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IMPERIALER TRAUM Mit dem Internet erfüllt sich die Raumvernichtung des Eisenbahnprojekts

Die Geschwindigkeit erzeugt reine Objekte, sie ist selbst reines Objekt, da sie den Boden und die Bezugspunkte auslöscht...". Fünfzehn Jahre nachdem der französische Philosoph Jean Baudrillard 1986 von Amerika als Manifestation einer erinnerungslosen Kultur sprach, die ihren Niederschlag in einer Wüstenlandschaft findet, einer glatten Oberfläche als Tableau für einen simultan ablaufenden Verkehr von Informationen und Bewegungen, kann man diese Sätze auch als Kommentar zu einem weltweiten Informationshighway lesen, der als reines Objekt erscheint, indem er Geschwindigkeit als ein Moment raumzeitlicher Bewegung unreiner Objekte in die Virtualität der Datenübertragung übersetzt.

Diese Verwandlung von unreinen in reine Objekte ist schon im Eisenbahnbauprojekt des 19. Jahrhunderts angelegt. In der Geschichte amerikanischer Transport- und Kommunikationsmittel bildet der Eisenbahnbau insofern eine signifikante Zäsur, als er erstmals einen phantasmatischen Überschuss ins Spiel bringt, der Bewegung nicht mehr ausschließlich in den Koordinaten des nordamerikanischen Kontinents denkt, sondern in letzter Konsequenz den Globus selbst im Sinn hat. Die Pioniere der transkontinentalen Eisenbahn träumten von einer Weltumrundung, die die traditionellen Koordinaten der historischen Frontier, die sich ‚from coast to coast', von Ost nach West verschob, aufheben und das amerikanische Territorium schließlich zum Relais einer weltweiten Passage verwandeln würde.

In einer Rede von 1854 entwirft der Senator Thomas Hart Benton das Bild einer in eine Columbus-Statue verfremdeten Lokomotive an der Spitze der Rocky Mountains. Mit dem einen Arm weist die Figur in Richtung Westen, der andere hält eine Tafel mit der Aufschrift: ‚Dort liegt der Osten! Dort liegt Indien!' Mit dem Projekt des Eisenbahnbaus wird die amerikanische Karte neu definiert, der Westen liegt von nun an im Osten. Die Idee einer Vernetzung mit bis dato unbekannter Geschwindigkeit vernichtet den Raum, den die unendlich erscheinende Prärie für Generationen von Siedlern dargestellt hatte. Auf einmal richtet sich die Mobilität nicht mehr auf den Pazifik als natürliche Grenze des nationalen Territoriums. Um 1850 verwandelt die Eisenbahn den amerikanischen Traum in einen imperialen Traum. So setzt sich der New Yorker Kaufmann Asa Whitney auf der Grundlage eines 1844 abgeschlossenen Handelsvertrages zwischen den USA und China für den Bau der transkontinentalen Eisenbahn als entscheidendem Motor für den Asienhandel ein. China und nicht etwa der kalifornische Goldrausch von 1849 bilden den utopischen Fluchtpunkt für das verkehrspolitische Großprojekt. So erscheint es nur konsequent, daß Charles Crocker in seiner Funktion als Oberinspektor der Pacific Railroad 1865 beinahe alle körperlich geeigneten Chinesen Kaliforniens für die Gleisbauarbeiten in seine Dienst nimmt. Crocker hatte die Skepsis seines Bauleiters, der Chinesen für zu schwach hielt, da sie sich ausschließlich von Reis ernährten, mit dem Argument zerstreut, dass sie ja immerhin auch die Große Mauer gebaut hätten.

Die Eisenbahn eröffnet neue Fluchtpunkte im Koordinatensystem des amerikanischen Mobilitätsprojektes: von nun an geht es nicht mehr um territoriale Expansion im Sinne einer Besiedlung und Urbarmachung bisher brachliegender Gebiete, sondern um die Realisation einer Schaltzentrale inmitten eines weltweit vernetzten Verkehrs. Wenige Jahre nach Vollendung der transkontinentalen Bahnstrecke wirbt die Central Pacific Railroad stolz mit dem Slogan ‚Quick time and cheap fares from China Japan to New York and Liverpool.'

Das von Marshall Mc Luhan beschworene "elektronische Zeitalter", also die "Welt des globalen Dorfes", gekennzeichnet durch eine "augenblickliche Implosion und Verquickung von Raum und Funktionen", grüßt bereits von fern. Das Internet steht also am Ende einer verkehrs- und kommunikationstechnischen Genealogie: wenn per Mausblick beinahe in Simultangeschwindigkeit die ganze Welt auf den Monitor geholt werden kann, geht zugleich der Traum der Eisenbahnpioniere von der Vernichtung des Raums in Erfüllung. Die Konsequenz ist die Immobilisierung des Users. Denn Geschwindigkeit als reines Objekt ist die Geschwindigkeit von Daten, nicht von Menschen. Mit dem Büffelschießen aus Zugfenstern ist es dann natürlich aus.

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