Der Legolandfaktor

Utopia Zwei Autoren haben alternative Kommunen bereist. Findet dort unsere Zukunft statt?

Die Utopie hat als literarisches Genre ein grundsätzliches Dilemma. Einerseits sind Utopien im Wortsinn Bilder von Nicht-Orten, also Gedankenspiele, die nicht umgesetzt werden können, anderseits ist schon Thomas Morus’ Utopia ein Bericht über den „besten Zustand des Staates“ und damit doch eine Anleitung für eine angenehmere Zukunft. Davon abgesehen ist die Beschäftigung mit Utopien meist eine theoretische geblieben. So hat Ernst Bloch in seinem Prinzip Hoffnung einen Abriss der Sozialutopien seit Morus gegeben und als Kern aller Wunschbilder eine Mischung aus Christentum und Marxismus herausgestellt, ohne dass damit konkrete Handlungsaufforderungen verbunden gewesen wären. Während schön formulierte Gedankengebäude für eine lebenswertere Welt immer aufs große Ganze gingen, aber letztlich wirkungslos blieben, sind seit den siebziger Jahren in verschiedenen Regionen Europas Enklaven entstanden, die gegen alle Widerstände versuchen ein Utopia im Kleinen zu verwirklichen; irgendwie also das viel zitierte „richtige Leben im falschen“ zu führen.

Zurück zur Scholle

Die Aktivisten Isabelle Fremeaux und John Jordan haben solche Projekte für ihr Buch- und Filmprojekt Pfade durch Utopia aufgesucht. Beide sind in der kapitalismuskritischen Bewegung verwurzelt, Fremeaux beschäftigte sich als Dozentin an der Londoner Universität mit antikapitalistischen Bewegungen und kreativen Formen des Widerstands, John Jordan ist als Mitbegründer der Clownsarmee bei allen großen Events der Globalisierungskritiker dabei. Wie sie schreiben, wollten sie auf der Reise Mikromodelle alternativer Gesellschaften ausfindig machen, bei denen soziale und ökologische Gerechtigkeit die entscheidenden Werte sind und keine hierarchischen Ordnungen oder sektenhafte Strukturen herrschen.

Die elf Stationen ihrer Tour können grob in drei Kategorien unterteilt werden. Sie begegnen wie beim Projekt Landmatters radikalen Wachstumsskeptikern, die wieder im Einklang mit der Natur leben wollen, aber auch, wie im spanischen Marinaleda, Arbeitern, die vor allem die Eigentumsverhältnisse im Kapitalismus infrage stellen, sich von der industriellen Produktion aber nicht lösen wollen, sowie stark von ’68 geprägten Einrichtungen wie dem Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG) in Belzig, wo vor allem Konzepte von „befreiter Liebe“ im Mittelpunkt stehen. Was alle Orte, die sie besuchten, verbindet, ist der Umstand, dass die Berichte von Fremeaux und Jordan wenig Lust auf diese Utopien machen. Gerade bei den ökologischen Projekten scheint allzu oft eine „Zurück-zur-Scholle“-Romantik durch, die sich verkürzt auf die Formel Mittelalter minus Feudalismus minus Kirche plus Sonnenkollektoren bringen lässt.

Damit ist man erstaunlich nah an dem, was William Morris angesichts der Industrialisierung in Großbritannien schon 1890 in seiner Utopie News From Nowhere schrieb. Bereits damals war es in Mode, die Schönheit des Dorfes, das ehrliche Handwerk und die Landwirtschaft gegen den mechanisierten, entfremdenden Arbeitsalltag der Fabrikarbeit zu stellen.

Touristen in Christiana

Es stimmt ja: Die technizistischen Träumereien des 20. Jahrhunderts haben die Zukunftsgestaltung bisher kaum weitergebracht und auch die Sache mit den „Grenzen des Wachstums“ hat sich in den vergangenen 40 Jahren rumgesprochen. Deshalb aber gleich die Moderne in Bausch und Bogen zu verdammen, ist sicher keine Antwort. Die Projekte, die sich in erster Linie als libertäre Einrichtungen sehen, wie eben das ZEGG oder Christiania in Kopenhagen, sind mit ganz anderen Problemen konfrontiert.

Für sich genommen sind es vielleicht nette Orte, aber als Folie für ein Zusammenleben im größeren Maßstab erscheinen sie nicht geeignet, zu sehr sind sie auf die Alimentierung durch die Mehrheitsgesellschaft angewiesen. Sei es, dass Besucher im ZEGG teure Seminare belegen, oder dass die Freistadt Christiania in Kopenhagen wahrscheinlich mehr Touristen empfängt als das Legoland und so die eigene Folklorisierung betreibt. Diese Umstände tauchen im Buch am Rande auf, werden aber von der Begeisterung der Autoren recht schnell beiseite geschoben, die ihre Version der Zukunft lieber heute als morgen verwirklicht sähen.

Bisweilen sind aber auch sie entnervt, vor allem dann, wenn es um das demokratische Prozedere der selbstverwalteten Einrichtungen geht. In der französischen Siedlung Longo Maï erleben sie eine ebenso freie wie ergebnislose Versammlung, in der sich am Ende durchsetzt, wer am lautesten ist und die meiste Ausdauer hat. Ähnliche Erfahrungen machen sie in Christiania und so kommen auch sie nicht umhin zu erkennen, dass die Achillesferse solcher Projekte in der grundsätzlichen Schwierigkeit besteht, zu konsensualen Entscheidungen zu kommen.

Auf nach Frankreich

Wie es doch funktionieren kann, vermitteln ihre Erfahrungen aus Paideia, einer anarchistischen Schule im Südwesten Spaniens. Hier bilden die Schüler ihre eigenen, funktionierenden Kommissionen und Vollversammlungen, um den Schulbetrieb nach ihren Wünschen zu gestalten. Die Schule wird hier tatsächlich zum Ort einer Lerngemeinschaft und wirkt auf die menschliche Bildung, statt nur auf den Kampf um Arbeitsplätze vorzubereiten.

Als Zugabe gibt es eine DVD zum Buch, die Impression der Reise einfängt und dem Projekt mit einem künstlerischen Anspruch begegnet. Von Zeit zu Zeit wird der Eindruck erweckt, die Aufnahmen aus Utopia seien in einer postapokalyptischen Zukunft des 22. Jahrhunderts entstanden, in der nur die wackeren Kämpfer für die bessere Welt vom Zusammenbruch verschont geblieben sind. Zurück bleibt Unbehagen. Nicht nur gegenüber der Zukunft, sondern auch angesichts der Gegenwart. Das Projekt, das Orte der Utopie zeigen will, zeichnet vor allem eine Dystopie, denn unausgesprochen steht immer im Raum, dass ein solcher Lebensstil nicht für alle zu haben ist. Und auch wenn die Zukunftsversprechen des Kapitalismus schon länger ihren Glanz verloren haben, nimmt die Annahme, dass eine menschliche Zukunft nur jenseits von technischer Weiterentwicklung und städtischen Räumen zu haben ist, nicht gerade für die utopischen Projekte ein.

So wichtig es ist, die Chimäre vom „nachhaltigen Wachstum“ und die Annahme, dass der westliche way of life für die ganze Welt gelten könne, zu dechiffrieren: Buch und Film lassen den Leser ernüchtert zurück. Die Suche nach Wegen in die Welt von morgen geht weiter. Fremeaux und Jordan schlagen derweil ihren eigenen Pfad nach Utopia ein. Auf einem Hof in der Bretagne bauen sie jetzt selbst einen postkapitalistische Kommune auf.

Sebastian Triesch studiert Public History an der Freien Universität Berlin

Pfade durch Utopia Isabelle Fremeaux und John Jordan Aus dem Französischen übersetzt von Sophia Deeg, Buch (320 S.), DVD (109 min), Edition Nautilus 2012, 24,90 €

15:27 08.10.2012
Geschrieben von

Sebastian Triesch

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