Berliner Abend

AUßENQUARTIERE Ein Teilerfolg - kein Durchbruch für das internationale Strafrecht

Reisen ist schön. Kofferpacken ein Gräuel. Warum muss ich vorher genau überlegen, was ich mitnehmen will? Eine Tatsache, die mich jedesmal aufs Neue in Panik versetzt. Überall türmen sich Wäschehäufchen, Dinge des täglichen Bedarfs, Lesestoff, Fotosachen und was ich sonst noch so alles vermissen könnte. Keine Ahnung, wie das alles verstaut werden soll, wirklich gebraucht habe ich die Sachen noch nie. Aber es ist so beruhigend, sie im Gepäck zu wissen.

Diesmal verschwindet nicht alles fein säuberlich in einem großen Koffer. Vielmehr versuche ich, einen detailverspielten Riesenbeutel sinnvoll zu füllen. Weiß der Kuckuck, wofür die vielen kleinen Außenquartiere bestimmt sind. Ich verteile mein Hab und Gut gleichmäßig im und um den eigens für diesen Urlaub geborgten Rucksack und schnalle ihn zur Probe auf den Rücken. Als ich am Spiegel vorbeikomme, begreife ich, warum die oft beobachteten jugendlichen Berlin-Touris immer so eine merkwürdig nach vorn gebeugte Haltung haben.

In Berlin-Tegel gebe ich am nächsten Morgen mein Gepäckstück in die Obhut einer Fluggesellschaft, um es am Nachmittag in Tel Aviv wieder vom Laufband zu fischen. Aber dort kreisen plötzlich mehrere Modelle zur Wahl. Welcher ist mein Reisesack? Zwei zaghafte Zugriffe werden durch beherztes Zulangen der wahren Eigentümer unterbrochen, dann werde ich unangefochten fündig. Ähnlich schwierig gestaltet sich die Suche nach meiner Reisebegleiterin, die bereits vor Ort ist und versprochen hat, mich vom Flugplatz abzuholen. Nicht, dass sich alle Menschen ähnlich sehen, es sind einfach nur sehr viele, und die rennen auch noch ständig durcheinander. So plaziere ich mich und meinen Rucksack etwas abseits des Getümmels und beschließe, uns finden zu lassen. Wir haben Glück. Die Reise quer durchs Land kann beginnen, das heißt erst einmal bleiben wir in Tel Aviv. Drei Nächte verbringen wir bei Bertha, die uns ihr kleinstes Zimmer vermietet hat, durch das morgens der Straßenverkehr fließt und nachts kleine Tierchen laufen. Am vierten Morgen packe ich meinen Rucksack wieder voll, was schon viel schneller geht, da nur rein kommen kann, was rumliegt, und ich inzwischen auch weiß, dass ohnehin alles durcheinanderknittert.

In Jerusalem angekommen, laufen wir bei 30 Grad in oben beschriebener Haltung zur Altstadt. Im erstbesten Youth Hostel mieten wir uns ein, wehren Nepper und Schlepper ab, die uns eine Bustour zum ultimativen Sonnenaufgang nach Massada und einiges mehr schmackhaft machen wollen. Gegenrede zieht nicht, also entziehen wir uns. Einen Schrank gibt es in unserem Zimmer nicht, das meiste muss im Sack bleiben, den wir nun ständig durchwühlen. Morgens gegen Sieben überkommt mich das Gefühl, auf einem Schulhof zu liegen. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt meine Ahnung. Rot-grün-weiß gekleidete Mädchen in allen Größen quirlen kreischend über den Beton, bis endlich eine Sirene, schlimmer als jeder Wecker, den Unterrichtsbeginn signalisiert, was sich kurz nach erneutem Einschlafen wiederholt.

In En Gedi, am Toten Meer, hatten wir endlich eine ruhige Nacht, nachdem es uns gelungen war, unsere beiden Mitbewohnerinnen davon zu überzeugen, die Klimaanlage abzuschalten. Hier hätten wir auch unser Gepäck in einem Schrank ausbreiten können, wurden aber nun schon so schnell fündig in den Tiefen unserer Rucksäcke, dass wir diesen Gedanken verwarfen.

Ruhig, die Klimaanlage war kaputt, großräumig, wir waren die einzigen Gäste, und tierisch, Ameisenstämme durchwanderten den Raum, war unser Quartier in Haifa.

Unübertroffen allerdings bleibt unser letztes Nachtlager, einen Tag vor dem Heimflug, in Tel Aviv. Ein Youth Hostel direkt am Strand. Nach dem üblichen Eincheckprozedere tragen wir unsere Rucksäcke in einen schmuddligen Raum. Drei klapprige Holz-Doppelstockbetten ohne Leiter, deren Matratzen sich für ein näheres Hinsehen nicht empfehlen, ergeben das gesamte Mobiliar. Auf der Suche nach dem Duschraum treffe ich eine stattliche Schabe, was mich zunächst mehr irritiert als die Feststellung, beim Blick in den Spiegel über dem Waschbecken, aus irgendeinem oberen Doppelstockbett beobachtet zu werden. Der Waschraum ist für alle da und hat nur einen lockeren Perlenvorhang. Ich beschließe, die Contactlinsen zu entfernen und damit meine Wahrnehmung zu reduzieren. Später, in der Nacht schleichen drei Neuankömmlinge mit tiefen Stimmen in unser Zimmer und die noch freien Betten.

Natürlich haben wir tagsüber auch viel besichtigt, aber das habe ich bereits alles dem Sicherheitsbeamten auf dem Tel Aviver Flugplatz ausführlich erzählt, bevor er mich in ein separates Zimmer führte, sich Gummihandschuhe überstreifte und den gesamten Inhalt meines Rucksacks fein säuberlich in drei rote Plastikkästen verteilte ...

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