Till Hahn
Ausgabe 4115 | 21.10.2015 | 06:00

Der lange Arm des Marxismus

Nicht in Berlin An einer Pariser Eliteschule treffen sich die Linken im Boxclub. Was passiert, wenn sich da ein Neonazi einschleicht?

Walter Benjamin verklärte Paris zur „Hauptstadt des 20. Jahrhunderts“. Am Rive Gauche, dem linken Seine-Ufer, ist immer noch ein bisschen von diesem Geist zu spüren, selbst wenn viele Cafés und Bistros, in denen die Philosophen ihren Pastis nahmen, Edelboutiquen weichen mussten. In dem noblen Viertel, einen Steinwurf vom Panthéon entfernt, in der Rue d’Ulm, liegt die École normale supérieure. Die ÉNS ist die Kaderschmiede der geistigen Elite Frankreichs. Wichtige französische Denker, die nicht dort ausgebildet wurden, lassen sich an einer Hand abzählen.

Im alten Gebäude aus der Revolutionszeit begegnet man den normaliens, den Studenten dieses Instituts. Sie gelten bereits als Beamte und bekommen sogar ein monatliches Gehalt, schon während des Studiums. Viele von ihnen wohnen am Campus. Das Bewusstsein, zur künftigen Elite zu gehören, schweißt sie zusammen.

Folgt man einer der alten Steintreppen in den Keller, betritt man eine andere Welt. Tief unter dem prunkvollen Bau befindet sich die alte Sporthalle: Ausgetretene Holzdielen quietschen, und Schimmel quillt aus den altersschwachen Lampenfassungen. Es sieht aus wie in einem alten Rocky-Film. An drei Vormittagen der Woche trifft sich hier der Boxclub der ÉNS. In der kleinen Umkleidekabine riecht es streng: Ein Dutzend junger Männer zieht sich um, schnürt die hohen Stiefel, bindet sich die Bandagen. Vor allem die Bandagen fangen in den Boxhandschuhen schnell an zu stinken.

Student verprügelt Dozent

Während sie sich fürs Training vorbereiten, plaudern sie über ihre Forschungsprojekte. Studenten, Doktoranden, Dozenten, die Hierarchien sind aufgehoben, das Geschlechterverhältnis ist ausgewogen. Die Übungen werden von den erfahrensten Boxern vorgeführt, alle anderen machen sie nach. Jedes Mal rieselt ein bisschen Putz von der Decke, wenn der Boxsack einen Schlag bekommt. Dann wird jeweils drei Minuten geboxt, auch Männer mit Frauen. Wie intensiv, das machen die Kontrahenten unter sich aus. Im Ring sind sie keine Gegner, sondern Trainingspartner, und außer einer blutigen Nase nimmt der Mann höchstens noch ein geschundenes Ego mit, wenn er von einer Frau verprügelt worden ist. Jeder Boxer ist ein bisschen Macho.

Angst vor Berührung sollte man hier nicht haben. Wenn ein Handschuh auf Fleisch trifft, spritzt der Schweiß in alle Richtungen, am Ende hat jeder etwas abbekommen. Kann man seinen Tutor im Seminar eigentlich noch siezen, nachdem man so mit ihm geboxt hat?

Vielleicht war es der egalitäre Esprit, der den Boxclub zum Haupttreffpunkt der Linken an der ÉNS gemacht hat – abgesehen vom obligatorischen Marx-Lesekreis natürlich. Der aber wird von den gleichen Leuten veranstaltet und gilt daher als verwandte Organisation, gewissermaßen als Fortsetzung des Kampfsports in der Theorie. Der Anteil an Arbeiterkindern jedenfalls liegt weit über dem Durchschnitt der Hochschule. Und die meisten sind organisiert, in der Parti de Gauche, in der Nouveau Parti Anticapitaliste oder in der Gewerkschaft CGT, der Confédération générale du travail.

In Frankreich hatte Boxen immer eine besondere Stellung. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war der sportliche Faustkampf verboten. Illegale Kämpfe zogen daher das Publikum an, wenn sie nicht von der Polizei aufgelöst wurden. Heute ist Boxen in der Mitte der Gesellschaft angekommen, selbst wenn das Verruchte noch nicht ganz verschwunden ist. Das liegt auch an dem gefeierten Film La Haine („Der Hass“) von 1995. Obwohl einige der besten Profiboxer der Welt aus der Grande Nation stammen, ist vor allem Hubert, der Junge aus der Banlieue, das Gesicht des französischen Boxsports.

Hubert will durch das Boxen raus aus dem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Drogen und Gewalt. Neben den Studenten nutzt auch der Boxclub der Parti de Gauche die Halle unter der ÉNS. Viele Boxer an der Hochschule stammen aus den Banlieues, aus Arbeiterfamilien oder sind die Söhne und Töchter von Migranten. In einem Land, in dem Rassismus gegen „Kolonialvölker“ als kultiviert gilt und Marine Le Pen 50 Prozent der Stimmen bekommt, indem sie sich als Stimme des „Volks“ gegen die Eliten inszeniert, ist das etwas Besonderes. Ohne staatliche Förderprogramme, die in den letzten Jahren forciert wurden, wäre ihnen der Zutritt zur Kaderschmiede noch immer verwehrt.

Im Kriegsrat

Offiziell darf ein Sportclub an der ÉNS keine politische Agenda verfolgen. Dann hat einer der Boxer, der als Aushilfe in der Poststelle des schuleigenen Wohnheims jobbt, etwas entdeckt: Ein Mitglied hat die Zeitschrift der Action Française abonniert. Die radikal katholisch-monarchistische und antisemitische Action wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet und ist in Frankreich in etwa das, was in Deutschland eine freie Kameradschaft wäre: brauner Sumpf. Ein Neonazi im linken Keller? Zeit für einen Kriegsrat.

Ein Dutzend Mitglieder des Boxclubs sitzen um einen alten Holztisch im sonnigen Innenhof der Universität und beraten sich. Einer der Boxer gibt zu bedenken, dass dieser rechte Typ die Genossen verprügeln würde, wenn er sie nachts auf der Straße trifft. 2013 haben Neonazis einen Studenten der benachbarten Schule Sciences Po totgeschlagen. Ein anderer plädiert für Pluralismus, der Boxclub sei kein politischer Ort, und jeder dürfe mitmachen, mit welcher politischen Einstellung auch immer.

Am Ende wird abgestimmt – schließlich ist man ja immer noch irgendwie Demokrat – und mit qualifizierter Mehrheit entschieden, den Betreffenden des Clubs zu verweisen. Einer der Organisatoren soll ihm seine Suspendierung mitteilen. Dann muss der politische Feind durch das Spalier bandagenbindender Linker, und ein bisschen fühlt es sich an wie ein Schauprozess. Anderseits müssen solche kleinen Freiräume auch verteidigt werden. Der Widerstand beginnt unten, in den Katakomben der Rue d’Ulm.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 41/15.

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