Weltbühnentauglich

Theatertreffen Gute Kunde: Das 47. Berliner Theatertreffen öffnet sich. Endlich setzt sich die Dampfmaschine des deutschen Theaters wieder in Bewegung

Es scheint, dass sich die Dampfmaschine der deutschsprachigen Theaterfestivals, die in den letzten Jahren so müde wirkte, neu in Bewegung setzt. Natürlich gab es auch bei diesem 47. Berliner Theatertreffen kalkulierbare Entscheidungen der Jury, ­natürlich sind Produktionen der bekanntesten, größten Häuser dabei, und fast ebenso natürlich fällt auch eine Inszenierung des Burgtheaters unter die zehn „bemerkenswerten“ der Saison. So weit, so erwartbar. Aber das Theatertreffen ist ein Bestentreffen, und wer würde bestreiten, dass die Burgtheaterproduktionen dazugehören? War allerdings letztes Jahr noch die Produktion von Christoph Schlingensief das Gewagteste an Theaterform, das man sich im Rahmen des Theatertreffens hat vorstellen ­können, so kann man in diesem Jahr beinahe von einer Formenrevolution sprechen. Die Auflösung der klassischen Stückepräsentation scheint auf breiter Front akzeptiert zu werden (sofern man zu deren Definitionsstamm dramatische Handlung mit Exposition, Peripetie oder gar Katastrophe und kathartischem Effekt zählt).

Wie die Leitung des Theatertreffens laut ihrem Magazin hat in Erfahrung bringen können, ängstigt sich die FAZ-Theaterkritik um den Verlust des Festivalprofils: Es sind ausländische Stücke dabei, horribile dictu produziert vom Burgtheater. Dieser Verlust hat Methode. Mit positiven Folgen. Dass die Aufführung Life and Times – Episode 1 vom Nature Theater of Oklahoma, das mit Sprache, aber eben ausländischer, in diesem Fall (sehr) amerikanischer, arbeitet, eingeladen wurde, trägt der Entwicklung nicht nur der Welt, sondern auch des Theaters Rechnung.

Nach dem Jurybashing

Dabei ist sekundär, ob einem das Stück gefällt oder nicht. Nicht nur lassen sich Theatermacher von anderen Theaterkulturen beeinflussen, sondern diese werden eben mehr und mehr zum Teil „unserer“ Theaterkultur und lassen die Grenzen der unterschiedlichen Theatersprachen verschwimmen. Auch das hiesige Stadttheaterwesen, das solche Veränderungen gerne erst in der freien Szene Probe samt Ehrenrunde laufen lässt, bleibt davon endlich nicht mehr unberührt.

Wahrscheinlich war die Einladung des Nature Theater eine gezielte, kleine Provokation. Sie war nötig. Man erschöpft sich nicht länger im alljährlichen Jurybashing, sondern führt Diskussionen. Über den Weg des Treffens, über die Veränderungen in der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Und man sieht immer weniger Kollegen, weil immer mehr andere Menschen da sind – das Festival hat begonnen, an das Publikum zu denken und bringt, wenn auch sehr sublim, Produktionsnöte zur Sprache: Stadttheater suchen Linderung in Koproduktionen – auf dem Theatertreffen findet sich mit Kontrakte des Kaufmanns eine des Hamburger Thalia Theaters mit dem Schauspiel Köln.

Es kann ja nicht verkehrt sein, sich ebenso beharrlich in die Theaternetze zu verspinnen wie sich um die Verkoppelung von Publikum und Produktion zu kümmern. Alles in allem bedeutet das neben Ausbau des Stückemarkts, der Dramatikerworkshops und des Internationalen Forums eine stärkere Öffnung. Gut so, als Mitglied der Jury des Stückemarkts kann ich sehen, wie viel Spielfreude am Theater und wie viel Interesse an der Theaterarbeit herrscht.



Stephan Märki ist Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters und Staatskapelle Weimar. Das Berliner Theatertreffen dauert noch bis zum 24. Mai

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