Keimschleuder Agrarfabrik

Alternativen Deutschland ließe sich auch ohne Großanlagen ernähren, sagt der Landwirtschaftsexperte Götz Schmidt

Der Freitag: Was müsste sich in der Nahrungsmittelproduktion verändern, damit die Kette von ­Lebensmittelskandalen endlich abreißt?

Götz Schmidt:

Das dringlichste ist die Abschaffung der agrarindustriellen Tierhaltung. In den vergangenen 40 Jahren hat sich ein System entwickelt, das von extremer Spezialisierung und Arbeitsteilung geprägt ist. Um es an der Geflügelhaltung zu erläutern. Da gibt es nicht nur Tier­fabriken, sondern Futter­lieferanten, Zuchtbetriebe, Elternfarmen, Küken- Brütereien, Schlachthöfe, Zerlegebetriebe, Entsorger von Mist, Recyclingunternehmen für Schlachtab­fälle und Kadaver sowie den internationalen Handel der Eintagsküken.

Welche Folgen hat dieses System?

Bei jedem Seuchenzug stehen die staatlichen Kontrollinstanzen vor kaum nachvollziehbaren Abläufen und verschlungenen Transportwegen. Und diese Verhältnisse laden ein zu kriminellen Machenschaften: Panschen des Futters, Missbrauch von Medikamenten, Vertuschung von Tierkrankheiten. Die Massentierhaltung ist ein geradezu idealer Inkubator für die Entstehung multiresistenter Keime. Hähnchen in Agrarfabriken etwa stehen zwei Drittel ihrer Lebenszeit unter Einwirkung von Antibiotika. Holland hat daraus Konsequenzen gezogen: Schweinehalter gelten als Risikogruppe und werden bei der Einlieferung in ein Krankenhaus in Quarantäne gesteckt. Das agrarindustrielle System muss entflochten und auf überschaubare Einheiten zurückgeführt werden.

Aber was würde eine alternative Landwirtschaft ändern? Immerhin soll Ehec von einem Biohof kommen.

Wie Ehec in einen Gartenbaubetrieb gelangen konnte ist unklar. Es sind viele Fragen offen, an weiteren Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen. Sicher scheint mir, dass die Massentierhaltung abgeschafft werden muss. Wir sollten die Tiere nicht in eine Hochsicherheitszone wegsperren. Landwirtschaft sollte keine Risikotechnologie sein, sondern eine öffentliche Angelegenheit.

Wie kann sie dazu werden?

Regional orientierte Lebensmittelerzeugung braucht vor allem kleine, bäuerliche Betriebe. Natürlich werden auch in kleineren Betrieben Fehler gemacht. Doch sie sind korrigierbar, eingrenzbar. Noch bestehende bäuerliche Betriebe müssen gestützt werden. Neugründungen mit jungen Leuten müssen möglich sein. Investitionen in die Erleichterung der Arbeit in kleinen Betrieben sollten gefördert werden – jedoch ohne die Betriebe ins Wachstum der Tierbestände zu zwingen.

Die Art der Erzeugung von Lebensmitteln hat entscheidenden Einfluss auf ihre Qualität. Auch deshalb sind tiergerechte Haltung und Fütterung, Tageslicht, genügend Platz im Stall, Weidegang so wichtig. Pro Arbeitskraft dürfen nur so viele Tiere gehalten werden, dass das einzelne Tier wahrnehmbar ist. Wenn Medikamente regelmäßig als Reparaturmittel erforderlich sind, dann verkommt die Lebensmittelaufsicht zur Dopingkontrolle.

Ließe sich mit deindustrialisierter Landwirtschaft Deutschland überhaupt ernähren?

Wenn damit das regionale Produktionspotenzial gemeint ist, dann ist das sicher möglich. Die Probleme regionaler Versorgung liegen woanders. Da ist zum einen das von der Saison unabhängige Sortiment. Die Bioläden der achtziger Jahre mussten erleben, dass ihre Kundschaft zur konventionellen Konkurrenz überlief, wenn es im Winter nur noch Kartoffeln, Möhren und Kohl gab. Die Bioläden machten die Erfahrung, dass Kunden keine Sympathisanten sind, sondern Kunden. Wollten die Bioläden überleben, dann mussten sie ihr Sortiment ausdehnen. Wir sehen heute, wo das enden kann: bei Biogurken aus dem „Plastikmeer“ des spanischen Almerias und Bioäpfeln aus Argentinien.

Hinter diesem Problem verbirgt sich das nächste: Regionale Erzeuger können nicht von einem Marktpreis leben, der sich auf dem Weltmarkt bildet. Bedenkenswert sind deshalb Ausnahmen vom Diktat des überregionalen Marktes. Ich halte sie für möglich: Es ist schließlich kein Zufall, dass bei Lebensmittelskandalen der Umsatz jener Metzgereien steigt, die identifizierbare regio-nale Erzeuger haben. So etwas zeigt, dass die Verhältnisse veränderbar sind.

Was verhindert dann die Agrarwende?

Die Ernährungsindustrie ist – gleich hinter der Automobilindustrie – der viertgrößte Gewerbezweig. Und ihre Lobby arbeitet effektiv. Bei den Auseinandersetzungen um die Käfighaltung von Hühnern gelang es ihr zum Beispiel, mehrere Landesregierungen zum Sprachrohr ihrer Interessen zu machen.

Der Deutsche Bauernverband wiederum ist in allen wichtigen Fragen ein Sprecher der Agrarindustrie. Er sabotierte den Kampf für einen besseren Milchpreis. Auch die von der EU erwogene Kürzung der Subventionen für Großbetriebe wusste er zu verhindern.

Doch selbst für die Agrarlobby gilt: Wenn sie gegen den Willen der Bürger agiert, dann bringt sie die Bürger gegen sich auf.

Was wäre der nächste politische Schritt hin zur Agrarwende?

Es wäre ein Anfang, wenn der Staat auf der konsequenten Anwendung selbstverständlicher Regeln bestünde. Der Brandschutz fordert etwa, dass Menschen und Tiere bei einem Stallbrand gerettet werden können. Industrielle Großmastanlagen missachten dies aus Kostengründen und riskieren, dass die Tiere bei einem Brand verbrennen. Tiere werden als „entzündbare Brandlast“ gewertet.

Ebenso hingenommen wird die Gefährdung der Bevölkerung durch Gestank und Keime. Schließlich sind Abluftfilter teuer. Auflagen zum Schutz von Tieren und Bevölkerung schränken den ökonomischen Vorteil der Großmastanlage rapide ein.

In Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit ist ein solches Vorgehen schwer zu vermitteln.

Tierfabriken schaffen nur wenige qualifizierte Arbeitsplätze. Die Drecksarbeit machen Jobnomaden. Der Bevölkerung bleibt der Gestank und die Keimbelastung. Politisch einfach zu vermitteln sind zwei weitere Schritte. Erstens: Streichung der Fördermittel für Großanlagen. Bei neuen Schweineställen in Sachsen decken Subventionen bis zu 60 Prozent der Kosten! Und: Verbot des vorsorglichen Einsatzes von Medikamenten. Das würde die krankmachende Haltung der Agrarfabriken unmöglich machen.

Es ist in der Landwirtschaft nicht anders als in der Debatte um die Atomkraft. Modern ist die so lange, wie Folgekosten, Subventionen, wissenschaftliche Vorleistungen und ihre Rolle als Quelle von Seuchen verschwiegen werden. Das Fleisch ist billig, weil der Steuerzahler die wirklichen Kosten zahlt. Wir brauchen eine neue gesellschaftliche Debatte über die Strukturen, in denen die Landwirtschaft in Zukunft betrieben werden soll.

Wie soll das gehen? Sie sagen doch selbst, dass der Kunde nur billig will.

Auch wenn der Verbraucher beim Kauf billigen Fleisches zum Komplizen der indus­triellen Tierhaltung wird – so ist er doch zugleich auch Bürger. Und der macht sich seine Gedanken über den Umgang mit den Tieren und fordert politische Maßnahmen – selbst gegen sein alltägliches Einkaufsverhalten.

Götz Schmidt, Jahrgang 1941, ist Mitautor des Buchs Agrarwende oder die Zukunft unserer Ernährung und einer der Begründer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, in der sich mittlere und kleinere Betriebe jenseits des Bauernverbands organisieren.

08:00 16.06.2011

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