Vier Wochen "Unendlicher Spaß": Lesen als Exerzitium

Kulturkommentar David Foster Wallace galt als Genie seiner Zunft und nahm sich im September 2008 das Leben. Hinterlassen hat er ein Opus magnum voller hyperrealer Exkursangebote

Vor einem Monat gekauft, nun schon auf Seite 200. Muss nur noch ... 1.400 Seiten schaffen. Komm, eine Seite geht noch. Nein, mag nicht mehr, nachher schildert er wieder irgendwas und ich muss mir das alles vorstellen! Ich, Leseschwächling seit altersher: mal die Rezension einer Kurzgeschichte im Urlaub oder ein paar Gedichtzeilen zum Einschlafen, fingerzeige mich wortwörtlich durch David Foster Wallace’ Opus Megalomagnum. Unendlicher Spaß – der ultimative Brocken! Dicke Bücher generieren zwar oft schon durch ihr physisches Gewicht eine Form von Anerkennung, wie man seit Tellkamps viel ungelesenem Turm weiß, aber Unendlicher Spaß ist noch mal was anderes. Der „Mount Everest der Literatur“, wie Dennis Scheck meinte. Die Metapher verrät einiges. Unendlicher Spaß ist attraktionspsychologisch das Männerbuch schlechthin. Es bedient zwei maskuline Lektüre-Erwartungen: 1. Lesen muss weh tun. 2. Handlung ist etwas für Weiber.

Nein, das ist nichts für Leute mit Cappuccino-Schaum an der Oberlippe in Lese-Cafés. Nichts für reife Frauen in Ölbädern. Es ist ein Buch für überwachte Leseanstalten, ein Exerzitium. Als bitte man mit seinem Kauf um Bestrafung. Nicht umsonst murmelte der Buchhändler, bei dem ich den Backstein in quasi-religiösem Pflichtbewusstsein am Erscheinungstag erwarb, schuldbewusst: „Ach ja, das habe ich mir auch vorgenommen!“ Versagensängste schwangen hörbar mit. Männliche Ängste, mit denen die deutsche Ausgabe optisch und haptisch provoziert. Das Buch ist in klinisch-weißen Kunststoff eingeschlagen, um den Leseauftrag zu sichern. 1600 Seiten stoßfest gedeckelt für Outdoor-Aktivitäten, komplett abwaschbar für die Zwischendurch-Lektüre unter der Deckenarmleuchte, während die Schwestern den Motorradunfall für die Notoperation präparieren, mit zwei (!) Lesebändchen zum Wett-Lesen in einem finsteren Arbeitslager versehen, ein Buch, das man bei Flugzeugabstürzen eher finden wird als den Flugschreiber.

Geheiligt war das Buch schon, bevor es auf den deutschen Buchhandlungstischen lag. Da war die Fama des schließlich suizidierten, lebensunfähigen, kontaktgestörten Muss-Genies, der Stimulanzien und Groupies in ungesunden Mengen konsumierte: David Foster Wallace, eine Mischung aus Tyler Durden und Rainman, eine Stil-Ikone, dessen traurige Augen unterm dem mit einem bunten Tuch gebändigten Haar ins Leere schauten. Und maskulin war auch schon die Dämmerung des Wallace-Wälzers in der deutschen Geisteswelt. Ein wenig den Ulysses-Übertragungen vergleichbar, erschien noch vor dem Buch der Übersetzer Ulrich Blumenbach auf der Szene, der Dolmetscher als Übersetzungstitan, der in jahrelanger Klausur das „für unübersetzbar gehaltene“ Werk ins Deutsche stemmte, kein Slang, keine Metapher, die er nicht deutschen Zeichen gefügig macht.

Unendlicher Spaß ist das Gegenteil eines „Pageturners“. Hier wird kein Schnürsenkel ohne Exkurs gebunden. „Hyperrealismus“ heißt die mittlerweile verbindliche Abschreibeformel für Kulturjournalisten. Mag sein. Ich glaube einfach, Wallace war wie alle Hochbegabten eine Hochzahl stärker verlinkt und dachte, das muss so sein. Ich bin jetzt bei Seite 200 und ich weiß jetzt endlich, worum es in dem Buch geht: Dass ich bei Seite 200 bin und mein Kumpel, diese Flasche, erst bei 120!


Stefan Schwarz ist in Leipzig lebender Autor. Keines seiner Bücher ist über 130 Seiten lang

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