Simon Clemens

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RE: Abi: Krönung und Tragödie eines Schülerlebens | 17.05.2015 | 20:18

Danke für Ihren Kommentar!

Es scheint mir unmöglich, einen schülergerechten Unterricht zu organisieren, bei gleichbleibendem Anspruch auf Vergleichbarkeit und Allgemeinwissen, den Sie formulieren.

Denn sobald Lernen sinnreich wird, ist es nicht mehr objektiv messbar. Ich habe keine Ahnung, wer auf den absurden Gedanken gekommen ist, man könne Bildungserfolg anhand von Ziffern messen. Fest steht, das dieser Gedanke eher etwas mit Wirtschaft oder Politik zutun hat als mit Bildung. Denn Bildung, im Sinne einer fördernden Formung der Person und ihrer Fähigkeiten, ist mit einer objektiven Vergleichbarkeit schlichtweg nicht vereinbar. Wie soll man auch eine individuelle Entwicklung anhand eines Maßstabs messen, der ebenso für alle anderen gültig sein soll?

Das Allgemeinwissen, das sie fordern ist meines Erachtens ein Produkt jener angestrebten Vergleichbarkeit. Das Konstrukt Allgemeinwissen entsteht letztlich aus dem verzweifelten Versuch, einen Maßstab zu errichten, an dem sich Bildung messen lässt. Das Paradoxe ist, dass die Schule an ihren eigenen Maßstäben großartig scheitert. Um dies festzustellen, reicht eine ehrliche Selbstreflexion, in der man 9 bis 13 Schuljahre in Verhältnis zu jenem Wissen setzt, dessen Besitzer man sich nach wie vor nennen kann.

Wie jede andere Art von Wissen, kann auch Allgemeinwissen nur Leben eingehaucht bekommen, wenn es durch die Person des Lernenden Sinn und Relevanz erfährt. Wissen, das Anspruch auf einen universellen Wert hat, wird umgehend zur unangenehmen Buchstabenansammlung, die man im ungünstigsten Fall auswendig lernen muss, um sie anschließend wieder zu vergessen.

Möchte man die Schüler und auch ein Bildungssystem ernst nehmen, braucht es demnach zwingend einen Unterricht, der den Mut hat auf Vergleichbarkeit zu verzichten und stattdessen individuelle Interessen zu organisieren.

RE: Abi: Krönung und Tragödie eines Schülerlebens | 16.05.2015 | 19:33

Sie treffen mit Ihrer Äußerung den Kern des Problems.

Wo würden wir nur hinkommen, wenn Schule das Gefühl vermitteln würde, dass sie ihre Schüler ernst nimmt? Ich vermag mir die drohende Katastrophe nicht auszumalen...

Es gibt wahrscheinlich wenige Institutionen, die innerhalb ihrer eigenen Mitglieder so einen schlechten Ruf hat wie die Schule. Solange sich der Erfolg der Schule an Pisa und nicht am Lernwillen der Schüler bemisst, nimmt sie die Schüler nicht ernst, und verfehlt ihren Bildungsauftrag. Ein Lernen, das nicht dem Menschen dient, sondern Noten und Abschlüssen wird zwangsweise zum pseudointellektuellen Trauerspiel. Es ist für mich unverständlich, wie akzeptiert die gesellschaftliche Einstellung zu sein scheint, dass Schule nunmal ein notwendiges Übel ist.

Und ich frage nochmals. Wo kommen wir hin, wenn eine Gesellschaft ihrer zukünftigen Generationen das Gefühl vermittelt, dass sie sie nicht ernst nimmt?