Der Auftragsjäger

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Auf einer Fachtagung treffe ich ihn wieder: den Auftragsjäger. Der Hörsaal ist bereits belegt. Die TeilnehmerInnen, häufig füllige, ergraute Herren aus Forschung, Verwaltung und Büros, haben sich in die aufsteigenden Bänke gezwängt. Sie schauen nach vorn, wo ein würdiger Professor die Veranstaltung eröffnet. Diesen Moment der Aufmerksamkeit nutzt der Auftragsjäger für seinen Auftritt durch die Vordertür, gleich neben dem Sprechpult. Es klappt wie geplant: alle haben ihn gesehen.

Die ersten Vorträge verfolgt er unkonzentriert - erst in den Nachmittagsstunden wird er sich wie unter Zwang bei jeder Gelegenheit zu Wort melden - und noch vor der Pause verlässt er das Auditorium, um für die Pausengespräche eine gute Startposition einzunehmen. Denn er weiß: beim informellen Geplauder werden die besten Geschäfte abgeschlossen, zwischen Kaffee und Plätzchen, zwischen Brezeln und Weißwurst.

Früher ließ er sich während der Vorträge anrufen, damit sein Name weithin sichtbar auf der Tafel prangte: "Herr X. bitte im Büro zurückrufen" stand dann da vorn. Sehr einprägsam, besonders bei langwierigen professoralen Ausführungen. Später unterstrich dezentes Handyklingeln seine Bedeutsamkeit. Aber das hat wohl seinen Reiz verloren, seit 80 Prozent aller Schulbuben damit ausgestattet sind.

Natürlich ist er mir zuwider, der Auftragsjäger. Angeekelt schaue ich zu, wie er blufft, sich anbiedert, um potentielle Auftraggeber herumscharwenzelt, und sie mit seinem Charme umgarnt. Welch ein Gehabe! Da fällt sein Blick auf mich, er nickt mir zu. Und ich? Ich lächle erfreut zurück.

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