„20 Prozent Zinsen sind ein Spottpreis“

Im Gespräch Wer Geld in Kleinstkredite investiert, hilft den Armen mehr als ein Spender, sagt Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen – und gibt Tipps für die richtige Anlage

Der Freitag: Was hilft mehr: Wenn ich zu Weihnachten ­etwas spende oder wenn ich das Geld in die Vergabe eines Mikrokredits stecke?

Hermann-Josef Tenhagen:

Im Zweifel hilft die Vergabe eines Mikrokredits mehr. Die alte Weisheit stimmt noch: Gebe einem Armen einen Fisch, dann hat er etwas zu essen. Lehre ihn angeln, dann hungert er die nächsten Monate, Jahre, vielleicht sein Leben lang nicht mehr.

Wie kann ich als Privatmensch denn zum Mikro­kreditgeber werden?

Es gibt inzwischen einige Fonds, die ihr Geld in Mikrokredite investieren. Das ist die eine Möglichkeit. Zum anderen gibt es – meist kirchliche – Organisationen, die so etwas schon lange machen und denen Sie Geld zur Verfügung stellen können, das dann für Mikrokredite verwendet wird.

Welche Möglichkeit ist die bessere?

Das kommt darauf an, wie intensiv sie sich damit beschäftigen wollen, was mit Ihrem Geld passiert. Wenn Sie zum Beispiel die Vorstellung haben, dass es in Osteuropa für bestimmte Zwecke ausgegeben werden soll, dann werden sie sich für einen anderen Fonds entscheiden als jemand, dem die Armutsbekämpfung in Afrika wichtig ist.

Worauf muss ich achten?

Erstens sollten Sie schauen, in welchen Bereichen eine Organisation ihr Geld verleiht, welchen Zielen das dient und ob Sie diese Ziele auch für die dringlichsten halten. Zweitens geht es darum, ob die Organisation vertrauenswürdig ist und ob sie genügend Er­fahrung im Mikrofinanzbereich hat. Und drittens ist ganz wichtig, dass die Kostenstruktur stimmt, also dass das Geld auch bei den Menschen ankommt und nicht ein großer Teil in der Verwaltung stecken bleibt.

Das ist nicht ganz so einfach wie bei einer Spende, denn noch gibt es dazu wenige unabhängige und zugleich leicht verständliche Quellen. Wer sich von wirtschaftswissenschaftlicher Literatur nicht abschrecken lässt, kann auf

Und wenn ich nicht herum­suchen möchte, sondern einfach nur benachteiligten Menschen helfen will?

Dann würde ich das Geld am ehesten einer Organisation wie Oikocredit geben. Das ist eine ökumenische Entwicklungsgenossenschaft, die schon seit 35 Jahren arbeitet und auch Mikrokredite vergibt. Dort können Sie ab 200 Euro Mitglied werden und dann haben Sie Ihre Ruhe. Die machen das schon so lange, dass deren Erfahrung auch dafür bürgt, dass das Geld vernünftig ausgegeben wird. Sie müssen aber akzeptieren können, dass Oikocredit einen kirchlichen Hintergrund hat.

Wer einen Mikrokredit aufnimmt, muss bis zu 24 Prozent Zinsen im Jahr be­zahlen. Ist das kein Wucher?

Nur um das mal in die richtige Perspektive zu setzen: Das ist in etwa so viel wie die Commerzbank bis vor kurzem von Leuten haben wollte, die ihren Dispo überzogen haben. Sie hantieren bei Mikrokrediten mit so vielen kleinen Summen, dass sie einen hohen Aufwand haben, um die alle zu ver­walten. Insofern können diese Zinsen schon berechtigt sein. Vor allem aber: Gemessen an dem, was in vielen Ländern üblich ist, sind 20 Prozent Zinsen pro Jahr ein Spottpreis.

Wenn Sie sich zum Beispiel in Brasilien ein Elektrogerät auf Pump kaufen, werben die Ladenketten mit Ratenkrediten zwischen vier und fünf Prozent um Sie. Aber damit sind fünf Prozent pro Monat gemeint! Damit kommen Sie auf eine jährliche Verzinsung von 70 Prozent. Selbst diese Leute, die schon Zugang zu Finanzkrediten haben, wären über die 20 Prozent Zinsen im Jahr schon froh. Und wenn Sie in Sierra Leone allein auf ihren lokalen Saatguthändler an­gewiesen sind... darüber wollen wir lieber gar nicht reden.

Wer einen Mikrokredit aufnimmt, muss üblicherweise Bürgen vorweisen. Was geschieht mit den Menschen, die ihre Kredite nicht zurückzahlen können?

Bis zu einem gewissen Grad greift die soziale Kontrolle. Eine Gruppe von Menschen, die Mikrokredite gut brauchen kann, wird dafür sorgen, dass diese Vergabestruktur erhalten bleibt. Also wird diese Gruppe alles daran setzen, dass Schuldner ihre Schulden auch zurückzahlen – bis dahin, dass die Gemeinschaft den Kredit zurückzahlt. Das ist übrigens auch der Grund, warum Mikrokredite in Südostasien sehr viel besser funktionieren als in Osteuropa. Einfach deshalb, weil dort das soziale Gewebe enger gestrickt ist als in Europa.

F

ür säumigen Zahler bedeutet das aber…

… soziale Pressionen, klar. Mikrokredite machen die Welt nicht harmloser als sie ist.

Würde Sie das von einer Anlage abhalten?

Nein, ich würde mir nur vorher genau ansehen, was die Gesellschaften mit säumigen Schuldnern tun. Wenn eine Idee Erfolg hat, dann wird es auch immer schwarze Schafe geben. Und vielleicht kann man Banken, die zu leichtfertig Geld vergeben auch als schwarze Schafe bezeichnen. Die müssen sich noch nicht einmal selbst bereichert haben, sondern einfach nur zu nachlässig mit dem Geld umgegangen sein. Das nützt weder ihnen noch ihren Schuldnern.

Ist ein Mikrofinanzfonds also eine riskante Anlage?

Nein, bislang jedenfalls nicht. Sie bekommen, wenn es gut läuft, relativ sicher eine Rendite heraus, die etwas über der Inflationsrate liegt. Wenn Sie allerdings mit Mikrofinanzfonds Geld machen wollen, dann ist das die falsche Anlage. Der Wohlstand wird an anderer Stelle verbessert.

Nämlich wo?

Wenn alles so funktioniert wie es soll, kommt es nach einer Weile zu einem Phänomen, dass die Fachleute „Mission Drift“ nennen. Das bedeutet, dass aus einer Bank zur Armutsbekämpfung mit der Zeit eine Mittelstandsbank wird. So etwas geschieht, wenn eine Bank für Mikrokredite die Armut so erfolgreich bekämpft, dass ihre Kunden zumindest in ihrem Land zum Mittelstand werden. Wenn Sie so wollen ist das die gleiche Entwicklung, die auch die deutschen Sparkassen und Volksbanken durchgemacht haben.

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur der werbefreien Zeitschrift Finanztest, die zur Stiftung Warentest gehört. In den neunziger Jahren hat er das Ressort Wirtschaft und Umwelt der taz mitgegründet und war dort mehrere Jahre lang Ressortleiter


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11:00 16.12.2010

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