Die Sehnsucht nach den alten Tagen

Bühne In Verdis 200. Geburtsjahr überschlagen sich die Opernhäuser mit Inszenierungen. Berlin ist mit „Falstaff“ gut dabei
Ausgabe 47/2013

Verdi, Operngott schlechthin, er, der nun wie nie zuvor in der Welt gefeiert wird, weil vor 200 Jahren geboren, Verdi würde sich eins lachen, sähe er, wie die Häuser mit ihm und seinen Opern umspringen. Wie sie sich wettbewerbsnotorisch geradezu überschlagen. In solchem Umfeld gelang der Deutschen Oper Berlin jetzt geradezu ein Wurf (musikalische Leitung: Donald Runnicles). Zu Beginn, das überrascht allein schon, spult ein kurioser Stummfilmstreifen ab. Alte Herrschaften, unter ihnen Verdi, Spiegelbild seines Falstaff, von einem mürrisch grinsenden Dicken gespielt, tummeln sich in einem Altersheim, unverkennbar dasjenige, welches Verdi einrichten ließ, damit jene hinfällige italienische Musiker- und Sängerschaft, welche ihm am Herzen lag, auskömmliche Wohnstatt hat. Grandios diese Initiative und Anlass für die Inszenierung, tattriges Volk in die Oper zu holen. Aus den Kleidern der Alten springen junge Wesen hervor, indem sie die alten Plünnen abstreifen und sich ins eigentliche Personal der Oper verwandeln. Das geht je nach Lage der Dinge hin und her. Die Idee geht wunderbar auf und belebt den Falstaff derart, dass es Freude bereitet, diesem Vexierspiel zu folgen.

Sprudelnder Spaß

Die „Commedia lirica“ in drei Akten nach dem Libretto von Arrigo Boito, geformt nach Shakespeares Die lustigen Weiber von Windsor, ist Verdis beste Oper. Ihre Musik hat es in sich und hebt strukturell weit ab von seiner sonstigen Produktion. Ein Alterswerk, das Wege beschritt, wie sie in anderer Art Beethoven mit seinen späten Streichquartetten und der Missa Solemnis gegangen ist. Die Partitur, sie hat nur wenige Themen und Motive, die permanent variiert wiederkehren, ist voller Witz. Sämtliche Abläufe sind durchkomponiert und bisweilen aufs Sparsamste instrumentiert. Exponierte Arien kennt der Falstaff nicht.

Regiesseur Christof Loy, Bühnenbildner Johannes Leiacker und Choreograf Thomas Wilhelm haben viel investiert, um das Bühnengeschehen so beweglich wie möglich zu gestalten. Stets herrscht reges Treiben um Falstaff. Er, geplagt von Geldsorgen, agierend zwischen Koffern, Kissen, Flaschen, Tisch und Bett, schaut stets halb ärgerlich, halb vergnügt aus, bevor er den Damen aus gutem Stande seine vorwitzigen, zudringlichen Arien vorsingt, was letztlich darauf hinausläuft, die Geldbeutel der Weiber zu erleichtern. Die indes versprechen dem Dickwanst und Lustmolch sonst was und legen ihn immerfort rein. Wodurch ihre grundlos eifersüchtigen Ehemänner auf den Plan kommen und ihrerseits schallendes Gelächter abbekommen. Markant die Rolle des alten, genusssüchtigen Falstaff (Noel Bouley). Dessen Glanz ist welk, die Kräfte stumpf geworden, was für ihn schwer begreiflich ist, denn die Sehnsucht nach den alten Tagen, als der Mann noch unwiderstehlich war, steckt in jeder Pore. Diesen Querstand kostet die Inszenierung bis zur Neige aus. Von dort sprudelt der Spaß, gepaart mit allerlei Parodien, Bosheiten, Verspottungen, Albernheiten.

Besonders einprägsam ist die Schlussfuge. Sie sagt schlicht, dass nicht nur Falstaff, wohl aber alle Geschöpfe unter der Sonne Narren seien. Das Ensemble, versammelt zum großen finalen Chor, schlüpft nun in die alten Röcke und Hosen und verleiht der Narretei dramatische Kraft, bis die berühmte Fermate eintritt und das Geschehen für einmal einen Moment stille steht.

Falstaff. Commedia lirica in drei Akten Guiseppe Verdi Deutsche Oper Berlin. Weitere Termine unter deutscheoperberlin.de

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