Der Kumpel

KEHRSEITE Männerstation im Krankenhaus: Der alte Mann atmet schwer, nachts schnarcht er hingebungsvoll. Bis zu vierzehnmal, so zählt sein Bettnachbar, ...

Männerstation im Krankenhaus: Der alte Mann atmet schwer, nachts schnarcht er hingebungsvoll. Bis zu vierzehnmal, so zählt sein Bettnachbar, unterbricht er seinen Schlaf und schlurft zur Toilette. Er sei sehr glücklich, dass das Bad nur wenige Schritte entfernt liege, sagt der Alte. Zuhause, in einem Reihenhaus in der Zechensiedlung, müsse er eine lange Treppe hinunter steigen, manchmal sausen ihm dabei die Ohren so sehr, dass er sich auf die unterste Stufe setzen muss, zehn Minuten, eine Viertelstunde, dann geht es wieder.

Die Unterhaltung ist einseitig: der alte Mann hört nicht mehr viel. Die Kommunikation ist selbst für seine Frau, die er Oma nennt, nicht einfach. Was die Ärzte über seinen Gesundheitszustand gesagt haben, erfährt sie am verlässlichsten von den Mitpatienten.

Aber er erzählt gern: von langen Lebensjahren mit schwerer körperlicher Arbeit. Und vom Krieg. Da war er zum ersten Mal weit fort vom Kohlenpott. Mit Rommel in Afrika. Bei den Amis in Kriegsgefangenschaft. Er erinnert sich gern und an Details. Im heutigen Leben ist er eher vergesslich. Viele Male fragt er seinen Zimmerinsassen, wieviel er der Krankenkasse für den Aufenthalt zuzahlen muss: Siebzehn Mark? Hoffentlich bringt die Oma genügend Geld mit, wenn sie ihn entlassen - sonst darf er vielleicht gar nicht gehen?

Am Tag seiner Entlassung ist er schon um sieben auf den Beinen. Zwei Stunden lang kruschtelt er im Schrank herum und packt seine Tasche. Dann setzt er sich erwartungsvoll aufs Bett. Sein Sohn soll ihn abholen, hat er ihn etwa vergessen? Ein Taxi zu rufen, kommt nicht in Frage: Er hat kein Geld und keinen Hausschlüssel dabei; wenn die Oma nicht zu Hause ist, steht er auf der Straße. Er sitzt auch noch zum Mittagessen da, freut sich, als er noch eine Mahlzeit bekommt, die ihm eigentlich nicht mehr zusteht.

Um zwei holt ihn der Sohn ab - wie vereinbart. Stolz hängt sich der Alte bei ihm ein und wendet sich zum Abschied an seinen Zimmernachbarn: "Getz krisse 'nen neuen Kumpel", sagt er.

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