Geschrieben von

Ralf Grötker

Wissenschaftsautor.Zwischenzeitlich Redakteur der Wissens-Seiten beim FREITAG
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